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StartseiteInterview"Wir verlieren die Hoheit auf der Straße"02.10.2015

Polizei"Wir verlieren die Hoheit auf der Straße"

Kein Respekt gegenüber, mehr Gewalt gegen Polizisten: Das beklagt Tania Kambouri in ihrem Buch "Deutschland im Blaulicht - Notruf einer Polizistin". Vor allem Migranten setzten ihrem Berufsstand zu. Doch Strafen drohten kaum, sagte die Beamtin mit griechischen Wurzeln im DLF. Rückhalt in Politik und Justiz fehlten mittlerweile.

Tania Kambouri im Gespräch mit Christoph Heinemann

Die Bochumer Polizistin Tania Kambouri. (Sascha Kreklau)
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Christoph Heinemann: Guten Tag, Frau Kambouri.

Tania Kambouri: Schönen guten Tag, Herr Heinemann.

Heinemann: Sie berichten über straffällige Muslime, zumeist junge Männer, die nicht den geringsten Respekt vor der Polizei haben. Was haben Sie persönlich erlebt?

Kambouri: Ich erlebe das seit Wochen, Monaten und Jahren auf der Straße bei geringsten Kleinigkeiten. Wir fahren Präsenzstreife und werden von jungen Muslimen verbal angegangen. Das ist die Körpersprache, das sind Beleidigungen wie "Scheiß Bulle" beim Vorbeifahren. Machen wir dann eine Verkehrskontrolle, steigert sich die Aggression immer weiter, und das ist eben vermehrt von den Migranten ausgehend.

Heinemann: Wie gehen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen mit solchen Personen um?

Kambouri: Das wird immer schwieriger. Wir versuchen natürlich, dass die Situation nicht eskaliert. Wir reden mit den Bürgern lange, wir erklären, warum wir sie angehalten haben, damit sie nicht sagen, okay, Du hältst mich wieder an, nur weil ich Ausländer bin. Also wir machen schon unsere Maßnahmen transparent und verständlich für den Bürger. Nur irgendwann stoßen wir auch an unsere Grenzen, weil viele wollen es mittlerweile nicht verstehen und akzeptieren, dass die Polizei jemanden kontrolliert.

Heinemann: Wenn Sie jemand beschimpft, dann ist die Situation doch schon eskaliert. Wieso treten Sie dann nicht einfach robuster auf?

Kambouri: Es ist nicht so einfach. Es kommt auch immer darauf an, was wir aktuell für einen Einsatz haben, wie viele Personen vor Ort sind. Wenn mich jetzt jemand beleidigt, schreibe ich eine Anzeige, und das war’s erst mal. Ich erteile einen Platzverweis. Aber da muss ich mit dem Platzverweis ein bisschen vorsichtig sein. Je mehr Menschen da sind, habe ich größeren Widerstand zu erwarten. Das ist nicht ganz einfach.

Heinemann: Das heißt, Sie haben dann unter Umständen auch Angst.

Kambouri: Angst nicht, aber ich müsste mich später rechtfertigen. Ich habe persönlich keine Angst und die meisten meiner Kollegen auch nicht. Nur wenn es dann wegen einer Lappalie zu einer Verletzung von Beamten und den Bürgern führt, dann muss ich mich später rechtfertigen, und das ist nicht so toll.

"Ein Witz, was da vor Gericht mittlerweile passiert"

Heinemann: Rechtfertigen wem gegenüber?

Kambouri: Meistens dem Richter, nämlich es wird natürlich auch ein Verfahren gegen uns dann eröffnet, dass wir auch möglicherweise den Bürger verletzt haben, und dann fragt man sicher auch, warum ist das passiert. Eventuell auch von einigen Vorgesetzten. Aber die Gefahr droht, weil dieser Rückhalt der Justiz und der Politik mittlerweile fehlt.

Heinemann: Das heißt, wenn Sie beschimpft werden, müssen Sie sich am Schluss dafür verantworten.

Kambouri: Oft ist es so, genau.

Heinemann: Was wünschten Sie sich - Sie sagten gerade, der Rückhalt ist nicht da - von Politik und von Justiz, vom Staat?

