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StartseiteSport am WochenendeArbeitssklaven im Olympischen Dorf12.09.2015

Olympia 2016Arbeitssklaven im Olympischen Dorf

In Rio de Janeiro sollen beim Bau des zukünftigen Olympischen Dorfes Arbeiter ähnlich wie Sklaven behandelt worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt und entschied am Freitagabend, einen Prozess gegen das Baukonsortium und ein Subunternehmen zu eröffnen.

Von Carsten Upadek

Blick auf das Olympische Dorf in Rio (Deutschlandradio / Carsten Upadek)
Blick auf das Olympische Dorf in Rio (Deutschlandradio / Carsten Upadek)
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Bis August war José da Silva einer von tausenden Bauarbeitern, die am gigantischen Immobilien-Projekt "Ilha Pura" arbeiteten. Die luxuriöse Wohnanlage aus 31 Apartmentblöcken wird bei den Spielen nächstes Jahr als Olympisches Dorf dienen. In seiner eigenen abgelegenen Unterkunft aber schlief José auf einer alten Matratze zwischen Ratten und Dreck.

Letzte Woche ist er von Rio de Janeiro zurückgekehrt in seinen Heimatort in einem armen Landstrich 1500 Kilometer entfernt. Aber die Nächte in Rio sind noch sehr präsent, erzählt José am Telefon. "Nachts habe ich mich als das niedrigste Geschöpf auf der Welt gefühlt. Niedriger als jeder Hund. Als ein wertloses Vieh!"

Kakerlaken im Kühlschrank

José da Silva heißt eigentlich nicht José da Silva. Er bittet darum, seinen wirklichen Namen nicht zu nennen. Der 29-Jährige ist ein Arbeiter aus dem Inland des brasilianischen Bundesstaates Bahia. Dort lebt er mit seiner Mutter, seiner schwangeren Schwester, zwei weiteren Verwandten und einem Pflegekind, die er alle finanziell unterstützt.

Kakerlaken in den Unterkünften der Olympia-Bauarbeiter (MPT-RJ)Kakerlaken in den Unterkünften der Olympia-Bauarbeiter (MPT-RJ)Vor seiner Rückkehr Anfang September erstattete er mit zehn Kollegen Anzeige bei der Staatsanwaltschaft in Rio. Die sandte Mitarbeiter in die Arbeiterunterkunft, berichtet Staatsanwältin Guadalupe Couto: "Es war furchtbar! In der Wohnung gab es einen offenen Schacht in die Kanalisation. Der Geruch war unerträglich! Die Arbeiter schliefen mit Ratten und Kakerlaken. Sogar im Kühlschrank haben wir Kakerlaken gefunden. Weil sie den Geruch nicht ertrugen, schliefen die Arbeiter auch auf der Terrasse auf widrigen, dünnen Matratzen."

In der Wohnung lebten bis zu 21 Personen

Auch José. Er erzählt, die Leiharbeiter-Firma "Brasil Global Serviços" habe ihn Anfang 2015 angeworben, er sei mit geliehenem Geld nach Rio gekommen und in der beschriebenen Wohnung untergebracht worden. Platz hatte sie für zehn Leute. Zeitweise hätten sich dort aber bis zu 21 Bewohner aufgehalten.

Einige Zeit später habe man ihm und seinen Kollegen eine bessere Wohnung zur Verfügung gestellt. Aber aus der seien sie nach kurzer Zeit wieder herausgeworfen worden, weil die Firma Geld sparen wollte. "Der Verantwortliche hat es uns exakt so gesagt: Wir bezahlen Euch die Unterkunft nicht mehr. Ihr bekommt 300 Reais im Monat. Damit bezahlt Ihr selbst Euer Essen und Eure Unterkunft."

Extrastunden nicht bezahlt, Monatslöhne stehen noch aus

300 Reais pro Monat: das sind etwa 70 Euro - pro Tag also 2,30 Euro für Essen und Unterkunft. Der Arbeitslohn pro Monat betrug umgerechnet zwischen 325 und 450 Euro je Arbeiter. José schleppte Zementsäcke, verlegte Böden, putzte Fassaden, half dem Schreiner. Jeden Tag habe er 12, 13 Stunden gearbeitet, Montag bis Samstag. Seine Extrastunden bezahlte "Brasil Global Serviços" nicht.

