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Montgomory: Schaden durch Organspendeskandal immens

Ärztekammerpräsident möchte Kontrollen verbessern

Frank Ulrich Montgomery im Gespräch mit Sandra Schulz

Frank Ulrich Montgomery
Frank Ulrich Montgomery (picture alliance / dpa)

Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, betont, dass es sich bei dem Organspendeskandal "nicht um ein Versagen der Ärzteschaft" handele, sondern um kriminelle Handlungen Einzelner. Er möchte jetzt für mehr Transparenz sorgen.

Sandra Schulz: In diesem Zusammenhang ist es keine rhetorische Floskel: Es geht in vielen Fällen um Leben und Tod bei der Vergabe von Spendeorganen. Und darum sorgen die Meldungen aus den vergangenen Wochen für ganz erhebliche Verunsicherung. Die Meldungen über manipulierte Patientenakten an den Unikliniken in Regensburg und Göttingen und die Meldungen über einen raschen Zuwachs bei der Vergabe von Organen an den Wartelisten vorbei über das sogenannte beschleunigte Verfahren. Für die Menschen, die auf ein Spenderorgan hoffen wie diese beiden Dialysepatienten, ist das Warten jetzt wohl noch ein bisschen schwieriger geworden:

"- "Auf der Warteliste zu stehen fühlt sich grausam an, weil man immer, egal wo, wann, das Telefon am Anschlag hat und immer wieder draufguckt."
- "Ich bin massiv erschrocken, weil, ich bin angewiesen darauf, Vertrauen in die Ärzte zu haben, Vertrauen, dass die Listen ordnungsgemäß geführt werden und dass jeder drankommt, wann er drankommt, und nicht drankommt, weil er mehr Geld hat. Und das macht einen sehr hilflos.""

Schulz: Und schon allein diese Diskussion könnte Menschen Leben kosten, nämlich, wenn die Spendebereitschaft in Deutschland, die im europaweiten Vergleich ohnehin niedrig ist, noch weiter zurückginge. Jetzt sind gleich mehrere Spitzentreffen anberaumt. Zu einem hat Bundesgesundheitsminister Bahr für Ende August geladen und heute beraten Vertreter der Ärztekammer, der Deutschen Stiftung Organtransplantation und andere Experten in einer ersten Runde.

- Und der Präsident der Bundesärztekammer ist jetzt am Telefon, guten Morgen, Frank Ulrich Montgomery!

Ulrich Montgomery: Guten Morgen, Frau Schulz!

Schulz: Wie wollen Sie das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen?

Montgomery: Durch Transparenz, das ist erst mal das Wichtigste. Wir müssen alles offenlegen, was in den kriminellen Machenschaften in Regensburg und Göttingen geschehen ist. Und wir müssen klarstellen, dass die Vorgänge der letzten Tage und das schnelle Vermittlungsverfahren nichts damit zu tun haben, sondern eine gewollte Veränderung sind. Wenn wir das klarmachen können, gibt es auch wieder mehr Vertrauen in das ganze Transplantationsgeschehen.

Schulz: Sie haben unter anderem auch ja neue Regeln gefordert, das heißt, die Kontrollen sind bisher zu lasch?

Montgomery: Wir haben in den Kontrollen nicht mit kriminellen Handlungen Einzelner gerechnet, das ist so. Das müssen wir versuchen, in Zukunft auszuschließen. Deswegen wollen wir ein Vier-Augen-Prinzip einführen. Darüber hinaus wollen wir aber auch unangemeldete, regelmäßige, flächendeckende Kontrollen einführen. Nur, das hat Regensburg gezeigt: Kontrolle alleine nutzt nichts, wenn nicht auch etwas danach folgt. Und das wollen wir alles jetzt gemeinsam besprechen und auf den Weg bringen.

Schulz: Und auch mit auf den Weg bringen, dass künftig auch nach diesem Versagen der Ärzteschaft der Staat mitkontrolliert?

Montgomery: Also, das Versagen der Ärzteschaft, muss ich Ihnen jetzt leider sagen, den Schuh ziehe ich mir nicht an. Es handelt sich nicht um ein Versagen der Ärzteschaft, denn gegen kriminelle Handlungen Einzelner sind sie in keinem einzigen System und in keinem Beruf der Welt gefeit. Aber wir wollen das System verbessern, weil, man kann aus solchen Dingen ja immer nur lernen, damit in Zukunft kriminelle Machenschaften sich nicht wiederholen können.

Schulz: Aber es hat eben die Probleme bei Kontrollen, die es bisher ja auch gibt, eben innerhalb der Ärzteschaft gegeben. Mit welchem Argument wollen Sie denn vertreten, dass das reicht nach den Erkenntnissen?

