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StartseiteInterview"An diesem Beruf ist momentan nichts mehr schön" 28.05.2018

Notstand in der Pflege"An diesem Beruf ist momentan nichts mehr schön"

Die ehemalige Krankenpflegerin Sarah Menna hat die geringe Wertschätzung für den Pflegeberuf kritisiert. Die Anforderungen würden in der Gesellschaft falsch kommuniziert und unterschätzt, sagte Menna im Dlf. Pflege werde mit Betreuung verwechselt. Die Politik müsse bessere Rahmenbedingungen schaffen.

Sarah Menna im Gespräch mit Sarah Zerback

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Ein Teilnehmer hält auf einer Demonstration für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflegebranche ein Schild mit der Aufschrift "Respekt für die Pflege" anlässlich des Bundesweiten Aktionstages "Tag der Pflege".  (dpa/ Gregor Fischer)
Demonstration für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege: Gesundheitsminister Jens Spahn werde Schwierigkeiten haben, den Vertrauensverlust unter Pflegekräften wiederherzustellen, meint Sarah Menna (dpa/ Gregor Fischer)
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Sarah Zerback: Dass die Pflege auf eine Katastrophe zusteuert, davor haben Experten schon vor etwa 15 Jahren gewarnt. Und trotzdem ist die Situation aktuell, wie sie ist: Dramatisch – vor allem, weil viel zu wenige Pflegekräfte sich um viel zu viele Menschen kümmern müssen und dafür zu wenig Geld und Anerkennung bekommen. Zumindest bei den ersten beiden Punkten will der Gesundheitsminister jetzt nachbessern: mit einem Sofortprogramm.

O-Ton Jens Spahn: "Wir wollen, dass es mehr Kollegen geben kann, dass wir die Selbstausbeutung, die es oft in der Pflege gibt, auch beenden, weil wir sie auf mehr Schultern verteilen. Und das macht es dann auch wieder attraktiver für andere, zurückzukehren in die Pflege oder die Stundenzahl zu erhöhen."

"Das ist Selbstausbeutung"

Zerback: Aber reichen die Maßnahmen, um den Beruf wieder attraktiv zu machen? Die Frage, die gebe ich direkt mal weiter an Sarah Menna. Sie hat selbst fast zehn Jahre in der Pflege gearbeitet, in einem Krankenhaus im Sauerland. Bis vor etwa einem halben Jahr, bis es ihr zu viel wurde. Seitdem twittert sie eifrig gegen die aktuellen Arbeitsbedingungen an. Guten Morgen, Frau Menna!

Sarah Menna: Hallo.

Zerback: Jetzt haben wir gerade gehört, der Gesundheitsminister, der will die Selbstausbeutung in der Pflege stoppen, wie er sagt. Trifft es das? Ist das Selbstausbeutung?

Menna: Es ist auf jeden Fall sich ausbeuten lassen. Und die Leute, die damit aufhören, die machen das, indem sie die Pflege verlassen. Aber die Leute, die da weiter arbeiten, in der Regel zu Bedingungen – ja, das ist Selbstausbeutung.

Zerback: Das kennen Sie ja selber. Sie waren fast zehn Jahre in dem Beruf. Wie muss man sich denn da so einen typischen Arbeitstag oder vor allem eine Nachtschicht – Sie haben ja viel Nachtschicht gearbeitet im Krankenhaus -, wie muss man sich das vorstellen?

Menna: Standardmäßig sind ungefähr um die 36 Patienten auf einer Station, und das kann man sich ja vorstellen. Es ist eine Nachtschwester und 36 Patienten. Das ist ein bisschen viel. Die schlafen auch nicht immer alle und teilweise hat man auch frisch operierte Patienten dabei, schwerst pflegebedürftige Patienten, um die man sich kümmern muss, Neuzugänge, die aus dem OP kommen, etc. Und dann ist man die ganze Nacht damit beschäftigt zu entscheiden, was man weglässt und was jetzt wichtig ist, weil alles schafft man sowieso nicht.

"Flexibel zu jeder Tages- und Nachtzeit"

Zerback: Sie können das nachvollziehen? Sie haben sich selbst ausgebeutet oder ausbeuten lassen?

Menna: Ja. Ich habe zuletzt als Springer-Nachtwache gearbeitet. Ich habe dann quasi die ausgebeuteten Kollegen unterstützt. Das ist dann für die Psyche ein bisschen angenehmer, weil man, wenn man dann kommt, helfen kann und sonst nicht alleine arbeitet. Aber prinzipiell ja. Wer zu den aktuellen Bedingungen arbeitet, der beutet sich auf jeden Fall aus.

Zerback: Das halten ja viele auch nur eine gewisse Zeit durch. Da sagt man im Schnitt, nach 7,5 Jahren, da verlassen viele die Pflege wieder. Sie haben die Pflege ja auch verlassen, haben vor einem halben Jahr im Krankenhaus aufgehört. Warum?

