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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenDer Antrieb menschlichen Handelns30.01.2014

NeurowissenschaftenDer Antrieb menschlichen Handelns

Was treibt Menschen im Kern an? Sind sie eher auf Konkurrenzverhalten geeicht oder ist auch der Kooperationswille fest in seiner Natur verankert? Volkswirtschaftler, Psychologen, Hirnforscher und Mediziner suchen mit modernen Untersuchungsmethoden fächerübergreifende Antworten auf diese Frage, die im Mittelpunkt einer Tagung an der Evangelischen Akademie im Rheinland stand.

Von Peter Leusch

Bernd Weber: "Ein sehr berühmtes Beispiel für Experimente stammt schon von vor einigen Jahrzehnten, das sogenannte Ultimatumspiel, wo zwei Menschen miteinander interagieren, und eine Person einen bestimmten Geldbetrag hat, den sie aufteilen muss zwischen sich und einer anderen Person. Und dann dieser zweiten Person ein Angebot machen kann, was dann zwischen einem und zehn Euro liegt, und sagt: Ich biete dir jetzt zwei Euro an und ich selbst behalte acht Euro. Und die zweite Person kann dann sagen: Ja, ich nehme das an, dann bekommt sie zwei Euro und ich behalte acht Euro. Wenn sie nein sagt, dann bekommen beide nichts."

Bernd Weber, Neurowissenschaftler an der Universität Bonn, erläutert ein Spielexperiment, das von der Verhaltensforschung in den 80er-Jahren entwickelt wurde, um die Motive menschlichen Handelns zu testen. Wenn man nämlich dem Menschen ausschließlich rationales Streben nach dem größten Nutzen unterstellt, also rein ökonomisches Kalkül, so müsste die erste Person einen möglichst hohen Anteil der zehn Euro für sich behalten, die zweite wiederum jeden noch so kleinen Betrag akzeptieren, um nicht bei einer Ablehnung völlig leer auszugehen. So ist es aber nicht, erklärt Frank Vogelsang, Theologe, Philosoph und Direktor der Evangelischen Akademie in Rheinland:

"Tatsächlich verhalten sich die Menschen anders, und das ist kulturell bedingt, im europäischen Verhältnissen ist das so, dass man bei etwa 40 Prozent übereinkommt, also wenn der zweite Spieler 40 Prozent bekommt, dann sagt er: Gut ich nehme es an, und dann bekommt er auch 40 Prozent, und der erste Spieler darf 60 Prozent behalten. Wenn der erste Spieler wesentlich weniger anbieten würde, lehnt der zweite ab und beide bekommen nichts. Rein ökonomisch gedacht, wäre dieses Verhalten nicht darstellbar. Es ist also geprägt durch einen anderen Faktor, dieser andere Faktor ist zum Beispiel Fairness oder Gerechtigkeitsempfinden."

Bilder vom Denken

Menschliches Verhalten ist komplex. Es folgt verschiedenen Motiven, deren Gemengelage individuell, aber auch kulturell austariert ist. Die Ergebnisse solcher Tests sind im Prinzip schon länger bekannt. Neu ist hingegen, wie der Hirnforscher Bernd Weber und andere Wissenschaftler diese Experimente an der Universität Bonn aufgreifen. Dort wurde 2009 ein Zentrum für neurowissenschaftliche Erforschung ökonomischen Verhaltens (CEN) gegründet, wo Hirnforscher, Psychologen und Wirtschaftswissenschaftler ihre Methoden und Ansätze interdisziplinär verbinden. Beispielsweise wiederholt Bernd Weber das Ultimatumspiel, während gleichzeitig die Gehirnaktivitäten der Testpersonen mit bildgebenden Verfahren erfasst und gemessen werden:

"Man kann sich das so vorstellen, dass wir einen Probanden in den Kernspintomographen legen, der hat so eine Videobrille vor Augen, über die wir ihm dann die Experimente zeigen können und Antwortknöpfe in den Händen, über die er seine Antworten dann geben kann, und währenddessen messen wir die Aktivität im Gehirn. ... Und man fand da, dass bestimmte Regionen des Gehirns, nämlich im Bereich des Stirnhirns vorne damit zusammenhängen, ob man dieses Angebot jetzt als fair empfand oder nicht. Und je stärker die aktiv waren, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Angebot angenommen wurde."

