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StartseiteForschung aktuellNur sieben Prozent sind notorische "Wegwerfer"06.03.2017

Mindesthaltbarkeit bei LebensmittelnNur sieben Prozent sind notorische "Wegwerfer"

In Deutschland werden schätzungsweise 80 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr weggeworfen. Wie viel landet davon in der Mülltonne, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist? Es ist weniger als vermutet, wie Wissenschaftler jetzt herausfanden. Und auch die Gruppe der "Wegwerfer" überrascht.

Von Volker Mrasek

Angabe zum Mindesthaltbarkeitsdatum auf einer Verpackung (Imago)
Angabe zum Mindesthaltbarkeitsdatum auf einer Verpackung (Imago)
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So viele Verbraucher wie befürchtet sind es gar nicht, die Lebensmittel grundsätzlich in den Müll schmeißen, sobald das MHD überschritten ist - das Mindesthaltbarkeitsdatum. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt eine Untersuchung des Max-Rubner-Instituts in Karlsruhe, der früheren Bundesforschungsanstalt für Ernährung. Die Gesundheitswissenschaftlerin Franziska Koch wertete dafür Daten aus den Jahren 2012 und 2013 aus. Erwachsene Bundesbürger hatten damals Auskunft über ihr Ernährungsverhalten gegeben - darunter auch zum Umgang mit abgelaufenen Lebensmitteln.

"Wir haben festgestellt in unserer Untersuchung, dass 88 Prozent der Teilnehmer gesagt haben, sie prüfen erst, ob das Lebensmittel tatsächlich noch verwendbar ist. Sieben Prozent haben gesagt, dass sie es tatsächlich generell wegwerfen. Und fünf Prozent haben andere Antworten gegeben, wobei viele da auch gesagt haben, sie werfen die sensiblen Lebensmittel weg und prüfen den Rest."

Sensible Lebensmittel, das sind zum Beispiel Räucherlachs, Milch und Joghurt, also Artikel aus dem Kühlregal. Zum Rest zählen länger haltbare Nahrungsmittel wie Nudeln, Kaffee oder Reis.

Gerade jüngere Menschen werfen schneller weg

Es gab Befürchtungen, dass die Zahl der sogenannten Wegwerfer eher im zweistelligen Prozentbereich liegen könnte - aus früheren Konsumentenbefragungen. Die neue Studie bestätigt das nicht. Ihre Teilnehmerzahl sei mit rund 1.800 viel höher, die Zahlen daher aussagekräftiger, sagt Erika Claupein - auch sie Forscherin und Ernährungsexpertin am Max-Rubner-Institut:

"Wir konnten durch unsere relativ große Stichprobe noch ein bisschen detaillierter überprüfen, nach soziodemografischen Merkmalen. Also, sonst heißt es ja immer: Personen mit niedrigerer Bildung und so weiter und sofort. Aber wir haben festgestellt: Es sind gerade die jüngeren Menschen, die eigentlich gut gebildet sind, aber die jetzt relativ mobil sind, die wahrscheinlich stark im Berufsleben engagiert sind, die eigentlich wissen, dass das Lebensmittel noch nicht verdorben ist, wenn das MHD abgelaufen ist. Aber sie werfen verstärkt weg."

Warum das so ist, kann man sich gut vorstellen:

"Weil sie in der Regel seltener zu Hause essen, seltener kochen, unregelmäßiger zu Hause sind. Und dann denken Sie: Wenn das MHD jetzt abgelaufen ist - bevor das noch lange in meinem Kühlschrank gammelt, dann werf' ich's lieber gleich weg."

Aber wie gesagt: Offenbar sind es nur sieben Prozent aller Verbraucher, die Lebensmittel partout entsorgen, wenn ihr Mindesthaltsbarkeitsdatum überschritten ist. Die Hälfte der Befragten gab sogar an, ihr Haushaltsabfall enthalte nie abgelaufene Waren.

Alternativen und Änderungen zum MHD in der Diskussion

"Bis zu diesem MHD ist dieses Lebensmittel auf jeden Fall verzehrsfähig. Und danach nimmt die Qualität ab. Das ist aber sehr unterschiedlich bei den Lebensmitteln, und das wird auch noch genauer untersucht. Aber es heißt nicht, dass das dann nicht mehr verzehrsfähig ist. Aus unserer Studie würden wir das Fazit ziehen, dass das MHD verstanden wird von den Verbrauchern. Die werfen das jetzt nicht unbesehen weg in der Regel. Wir sehen jetzt deswegen nicht unbedingt die Notwendigkeit gegeben, dass noch ein neues Datum aufgedruckt werden muss." 

Diskutiert werden derzeit Alternativen oder Ergänzungen zum Mindesthaltbarkeitsdatum. Zum Beispiel der Aufdruck eines Verfallsdatums. Oder Empfehlungen, wie Lebensmittel über das MHD hinaus gelagert werden sollten. 

Die Karlsruher Forscherinnen halten das nicht unbedingt für nötig. Zumal ihre Auswertungen zeigen, dass die meisten Lebensmittel nicht deshalb im Mülleimer landen, weil sie abgelaufen sind:

"Da sagte tatsächlich die Mehrheit der Teilnehmer, dass abgelaufene Lebensmittel einen relativ geringen Anteil an den insgesamt weggeworfenen Lebensmitteln haben. An erster Stelle waren Lebensmittel, die verdorben waren, also in irgendeiner Weise verschimmelt und nicht mehr verzehrbar."

Gar nicht alle Lebensmittel haben ein MHD

Vorwiegend sind das Obst und Gemüse ...

"Also, Obst und Gemüse, was unverpackt ist, hat ja gar kein MHD. Und Brot ist eine große Fraktion. Und das wird ja auch häufig beim Bäcker gekauft. Nicht nur verpackt. Wenn's verpackt ist, hat's ein MHD. Aber wenn's beim Bäcker gekauft wird, nicht, sodass das MHD ja gar nicht für alle Lebensmittel steht."

Beim Kochen und Einkaufen besser vorausplanen - das würde Erika Claupein ganz allgemein empfehlen, um Lebensmittel-Abfälle im Haushalt zu minimieren:

"Es steht die Frage im Raum nach der Wertschätzung von Lebensmitteln. Wir wollen jetzt auch nicht das Genießen abtöten. Es ist ja schon schön, wenn man zum Beispiel frühstückt und da eine Fülle hat. Aber wenn das dann einfach nicht gegessen wird und dann weggeschmissen wird, ist es schon schade!"

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