• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:30 Uhr Nachrichten
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenNeue Denkwege zu Martin Heidegger29.05.2014

Nach den "Schwarzen Heften"Neue Denkwege zu Martin Heidegger

Vor 125 Jahren wurde der Philosoph Martin Heidegger geboren. Dieser runde Geburtstag bietet Anlass, sich mit dem Leben und Wirken des Denkers auseinandersetzen, der alles andere als unumstritten ist. Vor allem seine Rolle in der Nazi-Zeit gibt immer wieder Grund zu Kritik und Nachforschung.

Von Alfried Schmitz

Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976). (picture alliance / dpa)
Undatierte Aufnahme des deutschen Philosophen Martin Heidegger (1889-1976). (picture alliance / dpa)
Weiterführende Information

Schwer Verdichtetes - Martin Heidegger und seine "Schwarzen Hefte" (Deutschlandradio Kultur, Zeitreisen, 07.05.2014)

Heidegger-Interview im "Spiegel" - Kein Ruhmesblatt der Nachkriegspublizistik (Deutschlandfunk, Andruck, 14.04.2014)

"Die Beschäftigung mit der Philosophie kann uns sogar am hartnäckigsten den Anschein vorgaukeln, dass wir denken, weil wir doch philosophieren."

Originalton Martin Heidegger. "Was heißt denken?", hatte er seinen Vortrag im Jahr 1952 genannt, aus dem dieses Zitat stammt. Neben der sehr intensiven und vielleicht sogar elementaren Beschäftigung mit Sein und Zeit, kreisten viele seiner Schriften, Gedanken und Vorträge um die für ihn äußerst wichtige Einordnung des Denkens. Martin Heidegger stellte das Denken und die Philosophie in einen Zusammenhang, der die Fachwelt aufhorchen ließ.

"Für ihn war es radikal klar, dass die Philosophie keine Wissenschaft ist, dass sie nichts mit Wissenschaft zu tun hat. Er hat sogar später Philosophie vom Denken unterschieden und hat darauf hingewiesen, dass das, was er da machen würde, keine Philosophie mehr sei, sondern Denken. Und da ist er sehr rigoros und provokativ. Die Wissenschaft denkt nicht, das ist der berühmte Satz, der auch heute noch da und dort Anstoß erregt",

sagt der weltweit anerkannte Heidegger-Experte Professor Peter Trawny vom Heidegger-Institut der Wuppertaler Universität. Er vertritt nicht nur in diesem Punkt eine andere Meinung als der Philosoph, schenkt Heideggers Gedankengängen aber dennoch größte wissenschaftliche Aufmerksamkeit.

"Diese radikale Abspaltung des Philosophischen und des Denkerischen von der Wissenschaft ist nicht ganz ungefährlich und in gewisser Weise auch nicht sinnvoll. Ich finde schon, dass man die Spannung aufrecht erhalten sollte und nicht eben diese radikale Entscheidung mit vollziehen sollte, die Heidegger da vormacht."

Mathematik statt Theologie

Martin Heidegger wurde am 26. September 1889 im badischen Meßkirch geboren. Er wuchs in einem katholischen Haushalt auf und sollte nach dem Willen seiner Eltern Priester werden. Nach dem Abitur wurde er als Novize bei den Jesuiten im österreichischen Feldkirch aufgenommen, verließ das Kloster nach einem Monat aber wieder, weil er gesundheitliche Probleme hatte. In Freiburg begann er daraufhin das Studium der Theologie und Philosophie. Das Theologiestudium brach er allerdings bald ab und ergänzte die Philosophie um Mathematik, Geschichte und Naturwissenschaften. 1913 promovierte er in Philosophie, zwei Jahre später folgte die Habilitation. Er wurde zum Militärdienst eingezogen, gründete eine Familie, wurde Privatdozent, später ordentlicher Professor und war 1933 Rektor der Freiburger Universität. Sechs Jahre zuvor hatte er mit "Sein und Zeit" sein philosophisches Hauptwerk veröffentlicht.

