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Nahost-KonfliktDer Zionismus als Sackgasse

Bei der jüngsten Windung im Nahost-Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern geht es - vordergründig - um 2.600 Wohnungen. Israel will sie im Ostteil Jerusalems bauen, dort also, wo die Palästinenser eigentlich die Hauptstadt eines zukünftigen eigenen Staates sehen. Israel muss sich deshalb heftige Kritik anhören, auch von seinen Verbündeten in den USA und der Europäischen Union. Ein derartiger Schritt widerspreche Israels erklärtem Ziel, sich mit den Palästinensern auf dem Verhandlungsweg zu einigen, ist etwa aus Washington und Brüssel zu hören. Typisch Israel - würde möglicherweise Moshe Zuckermann sagen. Der israelische Historiker und Soziologe setzt sich in einem neuen Buch "Israels Schicksal" wieder einmal kritisch mit seiner Heimat auseinander - und analysiert die Ursachen des Nahost-Konflikts.

Von Bettina Marx

Moshe Zuckermanns Buch ist ein Essay über die Lage seines Landes, das sich über fast 50 Jahre in eine politische Ausweglosigkeit hineinmanövriert hat, die offenbar immer neue und grausamere Runden der Gewalt notwendig macht. Die letzte fand erst im vergangenen Sommer statt, als Israel 51 Tage lang Krieg gegen den Gazastreifen führte. Mehr als 2.000 Tote forderte dieser Waffengang, mehr als 10.000 Palästinenser wurden verletzt, 100.000 obdachlos. Der zugrunde liegende Konflikt jedoch wurde nicht gelöst. Im Gegenteil. Beide Seiten erwarten schon in absehbarer Zeit einen neuen Gewaltausbruch. Ist dies "Israels Schicksal", wie der Titel von Zuckermanns Buch lautet? Im Untertitel scheint der Autor seine Antwort zu geben: "Wie Israel seinen Untergang betreibt". Im Vorwort verspricht er:

"Warum sich das zionistische Israel in eine historisch ausweglose Situation manövriert hat, soll hier aus der Logik des Zionismus selbst, also von einer immanenten Perspektive erkundet werden."

Diese ausweglose Situation Israels ist schnell erklärt, das Dilemma ist offensichtlich: Wenn es im Nahen Osten nicht zu einer "Zweistaatenlösung" kommt, zur Entstehung eines palästinensischen Staates an der Seite Israels also, dann bleibt als einzige Lösung zur Beilegung des blutigen Konflikts die Schaffung eines binationalen Staates. Das heißt, die Palästinenser der besetzten und dann wohl annektierten Gebiete müssten als Bürger Israels anerkannt werden und gleiche Rechte erhalten. Zumindest dann, wenn Israel seinen Anspruch aufrechterhalten will, die einzige Demokratie im Nahen Osten zu sein. Dies jedoch würde das Ende des "jüdischen Staates" bedeuten, der Israel sein will. In den Worten Zuckermanns:

"Die Verweigerung der Zweistaatenlösung bedeutet, so besehen, die Beschleunigung des historischen Endes des zionistischen Projekts, wie man es bis jetzt gekannt hat. Nichts führt an dieser Schlussfolgerung vorbei."

Warum also tut Israel seit Jahren alles, um die Zweistaatenlösung zu verhindern und die Schaffung eines unabhängigen und lebensfähigen palästinensischen Staates in den besetzten Gebieten unmöglich zu machen? Warum treibt es die Besiedlung eben jenes Territoriums voran, auf dem die Palästinenser ihren Mini-Staat gründen wollen? Wie ist dieses Paradoxon zu erklären? In 15 kurzen Kapiteln versucht Moshe Zuckermann eine Antwort auf diese Fragen zu geben. Dabei ordnet er den Zionismus, wie es sich für einen Historiker gehört, in seinen geschichtlichen Kontext ein, beschreibt ihn als eine im Zeitalter des Nationalismus und des Kolonialismus entstandene nationale Bewegung, die in der "Negation der Diaspora" gründete.

"Der Staat der Juden, ausgesprochene Spätfolge der europäischen Nationalstaatsideologie, ist der einzige Staat der Welt, der ideell bestimmt wurde, bevor es die materielle Basis für die Verwirklichung der Idee gab; der territorial bestimmt wurde, ehe es das Kollektiv für die Besiedlung dieses Territoriums gab; der gegründet wurde, ehe die notwendige Bürgermasse für seine Existenz bestand."