Die neurowissenschaftlichen Studien bestätigen ein komplexes Menschenbild, indem sie nachweisen, wie unterschiedliche Hirnregionen, zum Beispiel die sogenannten Belohnungszentren aktiviert sind, wenn es um Fairness, wenn es um Einhaltung sozialer Normen geht.

Erkenntnisse der Psychologie werden auf diese Weise neurophysiologisch unterfüttert: Die Antriebe menschlichen Handelns sind äußerst komplex, weil neben rationalem Kalkül, moralische Einstellungen und Emotionen eine wichtige Rolle spielen. Das bedeutet aber, die ökonomische Theorie müsste revidiert werden. Denn in den Lehrbüchern steht immer noch über allem der Satz des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Milton Friedman: "Die einzige Verantwortung, die Unternehmen haben, ist, ihren Profit zu steigern." Rein ökonomisch betrachtet, scheint das auch vernünftig: Gewinne sichern den Fortbestand des Unternehmens, die Zukunft seiner Arbeitsplätze, Gewinne mehren den Reichtum der Aktienbesitzer ebenso wie die Steuereinnahmen des Gemeinwesens.

Kooperative Konkurrenz

Doch mit dieser einseitigen Ausrichtung auf Gewinnmaximierung und erfolgreiches Konkurrenzverhalten als Leitmotive fällt das moderne ökonomische Denken hinter seinen Begründer Adam Smith zurück, erklärt der Theologe und Sozialethiker Traugott Jähnichen von der Ruhr-Universität Bochum:

"Bei Adam Smith heißt das, jeder Mensch ist auch von dem Motiv der Sympathie geprägt, dass er sich in andere einfühlt und auch sein eigenes Verhalten daran misst, wie andere ihn bewerten könnten. Solche moralphilosophischen Überlegungen, die bei Smith und anderen aufweisbar sind, spielen in der modernen Ökonomie eine immer geringere Rolle."

Jähnichen beobachtet jedoch in jüngster Zeit ein Umdenken in der Unternehmensführung. Nicht überall sei die Rede von Kooperation und Verantwortung nur eine PR-Maßnahme. Gewinnstreben und Fairness, Konkurrenzdenken und Kooperationsbereitschaft, so Jähnichens These, lassen sich durchaus kombinieren:

"Die notwendige Bedingung ökonomischen Handelns ist sicherlich die Gewinnerzielung, Wirtschaft funktioniert dahingehend, dass man effizient, effektiv arbeitet und dann ein Nutzen und ein Gewinn für alle sichtbar wird, aber wie man Gewinnnutzen anstrebt, auf welche Weise man dies tut, ob eindimensional, rücksichtslos oder stärker in Kooperationsstrukturen mit auch einer Verantwortung für die soziale und die ökologische Umwelt, das macht einen großen Unterschied, und aus meiner Sicht ist es wesentlich, die Schnittmenge von Ethik und Erfolg zu vergrößern, und dass das geht, davon bin ich überzeugt."

Kann Hirnforschung den Menschen erklären?