"Heidegger ist sicherlich wohl einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Philosoph des 20. Jahrhunderts, der weltweit rezipiert, weltweit gelesen und diskutiert wird und der weltweit Menschen herausfordert, in ein Gespräch über sein Denken zu bringen. Das ist das Faszinierende. Also Heidegger scheint Fragen gestellt zu haben, die auf einen ganz breiten Resonanzboden stoßen und Heidegger hat Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten, unterschiedlicher Zugänge, unterschiedlicher Temperamente und auch unterschiedlicher wissenschaftlicher Schulen dazu geführt, sich intensiv mit seinem Denken auseinanderzusetzen",

meint Holger Zaborowski. Er ist Professor für Geschichte der Philosophie und Philosophische Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar. Seit 2002 veranstaltet er im Dreijahres-Rhythmus die "Heidegger Konferenz", die seit zehn Jahren in der Geburtsstadt des Philosophen, in Meßkirch, stattfindet. In diesem Jahr stand die Konferenz unter dem Motto "Freiheit und Geschick. Denkwege mit und nach Heidegger". Vom 22. Mai bis zum 25. Mai fanden sich über zweihundert Teilnehmer ein. 90 Referenten aus 30 verschiedenen Ländern hielten ihre Vorträge.

Antisemitische Gedanken

"Wir haben von Anfang an gesagt, es muss möglich sein, sehr verschiedene Zugänge zu Heidegger zu finden. Das können sehr textnahe, Heidegger sehr stark in seiner eigenen Begrifflichkeit und in seinem eigenen Denken erklärende Vorträge sein. Die sind oft sehr, sehr wichtig, weil sie uns helfen, den Denkweg von Heidegger zu verstehen. Und andere Vorträge sind zum Teil sehr kritisch. Und dafür ist auch ein Platz da, um eine kritische Auseinandersetzung mit Heidegger zu wagen. Wichtig ist uns von Anfang an die Offenheit gewesen. Es kann nicht eine Art Zensurbehörde geben, die unterscheidet zwischen den richtigen und den falschen Zugängen. Es ist gerade wichtig, verschiedene Traditionen der Heidegger- Forschung verschiedener Schulen zusammen in ein Gespräch zu bringen und dadurch auch etwas Neues entstehen zu lassen",

sagt der Veranstalter der Heidegger Konferenz, Prof. Zaborowski. Offene Worte und kritisches Hinterfragen sind wohl besonders vor dem Hintergrund der gerade veröffentlichten "Schwarzen Hefte" angebracht. Auf fast 1.300 Seiten hatte Heidegger in 34 Kladden von 1931 bis 1970 seine Gedanken niedergeschrieben.

Konnte man Heideggers zeitweise sehr linientreue Ausrichtung im Dritten Reich bislang noch als die eines karrieristischen Mitläufers umschreiben, sind solche Verharmlosungen jetzt wohl kaum noch zu halten. Durch die Worte, die der Philosoph seinen "Schwarzen Heften" während der Hitler-Diktatur anvertraut hat, entpuppt er sich als jemand, der Nazi-Parolen auf naivste Weise in sich hineingefressen und unverdaut niedergeschrieben hat.

"Unterschieden sind diese Aufzeichnungen von allen anderen dadurch, dass er überhaupt kein Blatt mehr vor den Mund nimmt. Er sagt dort Dinge, die er in anderen Aufzeichnungen nicht gesagt hat und das macht diese schwarzen Hefte brisant."

Nazijargon in Reinschrift

"Das Weltjudentum, aufgestachelt durch die aus Deutschland hinausgelassenen Emigranten, ist überall unfassbar und braucht sich bei aller Machtentfaltung nirgends an kriegerischen Handlungen zu beteiligen, wogegen uns nur bleibt, das beste Blut der Besten des eigenen Volkes zu opfern."

Das ist Nazijargon in Reinschrift. Niedergeschrieben in einer Zeit, in der in Deutschland die Synagogen brannten und Juden verfolgt wurden.

"Wir müssen uns mit diesen antisemitischen Passagen auseinandersetzen, damit wir verstehen, was da in der Heideggerschen Philosophie passiert ist. Und damit auch ganz offensiv umgehen, damit die Heidegger-Forschung in der Wissenschaft auch weiterhin einen Platz haben kann. Wenn wir das nicht tun und wenn wir, wie das ganz bestimmte Leute fordern, unter den Tisch kehren, dann finde ich, gibt es tatsächlich ein bestimmtes Recht zu sagen, wir wollen so etwas an den Institutionen gar nicht haben. Ich kämpfe gewissermaßen dafür, dass die Heidegger-Forschung, die Auseinandersetzung mit Heidegger an den Universitäten nach wie vor einen Platz haben kann, indem wir ganz offensiv diese Probleme in diesen Texten ansprechen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk