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StartseiteBüchermarktVerwandt mit Kafka06.04.2018

Neuer Roman von Nicole KraussVerwandt mit Kafka

Die amerikanische Autorin Nicole Krauss sieht sich in der Tradition der literarischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. In ihrem jüngsten Roman taucht der Nachlass von Franz Kafka auf und es gibt einen Verweis auf Dante Alighieris Göttliche Komödie. Im Dlf spricht sie über ihren neuen Roman „Waldes Dunkel“.

Nicole Krauss im Gespräch mit Tanya Lieske

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epa03704649 US writer Nicole Krauss looks on during the opening of the 2nd Hay Festival of Literature and Arts in the Cervantes Institute in Budapest, Hungary, 17 May 2013. EPA/LASZLO BELICZAY HUNGARY OUT | (MTI)
„Ich wäre zu Tode gelangweilt, wenn ich von Anfang an wüsste, was in meinem Roman passiert“ (MTI)
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Tanya Lieske: Nicole Krauss ist eine besonders interessante Stimme der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Sie wurde 1974 geboren und hat seit ihrem Debüt im Jahr 2002, damals war sie gerade 27 Jahre alt, vier viel beachtete und weit übersetzte Romane vorgelegt.

Es sind polyphone Romane, Handlungsstränge kreuzen sich darin wie unabhängige Stimmen. So entstehen raffinierte Muster, und die sind nur für den Leser erkenntlich. Er oder sie schreibt die ganze Geschichte.

Nicole Krauss weiß was sie da tut. Sie hat englische Literatur in Oxford und an der Stanford University studiert, und sie sieht sich mit ihrem Schaffen in der Tradition der europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. In ihrem jüngsten Roman taucht zum Beispiel ein  geheimnisvoller Koffer von Franz Kafka auf.

"Waldes Dunkel" heißt dieser Roman. Ein Zitat, das ebenfalls ins Herz von Europa führt. Es stammt aus der göttlichen Komödie von Dante Alighieri: Ich fand auf unseres Lebensweges Mitte in eines Waldes Dunkel mich verschlagen, weil sich vom rechten Pfad verirrt die Schritte. Ich hatte unlängst die erfreuliche Gelegenheit, mit Nicole Krauss ein langes Gespräch über ihre Poetik und über ihren neuen Roman zu führen. Meine erste Frage galt genau dem Zitat:

Nicole Krauss: Ich habe dieses Zitat spät und durch Zufall gefunden, als ich mit meinem Roman schon fertig war. Es war für mich sehr passend, denn in meinem Roman geht es ja darum, wie man bekannte und vertraute Wege verlässt. In diesem Vers von Dante wird beschrieben, wie man sich in der Mitte des Lebens verirrt und es wird ein Wald evoziert. Was aber genau ist ein Wald? Ein Wald ist das, was fern von der Stadt ist. Die Stadt verspricht Ordnung und Struktur. Aber in den  Wald geht man, weil man sich verirren will, weil man ein Mysterium sucht. Der Wald ist der Ort der Gesetzlosen, es ist genau der Ort, vor dem man sich in 1.000 Jahren Literaturgeschichte gefürchtet hat, oder von dem man magisch angezogen wird. Das hängt von der eigenen Persönlichkeit ab. Meine Figuren jedenfalls zieht es in den Wald. Dort verlieren Sie sich, und sie finden neue Wege des Seins.

"Ja, ich misstraue dem geraden Weg"

Lieske: Wären Sie also eine Autorin, die dem geraden Weg eher misstraut?

Krauss: Ich misstraue dem geraden Weg auf jeden Fall in meinem Leben, und das, was ich schreibe, hängt damit zusammen. In technischer Hinsicht haben Sie recht, keines meiner Bücher verläuft linear. Sie sind alle polyphon; damit meine ich, es gibt viele Erzählstränge, die miteinander kommunizieren. So entsteht ein subtiles, mehrdimensionales Erzählgeflecht, welches es der Leserin erlaubt, selbst eine aktive Rolle einzunehmen und einen Sinn zu finden. Ja, ich misstraue dem geraden Weg.

Lieske: Die Figuren in diesem Roman, deren Geschichten einander umschlingen und spiegeln, sind: Der 68jährige Multimillionär Jules Epstein und eine Autorin aus Brooklyn, die Nicole heißt. In aller Kürze, Nicole Krauss, was treibt die beiden um, wo stehen sie in ihrem Leben, was wollen sie?