Zum Zeitpunkt der Anzeige schuldet das Unternehmen jedem der elf Arbeiter zwischen 1400 und 1800 Euro, etwa vier Monatslöhne, berichtet Guadalupe Couto. Die Staatsanwältin sieht Konditionen "analog der Sklaverei" gegeben, wie es das brasilianische Gesetz unter Strafe stellt. "Das gilt, wenn man ohne Pause arbeitet, keine Rechte hat, die Unterkünfte inhuman sind. Wenn der Arbeiter eine Geisel seiner Situation ist, aus der er nicht heraus kommt."

Luxusapartments für die Oberschicht

"Brasil Global Serviços" stellte als Subunternehmen dem Konsortium "Ilha Pura" Leiharbeiter zur Verfügung. Das wiederum besteht aus zwei führenden brasilianischen Bauunternehmen: Odebrecht und Carvalho Hosken. Sie bauen das Wohnviertel im Westen von Rio de Janeiro im Luxusviertel Barra da Tijuca unweit des Olympiaparks. Nach den Spielen stehen die 3604 Wohnungen zum Verkauf. Geschätzter Gesamtwert: über eine Milliarde Euro.

Gerade erst hat der Besitzer des Bauunternehmens Carvalho Hosken in Brasilien für viel Polemik gesorgt. In einem Interview sagte er in Bezug auf das Luxusviertel, man sollte keine armen Menschen in die Siedlung lassen. "Ilha Pura"-Generaldirektor Maurício Cruz interpretiert die Aussage seines 91-jährigen Patriarchen auf den Standard der Wohnungen bezogen und damit auf ihren Verkaufswert: "Gerichtet an ein bestimmtes ökonomisches Segment der Bevölkerung. Diese Apartments sind konstruiert für eine spezifische Klasse"

Die sanitären Anlagen der Olympia-Arbeiter (MPT-RJ)Verdreckt und versifft - Die sanitären Anlagen (MPT-RJ)Ein Symbol der Gier

Die Olympia-Organisatoren haben bisher stets behauptet, die Anlage "Ilha Pura" sei eine wichtige Hinterlassenschaft der Olympischen Spiele für das brasilianische Volk. Für die Staatsanwältin Guadalupe Couto ist sie ein Symbol der Gier, für das Arbeiter ausgebeutet wurden: "Von dem Moment an, in dem das Konsortium Ilha Pura ein Unternehmen beauftragt, ist es dafür verantwortlich zu überprüfen, dass die Arbeitsrechte eingehalten werden. Die Zahlung der Gehälter, Abgabe der Versicherung usw. Und Ilha Pura hätte einen Sicherheitsbeamten stellen müssen, der die Unterkünfte inspiziert."

So einen Sicherheitsbeamten habe er nie gesehen, sagt José. Auf Nachfrage des Deutschlandfunks weist der Generaldirektor von "Ilha Pura", Maurício Cruz, jedoch jede Schuld des Konsortiums von sich. Man habe alle Verpflichtungen erfüllt, die offiziellen Unterkünfte würden monatlich überprüft. "Wir haben eine Kontrolle und genau wegen dieser Kontrolle hat es bisher nie Probleme gegeben. Diese Arbeiter sagen, es habe eine mündliche Vereinbarung gegeben, nach der Global Serviços ihnen eine Unterkunft offeriert habe. Das Unternehmen hat aber klargestellt, dass in keinem Moment für irgendjemanden eine Bleibe angeboten wurde. Und wir haben keine Möglichkeit, jeden zu kontrollieren. Hier waren insgesamt 18.000 Arbeiter. Bei so einer großen Zahl können Sie nicht überprüfen, wie jeder Einzelne lebt."

Laut Staatsanwaltschaft seien vor dem Gesetz aber Subunternehmen und Konsortium gemeinsam verantwortlich. "Brasil Global Serviços" hat die ausstehenden Gehälter und die Heimreisen der Arbeiter in ihre Bundesstaaten inzwischen bezahlt. Schadensersatz zu entrichten, lehnt die Firma aber ab. Deshalb will die Staatsanwaltschaft vor Gericht gehen - gegen "Brasil Global Serviços" und gegen das Konsortium "Ilha Pura". Sie fordert umgerechnet 50 Millionen Euro Schadensersatz zur Wiedergutmachung immateriellen Schadens. Das Geld soll in einen Arbeiter-Sozialfonds fließen.

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