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StartseiteBüchermarktPhilosophie im Zeitschriftenformat24.09.2012

Philosophie im Zeitschriftenformat

Eine Bestandsaufnahme der Philosophie- und Psychologie-Magazine

Orientierungswissen scheint gefragt. Denn der Zeitschriftenmarkt hat sich in diesem Jahr um zwei Philosophie Magazine erweitert. Das eine heißt schlicht "Philosophie Magazin" und könnte äußerlich dem "Focus" Konkurrenz machen. Das andere nennt sich "Hohe Luft".

Von Hans-Martin Schönherr-Mann

Die neue Zeitschrift "Philosophie Magazin" (picture alliance / dpa)
Die neue Zeitschrift "Philosophie Magazin" (picture alliance / dpa)
<p>"Sind Frauen moralischer als Männer?" Fragt das neue "Philosophie Magazin". Der Chefredakteur Wolfram Eilenberger kommentiert:<br /><br />&quot; Natürlich gibt es auch die Hexe und die Hure und viele Dämonisierungen der Frau. Aber gerade wenn Sie an ein katholisch geprägtes Weltbild denken, da wird doch über die Mariengestalt, und das ist für unsere Kultur ja keine kleine Prägung, alle Güte und alle wohlwollenden und guten Tugenden werden doch stärker mit dem Weiblichen verbunden, wie man ganz allgemein heute sagen kann (. .) dass sich der moralische Diskurs in einer Weise verweiblicht, der die weiblichen Tugenden zu gesellschaftlich erwünschten Tugenden erklärt und das ist eine Bewegung, die mir ganz und gar nicht zu bestreiten zu sein scheint.&quot;<br /><br />Wenn Simone de Beauvoir für die Abtreibung kämpft und diese seit den 60er-Jahren in der westlichen Welt zunehmend legalisiert wird, dann handelt es sich wohl höchstens um eine Ironisierung jener weiblichen Werte der Jungfrau Maria. Mit der Ironie hat das "Philosophie Magazin" denn auch eher Probleme. Dagegen erhebt das neue "Kursbuch" die Ironie zum Prinzip, das seine Themen ins Licht rückt. So bemerkt der neue Herausgeber Armin Nassehi:<br /><br />&quot; Wir versuchen natürlich etwas schräg zu argumentieren. 'Krisen lieben' und 'Besser optimieren' – das ist der Titel des zweiten Heftes – sind natürlich Versuche mit einer gewissen Ironie heranzugehen. Natürlich sind Krisen Mist. Aber wir müssen sie vielleicht lieben, weil das die einzigen Situationen sind, in denen sich etwas ändert und wenn man optimiert, dann soll man gefälligst besser optimieren, damit man es auch wirklich getan hat.&quot;<br /><br />Beide Zeitschriften verdanken sich dem postmodernen Zeitgeist. Als Hans Magnus Enzensberger 1965 das "Kursbuch" gründete, herrschte noch jener moderne Zeitgeist, nach dem es eine richtige Erfahrung der Wirklichkeit gibt, nämlich einen so konservativen wie kapitalistischen Mainstream, dem man sich anzupassen hat. Indes, so Nassehi:<br /><br />&quot;Enzensberger ist es gelungen, ein Organ ins Leben zu rufen – ja man kann fast sagen – um unterdrückte und wenn nicht unterdrückte, dann doch zumindest zu wenig thematisierte Themen in die Öffentlichkeit zu bringen.&quot;<br /><br />Heute besteht keine zentrale Perspektive mehr auf Politik und Gesellschaft, die sich hegemonial gegen andere durchzusetzen vermag, und gegen die man dann wie Enzensberger eine zentrale linke Perspektive in Stellung bringen konnte. Heute konkurrieren eine Vielzahl von Perspektiven miteinander. So kann man nicht eine einzige linke Gegenperspektive entwickeln. Armin Nassehi:<br /><br />&quot; Wir wissen natürlich, dass wir nicht mehr wie das alte 'Kursbuch' ein Alleinstellungsmerkmal haben, was die Themen angeht, aber womöglich in dem Konzept, das ich ein Konzept der Perspektivendifferenz nenne. <. .