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StartseiteGesichter Europas"Bei den Roten! Um Gottes willen!"14.10.2017

Österreich vor der Wahl (5/5)"Bei den Roten! Um Gottes willen!"

Die SPÖ hat bei der Bürgermeisterwahl vor zwei Jahren eine echte Schlappe erlitten. Seitdem sitzt die FPÖ im Rathaus. Julia Breitwieser steht trotzdem – oder gerade deshalb – auf dem Zentralmarkt und macht Wahlkampf für die Sozialdemokraten. Auch um die Politikverdrossenheit ein "bisserl zu verscheuchen".

Von Tom Schimmeck

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Julia Breitwieser und Mato Simunovic von der SPÖ in Wels in Österreich (Deutschlandradio/ Tom Schimmeck)
Julia Breitwieser ist Sozialdemokratin, seit sie 16 Jahre alt ist. Mit Mato Simunovic, SPÖ-Bezirksgeschäftsführer in Wels in Österreich, macht sie Wahlkampf auf dem Marktplatz. (Deutschlandradio/ Tom Schimmeck)
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"Guten Morgen! Darf ich Ihnen was mitgeben?"

"Ich bin die Julia Breitwieser und bin die Kandidatin für Wels-Land für den Nationalrat."

Sie will sich um die Jungen und deren Arbeitswelt kümmern. Wie ist sie politisch geworden, und rot?

"Ich hab mir das dann wirklich gegeben, dass ich mir jedes einzelne Wahlprogramm durchgelesen hab. Das hat lange gedauert, weil die haben alle so um die 200 Seiten. Und Mama war dann nicht so begeistert, weil ich so viele Druckerpatronen gebraucht hab für die ganzen Wahlprogramme. Und dann hab ich mir eine Plus- und Minus-Liste geschrieben, was mir entspricht, und so bin ich dann zur Sozialdemokratie gekommen."

Da war sie 16. Sie steht auf Papier. Sogar auf Bücher.

"Ja, so eine bin ich, genau."

Zur SPÖ, weil die Mama als Rabenmutter bezeichnet wurde

Julia Breitwieser stammt aus Bachmanning, einem sehr kleinen Ort, 20 Kilometer von Wels, zwischen Niederbauern und Oberschwaig.

"Das war, glaub ich, auch mit ein Grund, warum ich rot geworden bin. Weil meine Mama ist damals aus der Mütterrunde ausgeschlossen worden, weil sie arbeiten gegangen ist. Und dann als Rabenmutter bezeichnet worden."

Sie verteilt Kekse mit dem Bild von SPÖ-Kanzler Christian Kern und Handzettel mit dem kondensierten Programm.

"Da wird der Papa schon oft angeredet im Wirtshaus: Was tut denn die Tochter da, in der Politik? Bei den Roten! Um Gottes willen!'"

Arbeit, sagt Julia Breitwieser, sei ein großes Thema, weil viele die Folgen von Rationalisierung und Digitalisierung fürchteten.

"Vor allem für junge Menschen stellt das halt dann eine Herausforderung dar, wie man das eigene Leben finanzieren kann."

Ganz erholt haben sich die Welser Sozialdemokraten noch immer nicht von ihrem Machtverlust vor zwei Jahren. Die blaue FPÖ-Mehrheit fegte sie förmlich hinfort.

"Ja, das war kein schönes Erlebnis, muss ich zugeben, ja."

Magister Mato Simunovic ist SPÖ-Bezirksgeschäftsführer in Wels.

"Es sind viele Rote zu den Blauen rübergegangen, unzählige, zu viele, würde ich meinen."

Österreichs Kanzler Christian Kern während einer Pressekonferenz. (afp/ Peter Kohalmi)Österreichs Kanzler Christian Kern (afp/ Peter Kohalmi)

Koalition aus SPÖ und FPÖ längst kein Tabu mehr

Lange galt der SPÖ-Grundsatz: Nicht mit denen. Heute koalieren auch Sozialdemokraten mit den Rechtsnationalen. Die Kärntner waren 2004 die ersten, die Burgenländer folgten 2015. In diesem Sommer hat Parteichef und Kanzler Christian Kern die Öffnung der Bundes-SPÖ verkündet.

