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StartseiteEuropa heuteMazedonische Kronen für griechische Patienten08.01.2016

MedizintourismusMazedonische Kronen für griechische Patienten

Griechenland und Mazedonien sind politisch zwar zerstritten, doch der Medizintourismus zwischen den beiden Ländern floriert. Regelmäßig fahren Busse über die Grenze, um griechische Patienten in mazedonische Zahnarztpraxen zu bringen. Dort dreht sich dann alles um die Gesundheit. Politik bleibt außen vor.

Von Leila Knüppel

Eine Auswahl an Zahnarztinstrumenten. (imago / Westend61)
In mazedonischen Grenzstädten floriert der Medzinitourismus mit griechischen Patienten (imago / Westend61)

Jason Sisnanidis hat sich auf einen der Zahnarztsessel gesetzt. In der nagelneuen Praxis stehen noch drei weitere dieser Behandlungsstühle – alle besetzt von Griechen mit Zahnproblemen.

Etwa 90 Prozent ihrer Patienten kommen aus dem Nachbarland, meint Anna Guguschowska. Die mazedonische Ärztin, die Sisnanidis behandelt.

Die Zahnklinik habe sogar extra einen eigenen Kleinbus. Er bringt jeden Tag Patienten aus dem griechischen Thessaloniki hierher. In die "Endomak Zahnklinik" im mazedonischen Grenzort Gevgelija.

Die junge Ärztin ruft die Röntgenaufnahmen von Sisnanidis auf. Die sehen nicht gut aus. Ein Zahnstumpf muss gezogen werden. Und danach: eine Brücke für 390 Euro oder das teurere Implantat für 500 Euro?

Sisnanidis: "Was kostet das?"
Ärztin: "Das eine 500 Euro, das andere 390 Euro. Das hängt davon ab, welches Modell Sie wollen. Das für 500 Euro ist das Neueste."

Sisnanidis ist sich noch nicht so sicher:

"Es ist sehr viel günstiger als in Griechenland. Und Sie wissen ja Bescheid über die Wirtschaftskrise dort. Also, hierher kommt man, weil es nur halb so teuer ist wie in Griechenland."

Nebenan entfernt Riste Panajotu einem Griechen gerade den Zahnstein. Das Geschäft laufe sehr gut, sagt der Arzt.

Früher seien sie zu zweit gewesen, jetzt arbeiten hier acht Zahnärzte, dazu Zahntechniker, Sprechstundenhilfen, Büroangestellte. Und die Klinik sei längst nicht die einzige in Gevgelija.

Riste Panajotu: "Du musst nur die Straße runtergehen, dann siehst du 15 Dentalkliniken – und es gibt sicher noch mehr."

Politik ist auf dem Zahnarztstuhl kein Thema 

Dass Griechenland und Mazedonien politisch ziemlich zerstritten sind, erwähnt Zahnarzt Riste Panajotu deswegen eher ungern.

"Es ist eine ungeschriebene Regel. Weder die Patienten noch wir erwähnen Politik. Wir haben einfach nur dieses Arzt-Patienten-Verhältnis. Wir diskutieren nur medizinische Probleme."

Seit Mazedoniens Unabhängigkeit 1991 streiten die beiden Länder, denn: Die Griechen wollen Mazedonien partout nicht Mazedonien nennen.

Fyrom – nennt der griechische Patient sein Nachbarland: Eine Abkürzung für "Ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien".

Denn Mazedonien ist für ihn eine Region in Griechenland. Zahnarzt Panajotu bleibt diplomatisch.

"Ich habe diesbezüglich meine eigene Theorie: Genauso wie ich mich beleidigt fühle, wenn sie sagen ich bin aus Skopja oder Fyrom, so sind sie eben auch beleidigt, wenn ich sage, ich bin Mazedonier, sie nicht."

So merkwürdig dieser Streit für Außenstehende sein mag. Für das kleine Balkanland hat er schwerwiegende politische Folgen: Griechenland legte sein Veto gegen eine Nato-Mitgliedschaft Mazedoniens ein. Auch bei den Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union ist der Namensstreit das Dauerproblem.

Ärztin Guguschowska hat ihrem griechischen Patienten inzwischen den Zahn gezogen. Während sie auf ihren nächsten Patienten wartet, erzählt sie ihrem Kollegen vom Urlaub – in Griechenland.

"Es ist nah, es ist wunderschön. Die meisten Mazedonier fahren nach Griechenland in den Urlaub. 50 Prozent, vielleicht mehr."

Auch sonst sind die beiden Länder wirtschaftlich eng miteinander verbunden – Namensstreit hin oder her. Als Binnenstaat ist Mazedonien auf den Hafen von Thessaloniki angewiesen. Und griechische Unternehmen investieren in Mazedonien. Kein Wunder: Mazedonien hat einen unschlagbar niedrigen Steuersatz: Gerade einmal zehn Prozent Unternehmenssteuer müssen Firmen zahlen. Guguschowska:

"Es gibt einen ständigen Austausch. Der Namenstreit ist ein Problem, aber eigentlich kein großes Thema. Für mich ist erst einmal wichtiger, dass die Menschen in beiden Ländern ein gutes, normales Leben haben. Und dann kann auf politischer Ebene eine Lösung gefunden werden."

Sisnanidis Behandlung ist abgeschlossen. Auch die meisten anderen Patienten sind fertig, sitzen nun mit grünem Mundschutz im Wartezimmer – und warten auf ihren Rücktransport nach Thessaloniki. Morgen kommt die nächste Fuhre Patienten – nach Mazedonien, Skopia oder Fyrom.

 

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