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Seit 14:00 Uhr Nachrichten
StartseiteKultur heute"Ich mache diese Zuschreibungsriten nicht mit"02.02.2015

Mögliche Michelangelo-Skulpturen"Ich mache diese Zuschreibungsriten nicht mit"

Zwei Bronze-Skulpturen stehen im Fitzwillliam Museum in Cambridge. Einer neuen Zuschreibung zufolge konnten sie von Michelangelo geschaffen worden sein. Der Leipziger Kunsthistoriker Frank Zöllner zeigt sich überaus skeptisch: Kein namhafter Michelangelo-Experte sei bislang auf den Plan getreten, der diese Zuschreibung stütze, sagte er im DLF.

Frank Zöllner im Gespräch mit Beatrix Novy

Weiterführende Information

Michelangelo - "Sein Ruhm gehört zu den Meridianen der Erde"
(Deutschlandfunk, Kalenderblatt, 18.02.2014)

Mehr als Michelangelo und Co.
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 22.04.2012)

Von Michelangelo bis Vasari
(Deutschlandfunk, Kultur heute, 05.11.2011)

Michelangelo sorgt für Panik
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 05.05.2010)

Beatrix Novy: Auf zwei schwarzen Großkatzen – Panther sollen es sein - sitzen ein junger und ein bärtiger Mann, beide recken eine Faust nach hoch oben. Vielleicht, weil sie Tiere gezähmt haben, wer will das noch wissen. Es sind Skulpturen aus Bronze, gefertigt Anfang des 16. Jahrhunderts. Die Schätzung lautet 1506 bis 1508. Sie stehen im Fitzwilliam Museum Cambridge. Dort wurden heute die zwei Männer auf Katzen als Neuentdeckung vorgestellt: Der Künstler, der sie geschaffen habe, soll Michelangelo Buonarotti gewesen sein, von dem bisher keine erhaltenen Bronze-Skulpturen bekannt sind. Könnte man ihm diese beiden zuschreiben, das würde sich auf den Wert der Werke natürlich überaus günstig auswirken.
Der Leipziger Kunsthistoriker Frank Zöllner ist Mitautor des Michelangelo-Werkverzeichnisses im Bereich Skulptur. Ihn habe ich gefragt, ob das die Sensation ist, die aus Cambridge verheißen wird.

Frank Zöllner: Sensationell ist natürlich ein dehnbarer Begriff. Es ist insofern sensationell, wenn es wahr wäre natürlich, dass wir das erste Mal überhaupt Michelangelo-Skulpturen überliefert hätten, die aus Bronze wären. Es gibt Nachrichten von zwei Bronze-Skulpturen, die beide verloren gegangen sind, und dieses wären dann die eigentlichen überlebenden Beispiele.

Novy: Aber da hat man nicht genau gewusst, um was für Bronzen es sich handelt?

Zöllner: Doch, doch. Die bekannten Bronzen, die dann verschwunden sind – eines davon ist eine Papst-Statue, die schon zu Lebzeiten Michelangelos wieder zerstört wurde, das andere ist ein David, der einfach verschwunden ist -, die beiden Bronze-Skulpturen sind dokumentiert. Zum Beispiel in der zeitgenössischen Literatur werden sie beschrieben. Die sind definitiv verloren, zumindest bei der Papst-Statue. Bei dem David kann es sein, dass es sie noch gibt.

Und ansonsten ist das Problem – und hier beginnt es eigentlich, wirklich problematisch zu werden -, das Problem ist, dass diese beiden Skulpturen, die man jetzt als Michelangelo vorstellt, nirgendwo eine Dokumentation finden. Und wenn sie zwischen 1506 und 1508 entstanden sein sollen, dann hätte man erwartet, dass das auch irgendwie dokumentiert ist, denn Michelangelo war ja zu jener Zeit schon sehr berühmt und Bronze-Skulpturen sind nun nicht etwas, was man mal zuhause in der Küche herstellt. Das heißt, es wäre schon jemandem aufgefallen, wenn Michelangelo zwei große Bronze-Figuren macht.

Indizien fallen dünn aus

Novy: Nun will ja aber ein emeritierter Professor aus Cambridge Montpellier eine Zeichnung entdeckt haben, dort im Museum, die ihn an diese Bronze-Skulpturen in Cambridge erinnerte, und mittlerweile haben ja auch die Universität und das Fitzwilliam Museum in Cambridge Indizien bereitgestellt, die darauf angeblich schließen lassen, dass es da einen Zusammenhang gibt: die Zeichnung als Vorstudie.

Zöllner: Ich würde sagen, Indizien ist jetzt doch vielleicht sogar schon etwas sehr stark ausgedrückt. Es gibt eine Zeichnung in Montpellier, die aus dem Umkreis Michelangelos stammt. Das heißt, wir haben eine Zeichnung mit einer nicht besonders gekonnt gezeichneten Madonna, und dort daneben findet sich eine kleinere Zeichnung eines Panthers oder einer Großkatze, auf der ein etwas sehr kleiner nackter Mann sitzt, und das ist natürlich kein wirkliches Indiz. Wir wissen nicht, in welchem Verhältnis die Zeichnung zu Michelangelo steht. Das kann eine spätere Redaktion irgendeines Schülers oder eines Nachahmers sein. Und die Großkatze mit dem Akt dort, die nun als Vorlage gedient haben soll, oder als Widerspiegelung gewesen sein soll der Bronze-Skulpturen von Michelangelo, die hat ja auch etliche Unterschiede zu diesen Bronzen, die wir jetzt in Cambridge haben.

Es ist ja so: Diese Argumente basieren ja immer auf diesem Trugschluss, dass zwei Dinge, die eine gewisse Ähnlichkeit miteinander besitzen, dass sie auch etwas miteinander zu tun haben, und man hat ja hier Stilvergleiche zum Beispiel zwischen Muskelpartien der Bronze-Skulpturen und zwischen Muskelpartien auf Michelangelo-Zeichnungen. Nun gibt es natürlich eine Ähnlichkeit zwischen den beiden Muskelpartien, aber das ist eine sujetbedingte Ähnlichkeit. Das heißt, wenn der Bildhauer, der die Bronze-Skulpturen gemacht hat, Muskeln, sagen wir mal, ausbildet, schafft, dann haben die natürlich eine Ähnlichkeit mit Muskeln, die Michelangelo gezeichnet hat. Das hängt aber damit zusammen, dass in beiden Fällen das Sujet das gleiche ist.

Novy: Sind Sie eigentlich angesprochen worden als Autor des Werkverzeichnisses?

Zöllner: Nein, auch aus gutem Grund, weil ich bin dafür bekannt, dass ich diese Zuschreibungsriten nicht mitmache und inzwischen auch einer der wenigen verbliebenen, sagen wir mal, kritischen Geister auf diesem Gebiet bin. Ansonsten sind ja doch sehr viele Experten, vor allen Dingen, wenn sie älter werden, sehr gerne bereit, die eine oder andere Zuschreibung zu unterschreiben. Und man muss auch hier bemerken: Kein namhafter Michelangelo-Experte ist bislang auf den Plan getreten, der diese Zuschreibung stützt.

Novy: Frank Zöllner war das, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Leipzig, zum Thema Michelangelo und Bronze-Skulpturen. Eine Fachtagung im Juli hat Cambridge übrigens angekündigt zu dem Thema.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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