> Die Probleme dieser Gesellschaft lassen sich nicht mehr alternativlos und natürlich auch nicht mehr autoritär auf einer Perspektive beschreiben, sondern ökonomische, politische, wissenschaftliche, religiöse, kulturelle Beschreibungen desselben Phänomens können sehr unterschiedlich und divergierend sein und trotzdem alle stimmen.&quot;<br /><br />Das "Kursbuch" reagiert auf die Vielfalt unterschiedlicher Welterfahrungen, indem es verschiedene Blickwinkel auf ein Problem wie die Krise wirft. Das "Philosophie Magazin" möchte verunsicherten Zeitgenossen mit der Philosophie Orientierungshilfen geben. Wolfram Eilenberger erläutert:<br /><br />&quot;Ich glaube, es war immer die Aufgabe der Philosophen, guter Philosophie, dass sie (. . .) die konkreten lebensweltlichen Probleme der Menschen mit neuen Antworten versorgt und sie ernsthaft mit ihnen im Dialog bedenkt.&quot;<br /><br />Das "Philosophie Magazin "greift aktuelle, auch politische Probleme auf, ergreift aber selbst politisch nicht Partei. Auch das neue "Kursbuch" verweigert sich postmodern einer eindeutigen Position, während sich das alte noch klar links positionierte. Nassehi:<br /><br />&quot; Das Interessante ist vielleicht, bedeutet heute eine interessante Perspektive zu haben, nicht mehr automatisch links zu sein, wenn links einmal hieß, vergleichsweise genau zu wissen, wo die Verantwortlichkeiten in der Gesellschaft eigentlich liegen. Ich glaube, das kann man heute so eindeutig nicht mehr formulieren und deshalb ist die Perspektive, die die Perspektivendifferenz wirklich ernst nimmt (. .) aufzudecken, warum bestimmte Akteure gar nicht anders können, als sie tun, (. .) dann ist das in der Tat links. Aber es ist nicht mehr links in dem traditionellen Sinne.&quot;<br /><br />Indem man ein Problem aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, lernt man andere Perspektiven zu verstehen und erkennt deren Handlungszwänge wie innere Logik. Das "Philosophie Magazin" greift in seinen Dossiers durchaus auf ähnliche Weise politische und soziale Probleme aus verschiedenen Perspektiven auf. Für Wolfram Eilenberger unterscheidet sich das "Philosophie Magazin" dadurch vom anderen neuen Philosophie Magazin "Hohe Luft":<br /><br />&quot;Ich denke dass unser Magazin eine stärkere politische auch zeitgeistigere Ausrichtung hat, dass es mit den wesentlichen philosophischen Strömungen enger auch personal im Gespräch ist. Wir haben große Dialogformate mit den wichtigsten Philosophen der Welt, teilweise auch als Autoren und das ist für uns wichtig in der Magazinentwicklung und eine große Differenz zu Hohe Luft, die vielleicht das sind, was man in Frankreich eine Revue nennen würde, weniger aktualitätsbezogen sind und auch weniger Fachphilosophen oder auch philosophisch gebildete Journalisten zu Wort kommen lassen.&quot;<br /><br />Natürlich kommt die "Hohe Luft" auch nicht ganz ohne Politik aus. In der Nr. 1 findet sich ein Interview mit dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler über Machiavelli, was man heute von ihm lernen kann und was man dann über Angela Merkel sagen könnte. Ansonsten geht es um Themen wie das Lügen, die Rationalität der Gefühle und Hedonismus, aber auch um Nietzsche, Rousseau und Leibniz. Außerdem enthält "Hohe Luft" einen Foto-Essay, z.B. über das Wesen der Zeit. Viel stärker als "Hohe Luft" bedient sich das "Philosophie Magazin der Bilder" vornehmlich von Personen. So bemerkt Chefredakteur Eilenberger:<br /><br />&quot; Ich glaube, dass sich Fragen für uns immer mit einem Gesicht verbinden und dass das auch ein wesentliches Kennzeichen unseres Magazins ist, (. .) dass wir diesen Fragen und Themen immer Gesichter geben, d.h. Menschen zeigen, die in diesen Fragesituationen stehen.