Krauss: Mein Roman Waldes Dunkel beginnt damit, dass Epstein in der Wüste verschwindet. Er ist zu diesem Zeitpunkt 68 Jahre alt, und er ist einer dieser überlebensgroßen Männer, er besitzt Autorität und Präsenz, ist sich seiner Sache immer gewiss.  Epstein hat nie angehalten, er hat nie gezögert, weil er immer genau wusste, was als nächstes dran war. Als beide seiner Eltern verstorben sind, und als er seine Frau nach 30 Jahren Ehe verlassen hat, gibt es plötzlich eine schleichende Unsicherheit: Was, wenn ich mich geirrt habe? Sehr spät in seinem Leben wendet sich Epstein dem zu, was er vernachlässigt hat, nämlich seiner Spiritualität. Genau da beginnt seine Geschichte.

Auf der anderen Seite gibt es Nicole, sie befindet sich an einem ganz ähnlichen Punkt in ihrem Leben. Sie ist viel jünger. Für Nicole haben alle Rollen, die sie bislang gespielt hat, ihren Sinn verloren. Nicole war Frau, Mutter, Tochter. Als Autorin ringt sie nun mit der Form ihres Romans. Keine dieser Rollen passt mehr zu ihr und sie stellt sich die Frage, ob sie den Mut haben wird, auszubrechen? Ob sie die Formlosigkeit so lange erträgt, bis sie eine neue Rolle gefunden hat, die besser zu ihr passt? Beide meiner Figuren stehen an einem Kliff, und sie wagen den Sprung ins Ungewisse.

Lieske: Jules Epstein neigt also zum Verschwinden, zur Leere; und Nicole ist mit dem Gedanken beschäftigt, wie sie wieder Form und Struktur in ihr Leben bringen kann. Sie interessiert sich sehr für Schöpfungsvorgänge. Nicole Krauss, würden Sie sagen, die beiden beginnen Ihre Reise von entgegengesetzten Punkten des Spektrums?

Krauss: Das ist eine gute Beschreibung. Man kann noch hinzufügen, dass sie verschieden alt sind, einer ist ein Mann, eine ist eine Frau. Beide sehnen sich nach einer Transformation, einer Verwandlung, aber jeder von beiden geht dabei ganz anders vor.

Keine autobiografischen Elemente

Lieske: Nicole, sie bleibt ohne Nachnamen, ist in etwa so alt wie Sie, genauso erfolgreich und sie hat gerade, ebenso wie sie, eine Ehescheidung erlebt. Sie ist Mutter zweier Kinder. Wer Interviews mit Ihnen gelesen und gehört hat, weiß, dass Sie in Bezug auf Ihr Privatleben sehr zurückhaltend sind. Warum wählen Sie in diesem Roman, und sie haben das auch schon in früheren Romanen getan, die Suggestion einer biografischen Fährte?

Krauss: Ich tue das auf gar keinen Fall, um autobiografische Elemente hinzuzufügen! Meine Beweggründe liegen tiefer. Dazu muss ich nun etwas weiter ausholen. Ich schreibe seit rund 15 Jahren Romane, und mache dabei eine Erfahrung, die ähnlich ist wie das, was Ihnen als Leserin widerfährt. In jenem Raum, den die Literatur erschafft, werden wir zu einer anderen Personen. Unsere Identität wächst mit exponentieller Geschwindigkeit. Wir identifizieren uns mit einer Figur, verlieben uns in sie. Es kann sogar einen Quantensprung geben,  dann werden zu dieser anderen Figur. So jedenfalls ergeht es mir beim Schreiben.

Und dann kehren wir zurück in unser eigenes Leben. Ich verlasse mein Schreibtisch, Sie klappen Ihr Buch zu. Eben hatten wir noch diese erweiterte Persönlichkeit, jetzt schrumpfen wir wieder auf unser normales Selbst zurück.

Über diesen Vorgang habe ich viele Jahre lang nachgedacht, und gerade gibt es neue Erkenntnisse. Wir alle wissen, dass unser Selbst aus einer Reihe von Erzählungen besteht. Unser ganzes Leben ist eine einzige große Erzählung, und die beginnt lange vor uns in dem, was unsere Eltern über uns erzählen. Wir brauchen diese große Erzählung sehr, dieses Narrativ unseres Lebens. Wir brauchen die Kohärenz, die damit einhergeht, mehr als wahre Berichte über einzelne Ereignisse. Also, es gibt dieses Narrativ, und das verändern wir im Laufe unseres Lebens oder passen es an. Das ist nicht immer eine bewusste Entscheidung. Wenn unser Narrativ zu klein wird, dann akzeptieren wir das oft, obwohl wir wissen, dass wir eigentlich wachsen und ein anderes Leben führen sollten! Dieser Zwiespalt ist genau der innere Dialog, zu dem ich meine Leser einladen will. Lasst uns gemeinsam darüber nachdenken! Das Potenzial unseres Wachstums liegt nicht nur in der Kunst, sondern hauptsächlich und vor allem in unserem Leben.