Montgomery: Es ist kein Problem der Ärzteschaft. Auch ein Staatsanwalt oder ein Polizist kann angelogen werden, indem man ihm falsche Laborwerte vorlegt. Wir wollen aber in Zukunft, dass, wenn wir das herausfinden, so wie es in Regensburg ja gewesen ist, und man sehr gute Berichte, die alle Fehler aufschreiben und die darüber hinaus sogar die Rechtsverstöße nach dem Transplantationsgesetz benennen, wenn es die gibt, dann muss hinterher auch eine staatliche Macht daraus Konsequenzen ziehen. Das ist nicht erfolgt. Und deswegen glaube ich, wir müssen hier besser zusammenarbeiten. Also nicht entweder staatliche Kontrolle oder Selbstverwaltung, sondern wir müssen zu einer gemeinsamen Handlungsebene kommen, mit der wir solchen Dingen Einhalt gebieten können.

Schulz: Aber es hat, um da bei dem Punkt noch mal zu bleiben, ja schon 2009 ein Gutachten gegeben, das hat ganz erhebliche Mängel aufgewiesen auch bei dem Kontrollsystem. Warum ist da nicht schon viel früher was passiert?

Montgomery: Das Gutachten von 2009 hat das Kontrollsystem überhaupt nicht unter die Augen genommen, sondern es hat darauf hingewiesen, dass die Anzahl der besonderen Vermittlungsverfahren stark zunimmt. Übrigens ein gewolltes Phänomen, denn wir wollen in Deutschland kein einziges Organ verschwenden oder verfallen lassen. Wir wollen möglichst alle Organe nutzen. Wir haben das analysiert, diese heutige Sitzung, die jetzt übrigens zu einer Sondersitzung so hochstilisiert wird, ist in Wirklichkeit eine Sitzung, die schon lange anberaumt war, um das zu besprechen. Denn der Sonderfall darf natürlich nicht zum Regelfall werden. Aber hier geht es um wissenschaftlich sehr komplexe Dinge, die müssen wir mal genau diskutieren, analysieren. Wir sind irritiert über diesen Anstieg und wir wollen, dass das so nicht weitergeht.

Schulz: Aber wenn wir noch mal bei diesem Gutachten bleiben. Das hat unter anderem gezeigt, dass es damals schon, 2009, mehr als ein Dutzend Fälle gegeben hat, in dem die Richtlinien missachtet wurden. Warum ist da nichts passiert?

Montgomery: Es ist in vielen Fällen etwas passiert. Ich kann mich selber an Fälle erinnern, die ich in der Ärztekammer Hamburg dann aufgearbeitet habe und bei denen Rügen ausgesprochen sind und bei denen mit den Kollegen geredet worden ist und bei denen vor allem – und das ist uns ja immer am wichtigsten – Wege beschrieben worden sind, wie dem Missstand abgeholfen werden kann. Denn wir haben insgesamt, seit es diese Kommission gibt, über 100 derartige Fälle aufgearbeitet, zusammen mit den Ärztekammern. Daraus sind ja Konsequenzen erfolgt. Nur, nicht jeder Richtlinienverstoß führt gleich zu einem Entzug der Approbation, das muss man auch mal ganz klar sagen. Meistens nutzen wir ja solche Fehler, wie in der Luftfahrt, um daraus zu lernen, wie man sie in Zukunft verhindert.

Schulz: Aber haben die Patienten bisher denn ausreichend darüber gewusst?

Montgomery: Die Patienten selber als Organisationen sind nicht direkt beteiligt an diesen Prozessen. Wir haben aber kein Problem, die Patienten, vor allem die Patienten aus dem Transplantationsbereich hierüber zu informieren. Und ich glaube, wir werden mehr Transparenz hier einführen können.

Schulz: Das müssen Sie uns noch mal genauer erklären: Was genau soll an welcher Stelle transparenter werden?

Montgomery: Wir müssen den Patienten klarmachen, dass die Wartelisten, die ja im Grunde genommen ein Instrument für Gerechtigkeitsübertragung sind, dass diese Wartelisten gerecht geführt werden, sauber geführt werden und auch in der dort vorgeschriebenen Reihenfolge abgearbeitet werden. Das muss man, das kann man sehr leicht öffentlich machen, das kann man ja auch mit der Patientenorganisation besprechen. Hier müssen wir allerdings mit den sechs anderen Ländern, die in Eurotransplant sind, natürlich sprechen, und mit der Organisation Eurotransplant, die in Leiden ist. Und ich möchte es noch einmal sagen: Bei doch immerhin sehr vielen Tausend Transplantationen in den letzten Jahren hat es einen Fall in Regensburg und Göttingen gegeben, wo ein Arzt bewusst betrogen hat. Jetzt das gesamte Transplantationssystem infrage zu stellen, halte ich für weit überzogen.