&quot;<br /><br />Auch das "Kursbuch" verzichtet nicht auf Bilder. Armin Nassehi:<br /><br />&quot;Es gibt eine Bildstrecke in jedem Heft, wo wir versuchen die Dinge auch ästhetisch ansprechend darzustellen. Aber der entscheidende Punkt ist der Essay, der eigentlich nicht in die Zeit passt und deshalb womöglich in die Zeit passt.&quot;<br /><br />Dagegen gibt sich das "Philosophie Magazin" erheblich journalistischer. Es konzentriert sich auf drei Bereiche, in denen philosophische Reflexion zur Anwendung kommen soll: Wolfram Eilenberger:<br /><br />&quot;Für uns sind drei Begriffe in der Konzeption des Magazins wesentlich, das ist zum einen Aktualität im Sinne von Tagesgeschehen und Politik, das ist zum anderen Orientierung im Sinne von lebensweltlichen Fragen und zum dritten: Bildung im Sinne einer Vermittlung der wesentlichen Gedanken der westlichen Philosophie. (. .) Es gibt einen nachrichtenmagazinlichen Aspekt, es gibt einen orientierenden Aspekt, der mit solchen Magazinen wie 'Psychologie heute' vergleichbar wäre, und es gibt auch einen Bildungsaspekt, der sich eher über Wissensmagazine definiert.&quot;<br /><br />"Psychologie heute" bietet praktisch anwendbare Themen, die der postmodernen Situation der Orientierungslosigkeit widerstreiten sollen. Das Editorial eines etwas finster dreinblickenden Chefredakteurs Heiko Ernst erläutert das Titelthema wie "Warum Trauer uns stark macht" oder "Durchwursteln als Lebenskunst". Es wird von mehreren Artikeln verschiedener Autoren gestaltet. Außerdem gibt es Rubriken zur Gesundheit und zur Psyche.<br /><br />Auch das Wissensmagazin "Gehirn & Geist" – in ähnlicher Hochglanzform wie "Psychologie heute" oder "Philosophie Magazin" – stützt sich auf ein Titelthema wie "Was ist normal?" Allerdings werden die Titelthemen zumeist knapper gehalten als in "Psychologie heute". Dafür gibt es mehr Rubriken natürlich auch zur Hirnforschung und Sonderthemen wie "Spezial: Alzheimer". "Gehirn & Geist" wildert seltener in der Philosophie als "Psychologie heute", die wichtigen Philosophen oder philosophischen Themen wie Verantwortung längere Artikel widmet. Insofern ähneln sich "Gehirn und Geist", "Philosophie Magazin", "Hohe Luft" und "Psychologie heute" zumindest strukturell und teilweise auch thematisch. Das "Kursbuch" setzt sich deutlich davon ab. Armin Nassehi:<br /><br />&quot;Das Kursbuch unterscheidet sich von anderen vielleicht wirklich durch die Konsequenz, dass wir ganz strenge Themenhefte machen und dass wir womöglich auch ästhetisch darauf verzichten, so modern zu wirken, dass das wie ein Magazin aussieht. Es sieht ja aus wie ein Buch und heißt auch Kursbuch obwohl es eine Zeitschrift ist.&quot;<br /><br />Das "Philosophie Magazin" setzt sich in jedem Heft mit vielen Themen auseinander. Wolfram Eilenberger:<br /><br />&quot; Wir fragen, was bedeutet Aristoteles heute in gewissen Fragestellungen. Was hat Kant zur Deutung der aktuellen Situation beizutragen. So ist auch für uns der Bildungsaspekt, der für uns wichtig ist, immer mit einer Anwendung auf die eigene Lebenswelt verbunden.