Andruck - Das Magazin für Politische Literatur / Archiv /

 

Oberster Geschichtsschreiber Kubas

Fidel Castro: "Der strategische Sieg. Erinnerungen an die Revolution", Neues Leben Verlag

Von Volker Skierka

Der ehemalige kubanische Staatspräsident Fidel Castro
Der ehemalige kubanische Staatspräsident Fidel Castro (AP)

Unter dem Titel "Der strategische Sieg" hat der ehemalige Commandante Fidel Castro einen Erinnerungsband veröffentlicht. Darin befasst er sich auf mehr als 700 Seiten mit jener entscheidenden Phase des Guerillakampfes in der Sierra Maestra Mitte 1958, die ihm den Sieg einbrachte. Das überraschend unideologisch erzählte Heldenepos bezweckt vor allem, die Deutungshoheit über die Geschichte des Landes zu behalten.

Die armen Kubaner. Da hat ihnen ihr oberster Revolutionsführer und –wächter Fidel Castro ein Bildungssystem beschert, welches dazu geführt hat, dass ihr Land eine der niedrigsten Analphabetenquoten der Welt vorzuweisen hat. Und doch dürfen sie auch nach einem halben Jahrhundert, selbst im Zeitalter des Internets, immer noch nicht lesen und schreiben was sie wollen. Das ist nur dem abgedankten 86-jährigen "Máximo Líder" und seinem 81-jährigen Nachfolger und Bruder Raúl gestattet. Und seit er nichts mehr zu tun hat, schreibt der greise Caudillo manches von dem, was die Kubaner an Buchstaben konsumieren sollen, sogar selbst. Neuerdings hat er seinen Landsleuten und der Welt ein Opus Magnum über eines der stolzesten Kapitel seines turbulenten Lebens verordnet – als hätten die Kubaner keine anderen Sorgen, als sich jene alten Zeiten in Erinnerung zu rufen, in denen voller Hoffnung das begann, was zu den Ernüchterungen geführt hat, mit denen man heute kämpft und lebt. In seinem dicken Buch, welches passenderweise ungefähr so viel wiegt wie eine solide Mörsergranate, beschwört der Alte noch einmal den todesmutigen Heroismus seiner Guerillatruppe während der entscheidenden Wochen des zwei Jahre dauernden Kampfes gegen die Diktatur der US-Marionette Fulgencio Batistas. Zwischen Mai und August 1958, gelang es ihm mit nur 300 Männern - unter ihnen der asthmatische Argentinier Ernesto "Che" Guevara – sowie ein paar Frauen, in den zerklüfteten Urwäldern der Sierra Maestra binnen 75 Tagen ein Heer von 10.000 Batista-Soldaten, welches angerückt war, das Häuflein zu zermalmen, das Fürchten zu lehren und in die Flucht zu schlagen. Was Castro so erklärt:

"Der Feind kannte weder die Stimmung in unserem kleinen Heer noch die Fähigkeit, aus der Asche wieder aufzuerstehen."

Das Buch macht aber auch deutlich, dass seinen bisweilen ziemlich dilettantisch operierenden Kämpfern oftmals nur das schiere Glück zur Seite stand, beflügelt durch eine bedingungslose Identifikation mit der revolutionären Sache. Ihre Standhaftigkeit vermittelt auch eine Ahnung von dem legendären Charisma und dem taktischen Geschick, mit dem der damals knapp 32-jährige Großgrundbesitzersohn seine Truppe zusammenschweißte. Diese Fähigkeiten, gebündelt mit einer unerbittlichen Willen und hohen Intelligenz gaben ihm die Kraft, auch danach, fast ein halbes Jahrhundert lang als Caudillo diktatorisch die Zügel der Macht in der Hand zu behalten. Und mehr als vor dem Feind fürchteten sich Castros Leute schon damals vor seinen Wutausbrüchen. An einer Stelle schreibt er:

"… das Geringste, was ich Ihnen an den Kopf warf, war, dass ich sie als Rinderfresser beschimpfte, was eine sehr schwere Beleidigung darstellte. Ich wies sie an, zu ihren Stellungen zurückzukehren und den Feind dort auf keinen Fall passieren zu lassen. Und wer sich nicht daran hielt und sich in die Berge zurückzog, den würde ich persönlich mit einem MG Kaliber Fünfzig erwarten."

