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Plötzlich fremd

Wenn Familienmitglieder Salafisten werden

Von Dorothea Jung

Islamische Fundamentalisten auf einer Demonstration in Solingen
Islamische Fundamentalisten auf einer Demonstration in Solingen (picture alliance / dpa / Melanie Dittmer)

Auf 3000 bis 10.000 wird die Zahl radikalislamischer Salafisten in Deutschland geschätzt. Doch ihre zum Teil auch militanten Gruppierungen haben Zulauf.Irritiert und hilflos erleben Angehörige das Abdriften von Kindern oder Partnern in die salafistischen Szene. Hilfe war bislang rar. Doch nachdem die Politik das Thema lange Zeit nur unter Sicherheitsaspekten betrachtet hat, setzt sie nun auch auf Prävention.

"Mein Sohn hatte plötzlich Freunde - für mich, als Europäer von ihrer Erscheinung her doch sehr fremd: mit Kutten oder Gewändern zum Teil auch Käppis auf dem Kopf und grundsätzlich Bart."

"Meine Schwester reist nicht mehr alleine; meine Schwester sucht auch keine öffentlichen Orte auf, in denen zum Beispiel Alkohol getrunken wird; und wenn man nicht mal mehr in ein Café gehen kann, um sich unverbindlich zutreffen, dann kann man auch nicht mit Menschen Kontakt halten, die einem andere Einflüsse geben."

"Sie trug plötzlich keine hohen Schuhe mehr, hat den Kontakt zu all ihren sonstigen Freunden komplett gestrichen. Sie hat den Kontakt zur Familie sehr, sehr, sehr eingeschränkt. Und wenn ich fassungslos davor stand, bekam ich schlicht keine Antworten."

Eltern, Geschwister und Freunde sind verstört. Irritiert erleben sie, wie ihnen ihre Kinder oder Gefährten fremd werden. Gestern noch haben sie gemeinsam Familienfeste gefeiert oder Popvideos geschaut, und heute wollen diese Jugendlichen von Party, Alkohol und Musik nichts mehr wissen. So hat es auch Verena Kühn erlebt, deren Namen wir geändert haben. Verena Kühns Sohn hat sich irgendwann nur noch für strenge muslimische Vorschriften interessiert.

"Wo man gar nicht mehr rankommt, mit keinen vernünftigen Argumenten, weil sich bei allen Gesprächen alles um Religion dreht und auch alles darum, zu versuchen zu überzeugen, dass der Islam die einzig wahre Religion ist; und alle, die nicht Moslems sind, kommen in die Hölle."

Als ihr Sohn beginnt, kein Schweinefleisch mehr zu essen, toleriert Verena Kühn das ganz selbstverständlich. Denn die alleinerziehende Mutter ist nach eigenem Bekunden aufgeschlossen gegenüber allen Religionen. Doch dann bemerkt sie, dass die Frömmigkeit ihres Sohnes immer dogmatischer wird. Und zwar augenscheinlich auf Anweisung seiner neuen bärtigen Freunde.

"Die Richtung, die denen vorgegeben wird, ist: Ja, so steht's geschrieben, so ist das umzusetzen - ohne sich in irgendeiner Form damit weiter auseinanderzusetzen. Ich würde sagen, dass die Jugendlichen doch irgendwo einer Gehirnwäsche unterzogen sind, das merk’ ich bei meinem Sohn auch: Es gibt nur Schwarz und Weiß; wir haben keine Abstufungen dazwischen."

Nach und nach realisiert die Mutter: Die Freunde ihres Sohnes sind offenbar Salafisten. Das heißt: Sie lehnen ein zeitgemäßes Islamverständnis ab - und propagieren eine Rückkehr zu Glaubensvorstellungen aus der Zeit des Propheten Mohammed und seiner Nachfolger im 7. und 8. Jahrhundert. Da es unter Salafisten auch einzelne Gruppierungen gibt, die sich mit einer dogmatischen Koranauslegung nicht begnügen, sondern auch den Hass auf westliche Werte schüren und zum bewaffneten Dschihad aufrufen, hat Verena Kühn heute um ihren Sohn Angst.

