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StartseiteInterviewMichael Reagan: Die Rolle meines Vaters beim Mauerfall wird vergessen12.06.2012

Michael Reagan: Die Rolle meines Vaters beim Mauerfall wird vergessen

Vor 25 Jahren hielt US-Präsident Ronald Reagan historische Rede in Berlin

Michael Reagan sagt, dass sein Vater US-Präsident Ronald Reagan, mit der "Tear down this wall"-Rede 1987 den entscheidenden Anstoß zum Fall der Mauer gegeben habe. Bei einem Besuch 2009 bemängelte er, dass dieses in Vergessenheit geraten sei.

Michael Reagan im Gespräch mit Bettina Klein

US-Präsident Ronald Reagan während seiner historischen Rede am Brandenburger Tor in Berlin. (Roland Holschneider)
US-Präsident Ronald Reagan während seiner historischen Rede am Brandenburger Tor in Berlin. (Roland Holschneider)

Ronald Reagan: ""Mr. Gorbatschow, tear down this wall!”"

Bettina Klein: Legendäre Worte, gesprochen heute vor genau 25 Jahren an der Berliner Mauer: 'Mr. Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder.' Der damalige US-Präsident Ronald Reagan setzte sich gegen seine eigene Partei und gegen den Rat aus seiner eigenen Regierung, vor allen Dingen aus dem State Departement durch, die ihn dringend davon abgeraten hatten, so provozierende Sätze bei seinem Berlin-Besuch zu wählen. Der Mann, der damals vielen in Ost wie West als Schauspielerpräsident galt, mit einer Vorliebe für "Star Wars" wo möglich, er erwies sich bald als Visionär und als eine Persönlichkeit der Zeitgeschichte, die den eigenen Überzeugungen folgte, anstatt die eigene Meinung und das eigene Handeln strikt danach auszurichten, was den lautesten Beifall verspricht.

Ich hatte vor einiger Zeit Gelegenheit, mit dem Adoptivsohn des früheren US-Präsidenten über seinen Vater zu sprechen. Michael Reagan hat 2009 eine Ausstellung in Berlin eröffnet, und ich wollte von ihm wissen, ob er den Eindruck gewinnt, dass die einstige Stadt der Mauer seinen Vater und diese Rede noch immer nicht genügend zu würdigen weiß.

Michael Reagan: Das ist interessant zu sehen. Ich glaube, sein Beitrag wird nicht genügend gewürdigt. Ich spreche immer wieder mit der Stadt Berlin, dass doch der Beitrag Ronald Reagans etwas mehr ins Licht gerückt wird. Ich habe mit jungen Leuten gesprochen, die wussten gar nicht, dass es hier einmal eine Mauer gab, und deshalb wussten sie auch nichts von der Wiedervereinigung. Unsere Information und Aufklärung reicht also sicherlich nicht aus, nicht weil es hier um meinen Vater allein geht, sondern weil es euere Geschichte ist. Millionen von Menschen haben das am eigenen Leib erlebt. Man sollte es nicht verstecken.

Vielleicht kommt er etwas weniger vor, weil er schon gestorben ist und andere wollen das mehr auf sich lenken. Aber ich glaube, man muss es immer wieder sagen: Ohne den Beitrag Ronald Reagans hätte es keine Wiedervereinigung gegeben.

Klein: Wie wichtig, meinen Sie denn, war seine Rolle in dem ganzen Prozess, der eben Ende der 80er-Jahre im Fall der Mauer mündete?

Reagan: Es war eine ganz entscheidende Rolle. Man darf ja nicht vergessen: Soviel hier auch in Deutschland geschehen ist, der Funke sprang eigentlich in Polen los, in Danzig in der Solidaritätsbewegung mit Papst Johannes Paus, mit Lech Walesa, mit Ronald Reagan. Diese Drei, die arbeiteten zusammen. Lady Thatcher, Vaclav Havel muss man erwähnen. Diese Führungspersönlichkeiten haben den Stein ins Rollen gebracht. Gorbatschow ist erst 1985 dann mit auf diesen Wagen aufgesprungen, als die Dinge schon im Fluss waren und ihm nichts anderes mehr übrig blieb, als den Fall der Mauer zuzulassen. Also, diese großen Führungspersönlichkeiten, die haben hier Geschichte gemacht. Oft aber wird vergessen, dass es wirklich Ronald Reagan war, der als Katalysator in seiner Eigenschaft als US-Präsident wirkte und der hier ganz entscheidend den Anstoß gab.