Menna: Ja, das ist ziemlich einfach. Ich bin einfach nicht mehr bereit, dass mein ganzes Privatleben sich dem Job unterordnet. Die Arbeitgeber, für die ich gearbeitet habe, haben das allesamt verlangt, dass man flexibel zu jeder Tages- und Nachtzeit, wenn angerufen wird, arbeiten kommt. Und das bin ich nicht bereit zu liefern. Ich möchte auch Zeit mit meiner Familie haben und auch planbare Zeit mit meiner Familie.

Zerback: Was müsste denn passieren, damit Sie sagen, ich komme wieder zurück in diesen Job?

Menna: Es fängt an mit der Wertschätzung. Ich bin kein Kostenfaktor und ich bin auch nicht flexibel zu verteilende Arbeitsmasse oder so, sondern Pflegekraft, und so möchte ich behandelt werden, auch von den Arbeitgebern. Ich möchte verlässliche Dienstpläne und geregelte Arbeitszeiten. Schichtdienst ist natürlich klar, aber dass ich weiß, wann ich arbeiten kann. Ich möchte nicht ständig Überstunden machen müssen und vor allem möchte ich auch zur Arbeit gehen, ohne im Hinterkopf zu haben, dass ich sowieso wieder überfordert bin, dass ich weiß, es sind wieder zu wenig Leute da, es sind wieder Arbeiten, die man wegfallen lassen muss, es ist eine Hetzerei, es ist keine professionelle Pflege mehr, sondern nur noch über die Station hetzen. Unter diesen Bedingungen möchte ich nicht arbeiten, das müsste sich auf jeden Fall ändern.

"Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen"

Zerback: Jetzt verfolgen Sie ja auch, was der Gesundheitsminister da so vorschlägt, und unter anderem sieht er vor, 13.000 neue Stellen zu schaffen in diesem Sofortprogramm. Ist das etwas, was Ihnen den Einstieg erleichtern würde?

Menna: Das Problem ist ja: Die 13.000 neuen Stellen, das ist auf jeden Fall nicht verkehrt. Das geht auch in die richtige Richtung, auch dass es finanziell abgesichert ist, diese Stellen, es die Arbeitgeber nichts zusätzlich kostet. Das Problem ist nur: Das liegt ja nicht nur an mir. Damit sich die Arbeitsbedingungen verändern, müssten die 13.000 Kollegen dann alle wieder zurückkommen oder aufstocken, und da sehe ich einfach, dass der Herr Spahn Schwierigkeiten haben wird, den Vertrauensverlust, den sowohl die Arbeitgeber als auch die Politiker erlitten haben bei meinen Kollegen, die den Job verlassen haben, mal eben wieder aufzubauen. Ich denke, die glauben das einfach nicht, dass das sich kurzum positiv ändert. Und wenn ich jetzt alleine dann morgen wieder anfange, dann stehe ich ja wieder auf so einer leeren Station. Das heißt, es wird schwierig, die Leute davon wirklich zu überzeugen, deswegen zurückzukommen.

Zerback: Was glauben Sie, was würde helfen?

Menna: Es muss alles zusammengreifen. Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen. Dazu gehört auch eine pflegewissenschaftlich fundierte Personalbemessung, die auch eingehalten und kontrolliert wird, damit die Leute von vornherein wissen, dass sie nicht überfordert werden. Dann gehören auch Arbeitgeber dazu, die sich auch mal ihrerseits ein bisschen flexibel zeigen und nicht sämtliche Flexibilität nur von ihren Arbeitnehmern haben möchten. Und auch im Allgemeinen, was die Gesellschaft angeht, dass der Beruf adäquat wertgeschätzt wird. Dazu gehört natürlich auch eine entsprechende Bezahlung.

"Ich denke, dass der Beruf generell total verklärt ist"

Zerback: Was wäre denn ein Gehalt, das der Arbeitsbelastung angemessen ist?

Menna: Ich wäre schon froh, wenn die Zulagen, die wir mittlerweile verdienen für Nacht, Spät, Feiertage etc., wenn die einfach zum Grundlohn dazugezählt würden, weil das auch relevant ist für Elterngeld und Krankengeld, Arbeitslosengeld etc. Dann sähe das schon ganz anders aus, weil wenn man dann für eine 0,7-Stelle mit quasi unter tausend Euro nachhause geht, dann fragt man sich auch, wozu man das noch macht. Oder wenn in der Altenpflege teilweise nur zwei Euro überm Pflegemindestlohn gezahlt werden für Fachkräfte, dann ist der Anreiz nicht besonders groß, diesen Beruf weiter auszuüben.

Zerback: Was glauben Sie denn, woran liegt das, dass aus der Politik und aber auch aus der Gesellschaft so wenig Wertschätzung, wie Sie sagen, kommt gegenüber Ihrem Beruf?