"Die Sorge ist die, dass die Jugendlichen, die da betroffen sind, ausgenutzt werden, politisch für irgendwelche Terroranschläge. Und die Angst, dass eigene Kind ganz zu verlieren; ja, das ist eine Sache, die mich Tag und Nacht verfolgt."

Verena Kühns Angst ist nachvollziehbar. So hat nicht nur der Prozess gegen die vier verhinderten Attentäter der sogenannten Sauerlandgruppe Kontakte ins salafistische Milieu offenbart. Derartige Bezüge finden sich auch bei all den jungen Menschen, die bislang aus Deutschland ausgereist sind, um sich in einem Terrorcamp in Waziristan im Kampf gegen die Ungläubigen ausbilden zu lassen. Und dann ist da noch der Einzeltäter Arid Uka, der im vergangenen Jahr am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss. Arid Uka hatte sich hauptsächlich durch salafistische Propaganda im Internet radikalisiert. Vor Gericht gab er zu, sich durch dschihadistische Kampflieder in Stimmung gebracht zu haben. Ein Beispiel aus dem Speicher seines MP3-Players:

"Mutter bleibe standhaft, ich bin im Dschihad. Trauer' nicht um mich und wisse, Er hat mich erweckt. Die Umma ist geblendet, doch ich wurde geehrt. Mutter bleibe standhaft, dein Sohn ist im Dschihad."

Der Dschihadismus ist in Deutschland nur ein Randphänomen. Die Sicherheitsbehörden sagen, dass von rund 120 Personen eine konkrete Gefahr ausgehe. Und auch zum gemäßigten Salafismus bekennt sich nur eine Minderheit der in Deutschland lebenden Muslime. Die Zahlen schwanken zwischen 3000 und 10.000. Sicher ist aber: Die Anhängerzahl der Salafisten wächst. Das liegt nach Meinung des Berliner Politikwissenschaftlers Dirk Baehr auch an der raffinierten Internetpropaganda militant-salafistischer Gruppen. Baehrs Beobachtung: Dschihadisten nutzen den Gerechtigkeitssinn aus, der gerade bei Jugendlichen in der Pubertät stark ausgeprägt ist und zeichnen in Bildern und Videos eine Welt, in der Muslime immer die Opfer des Westens sind.

"Der Westen will den Islam zerstören. Und man zeigt ihnen diese Bilder von toten Kindern und toten Frauen, von diesen Massakern, und dann kommt das Narrativ: "Es ist eure individuelle Pflicht, gegen die Besatzer dort in Afghanistan, gegen den Westen zu kämpfen. Ihr müsst nach Afghanistan und den Menschen dort helfen!"

Aber auch Salafisten, die terroristische Gewalt nicht explizit propagieren - wie zum Beispiel der populäre Prediger Pierre Vogel aus Mönchengladbach - zeichnen das Klischee vom weltweit unterdrückten Muslim. Gleichzeitig unterstellt ihre Ideologie: Nur ein rückwärtsgewandtes, im Sinne der Salafisten islamgemäßes Leben werde die Muslime wieder stark machen. Dirk Baehr zufolge etablieren Salafisten damit ein spezifisches Solidaritäts- und Gruppengefühl. "Das Resultat ist eine systematische Entfremdung der Jugendlichen von ihren Familien", sagt der Berliner Politikwissenschaftler.

"Man schließt sich einer kleinen Gruppe an, die sich als etwas Besonderes sieht, die den Auftrag hat, die Muslime wieder zum wahren Glauben zu führen. Und diese Gruppendynamik ist auch enorm wichtig, damit sich Jugendliche dort wohlfühlen. Man versucht, ihnen Geborgenheit zu geben, man gibt ihnen ein klares Weltbild. Und das zieht viele Leute an."

