Sonntag, 19.11.2017
StartseiteInformationen am MorgenDer kleine Rückzug vom Rückzug09.11.2017

NATO in AfghanistanDer kleine Rückzug vom Rückzug

Die Sicherheitslage in Afghanistan hat sich in den vergangenen Jahren nicht so entwickelt, wie es die NATO und die USA erhofft hatten. Nun sollen wieder mehr Soldaten in das Land geschickt werden. Die NATO setzt dabei auf die verstärkte Ausbildung der afghanischen Truppen. Ob das ausreicht, wird sich zeigen müssen.

Von Kai Küstner

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NATO-Soldaten untersuchen den Ort eines Selbstmordanschlags in Kabul, der einem NATO-Konvoi galt.  (imago / Rahmat Alizadah)
NATO-Soldaten untersuchen den Ort eines Selbstmordanschlags in Kabul, der einem NATO-Konvoi galt. (imago / Rahmat Alizadah)
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Es gibt nicht das geringste Anzeichen dafür, dass die Taliban vorhaben, eines Tages am Verhandlungstisch Platz zu nehmen. Mit einer Serie brutaler Terroranschläge gegen unschuldige Zivilisten haben sie in jüngster Zeit das gegenteilige Signal ausgesendet: Dass sie an einer Friedenslösung in Afghanistan keinerlei Interesse haben. Ziel der NATO hingegen ist es letztlich, mit ihrer Truppen-Aufstockung die Extremisten letztlich an den Verhandlungstisch zu zwingen:

 "Unser Ziel ist, den Taliban zu zeigen, dass wir da sind, um zu bleiben. Und sie an den Tisch zu bringen für einen nachhaltigen Friedensprozess", sagt die neue US-Botschafterin bei der NATO, Kay Bailey Hutchison. Und so vollzieht der Westen denn am Hindukusch eine Art "Rückzug vom Rückzug" – wenn auch in kleinem Stil. US-Präsident Trump hatte bereits eine Truppen-Aufstockung angekündigt. Die NATO weitet im Zuge dessen nun ebenfalls ihre Trainings-und Ausbildungsmission aus. In der Hoffnung, die Pattsituation im Land zugunsten der afghanischen Armee und Polizei zu wenden:

"Es gibt viele Herausforderungen, wir sehen sehr viel Gewalt, es gibt viel Unsicherheit. Gleichzeitig werden die afghanischen Sicherheitskräfte stärker und stärker", glaubt NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg.

US-Militär nennt keine genauen Zahlen mehr

Gleichzeitig ist auch klar: Die afghanische Regierung kontrolliert nur rund 60 Prozent des Landes. Tausende Opfer haben Armee und Polizei jährlich zu beklagen. Zuletzt sorgten Berichte für Aufsehen, das US-Militärkommando wolle neuerdings keine genauen Zahlen mehr dazu veröffentlichen. Gäbe es dort gute Nachrichten zu verzeichnen, würde man die der Öffentlichkeit wohl kaum vorenthalten, klagten Kritiker. US-Botschafterin Hutchison versucht trotzdem, Zuversicht zu verbreiten:

"Die afghanischen Truppen sind richtig gut auf dem Feld. Sie kämpfen auf ihre Art. Es ist nicht unbedingt unsere Art zu kämpfen. Aber sie kennen das Gebiet und wissen, wie man vorankommt."

Rückkehr zu Kampfeinsätzen ausgeschlossen

Dass die Lage aber in Afghanistan nicht so ist, wie sie 16 Jahre nach Beginn des Einsatzes am Hindukusch sein sollte, leugnet niemand: So befindet sich die Zahl der getöteten Zivilisten auf einem Rekordhoch. Vom ARD-Studio Brüssel danach gefragt, ob es daher nicht völlig verfrüht war, die 2014 die Kampftruppen aus Afghanistan abzuziehen und sich auf Ausbildung und Training zu beschränken, erklärte NATO-Generalsekretär Stoltenberg kürzlich:

"Nein, das war die richtige Entscheidung. Wenn überhaupt, dann hätten wir es früher tun sollen. Wir hätten früher damit beginnen sollen, die Afghanen auszubilden, sie früher in die Lage versetzen sollen, volle Verantwortung für ihre eigene Sicherheit zu übernehmen."

Eine Rückkehr zu einem Kampfeinsatz schließt die NATO aus. Die große Frage lautet nun: Ob man mit der Aufstockung der Trainingstruppen auf rund 16.000 wirklich dem Trend wird umkehren und die wieder erstarkten Taliban an den Verhandlungstisch wird zwingen können. Ein wichtiger Gradmesser werden die für das kommende Jahr geplanten Parlamentswahlen in Afghanistan sein. Sollten die aufgrund der Sicherheitslage verschoben werden oder ausfallen, wäre das eine schwere Niederlage – auch für die internationale Gemeinschaft.

Die Bundeswehr übrigens wird zunächst keine zusätzlichen Truppen schicken. Ob sich daran etwas ändert, wird die neue Regierung zu entscheiden haben.

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