Für diesen Prozess habe ich mich sozusagen als Versuchskaninchen zur Verfügung gestellt. Ich erschaffe Ihnen eine Figur, wir nennen sie Nicole. Wir machen aus ihr eine Autorin, genauso wie ich eine bin; und genau wie ich lebt sie in Brooklyn und ist Mutter zweier Söhne. Das, was Nicole dann im Rahmen meiner Fiktion erlebt, ist ziemlich surreal. Die Ereignisse in meinem Roman sind auf keinen Fall autobiografisch. Das, was Nicole erlebt, ist nicht glaubhaft. Aber ihr Wachstum und die Veränderungspotentiale sind wahrhaftig. Damit verbinde ich die Hoffnung, dass sich auch für die Leserin die Erzählung ihres eigenen Lebens verändert.

"Ich kann mir kaum vorstellen, ohne wirkmächtige Orte zu leben"

Lieske: Die Nicole aus Tinte befindet sich gerade an einem Punkt in ihrem Leben, an dem es nicht so gut läuft. Zu allem, was privat nicht gut läuft, hat sie auch noch eine Schreibkrise, und sie macht sich Gedanken über Struktur und Chaos. Nicole aus Brooklyn vertauscht den heimischen Schreibtisch mit einem Zimmer in Hilton in Tel Aviv. Wer unserer Unterhaltung bis hierher gefolgt ist, kann sich denken, das auch Jules Epstein dort auftauchen wird. Dieses Hotel wirkt selbst fast wie eine Figur in Ihrem Roman. Sie beschäftigen sich sehr damit, wie funktioniert dieses Hotel? Was hat der Mann an der Rezeption zu sagen? Was sagt uns die Architektur? Erzählen Sie mir etwas über die Bedeutung von Orten und von Plätzen in ihrem Schaffen.

Krauss: Ich kann mir kaum vorstellen, ohne wirkmächtige Orte zu leben. Das Hilton in Tel Aviv ist ein solcher Ort für mich, er hat seinen festen Platz in meinem Kopf. Als ich Waldes Dunkel geschrieben habe, kreisten meine Gedanken darum, wie sehr die Form uns führt, wenn wir versuchen ein Kunstwerk zu schaffen, und um das dringende Bedürfnis, genau diese Form zu durchbrechen. Ich brauchte für diesen Vorgang eine sehr imposante äußere Form. Das Hilton Tel Aviv hat für mich wegen  bestimmter Erlebnisse, die ich dort als Kind gehabt habe, eine fast mythische Qualität. Es hat eine sehr reale Dimension und zugleich ist es für mich ein Gebäude, welches dazu beiträgt, meine Realität zu krümmen. Für mich war das Hilton der perfekte Ort, um diesen Roman zu beginnen. Ich habe alles aufgeschrieben, was mich am Hilton interessiert hat, und meine Erzählung nahm ihren Lauf.

Lieske: Im Hilton haben Jules Epstein und Nicole parallele Erlebnisse. Beide treffen einen Fremden. Nicole einen Literaturwissenschaftler und Jules Epstein einen Rabbi. Beide bringen sie von ihrem ursprünglichen Vorhaben ab, locken Sie auf eine Reise, das ist der Ruf, dem beide folgen müssen. Man kann das Ergebnis dieser Reise als eine Art zielführenden Irrweg beschreiben. Unterwegs tauchen auch das Thema und das Motiv des Waldes wieder auf.  Mich erinnert das sehr an Doppelgängerromane.  Was bedeutet Ihnen denn das Doppelgängermotiv, das Doppelgängerthema?