Schulz: Ja, das sind die Fälle, die bekannt geworden sind oder die jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert wurden. Sie haben gerade gesagt, wir müssen das den Patienten gegenüber öffentlich machen. Aber wie soll es denn bei diesem Punktesystem, das weiterhin im Dunkeln bleibt, bei Vermerken in Patientenakten, in die die Patienten in aller Regel keinen Einblick haben, wie soll das denn passieren?

Montgomery: Also, wir haben ja vorgeschlagen, ähnlich wie in Amerika in Zukunft unangemeldet flächendeckende ... wir nennen das Visitationen, also, ich sag mal Besuche und Kontrollbesuche zu machen, in denen nicht nur Patienten, sondern vor allem eben auch Fachleute, die etwas von der Materie verstehen, die Akten der Patienten, die transplantiert worden sind, untersuchen, die vor allem das abgleichen mit den Daten, die bei Eurotransplant vorhanden sind, um auf diese Art und Weise Fehler aufzuzeigen. Aber noch mal: Ihre doch etwas in Ihren Fragen immer wieder auftauchende Unterstellung, dass Göttingen und Regensburg keine Einzelfälle gewesen sind, die muss ich wirklich zurückweisen. Es handelt sich hierbei um ein ganzes, ein Ausnahmephänomen der kriminellen Machenschaften eines Einzelnen und wir haben überhaupt keinen Hinweis darauf, dass in Deutschland flächendeckend in der Transplantationsmedizin etwas im Argen wäre.

Schulz: Die Verunsicherung ist groß auch über die Meldungen eben über die beschleunigten Verfahren, über die Vergabe sozusagen an den Wartelisten vorbei. Wo würden Sie denn die Schwachstellen ausmachen, Herr Montgomery, wo liegen die Schwachstellen?

Montgomery: Es wäre schön, wenn in dem Verfahren nicht nur vom beschleunigten Verfahren die Rede wäre, sondern wenn man auch sagen würde, dass wir in Deutschland das Land mit der niedrigsten Organverlustrate sind, weil wir uns eben jedes Organ hier in Deutschland erhalten müssen. Wir können es uns überhaupt nicht leisten, Organe zu verlieren. Und die Schwachstellen und die anzuwenden, sind sicherlich in der Tatsache, dass wir später noch einmal immer nachkontrollieren müssen, ob dann innerhalb der Vergabe eines Zentrums, innerhalb der dort typischen Warteliste dieses Zentrums alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Hier ist jetzt im Moment sehr viel Verunsicherung und vor allem sehr viel Misstrauen. Und wir werden Transparenzinstrumente schaffen müssen, um das abzubauen.

Schulz: Und die Verunsicherungen sollen Ärzte – obwohl das ja Ärzte waren, die die Verunsicherung geschafft haben –, die sollen die Ärzte jetzt wieder abbauen?

Montgomery: Also, es ist ein bisschen naiv zu glauben, dass das nur die Ärzte wären. In diesen Gremien sitzen Vertreter der Krankenkassen, Vertreter der Deutschen Krankenhausgesellschaft und Vertreter der Ärzte. Darüber hinaus sitzen dort auch offizielle Vertreter der Bundesländer und auch ein Vertreter des Bundesgesundheitsministeriums. Also, die Unterstellung, das sei nun ein rein ärzteinterner Klub, ist völlig falsch. Es handelt sich um ein transparentes, offenes Gremium und wir wollen klare Regeln aufstellen, mit denen wir die Transparenz erreichen und auch das Vertrauen wiederherstellen können.

Schulz: Wie groß ist der Schaden, der durch die bekannt gewordenen Manipulationsfälle jetzt angerichtet wurde?

Montgomery: Der Schaden ist immens. Ich kann jeden Patienten und jeden Bürger verstehen, der angesichts dieser größten nur denkbaren Spende von Leben, die man geben kann, nämlich nach seinem eigenen Tod seine eigenen Organe herzugeben, ich kann verstehen, dass die Menschen hier total verunsichert sind. Deswegen ja auch unsere Gremiensitzung, deswegen auch unsere Versuche, hier wieder Vertrauen herzustellen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Weitere Infos bei dradio.de:
Interview: Stärkere Kontrolle und Vier-Augen-Prinzip - Krankenkassen-Chef sieht im Organspenden-Skandal ein "Riesenproblem"
Aktuell: Gesundheitsexperten beraten über Organspende
Interview mit Transplantationsmediziner: Künftig bei Transplantationen Kontrollberichte einführen
Kommentar: Vorbei an der Warteliste

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