Für die Angehörigen ist es schwer, diesen ausgeklügelten Methoden etwas entgegenzusetzen. Weil sie ihre Kinder vor etwas Schädlichem bewahren möchten, stehen sie massiv unter Druck. Jeder Streit birgt die Gefahr, dass sich der Teenager noch weiter von der Familie entfernt. Viele zermartern sich mit der Frage, ob sie etwas falsch gemacht haben. Und so kämpfen die Eltern außer mit der Angst, ihr Kind an dschihadistische Terrorgruppen zu verlieren, auch mit Schuldgefühlen und Hilflosigkeit. In ihrer Not wenden sie sich in aller Regel an die sozialen Institutionen ihrer Kommune. Verena Kühn hat dort zwar Mitgefühl gefunden, aber keinen fachkundigen Rat.

"Große Unterstützung gibt es keine. Es gibt auch keine großen Erfahrungswerte damit, wie geht man damit um, was soll man machen, was soll man nicht tun; man ist sehr, sehr verunsichert, fast so, wie eine ganz junge Mutter, die gerade ihr erstes Kind kriegt und nicht genau weiß, was sie machen soll."

Und Verena Kühn ist nicht die einzige: Die Schwester eines Jugendlichen, der sich in Sachsen einem salafistischen Prediger angeschlossen hat, bekommt in der Familienberatungsstelle die Empfehlung, doch bitte etwas toleranter zu sein. Einer Mutter aus Niedersachsen, deren Tochter über das Internet die Bekanntschaft eines vermutlich salafistischen Ägypters gemacht hat und drauf und dran ist, sich mit diesem Mann zu verloben, bekennt der Psychotherapeut in der Beratungsstelle, keine Ahnung zu haben, was er ihr raten soll. Julia Busch, Handwerksmeisterin in Berlin, muss zusehen, wie ihre 18-jährige Tochter sich einem extrem strenggläubigen, offenbar kontrollsüchtigen und gewaltbereiten Muslim anschließt und auf dessen Geheiß alle Brücken zu ihrem alten Leben abbricht. Julia Buschs Tochter heiratet diesen Mann schließlich und wird dabei von den Beratern eines Sozialvereins in Berlin-Neukölln sogar noch unterstützt.

"Sie haben zunächst mal jedes Gespräch mit mir komplett verweigert, basierend darauf, dass das Mädchen ja volljährig ist. Haben alles, was das Mädchen sagte, für bare Münze genommen, ohne es auch nur im Ansatz zu hinterfragen. Und die haben meine Tochter in ihrem Bestreben, die Familie zu verlassen in eine muslimische Richtung, ganz massiv bestärkt."

Als es ihrer Tochter zwei Jahre später gelingt, in ein Frauenhaus zu fliehen, erfährt die Mutter, dass das Eheleben ihres Kindes genauso verlief, wie sie befürchtet hatte: Die Beziehung war gekennzeichnet von religiös legitimierten Kontrollzwängen, extremer Unfreiheit und häuslicher Gewalt. Doch selbst wenn das Schicksal von Julia Buschs Tochter ein Einzelfall sein mag - den Mangel an Sachverstand in der Beratung beklagen viele betroffene Familien. Das müsse sich ändern, meint die Islamismusexpertin Claudia Dantschke vom Zentrum Demokratische Kultur in Berlin. Finanziert von der Bundesregierung, arbeitet sie in einer der wenigen Spezial-Beratungsstellen für Menschen, deren Angehörige in die salafistische Szene geraten sind. Claudia Dantschke ist überzeugt: Ohne ihre Familien wird den Jugendlichen und auch den jungen Erwachsenen ein Ausstieg aus dieser Szene nicht gelingen.

"Wenn es radikale, geschlossene Gruppen sind, in die die Jugendlichen hineingehen, dann ist oft die Familie der letzte Faden noch zur Außenwelt, wo es überhaupt noch geht, dass man von außen auf diesen Jugendlichen einwirken kann. Und dazu brauchen die Eltern Anleitung, Kraft und Hilfe."