Krauss: Das ist eher das Ergebnis einer intuitiven Arbeit. Ich habe mich nicht bewusst darum bemüht, das Doppelgängermotiv umzusetzen. Natürlich wollte ich bestimmte Ideen und Gefühle von zwei Seiten aus beleuchten. Ich wusste immer, wie und wann Epsteins Leben ein Echo und eine leichte Verschiebung der Dinge darstellt, die Nicole gerade erfährt. Nicole ihrerseits bietet eine neue Ansicht von Epsteins Leben. Jeder bleibt für sich, und trotzdem können sie ohne den jeweils anderen nicht existieren. Mit diesen Bezügen habe ich gespielt. Und dann hat sich wie von selbst jeweils noch eine weitere Figur eingestellt, die die anderen führt. Das ist der Rabbi Klausner für Epstein und es ist Eliezer Friedman für Nicole. Friedman ist ein Literaturprofessor, vielleicht ist er auch ein ehemaliger Mossadagent, vielleicht ist er nichts von beidem. Das passt nun alles wieder sehr gut zu Dante, der ja von Virgo geführt wird. Jede dieser Führerfiguren bringt einen der Protagonisten ab von seinem Weg, und führt ihn zugleich ins Herz der eigenen Bedürfnisse.

Lieske: Ihre Romane sind hoch konstruierte Gebilde. Dennoch, wenn man ihnen so zuhört, dann bekommt man den Eindruck, dass Inspiration und der Zufall während des Schaffensprozesses eine große Rolle spielen. Erklären Sie mir, wie geht beides zusammen?

Krauss: Das wird für immer zu mir und zu meinem Schreiben gehören. Ich bin schon oft gebeten worden, es zu erklären, und ich habe es noch nie zu einer satisfaktionsfähigen Antwort gebracht. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ich noch nie einen Roman geschrieben habe, bei dem ich von Anfang an wusste, wohin er mich führt. Meine Romane dienen der Suche und den Fragen. Ich wäre zu Tode gelangweilt, wenn ich von Anfang an wüsste, was in meinem Roman passiert. Trotzdem prüfe ich am Ende jeden einzelnen Satz, ich drehe und wende ihn, bis er sitzt. Meine Sätze sind nicht dazu da, irgendwelche luftigen Inspirationen zu channeln. Also, ich schreibe meine Bücher ohne einen Plan, aber unterwegs höre ich genau hin, was das jeweilige Buch braucht. Das Buch entwickelt sich mit meinen Gedanken. Jedes Kapitel steht dort, wo es entstanden ist;  ich vertausche oder verdrehe am Ende nichts. Und genau daher mag der Eindruck kommen, dass man sich in einer hoch konstruierten Umgebung befindet. Jeder einzelne Rhythmus, jedes Echo folgt dem nächsten. Das ist meine Art zu schreiben, es geht für mich nur so.

"Schon seit meiner Kindheit habe ich diese Vorstellung, dass Franz Kafka irgendwie zu meiner Familie gehört"

Lieske: In der Literatur über sie steht immer, dass Sie von den literarischen Avantgarde 20. Jahrhunderts beeinflusst seien. Namen, die dann fallen sind Joseph Brodsky, Rainer Maria Rilke, Zbigniew Herbert, Jorge Luis Borges, Franz Kafka. Ist das so und stimmen diese Namen? Ist die Liste komplett?

Krauss: Die Liste ist nicht komplett, sie wächst ständig, für jede neue Erfahrung brauche ich eine neue Droge in meinem Lektürekanon. Manchmal wundert man sich darüber, welche Autoren zu einem bestimmten Zeitpunkt von Bedeutung sind und dann im nächsten Roman auftauchen. Ich habe mir jedenfalls nicht vorstellen können, dass Franz Kafka eine solche zentrale Figur werden könnte, er ist fast so etwas wie ein wegweisender Geist für meinen Roman Waldes Dunkel. Aber schon sehr lange, schon seit meiner Kindheit habe ich diese Vorstellung, dass Franz Kafka irgendwie zu meiner Familie gehört. Er ist so etwas wie ein entfernter Onkel. Noch bevor ich etwas von ihm gelesen hatte, war mir sein Name vertraut. Dann habe ich seine Werke gelesen und ich habe verstanden, dass er derjenige ist, der Wege eröffnet, die es vorher nicht gab. Mich hat überrascht, wie wichtig er für meinen Roman geworden ist.

Lieske: Bevor wir zu Kafka kommen, über den ich auf jeden Fall mit Ihnen sprechen will, möchte ich ihre Aufmerksamkeit auf die Tatsache lenken, dass sie besonders von europäischen Autoren beeinflusst sind. Warum stehen Sie in dieser europäischen Tradition des Schreibens?

