Montag, 11.12.2017
StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturDie Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia22.12.2014

Peter BurkeDie Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia

Von Sandra Pfister

"A Social History of Knowledge" – so heißt der Band nüchtern im britischen Original. Der Wagenbach-Verlag hat daraus "Die Explosion des Wissens" gemacht – eine Interpretation, die Peter Burke ausgesprochen gut gefällt, wie er unseren Kollegen vom Deutschlandradio Kultur verraten hat.

"Weil das eine doppelte Bedeutung hat: Einerseits eben die Ausbreitung, andererseits die Fragmentierung. Und unsere Informationsgesellschaft ist letztendlich eine Gesellschaft, die immer fragmentierter ist. Das mag sehr nützlich sein, das mag etwas sein, das wir brauchen. Andererseits bedauere ich das auch ein bisschen, ich bin da ein bisschen nostalgisch und sehne mich durchaus auch nach diesen Menschen zurück, die ein größeres Allgemeinwissen einfach hatten."

Burke trauert dem Universalgelehrten hinterher. Denn noch nie – so vermutet er - war die Kluft zwischen Information und Wissen so groß wie heute. Die westlichen Gesellschaften produzieren unnütze Informationen im Sekundentakt, während wertvolles Wissen verfällt oder im Datenberg kaum noch erkennbar ist.

"Wir mögen vielleicht Informationsgiganten werden, laufen aber Gefahr, zu Wissenszwergen zu verkommen."

Fürchtet Peter Burke. Nicht nur die schiere Informationsmenge steht seiner Ansicht nach der verständigen Einordnung im Weg, sondern partiell auch das Spezialistentum vieler Wissenschaftler, denen die Gabe abhandengekommen sei, ein Phänomen von allen Seiten zu betrachten.

"Im frühen 19. Jahrhundert war es einem schöpferischen Individuum noch immer möglich, grundlegende Erkenntnisse in mehreren verschiedenen Disziplinen zu gewinnen. Ein etwas bescheideneres Beispiel wäre Thomas Young vom Emmanuel College in Cambridge, der letzte Mensch, der alles wusste, wie man ihn einmal bezeichnet hat. Young wurde zum Arzt ausgebildet und betrieb medizinische Forschung, veröffentlichte aber auch wichtige Aufsätze über die Kalkulation von Lebensversicherungen oder die Physik von Licht und Schall. Überdies trug er zur Entschlüsselung der Hieroglyphen bei."

Humboldt und seine Forschungsreisen

Als eine der entscheidenden Figuren der frühen Phase benennt Burke Alexander von Humboldt und seine Forschungsreisen; er steht paradigmatisch für das naturwissenschaftliche Sammeln mit prall gefüllten Expeditionsschiffen und auch für das Vermessen der Welt. Burke illustriert bei seinem Blick in die Wissenswerkstatt zudem immer wieder anschaulich, wie die Mächtigen das Wissen sammelten und kanalisierten, um ihre Macht zu unterfüttern und auszubauen.

"Schon im 18. Jahrhundert unternahmen manche Staaten den Versuch, eine Gesellschaft lesbar zumachen, um die Steuererhebung und die Einberufung zum Wehrdienst zu erleichtern. Wie wir gesehen haben, wurde die systematische Sammlung von Informationen durch den Staat vom späten 18. Jahrhundert an immer wichtiger. Die Spionage ist ein altes Gewerbe, aber erst im hier behandelten Zeitraum wurde sie professionalisiert in dem Sinne, dass sie zur Vollzeitbeschäftigung wurde."

Burke schafft es, einen Parforce-Ritt durch die Fächer ebenso hinzulegen wie durch die Jahrhunderte. Als Leser mag man sich nach der Lektüre nur noch an einen Bruchteil der Details erinnern, aber das ist vielleicht auch vielsagend: Denn immerhin ist die Geschichte des Wissens ja auch eine Geschichte des Vergessens und des Veraltens von Wissen. Und bei der Fülle des Materials kann es nicht um Vollständigkeit gehen. Burke bekennt offen, dass sein Zugriff ein essayistischer ist, der auch nur provisorische Ergebnisse hervorbringt. Die genügen aber, um nachdenklich zu machen. Insbesondere im zweiten Teil des Buches, in dem es um den "Müllhaufen der Geistesgeschichte" geht, also darum, wie viel Wissen für immer verloren ist: Dadurch, dass Bibliotheken gebrannt haben, dass Wissensträger ins Exil geschickt oder zensiert wurden. Oder dadurch, dass bestimmte Disziplinen an den Hochschulen mehr Geld erhalten und andere ausgetrocknet werden. Oder, noch banaler:

"Implizites oder stilles Wissen ist besonders verlustanfällig, weil es sich in den Köpfen von Einzelpersonen befindet. Wirtschaftsunternehmen sind sich der Verluste am manchmal sogenannten Unternehmensgedächtnis zunehmend bewusst, die eintreten, wenn Angestellte ausscheiden, ohne ihr Wissen weitergegeben zu haben. Anderes wertvolles Wissen kann auf dem Übertragungsweg verloren gehen, weil in hierarchischen Organisationen Personen in untergeordneten Positionen es zuweilen nicht für sinnvoll halten, Informationen nach oben weiterzugeben."

800 Seiten Register

Eine Sozialgeschichte des Wissens der westlichen Welt kann nicht anders als gespickt sein mit Fakten und vor allem Namen. Das Register weist allein 800 Personen aus. Die Details mögen manchmal erschlagen, doch beschwerlich wird die Lektüre nur selten. Denn Burke steht in der Erzähltradition britischer Wissenschaftler, die nicht nur lehren wollen, sondern auch unterhalten und die keine Angst davor haben, massenkompatibel zu sein. Bleibt also nur eins zu beanstanden: Dass die Analyse Burkes im Jahr 2001 endet, also ausgerechnet in dem Jahr, in dem Wikipedia gegründet wurde. Insofern schreit der aktuelle Band nach einer Fortsetzung, einer Analyse von Wissenskonzernen wie Google und Amazon oder auch der Geheimdienste. Es wäre eine Geschichte darüber, wie die Kontrolle über das Wissen uns entgleitet – oder wie wir uns dagegen wehren.

Peter Burke: "Die Explosion des Wissens. Von der Encyclopédie bis Wikipedia", Übersetzung: Matthias Wolf,Wagenbach Verlag, 385 Seiten, Preis: 29,90 Euro, ISBN: 978-3-803-13651-0

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