Claudia Dantschke beginnt ihre Arbeit mit einer Art Bestandsaufnahme der familiären Situation. Wenn sie sicher ist, dass der Jugendliche sich tatsächlich einer extremistischen Gruppierung angeschlossen hat, fokussiert sie sich darauf, die Familie zu stabilisieren; denn sie soll in die Lage versetzt werden, die Kommunikation mit dem Sohn oder der Tochter aufrechtzuerhalten.

""Die Mütter rufen oft an, teilweise fix und fertig mit den Nerven, am liebsten möchten sie sich umbringen, sie sind der Situation nicht mehr gewachsen. Und indem ich diesen Konflikt erst mal rationalisiere, wer welche Rolle in diesem Konflikt spielt. Und auch 'nen Lösungsweg zeige in diesem langen Prozess, dass man da jemanden hat, der einen begleitet, wo man sich hinwenden kann mit Fragen; das stabilisiert."

Anschließend gehe es darum, die Angehörigen so zu begleiten, wie sie es in ihrem speziellen Fall benötigen. Behindern individuelle innerfamiliäre Probleme den Zugang zum Jugendlichen, werden Ratsuchende auch mit Fachleuten in Therapieeinrichtungen vernetzt. In anderen Fällen werden Kontakte zu problembewussten Moscheevereinen oder muslimischen Einzelpersonen hergestellt sowie zu Selbsthilfegruppen. Leider gibt es davon zu wenige. Das Berliner Zentrum Demokratische Kultur hat selbst eine derartige Gruppe aufgebaut. Zusätzlich vermitteln Claudia Dantschke und ihre Kollegen ihre Kompetenz inzwischen an Lehrer, Imame, Sozialarbeiter und Familienanlaufstellen in ganz Deutschland. Sie raten den Hilfesuchenden auch, sich den Sachverstand von Sektenberatungsstellen zunutze zu machen. Zum Beispiel die Erfahrung der Eltern- und Betroffenen-Initiative der evangelischen Kirche in Berlin. Dort leitet die Religionswissenschaftlerin Daniela Weber eine Selbsthilfegruppe. Zu ihr kommen Mütter, Väter und Geschwister von jungen Erwachsenen, die sich in den bewaffneten Dschihad verabschiedet haben.

"Das Wichtigste ist, einen Ort zu schaffen, wo Familienangehörige überhaupt erst mal die Gelegenheit haben, diesen ganzen Kummer auszusprechen und wo ihnen also auch nicht gleich gesagt wird: Na, was hast du denn falsch gemacht? Und natürlich auch, dass ihnen in einem Umfeld zugehört wird, wo man weiß, was sind Salafisten und was wollen sie und was tun sie, was lehren sie, also die religionskundlichen Kenntnisse spielen in der Beratung 'ne ganz große Rolle."

So war zum Beispiel eine sachliche Information darüber, in welche salafistische Gruppierung seine Schwester eingeheiratet hatte, für einen jungen Mann, nennen wir ihn Maximilian Berg, sehr wichtig. Er machte sich Sorgen, weil seine Schwester von einem Tag auf den anderen zum Islam übergetreten war, um einen Marokkaner zu heiraten, der ihr strenge Verhaltensregeln aufzwang. Vom Berliner Zentrum Demokratische Kultur erfuhr Maximilian Berg, dass seine Sorgen berechtigt sind; denn sein Schwager gehört zu einer extrem radikalen salafistischen Gruppierung.

"Nachdem mir richtig bewusst wurde, was mit meiner Schwester los ist, hab ich sie spontan angerufen und ihr als Erstes die Versicherung gegeben, dass sie mich 365 Tage anrufen kann, dass sie immer bei mir wohnen kann und immer zu mir kommen kann. Einfach, um ihr die Möglichkeit zu geben, in einem extremen Moment, wie auch immer der gestaltet sein mag, einen Menschen zu haben, zu dem sie kommen kann."