Krauss: Ja, der literarische Ton und die Textur, die für mich bislang besonders wichtig waren, kommen nicht aus Amerika. Diese Bücher wurden in einer anderen Sprache als dem Englischen geschrieben. Das ist nicht so leicht zu erklären. Es mag etwas damit zu tun haben, dass ich zwar in Amerika aufgewachsen bin, dass meine Familie mich aber nie hat glauben lassen, dass Amerika eine Heimat oder ein Ort von Dauer sein würde. Alle meine Großeltern kommen aus Europa. Der Ort, an dem ich Kind war, stand nicht unbedingt für die Person, die ich dort war. Meine Lieblingslektüre ging immer in die Ferne.

"Wenn man in der Diaspora aufwächst, ist man immer in einem Zwischenreich"

Lieske: Das ist die Idee, dass Literatur im Bestandteil der Diaspora ist?

Krauss: Ja, und das, was die Literatur der Diaspora antreibt, ist genau jene innere Flexibilität, die dann entsteht, wenn man nicht fest verwurzelt ist. Die Imagination ist ständig auf Wanderschaft. Sie haben wahrscheinlich bemerkt, dass es in meinem Roman auch darum geht, wie man zur gleichen Zeit an zwei Orten sein kann. Das war für mich eine zentrale Idee beim Schreiben. Wenn man in der Diaspora aufwächst, ist man immer in einem Zwischenreich. Man lernt, sowohl hier als auch dort zu sein. Dieses Thema wollte ich in meinem Roman aufgreifen.

Lieske: Man könnte ja auch argumentieren, dass die Literatur justament jenes Medium ist, das ein solches Multiversum, wie sie es eben beschrieben haben, ermöglicht.

Krauss: Ganz bestimmt. Viele von uns haben das Gefühl, dass ein Leben nicht ausreicht. Wenn man liest, hat man schon entschieden, dass ein Leben nicht genug ist. Man greift zum Buch, um sich ein anderes Leben zu ermöglichen. Mein ganzes Leben lang hat mich dieses Gefühl begleitet, dass mein Leben, das ich hier und jetzt führe, genauso gut an einen anderen Ort hätte stattfinden können.

Lieske: Lassen Sie uns über Kafka sprechen. Ich unterstelle Ihnen hier sogar ein Talent, obwohl sie komplexe und gewichtige Romane schreiben, ich unterstelle Ihnen ein Talent auch zur Komödie. Es taucht in ihrem Roman ein Koffer auf mit Papieren, die zu Franz Kafka gehören. Diesen Koffer gab es wirklich, er kommt aus dem Nachlass, und um diesen Koffer gab es erhebliche Diskussionen  zwischen Israel und Deutschland. Dieser Koffer ist jetzt gelandet in der israelischen Nationalbibliothek. Ich vermute, diese Debatte lief, während Sie ihren Roman geschrieben haben?

Krauss: Ja, um diesen Koffer wurde fast acht Jahre lang in Israel prozessiert. Und erst als ich fertig war, kam dieser Prozess vor dem Obersten Gericht zum Abschluss. Wenn ich in der Zeit in Tel Aviv war, bin ich durch die Spinoza Street gelaufen, habe vor dem Haus gestanden, wo die letzten unveröffentlichten Papiere von Kafka und Max Brod ja herumlagen. Ich habe mir die vergitterten Fenster angeschaut und die Pisse von gut 40 Katzen gerochen, die in diesem Zimmer waren. Ich habe dabei an ein Gefängnis gedacht. Aber, sind wir es nun, die im Gefängnis sind, weil wir nicht an die Papiere rankommen, oder war dies Kafkas Gefängnis? Je länger ich über ein Gefängnis nachdachte, umso mehr schlich sich auch der gegenteilige Gedanke ein, der an eine Flucht. Kafkas Geschichte ist ja über Max Brod zu uns gekommen. Brod war ja nicht nur Kafkas Herausgeber und sein Nachlassverwalter, er hat auch seine Biografie geschrieben. Brod hat entschieden, welches Bild wir von Kafka in Zukunft haben würden. Kafkas Leben war ein Leben in Gefangenschaft, er konnte sich nie von seinem übermächtigen Vater befreien, er konnte auch nicht gänzlich in die Literatur flüchten, weil er immer arbeiten musste. Und dann eines Tages war ich auf Recherche in der Wüste. Dabei kam mir die Eingebung, dass Kafka sich doch befreit hat, er ist nicht 1924 in Europa gestorben, er ist hierher gekommen, nach Palästina. Ich wollte eine andere, vielleicht wahrhaftigere Geschichte davon erzählen, wer Kafka wirklich gewesen war.