Prägend für die Entwicklung Israels und von großer Bedeutung für das Dilemma seiner ausweglosen Politik der Gewalt ist das Menschheitsverbrechen des Holocaust, die Judenvernichtung durch Nazi-Deutschland. Scharf geht Zuckermann in diesem Zusammenhang mit der Holocaust-Gedenk-Kultur Israels ins Gericht:

"Nicht übertrieben ist die Behauptung, dass nirgends auf der Welt die Banalisierung der Shoah, mitunter ihre Trivialisierung durch inflationäre Verwendung in einer hanebüchenen Alltagsrhetorik so unverhohlen skrupellos betrieben wird, wie in dem Land, das die Einzigartigkeit, mithin die Unvergleichbarkeit der Shoah auf seine staatsoffiziellen Gedenkfahnen geschrieben hat."

Die Opfer, der, so Zuckermann wörtlich, "ultimativen Barbarei", also des Holocaust, würden herangezogen, um die Politik der "barbarischen Unterdrückung" der Palästinenser zu rechtfertigen. Damit mache sich Israel zum Opfer im ungleichen Nahostkonflikt und die leidtragenden Palästinenser zu Tätern. Aus diesem Selbstverständnis heraus sei eine Umkehr der israelischen Politik schlicht nicht möglich.

"Israel will den Frieden nicht. Es kann ihn nicht wollen, weil ein realer Frieden Israel den Abschied von einem tief eingefrästen Muster seines Selbstverständnisses, die Auflösung der Matrix seines ideologischen Selbstbildes abfordern würde."

Es ist also der Zionismus selbst, der Israel in diese Sackgasse getrieben hat und nun seinem eigenen Untergang entgegen steuert. Der Zionismus, der glaubte, für ein Volk ohne Land ein Land ohne Volk gefunden zu haben und der sich diesen fatalen Irrglauben bis heute nicht eingestehen will. Nur der Abschied vom Zionismus also kann Israel und Palästina retten und den historischen Nahostkonflikt beenden. Zuckermanns Fazit:

"Der Zionismus treibt gegenwärtig seinem eigenen Untergang entgegen. Wird das auch das Ende Israels bedeuten? Das Ende des zionistischen Israels wird dieser Untergang zwangsläufig bedeuten. Ob dies einen nichtzionistischen Neubeginn mit emanzipativem Horizont zeitigen wird oder den langen Weg einer ruchlosen, faschistisch-repressiven Degeneration, kann zurzeit noch nicht vorausgesagt werden.

Zuckermanns Buch gesellt sich zu einer ganzen Reihe von jüngeren Veröffentlichungen israelischer Autoren, die sich kritisch mit den Zukunftsaussichten des jüdischen Staates befassen. Zu nennen sind hier die Veröffentlichungen des israelischen Historikers Shlomo Sand, des ehemaligen Knesset-Präsidenten Avraham Burg und die leider nur in Hebräisch vorliegenden Publikationen des früheren Meretz-Abgeordneten Yossi Sarid.

In deutscher Sprache stechen besonders Gershom Gorenbergs Buch "Israel schafft sich ab" und Tamar Amar-Dahls Werk "Das zionistische Israel" hervor. Beide befassen sich mit dem inneren Widerspruch des Zionismus, der eine friedliche Lösung des Nahostkonflikts unmöglich macht. Zuckermanns Werk ist hierzu eine willkommene Ergänzung, ein brillant geschriebener Essay, eine scharfsinnige und schonungslose Analyse. Einziger Schwachpunkt des sonst sehr lesenswerten Buches: Einige der Kapitel wurden früher schon einmal veröffentlicht. Das führt mitunter bis in die Wortwahl hinein zu Wiederholungen und Redundanzen. Andererseits, um es mit dem Talmud zu sagen: Nur durch Wiederholung lernt man. Und insofern sei dieses kleine Manko verziehen.

Moshe Zuckermann: "Israels Schicksal. Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt", Promedia Verlag, 208 Seiten, 17,90 Euro, ISBN: 978-3-853-71375-4.

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