Menna: Ich denke, dass der Beruf einfach generell total verklärt ist. Das merkt man auch schon in der Kommunikation. Man hört immer, wir sind stille Helden des Alltags oder so was. Ich möchte kein Held sein; ich möchte meinem Beruf nachgehen, und zwar meinem professionellen Beruf, und das nicht aus altruistischen Gründen, sondern ich möchte Geld dafür verdienen und auch Wertschätzung dafür empfangen. Es ist immer noch so, dass viele Menschen meinen, dass Pflege einfach jeder kann. Die Leute verwechseln immer Pflege mit Betreuung und meinen, sie sind alles Pflegekräfte, weil sie schon mal der Oma ein Brot geschmiert haben, und es ist ja doch schon ein bisschen mehr in unserem Beruf. Das sehen die Leute aber nicht. Die Leute sehen uns beim Kaffee austeilen und beim Brote schmieren oder beim Wässerchen bringen und meinen dann, das wäre Pflege. Das geht aber weit darüber hinaus und die Leute verstehen einfach nicht, dass das ein professioneller Beruf ist.

Zerback: Da gibt es jetzt auch Vorschläge aus der Politik zu sagen, okay, diesem massiven Pflegenotstand, dem Personalmangel, dem können wir begegnen, indem wir zum Beispiel Menschen in den Beruf holen, die bisher damit nichts zu tun haben, also weiterbilden, oder die Idee, zum Beispiel auch Flüchtlinge in dem Beruf zu integrieren. Was halten Sie davon?

Menna: Ganz ehrlich? – Bei solchen Vorschlägen platzt mir der Kragen, weil ich habe jetzt schon so viele Vorschläge gehört, von Prostituierte in die Pflege über Schlecker-Frauen bis zu ehemaligen Gefangenen zur Resozialisierung, und jetzt Flüchtlinge mit massiver Sprachbarriere. Niemand hat was dagegen, wenn Flüchtlinge im Endeffekt irgendwann in der Pflege arbeiten. Aber dann muss natürlich erst mal die Allgemeinbildung her, die Sprache muss stimmen, der Abschluss muss stimmen, dass ich überhaupt diese Ausbildung machen kann. Da fängt das ja schon an. Da sieht man in der Politik, wie wir wertgeschätzt werden, nämlich gar nicht. Schulverweigerer oder sonst wer, die sollen alle in die Pflege. Was ist das denn für eine Aussage? Was sagt das über unseren Beruf aus, wenn jeder, der irgendwie auf seinem Weg gescheitert ist, Schwierigkeiten, Defizite oder irgendwas hat, in die Pflege gehen soll? Dann braucht man sich nicht mehr wundern, dass wir nicht für voll genommen werden.

"Wir sollen unseren Beruf schönreden"

Zerback: Das ärgert Sie ja schon eine ganze Weile. Sie haben sich Anfang des Jahres auf Twitter mit dem CDU-Politiker Erwin Rüddel angelegt. Der hatte zuvor sinngemäß geschrieben, dass der Pflegenotstand schon bald Geschichte sei, wenn Pflegekräfte einfach mal positiver über ihren Beruf berichten würden. Sie haben dann einen Hashtag "#twitternwierueddel" ins Leben gerufen, und unter dem haben sich dann tausende Pflegekräfte mit ganz anderen Erfahrungen gemeldet. Was hat Sie daran so geärgert?

Menna: Ich fand es einfach unglaublich dreist, uns dafür auch noch die Schuld zu geben. Wir sollen unseren Beruf schönreden und damit ist alles wieder gut. – An diesem Beruf ist momentan nichts mehr schön und weil so lange nicht darüber geredet worden ist, ist es immer schlimmer geworden. Jetzt reden die Leute darüber und jetzt möchte Herr Rüddel uns einen Maulkorb verpassen, um weiter Leute in die Pflege zu locken, weil ja alles so wundervoll ist. Es ist nicht wundervoll und dementsprechend haben wir das dann über diesen Hashtag deutlich gemacht, auf eigentlich eher sarkastische und ironische Art und Weise. Scheinbar brannte das vielen unter den Nägeln, deswegen haben unglaublich viele plötzlich mitgemacht.

Zerback: Jetzt merken wir gerade, es gibt verstärkt Widerstand. Das Thema war vielleicht eine Weile unterbeleuchtet, aber es gibt Widerstand. In der Berliner Charité hat das angefangen, dass da auch gestreikt wurde für bessere Personalschlüssel. Das hat sich dann durchgezogen durch ganz Deutschland, durch viele Kliniken. Ist das das richtige Mittel?

Menna: Auf jeden Fall würde ich jeden Streik der Pflege unterstützen für bessere Arbeitsbedingungen, auch für mehr Geld. Allerdings sage ich auch immer wieder, dass wir an einem Punkt angekommen sind, wo wir eigentlich gar nicht mehr streiken müssten, weil es würde völlig reichen, wenn sich die Pflegekräfte morgen überlegen, wir machen alle Dienst nach Vorschrift, machen genau das, wofür wir bezahlt werden, springen nicht mehr ein, halten uns an Arbeitszeitgesetze, und dann haben wir binnen 24 Stunden eine Katastrophe und dann würde man uns auch ganz schnell zuhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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