Lieske: Das Verwirrspiel, das sie dann starten, überlassen wir der Lektüre unserer Zuhörer. Ich würde mir von Ihnen gerne noch eine Meinung einholen zu dem Gerichtsverfahren, in dem es um Kafkas Nachlass ging.  Es ging unter anderem damals in Israel darum, ob er jetzt ein deutscher oder ein jüdischer Autor sei; ob die Papiere nach Marbach gehörten, oder nach Israel. Das mutete wirklich absurd an, haben Sie dazu eine Meinung?

Krauss: Ich finde diese Frage nicht relevant. Die Kunst ist immer ein Geschenk, und wenn sie in der Welt ist, wenn ein Buch veröffentlicht ist, gehört sie niemandem mehr, auch nicht dem Künstler. Es tritt seinen Weg in die Welt an, und das, was dann passiert, hat mit dem Künstler nichts mehr zu tun. Dieser Streit darum, wem Kafka jetzt gehört, ist in jedem Fall absurd. Man kann ihn gar nicht besitzen. Es ist vor allem wichtig, dass sein Nachlass zu Studienzwecken öffentlich zugänglich ist. Aber wo genau diese Papiere jetzt liegen, ist für mich nicht von Bedeutung.

"Ich bin eine Autorin, die die Fassade von Israel kennt, aber ich kenne auch das Innenleben"

Lieske: Es gibt in diesem Zusammenhang einen Gedanken in Ihrem Roman, der mich sehr interessiert hat. Sie legen ihn dem Literaturwissenschaftler Eliezer Friedman in den Mund, nämlich, Zitat: Literatur könne niemals im Dienste des Zionismus stehen, da der Zionismus sich auf ein Ende gründe, ein Ende der Diaspora, der Vergangenheit des jüdischen Problems, während Literatur sich in der Sphäre des Endlosen bewege. Erklären Sie mir diesen Gedanken?

Krauss: Diese Idee taucht immer wieder auf, wenn es um den Anspruch Israels geht, der letzte, dauerhafte Ort zu sein in der langen, langen Geschichte des Judentums. Aber in der Literatur ist das anders. Ich bin der festen Überzeugung, dass man, wenn man schreibt, ständig damit beschäftigt ist, die Mauern der Endlichkeit einzureißen. Literatur führt uns ständig zu dem, was wir uns so sehr wünschen, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind: Es geht um einen Hauch von Unendlichkeit. Wenn sich Literatur in den Dienst einer Ideologie stellt, oder wenn sie einem Gedanken dienen will, der ein festes Ziel hat, dann gibt sie sich auf. Sie ist nicht mehr authentisch, es funktioniert einfach nicht. Ich glaube nicht, dass es einziges gutes Werk gibt, das einem ideologischen Gedanken dient, auf jeden Fall nicht dem Zionismus. Aber es gibt wundervolle Bücher, die davon berichten, welche inneren und äußeren Kämpfe es mit sich bringt, wenn man an einem Ort wie Israel lebt.

Lieske: Wie werden Ihre Romane in Israel rezipiert?

Krauss: (lacht) erstaunlich positiv, was mich immer wieder überrascht. Es passieren immer wieder erstaunliche Dinge, ich erzähle in meinem Roman von einer überschwänglichen Begegnung, die Nicole hat. Meine Romane erzählen davon, was es bedeutet, mit Israel in Kontakt zu stehen. Also Israel anzuschauen und zu versuchen, diese Land zu verstehen. Ich bin eine Autorin, die die Fassade von Israel kennt, aber ich kenne auch das Innenleben. Ich glaube, diese doppelte Perspektive wird sehr geschätzt.

Lieske: Dieser Roman nimmt, trotz Multiversum, trotz aller Probleme, wie auch ihre früheren Romane ein gutes Ende. Sind Sie eine Optimistin?

Krauss: (lacht) Das hängt davon ab, wie man Optimismus definiert. Aber es gibt in mir eine Resonanz für Spiritualität. Beim Schreiben interessiere ich mich nicht für das, was klein wird, was in sich zusammenfällt. Nicht für Traurigkeit, Erstarrung, Unbeweglichkeit. Mein eigener Geist führt mich immer zur Unendlichkeit. Es geht weniger um das glückliche oder das unglückliche Ende, sondern darum, dass dieser geistige Prozess sichtbar wird. Das ist mir wichtig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
 
 

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