&quot;<br /><br />Demgegenüber grenzt sich Armin Nassehi ab:<br /><br />&quot;Das inhaltliche Argument ist, dass wir hier weniger als diese beiden Philosophie-Zeitschriften auf Vermittlung setzen – da geht es ja darum, die Philosophie für ein nichtphilosophisches Publikum nutzbar zu machen, was ich für eine sehr honorige Aufgabe halte, eine andere Form.&quot;<br /><br />Und Wolfram Eilenberger sucht für das "Philosophie Magazin" eine Position nicht nur jenseits von Zeitschriften wie dem "Kursbuch", sondern auch jenseits philosophischer Fachzeitschriften wie der Information Philosophie. Eilenberger:<br /><br />&quot; Wir sind eine breite Publikumszeitschrift und insofern denke ich, dass diese Zeitschriften auf ganz anderen Ebenen agieren und ganz andere Adressaten haben. Bei der Information Philosophie ist es der innerakademische Raum, der angesprochen wird und das ist nicht unser Ansatz.&quot;<br /><br />Die "Information Philosophie" enthält neben einem regelmäßigen Essay, Diskussionen und Berichten vor allem einen für Fachphilosophen interessanten Teil mit Nachrichten über Kongresse und Projekte, eine Zeitschriftenschau und Trends in Studium und Forschung. Insofern reicht sie über eine philosophische Fachzeitschrift hinaus, bleibt aber innerakademisch. Ganz anders das "Philosophie Magazin", das sich nicht an der akademischen Philosophie orientiert. Wolfram Eilenberger:<br /><br />&quot;Wir gehen bei der Themenentwicklung nie von rein philosophischen oder innerakademischen Fragestellungen auch nicht der politischen Philosophie aus, sondern wir sehen uns ganz konkret nachrichtliche Themen an, und fragen dann, wie wir dazu relevante philosophische Beiträge liefern können. Also, zum Beispiel wie vernünftig sind Staatsschulden? Worin bestehen die Probleme des Kapitalismus? Hat der noch eine Zukunft?&quot;<br /><br />Eine bestimmte Struktur von Artikeln soll orientierend auf die postmoderne Unübersichtlichkeit antworten. Im Journalismus ist das aber üblich. Im intellektuellen Milieu gibt es solche Zwänge weniger. Doch auch das "Kursbuch" möchte angesichts des Perspektivenpluralismus ähnlich prägend auf Autoren wirken, so der Herausgeber Armin Nassehi:<br /><br />&quot;Also, ich denke dass das 'Kursbuch' dann eine Chance hat, wenn es tatsächlich gelingt, Autoren dazu zu bringen, mit dieser Perspektivendifferenz auch umzugehen. Also, wir machen nicht nur Hefte, sondern was wir mitproduzieren möchten, sind Autoren. Das ist ein hohes Ziel, aber ich glaube, dass die Debatten, die wir so kennen, tatsächlich davon geprägt sind, ob Autoren sich tatsächlich auf Fragestellungen einlassen. (. .) Die Arbeit mit den Autoren wird in der Zukunft das allerwichtigste sein (. .) dass tatsächlich eine Form entsteht, die vielleicht als Kursbuchform bald sichtbar würde, wenn nicht Kursbuch draufstehen würde. Das ist das große Ziel.&quot;<br /><br />Möchte man dann Kursbuch-Autor sein? Oder lieber für Philosophie Magazin oder Hohe Luft schreiben? Oder lieber keins von dreien? Aber entgeht man den postmodernen Zwängen?<br /><br /><br /><strong>Erwähnte Zeitschriften:</strong><br /><br />"Kursbuch", "Philosophie Magazin", "Hohe Luft", "Philosophie Zeitschrift", "Psychologie heute", "Gehirn & Geist - Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung", "Information Philosophie"</p>

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