Klein: Was geschah denn in jenen Tagen und Wochen, bevor er nach Berlin kam, denn Ihr Vater vertrat ja keineswegs eine Mehrheitsmeinung in den USA? Diesen Satz zu sagen, 'Tear down this wall!', das war ja auch in Ihrer Heimat höchst umstritten.

Reagan: Na ja, mein Vater ist niemals mit dem Hauptstrom der Meinung geschwommen. Wenn er das gemacht hätte, dann stünde die Mauer heute noch und wir hätten hier nicht diese Unterhaltung, die wir gerade führen. Er war niemals einfach einer, der mitschwamm. Nein, er hat ja schon bereits im Jahr 1962 in einem Gespräch mit dem damaligen Oberstaatsanwalt Robert Kennedy auf dessen Frage, was man tun könne, um Deutschland wieder zusammenzuführen, geantwortet, 'Reißt diese Mauer ab'. Damals war er Gouverneur. Er hatte kein politisches Amt inne in der nationalen Regierung und dennoch hat er diesen Satz gesagt, 1962. Oder 1986 in Reykjavik, als es darum ging, dass SDI- und das Krieg-der-Sterne-Programm abgeschafft werden sollte - jedenfalls war das die Forderung der Sowjets - und als es um den INF-Vertrag ging [Anm. der Redaktion: Intermediate Range Nuclear Forces-Vertrag]. Damals sagte mein Vater in seiner Rolle als Präsident, "Nein, ich werde das nicht aufgeben", und so kam das dann in Gang. 1987 bei dieser Rede vor dem Brandenburger Tor, als sogar sein eigenes Außenministerium ihm sagte, 'Bitte, bitte, sagen Sie nicht, dass man diese Mauer abreißen soll, nicht tun, bitte bleiben Sie politisch korrekt'. Er sagte 'Nein!' und er hat diesen Satz ausgesprochen. Die ganze Welt lachte ihn aus und spottete über ihn und sagte, 'Ach, es ist doch nur ein Schauspieler'.

Und schauen Sie an: was geschah am 9. November 1989? Die Mauer wurde abgerissen. Schauen Sie mal, hier wurde ihm auch ein Stück der Mauer nach Silicon Valley in Kalifornien geschickt. Glauben Sie, dass der Westen oder der Osten es ihm geschickt hat? Es war der Osten. Die Leute im Osten haben es begriffen. Warum begreifen es die anderen nicht?

Klein: Weshalb meinen Sie ist dieser Auftritt Ihres Vaters bei vielen hier gerade in Berlin nicht mehr in der Weise in Erinnerung?

Reagan: Mein Vater war kein selbstgefälliger Typ, der sich selbst auf die Schulter geklopft hätte. Nein, er hat gerne das Verdienst auch anderen zukommen lassen. Er hat immer wieder gesagt, 'Tue das richte, lass andere an diesem Verdienst teilhaben'. Er war also sozusagen der liebe Junge in diesem Spiel, und vielleicht ist das der Grund, dass andere jetzt sozusagen die Lorbeeren einheimsen. Er war lieb, ich bin nicht so lieb. Ich sage, er hat den entscheidenden Anstoß geliefert. Ihn gilt es jetzt zu ehren und ihn muss man gebührend herausstellen.

Klein: Mr. Reagan, für wie interessiert halten Sie die Amerikaner dieser Tage noch an dem, was jetzt im Augenblick hier in Deutschland passiert?

Reagan: Nun ja, die USA sind ziemlich stark auf sich selbst bezogen. Von Deutschland wissen Sie vielleicht, dass man dort als Fußballmannschaft ganz schön hinreisen kann. Aber was die Mauer war, das ist vielen jungen Leuten unbekannt. Leider haben eben diese jungen Menschen nicht erfahren, was es heißt, unfrei zu sein. So können sie sich auch nicht vorstellen, was es bedeutet, die Freiheit zu verlieren. Oder wenn man hier mit jungen Leuten spricht, im Checkpoint-Charlie-Museum zum Beispiel, und fragt, was war die Berliner Mauer, dann erntet man ungläubiges Staunen, und ebenso unbekannt ist natürlich die Rolle von Ronald Reagan. Wer war das? Diese Selbstgenügsamkeit, diese Unachtsamkeit, die ist wirklich ein Bärendienst, den wir uns selbst erweisen, denn so kann diese Unachtsamkeit letztlich dazu führen, dass sie der Feind der Zukunft wird, so wie das sowjetische Imperium der Feind der Vergangenheit war.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Hinweis: Das Interview ist eine Wiederholung von 2009.

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