Noch ist die Zahl von Salafismus- und Beratungsexperten in Deutschland überschaubar. Deswegen haben in Mönchengladbach die Bürger vor einem Jahr selbst die Ärmel hochgekrempelt, um der damals massiven salafistischen Missionierung von Pierre Vogel und seinen Gefolgsleuten zu begegnen. Herausgekommen ist das ständige Beratungstelefon "Religiöser Extremismus", das Herbert Busch verantwortet. Er leitet in der Stadt den Fachbereich Religions- und Weltanschauungsfragen der Katholischen Kirche.

"Das Besondere ist, dass zu Beginn dieses Beratungstelefons Religiöser Extremismus sowohl verschiedene Leiter der Ämter beteiligt waren als auch Kirchen, Moscheegemeinden oder freie Träger. Und dass wir in 'nem langen Prozess gemeinsam überlegt haben: Wer kann was in so 'nem Beratungsnetzwerk beitragen, und welche Dinge sind zum Beispiel eher von einem Hodscha einer muslimischen Gemeinde zu bearbeiten mit einem Ratsuchenden und weniger vom Leiter eines Sozialamtes."

Laut Herbert Busch können mittlerweile eigens geschulte Beraterinnen und Berater auf ein Netzwerk von Fachleuten in Stadtverwaltung, Kirchen- und Moscheegemeinden oder bei Freien Trägern zurückgreifen, um gegebenenfalls Unterstützung zu bekommen. Herbert Busch findet aber, dass ähnliche Projekte vielmehr gefördert werden müssten.

Aiman Mazyek, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime in Deutschland, ist der gleichen Ansicht. Er versichert, der Zentralrat habe seine Moscheegemeinden angewiesen, sich in den Freitagspredigten klar gegen einen religiös begründeten Extremismus auszusprechen. Darüber hinaus habe er selbst in der Arbeitsgemeinschaft "Vertrauensbildende Maßnahmen", in der sich Polizei, Verfassungsschutz und Islamverbände austauschen, mehrfach Gelder für eine Ausbildung sogenannter Scouts verlangt. So nennt Aiman Mazyek Muslime, die ihren Gemeinden dabei helfen könnten, sich speziell mit salafistischen Jugendlichen oder jungen Erwachsenen auseinanderzusetzen.

"Wir haben schon vor Jahren Aussteigerprogramme favorisiert. Nur bisher haben Sicherheitsbehörden sich noch nicht losreißen können von der Idee, dass die Sicherheitsbehörden selbst Ansprechpartner von solchen Aussteigerprogrammen sind. Wir haben gesagt, dass diese Menschen abgeholt werden müssen mit einerseits theologisch geschulten Personal, aber auch politisch geschulten Personal. Aber von der Politik ist bisher ganz wenig gekommen."

Nachdem die Bundesregierung das Thema Salafismus lange Zeit fast ausschließlich unter Sicherheitsaspekten betrachtet hat, ist ihr heute auch die Prävention wichtig. Jedenfalls gibt es Ansätze. Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe entwickelt zurzeit Modellprojekte, wie man die Fachkompetenz in den kommunalen Beratungsstellen verbessern kann. Auch gab es bisher nur eine Aussteiger-Hotline beim Verfassungsschutz. Die wurde aber selten genutzt, weil viele Angehörige befürchten, vom Geheimdienst abgeschöpft zu werden. Nun wurde im Januar dieses Jahres ein zentrales Beratungstelefon unter der Federführung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge eingerichtet. Das Angebot wende sich an das gesamte soziale Umfeld sich radikalisierender Muslime, erklärt Barbara Slowik, die zuständige Referatsleiterin im Bundesinnenministerium.

