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StartseiteForschung aktuellKims Kalkül09.03.2018

Nordkoreas RaketenprogrammKims Kalkül

Dass das kommunistische Regime über Interkontinentalraketen verfügt, ist sicher. Ob sogar mit Atomsprengköpfen, die den USA und Europa gefährlich werden könnten, weiß man hingegen nicht. Experten sind außerdem skeptisch, wie hoch die Eigenleistung nordkoreanischer Raketeningenieure in beiden Fällen einzustufen ist.

Von Ralf Krauter

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Kim Jong Un beobachtet einen Raketentest (imago)
Zweifel bestehen, ob die nordkoreanischen Raketen eine Eigenentwicklung sind (imago)
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Für Kim Jong Un hätte es 2017 kaum besser laufen können. Im Monatstakt präsentierte Nordkoreas Herrscher der Welt stolz neue Waffentechnologien. Seine Botschaft: Wenn ihr uns angreift, schlagen wir zurück. Und zwar heftig, mit Nuklearwaffen und Interkontinentalraketen. Seine erste Atombombe hat Nordkorea schon 2006 gezündet – und beim letzten Test im September 2017 womöglich erstmals eine komplexere Wasserstoffbombe. Und spätestens seit dem sechsten erfolgreichen Raketentest im vergangenen Jahr, ist unstrittig, dass Nordkorea Interkontinentalraketen hat, die ihre tödliche Fracht an jeden Punkt der Erde tragen könnten. Der Raketenexperte Markus Schiller vom Beratungsunternehmen ST-Analytics aus München bezweifelt allerdings, dass Kims Ingenieure das alles aus eigener Kraft geschafft haben.

"Die Expertise Nordkoreas in den Raketen halte ich für eher niedrig. Denn was man hat und was man kann, das darf man nicht verwechseln miteinander. Also es gibt ja da die Abkürzung, wenn man solche Waffen haben will, dass man dann diese sich auf einem anderen Weg besorgt, oder sich die Teile oder die Expertise dafür besorgt. Und dann ist das sozusagen nicht alles auf dem eigenen Mist gewachsen, aber man hat es. Und bei Nordkorea scheint genau das der Fall zu sein."

Rückgriff auf sowjetisches und chinesisches Raketendesign

Markus Schiller hat sich durch Bildmaterial und historische Unterlagen gewühlt, um herauszufinden, wo Nordkorea auf fremdes Knowhow zurück gegriffen hat. Und er wurde fündig. Bei den beiden Triebwerken der Interkontinentalrakete Hwasong-15 handelt es sich offenbar um Raketenmotoren vom Typ RD-250, entwickelt im Moskau der 1960er Jahre. Design, Leistungsparameter und die charakteristischen Treibstoffpumpen sind identisch. Und das Äußere der Langstreckenrakete ähnelt frappierend der frühen sowjetischen Interkontinentalrakete R-37.

"Also es sieht alles sehr verblüffend ähnlich wie die alte Sowjettechnologie aus, was die Flüssigkeitsraketen angeht. Bei den Feststoffraketen haben wir Parallelen gefunden zu chinesischen Technologien. Aber das heißt nicht automatisch, dass das aus diesen Ländern und gedeckt durch diese Länder kommen muss. China zum Beispiel hat auch in andere Länder seine Technik weiter verbreitet. Und diese anderen Länder könnten dann wiederum die Basis, der Samen gewesen sein, aus denen diese Technologien nach Nordkorea gegangen sind."

Dass Nordkorea bewährte Technik verwendet, würde auch erklären, warum es kaum Rückschläge zu verzeichnen hatte - obwohl 2017 gleich mehrere angeblich völlig neue Raketentypen zum Erstflug abhoben. Von der Scud-basierten Mittelstreckenrakete KN-18 über die der sowjetischen SS-20 ähnelnde Hwasong-14 mit rund 6500 Kilometern Reichweite bis zur Interkontinentalrakete Hwasong-15.

"Die großen Sprünge, die man beobachtet hat in Nordkorea, die sind aus keinem anderen Land so bekannt. Aber man muss sich fragen, ob da nicht fremde Hilfe im Spiel gewesen sein muss, damit diese Erfolge so schnell kommen konnten."

Abschreckungsstrategie wie aus dem Kalten Krieg

Ob Nordkorea nur Baupläne und Bauteile ins Land geschmuggelt hat oder vielleicht sogar komplette Raketen, etwa aus der zerfallenen Sowjetunion? Markus Schiller hält trotz Handelsembargo beides für denkbar. Und findet: Die unter Militärs umstrittenen Fragen, ob Kims Raketen im Ernstfall ihr Ziel treffen würden und ob sie vielleicht schon über funktionierende Atomsprengköpfe verfügen, sind letztlich irrelevant. Denn schon die winzigste Chance, dass beides der Fall sein könnte, verschafft Nordkorea eine günstige Ausgangsposition. Nicht für einen Krieg, aber für Verhandlungen.

"Ich glaube, dass alles, was wir in den letzten Jahren beobachtet haben, genau daraufhin gepolt war. Kim wollte ernst genommen werden, Nordkorea wollte ernst genommen werden. Sie hatten panische Angst, dass die USA einen Regimewechsel mit Gewalt anstreben und durchführen. Und die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, schien im wohl, gefährlich auszusehen. Ob das Ganze dann im Ernstfall auch funktioniert, ist völlig unwichtig. Weil wenn der Ernstfall mal kommt, ist auch dem Kim klar, dass er dann nicht mehr lange überleben wird. Das heißt, er entwickelt dieses ganze Zeug meiner Meinung nach nur, damit er es eben nicht einsetzen muss."

Eine Abschreckungsstrategie wie aus dem Kalten Krieg also. Demnach wäre Kims Raketenoffensive längst nicht so nachhaltig angelegt, wie der Diktator die Welt glauben machen will, sondern womöglich nur ein Strohfeuer. Sein Kalkül scheint dennoch aufzugehen: Nach vorsichtigen Annährungsversuchen während der Olympiade in Seoul soll es im April offizielle Gespräche zwischen den Präsidenten Nord- und Südkoreas beginnen – und spätestens im Mai will Donald Trump persönlich mit Kim Jong Un über den Atom-Konflikt verhandeln. Nordkoreas Diktator sicherte zu, erstmal keine Kernwaffen mehr zu testen. Und er kann sich sogar vorstellen, künftig auf Nuklearwaffen zu verzichten - sofern er sich und sein Land nicht mehr bedroht sieht.

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