Freilich zeugt das Buch auch davon, dass heute, im Zeitalter der Satellitenortung und des Drohnenkrieges, diese Art revolutionären Kampfes nicht mehr auch nur die Chance eines Sieges hätte. Anfangs verfügten die Revolutionäre gerade einmal über 140 alte Karabiner und ein schweres Maschinengewehr. Penibel abgezählt teilte Castro seinen Männern die knappe Munition persönlich zu und verlangte später Rechenschaft über den Verbrauch. Erst nach und nach konnten die Revolutionäre ihr Arsenal mit erbeuteten Waffen auffüllen. In ihrer Not behalfen sie sich mit geschickt angelegten Hinterhalten aus selbst gebastelten, mehr Lärm, Angst und Schrecken als Tod und Zerstörung verbreitenden Sprengfallen sowie Kunststücken aus der Trickkiste der psychologischen Kriegsführung:

"Die Techniker von Radio Rebelde installierten in den wenigen Stunden vor dem Gefecht auf dem Gipfel des Sabicú in aller Eile einen der Lautsprecher des Senders mit Zusatzgeräten. Mit Strom versorgt wurden diese von einem transportablen, relativ kleinen Generator. So wollten wir von der Möglichkeit Gebrauch machen, den Feind einzuschüchtern und den Demoralisierungsprozess zu forcieren."

Nun ist es nicht so, dass dieses Kapitel Revolutionsgeschichte bisher unbekannt gewesen wäre. Im Gegenteil: Viele von Castros Kampfgefährten haben, wie Che Guevara oder später in Ungnade gefallene Gefährten wie Carlos Franqui, in Tagebüchern oder autobiografischen Schriften die Ereignisse jener insgesamt zwei Jahre in der Sierra Maestra von Ende 1956 bis Ende 1958 ebenfalls niedergeschrieben. Keiner hat jedoch bisher diese entscheidende "strategische" Phase so umfangreich mit "Herrschaftswissen" wie faksimilierten Dokumenten, Briefen, handschriftlichen Botschaften, Karten und Fotos unterfüttert. Der in aufwendigem Farbdruck präsentierte dokumentarische Anhang umfasst allein 270 Buchseiten. Das sachlich nüchtern und überraschend unideologisch erzählte Heldenepos ist wegen vieler Details zwar interessant und spannend, bietet jedoch keine neue Sicht der Ereignisse. Man fragt sich daher, was Fidel Castro zu diesem Zeitpunkt mit dem Buch bezweckt. Die Antwort ist: Es geht ihm einmal mehr darum, die Deutungshoheit über die Geschichte Kubas zu behalten. Im Einführungskapitel schreibt er:

"Nur jemand, der Führer und Chef jener unerfahrenen Truppe von Kämpfern war, kann sich für die präzise Geschichte jener 74 Kampftage verbürgen."

Aus dem Buch geht auch hervor, dass seine Feindschaft gegenüber den USA ursprünglich keine ideologische, sondern eine in der Geschichte Kubas wurzelnde nationalistische war.

Quelle ist jener oft zitierte, zornige, in dem Band abgedruckte Brief, den er an seine Gefährtin Celia Sánchez schrieb, als Batistas Streitkräfte amerikanische Bomben und Granaten, darunter Napalmgeschosse, über der Kampfzone abluden. Darin heisst es:

"Angesichts der Raketen, habe ich mir geschworen, dass die Amerikaner teuer für das, was sie tun, bezahlen werden.
Wenn dieser Krieg zu Ende ist, wird für mich ein viel längerer und größerer Krieg beginnen: der Krieg, den ich gegen sie führen werde. Ich bin mir darüber im Klaren, dass dies mein wahres Schicksal sein wird."


Daraus entstand die andauernde, irrationale David-und-Goliath-Beziehung zwischen Havanna und Washington. Diejenigen, die heute am meisten darunter leiden, sind vor allem die jungen Kubaner. Zumal, da Fidel Castro 2006 die Macht nicht an junge Hoffnungsträger abgab, sondern an eine Gerontokraten-Riege reformunwilliger Militärs aus den alten Tagen des "Strategischen Sieges". Ganz weit hinten im Osten Kubas, am Ortseingang der Stadt Baracoa, hatte vor einiger Zeit jemand ein altes Zitat des einstigen Comandante an eine Mauer gepinselt, welches das heutige strategische Dilemma seiner Revolution auf den Punkt bringt:

"Wenn die Jungen scheitern, scheitert alles."

Fidel Castro: Der strategische Sieg.
Erinnerungen an die Revolution.

Neues Leben Verlag. 704 Seiten. 29,95 Euro
ISBN: 978-3-355-01800-5

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Andruck

Datenspuren im NetzÜberwachung in der "digitalen Diktatur"

Überwachungskameras an einer Hauswand des Schleswig-Holsteinischen Landtags in Kiel.

Die Datenberge, die Unternehmen und Geheimdienste zusammentragen, sind immens. Diese Kontrolle führt in eine Diktatur, warnt der ehemalige Spiegel-Chef Stefan Aust. Zusammen mit dem stellvertretenden Stern-Chefredakteur Thomas Ammann hat er ein Buch geschrieben, das aufrüttelt.

Kursiv Blick auf instabile Gesellschaften

Sergej Lochthofen Erinnerungen an ein graues Land