"Die Kolleginnen und Mitarbeiterinnen sind eine erste Anlaufstelle, können häufig gestellte Fragen beantworten, können aber dann auch sondieren, was wäre der nächste Ansprechpartner, der hier weiterhelfen könnte. In den meisten Fällen wird weitergereicht an dezentrale wirkliche Beratungsstellen, denn die Radikalisierung findet bekanntermaßen insbesondere vor Ort statt."

Leider kennen das Angebot bislang nur wenige, und leider gibt es noch nicht viele kompetente Beratungsstellen. Insider berichten, das Bundesamt suche händeringend in allen großen Städten Deutschlands nach fachkundigen Beratern, die auch tatsächlich vor Ort mit den Angehörigen sprechen können. Denn allein am Telefon kann man nach Erfahrung von Daniela Weber von der Berliner Betroffeneninitiative den Verwandten der Jugendlichen nicht helfen. Die Menschen müssten die Gelegenheit haben, ihr Gegenüber kennenzulernen, um Vertrauen aufzubauen.

"Insbesondere wenn man also die Befürchtung hat, dass das eigene Kind in Straftaten verwickelt ist. Man möchte sein Kind nicht in die Pfanne hauen, sondern man möchte es wiederhaben, und zwar lebendig. Das Telefon ist für betroffene Familien im Grunde nicht geeignet, weil die brauchen handfeste Menschen, die ihnen zuhören und mit ihnen sprechen und auch einfach mal in den Arm nehmen und trösten, wenn die Tränen rollen."

Verena Kühn hat diese handfesten Menschen bislang in ihrer Stadt noch nicht finden können. Sie ist absolut allein in ihrer Not. Aber sie weiß: Wenn sie ihren Sohn nicht verlieren will, muss sie den Kontakt zu ihm halten.

"Es ist mein Sohn, und egal, was geschieht: Er bleibt mein Sohn. Ich werde mich niemals von ihm abwenden. Ich würde sagen, uns verbindet ganz stark die Liebe. Vielleicht ist das im Moment die einzige starke Verbindung, aber eine wichtige."

Auch Julia Busch hat die Kommunikation zu ihrer Tochter aufrecht erhalten und hat ihr regelmäßig Briefe geschrieben, obwohl sie nicht wusste, ob ihre Tochter sie liest.

"Sie hat diese Briefe niemals beantwortet, aber mir im Nachhinein gesagt, sie war immer sehr, sehr froh darüber. Und in den zwei Jahren, in denen sie weg war, wusste ich das nicht! Ich hab’ das tatsächlich immer nur auf blauen Dunst gemacht, auf die Hoffnung hin, irgendwann wacht sie auf. Und es war trotzdem der richtige Weg. Davon bin ich überzeugt."



Beratungsstellen und Ansprechpartner:

1. Beratungsstelle HAYAT
ZDK Gesellschaft Demokratische Kultur GmbH
Email: info@zentrum-demokratische-kultur.de
Tel.: 030-42018042, 0177-303 85 53
Ansprechpartnerin: Claudia Dantschke

2. Beratungstelefon des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge
Email: beratung@bamf.bund.de
Tel.: 0911-943 43 43

3. Beratungstelefon Salafismus in Mönchengladbach
Tel.: 0221-5 98 20 (Anrufbeantworter)

4. EBI Eltern- und Betroffeneninitiative gegen psychische Abhängigkeit Berlin
Tel.: 030-8183211 (Anrufbeantworter)
Ansprechpartnerin: Daniela Weber

5. Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
Email: eissler@ezw-berlin.de
Tel.: 030-28 395 213
Ansprechpartner: Friedmann Eißler

6. IFAK e.V. Verein für multikulturelle Kinder- und Jugendhilfe - Beratungsnetzwerk für Toleranz und Miteinander in Bochum
Tel: 0234-68729346

7. Hatif - Heraus aus Terrorismus und islamistischem Fanatismus
Hotline des Bundesamtes für Verfassungsschutz
Tel.: 0221-792 6999

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