Eigennutz und Gemeinwohlorientierung, Gerechtigkeitssinn, Vertrauen und Misstrauen, das alles spielt im menschlichen Verhalten eine Rolle und die Neurologie hat begonnen, diese Vielschichtigkeit durch die Lokalisierung unterschiedlicher Gehirnregionen zu bestätigen. Doch gleichzeitig sei hier das Missverständnis entstanden, kritisiert der Neuropsychologe Christian Hoppe von der Universität Bonn, dass die Hirnforschung den Menschen erklären könne:

"Meine Kernthese wäre: Aus der Hirnforschung lernt man vor allem etwas über das Gehirn, das ist eigentlich trivial, aber in der öffentlichen Diskussion der Hirnforschung hat man den Eindruck, man lernt dort etwas über den Menschen, man lernt etwas über die Wirklichkeit an und für sich, und man hat ganz grundlegende philosophische Antworten gefunden, das ist aus der Hirnforschung als solcher meiner Ansicht nach gar nicht möglich."

Wie das Spielexperiment verdeutlicht, stützt sich die Neurologie auf Konzepte, die sie der Philosophie oder der Psychologie entlehnt hat. Deshalb tauge sie nicht zur humanen Leitwissenschaft, werde aber von manchen in diesen Rang erhoben.

"Das zweite große Problem, was ich sehe, ist, dass man die Psychologie einträgt in das Gehirn, plötzlich macht das Gehirn Entscheidungen, plötzlich hat das Gehirn Lustempfindungen, plötzlich hat das Gehirn Wahrnehmungen, das sind alles keine physiologischen Termini, im Hirn finde ich Nervenzellen, Dendriten, finde ich Neurotransmitter, finde ich Elektrophysiologie usw. dort sind keine Entscheidungen, keine Lust, keine Wahrnehmung, denn das sind psychologische Kategorien, die man nicht unzulässig und kurzschlüssig eintragen kann in das Gehirn."

Neurowissenschaftler wie Bernd Weber sprechen denn auch vorsichtig davon, dass geistige Akte mit bestimmten Hirnaktivitäten korrelieren, also in Beziehung stehen. Natürlich sind Gedanken und Gefühle auf materielle Träger im Gehirn angewiesen. Aber Gehirn und Geist sind kategorial völlig verschieden, andernfalls wären wir Biocomputer. Frank Vogelsang:

"Ich würde immer dafür plädieren, dass Gedanken natürlich mit Gehirnaktivitäten korrelieren. Aber Gedanken sind sozusagen nicht das Produkt einer Fabrik mit Namen Gehirn, das ist auch philosophisch ein nicht haltbarer Weg, sie so zu vereinfachen: ... Gedanken sind nicht Produkte wie Schuhe die Produkte einer Schuhfirma sind, sondern Gedanken sind eigenständige Weisen, wie wir wahrnehmen, wenn wir denken, und nicht auf andere Weise."

Die Kritik richtet sich also nicht gegen die neurologische Erforschung menschlichen Verhaltens an sich, wohl aber gegen die Überhöhung der Hirnforschung zur neuen humanen Leitwissenschaft. Und in der Diskussion bewegte die Tagungsteilnehmer die Frage, ob die Erkenntnisse der Hirnforschung zur Manipulation menschlichen Verhaltens missbraucht werden könnten. Traugott Jähnichen sieht diese Gefahr, zumindest vorerst nicht:

"Es gibt nicht die Möglichkeiten, bestimmte Gehirnareale stillzulegen oder zu stimulieren, es gibt ja auch nicht die Möglichkeit von Unternehmen, dass man den Mitarbeitern Hormone oder anderes gibt, um sie sozusagen in bestimmten Gehirnfunktionen zu aktivieren, - all das wären ja neurowissenschaftliche Eingriffe, die menschliches Verhalten ändern, weil dies im Alltagsverhalten und auch im ökonomischen Verhalten aus meiner Sicht erstens ethisch problematisch und unakzeptabel wäre, und zweitens auch nicht ansteht, glaube ich auch nicht an eine unmittelbare Anwendung: Die Neuerungswissenschaft wird uns aber sicherlich helfen, dadurch dass sie das Gehirn besser versteht, Voraussetzungen und Grundlagen des menschlichen Verhaltens komplexer analysieren zu können."

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