Zehn Schritte weiter die FPÖ. Ihre Wahlhelfer sind deutlich in der Überzahl. Auch Bürgermeister Rabl und Vize Kroiß schütteln emsig Hände. Der Andrang ist groß. Auch eine ältere Frau im Kopftuch greift zu:

"Mama nix verstehn deutsch."

Die "Freiheitliche Jugend" verteilt wieder blaue HC-Strache-Bärchen.

"Die sind ist der Renner. Die reißen sie uns aus den Händen. Unglaublich."

Dazu Kondome in quadratischen Pappen. Aufschrift: "Echte Patrioten sind um Längen voraus."

"Safety First". "Kann man immer brauchen!"

ORF-Fernsehton: "Nachdem die FPÖ in Umfragen monatelang auf Platz 1 gelegen ist, sieht es jetzt nach einem Kampf mit der SPÖ um Platz 2 aus."

ÖVP-Chef Sebastian Kurz plündert bei den Blauen

Wahlkampf auf der Zielgraden. Umfragen verheißen Österreich eine schwarz-blaue Mehrheit, nach vielen rot-schwarzer Großkoalitionen in Wien. Star der Auseinandersetzung ist der forsche Außenminister und ÖVP-Chef Sebastian Kurz, 31. Seiner "neuen" ÖVP hat Kurz den Beinamen "Bewegung" spendiert – und eine frische Farbe: türkis. Die ideologischen Vorratslager der Blauen plündert Kurz derart ungeniert, dass es selbst Andreas Rabl, FPÖ-Bürgermeister von Wels, irritiert:

"Insgesamt muss man aber feststellen, dass die ÖVP eigentlich fast alle Inhalte der FPÖ übernommen hat."

Seinen konservativen Kollegen in Europa rät Kurz, die Asyl-Politik Australiens zu kopieren, das Flüchtlinge auf entlegenen Inseln wegsperrt, unter katastrophalen Bedingungen." Kurz:

"Das ist nicht rechts, sondern das ist einfach richtig."

Markus, Bernhard und Raphael, 18-23 Jahre, unterstützen ÖVP-Kandidat Sebastian Kurz"Team Kurz": Markus, Bernhard und Raphael, 18-23 Jahre, unterstützen ÖVP-Kandidat Sebastian Kurz vor allem, weil ihnen der neue Stil gut gefalle.

"Team Kurz" mit Pop-up-Wahlkampfzentrale

Das "Team Kurz" hat sich in der Traungasse angesiedelt, gleich hinter der Brücke über den Mühlbach. Drei junge Burschen, Markus, Bernhard und Raphael, 18 bis 23 Jahre alt, sitzen an Laptops und rufen Leute an. Sie arbeiten den "Gesprächsleitfaden" ab. Er schlägt auf eine Tischklingel.

"Des is, wenn wir einen Erfolg zu vermelden haben. Einfach so zur Gaudi unter uns."

Eine Art Pop-Up-Wahlkampfzentrale. Die Jungs sind hochmotiviert, streifen ihre türkisfarbenen Jacken über – Aufschrift "Ich bin dabei" – und laufen zum Stadtplatz, bewaffnet mit Kugelschreiber und Handzetteln.

Einige Passanten nehmen die Präsente dankbar an, andere winken ab. Doch scheint es gar nicht so einfach zu sein, mit Menschen ein echtes Gespräch anzufangen. Selbst hier im gemütlichen Wels.

Da taucht der Bürgermeister Rabl auf, mit Entourage. Die Jungs grüßen brav.

Auf dem Zentralmarkt verteilt auch die junge Sozialdemokratin Julia Breitwieser noch immer ihre Handzettel und die süßen Kanzler-Kern-Kekse, lächelt sich durch die Menge. Sie sagt, auch sie spüre diese Skepsis, diesen Grundzweifel an Demokratie und Parteien, an "der Politik".

"Bei mir können sie die Argumente ja nicht bringen. Weil ich war ja noch nie in der Politik. Und dann fragen sie mich immer: Um Gottes Willen, Mädel, was willst denn Du in der Politik? Willst Du Dir das wirklich antun? Und dann sag ich: Ja, weil’s halt wichtig ist."

Sie setzt ihren tapfersten Blick auf.

"Ich bin jetzt da und ich werde mich für euch einsetzen und, ja: Ich werd’s besser machen. Und ich glaub, da kann ich persönlich ansetzen und dann diese Politikverdrossenheit vielleicht ein bisserl verscheuchen."

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