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StartseiteWirtschaft und GesellschaftDas Geschäft mit dem Gras22.02.2018

Medizinisches CannabisDas Geschäft mit dem Gras

Seit einem Jahr bekommen Patienten Cannabis auf Rezept. Unter bestimmten Voraussetzungen bezahlen die Krankenkassen. Gute Bedingungen für Unternehmer, die nun um Umsatz in einem noch jungen Markt kämpfen.

Von Nicolas Martin

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Cannabis als Medikament in einer Apotheke in Berlin: Seit März 2017 ist medizinisches Cannabis auf Kassenrezept verfügbar (Imago)
Cannabis als Medikament in einer Apotheke in Berlin: Seit März 2017 ist medizinisches Cannabis auf Kassenrezept verfügbar (Imago)

16. Stock, 750 Quadratmeter, Rundumverglasung im höchsten Geschäftsgebäude Kölns - Niklas Kouparanis ist bei Cannamedical verantwortlich für den Verkauf und zeigt die Räumlichkeiten.

"Wir sind gerade umgezogenen und haben hier 'nen riesengroßen Konferenzraum mit Blick auf den Dom."

Niklas Kouparanis - Sales Director bei Cannamedical (Deutschlandradio / Nicolas Martin)Niklas Kouparanis - Sales Director bei Cannamedical (Deutschlandradio / Nicolas Martin)

Für Cannamedical ist es bereits der dritte Umzug in den vergangenen anderthalb Jahren. Das Unternehmen hat seit Februar 2017 eine Lizenz für den Import und den Vertrieb von medizinischem Cannabis. Ein perfektes Timing – denn seit März 2017 bekommen Patienten unter bestimmten Voraussetzungen Cannabis-Produkte von den Krankenkassen bezahlt.

"Ich würde sagen, dass sich der Markt extrem schnell entwickelt und dass wir froh sind dabei zu sein und dass es natürlich für uns jetzt auch eine Herausforderung ist, die Versorgung sicherzustellen."

Aktuell beliefert das Unternehmen 1500 Apotheken mit Grasblüten. Über genaue Umsatzzahlen schweigt man. Doch bisher teilen sich nur eine Handvoll Cannabis-Großhändler das noch junge Geschäft untereinander auf. Sie alle importieren aus den Niederlanden und zunehmend auch aus Kanada.

Deutschland will selbst anbauen

Doch nicht nur als Importeure wittern Unternehmen ein großes Geschäft. In Deutschland soll im nächsten Jahr zum ersten Mal hier produziertes Gras geerntet werden. Rund 6,5 Tonnen Blüten sind bei der deutschen Cannabisagentur ausgeschrieben. Eigentlich sollte Ende des vergangenen Jahres bereits feststehen, welche Unternehmen in Deutschland anbauen dürfen. Ein Unternehmer klagt allerdings gegen die Vergabebedingungen der Cannabisagentur. Bekommt der Kläger Recht, könnte die Ausschreibung noch kippen.

"Dann wäre natürlich tatsächlich die erste Ernte 2019 völlig unrealistisch. Ist jetzt schon unwahrscheinlich, aber es kann sich auch noch ewig verzögern und wir werden weiter auf Importe angewiesen sein, was ja auch Probleme mit sich bringt: Wir haben einen Versorgungsengpass auf dem Markt. Das hatten wir schon sehr lange. Schon vor der Gesetzesänderung, aber auch nach der Gesetzesänderung: Die Nachfrage hier steigt so stark, dass die Importeure nicht hinterher kommen."

Sagt Georg Wurth vom Deutschen Hanfverband, eine Lobbyorganisation der Cannabisbranche. Wohl auch deshalb sind zunehmend internationale Konzerne an Deutschland interessiert: So hat der kanadische Grasproduzent Aurora Mitte 2017 das Berliner Cannabis Start-Up Pedanios für knapp 16 Millionen Euro übernommen. Und auch der börsennotierte kanadische Konzern Canopy Growth hat mit dem Unternehmen Spektrum Cannabis aus St. Leon-Rot bei Heidelberg seine Fühler im deutschen Markt.

"Deutschland ist eines der ersten europäischen Länder, das medizinisches Cannabis auf Bundesebene legalisiert hat. Und dann ist da die Bevölkerung: Das ist ein riesiger Markt – im Moment der größte weltweit mit einer bundesweiten Legalisierung", sagt Pierre Debs, Geschäftsführer bei Spektrum Cannabis.

Gigantische Wachstumsfantasien

Auch Cannamedical hatte schon Übernahmeangebote, bestätigt Niklas Kouparanis.

"Wir hatten schon einige, haben uns aber bewusst dagegen entschieden und wollen unabhängig bleiben."

In den USA betrug der Umsatz mit medizinischem Cannabis im abgelaufenen Jahr fast acht Milliarden Dollar. Davon ist der deutsche Markt noch weit entfernt. Dennoch sind laut einer Umfrage der "Rheinischen Post" bei den drei größten Krankenkassen zehn Monate nach Gesetzeseinführung insgesamt 13.000 Anträge eingegangen. Die Bundesregierung war nur von 700 Patienten jährlich ausgegangen.

"Wenn wir jetzt nach Kanada und Kalifornien schauen - wenn wir uns an den Marktdaten orientieren, da haben wir zwischen eins und zwei Prozent der Bevölkerung, wo Cannabis als Medizin wirklich wichtig ist. Wenn man das auf Deutschland überträgt, redet man von einer Patientenzahl zwischen 800.000 und 1,6 Millionen."

Vielleicht sind solche Prognosen nur Wunschdenken einiger Unternehmer. Dennoch: Internationale Cannabiskonzerne glauben an das wirtschaftliche Potenzial und investieren mittlerweile auch hierzulande. Wohl auch, weil sie langfristig auf eine Legalisierung des Freizeitkonsums spekulieren. Sollte der eines Tages kommen, wären die aktiven Unternehmen allen anderen einen Schritt voraus.

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