Kambouri: Ich wünsche mir, dass die Probleme, die wir tatsächlich auf der Straße haben, dass die klar angesprochen werden, dass sie anerkannt werden. Notfalls müssen irgendwelche Gesetze verschärft werden. Und ganz wichtig ist auch, dass die Justiz, dass die Richter wirksam urteilen. Es kann nicht sein, dass die Straftäter immer weiter die Akte auffüllen, uns körperlich verletzen, beleidigen, was auch immer, und keine Sanktion erfahren. Viele Verfahren werden eingestellt oder auf Bewährung freigesetzt oder was auch immer. Ja, es ist ein Witz, was da vor Gericht mittlerweile passiert.

Heinemann: Warum ist die Justiz so nachsichtig?

Kambouri: Ich denke, dass sie zum einen überfordert ist, dass viel zu viele Verfahren auf den Tisch kommen. Sie haben mittlerweile auch, dass ein normales Verfahren über ein Jahr dauert, bis es zur Gerichtsverhandlung kommt. Auf der anderen Seite ist es so, dass man vielleicht ein bisschen vorsichtiger ist bei Straftätern, die Migrationshintergrund haben. Mag so sein, aber dann müssten Sie am besten die Justiz fragen, warum die so urteilen.

Heinemann: Welche Folgen hat das Signal, dass sich der Staat alles bieten lässt?

Kambouri: Dass die Respektlosigkeit zunimmt, dass die Gewalt zunimmt gegenüber Polizei, gegenüber dem normalen Bürger und auch für die Polizei. Wir verlieren immer mehr und mehr die Hoheit auf der Straße.

Heinemann: Sie haben geschrieben, manche Dinge kann die normale Bevölkerung nicht sehen, andere will sie nicht sehen. Wer will nichts sehen und warum nicht?

Kambouri: Ich denke, einige Bürger wollen nichts sehen, weil es ihnen möglicherweise gleichgültig ist. Sie leben nicht in solchen Migrantenvierteln oder möchten damit nichts zu tun haben. Andere haben möglicherweise Angst, als Nazi diffamiert zu werden, wenn man offensichtlich seine Meinung zu straffälligen Ausländern äußert, und haben auch vielleicht Angst, von diesen Personen angegangen zu werden.

"Wichtig, den kulturellen Hintergrund zu erwähnen"

Heinemann: Offiziell nennt man so was ja inzwischen "verhaltensoriginell", wo die Begriffe "Straftat" oder "Ordnungswidrigkeit" je nachdem die richtigeren Bezeichnungen wären. Spiegeln solche sprachlichen Verniedlichungen eine bewusste Verharmlosung?

Kambouri: Ja, definitiv. Das haben wir ja in vielen Punkten. Man darf jetzt keine Muslime sagen, man muss es Menschen aus muslimisch geprägten Ländern nennen, keine Ausländer darf man sagen, genau wie früher das böse Wort die Zigeuner, Sinti und Roma, was auch okay ist, aber man verniedlicht wirklich alles und das Problem ändert sich ja dadurch nicht.

Heinemann: Besteht für Sie ein Zusammenhang zwischen dem kulturellen Hintergrund, also dem Islam, solcher junger Männer und dieser Respektlosigkeit, die Sie schildern, die Sie erleben?

Kambouri: Ja, definitiv. Der kulturelle Hintergrund prägt ja auch, was für Werte, was für Moralvorstellungen hat ein Mensch. Viele muslimische junge Männer wachsen ja auch in archaischen Familienstrukturen auf, wo Gewalt herrscht, wo die Frau nicht gleichberechtigt ist unter anderem. Und da, wo es wichtig ist, den kulturellen Hintergrund zu erwähnen, das sollten wir es auch tun, beispielsweise bei einer Straftat. Ich sage mal, es kommt zu einer Messerstecherei zwischen muslimischen Migranten, und das Motiv könnte eventuell Verlust der Ehre sein, was wir uns nicht vorstellen können in unseren Kreisen, aber dort ist es normal. Es wäre wichtig, wirklich da zu sehen, warum Straftaten begangen werden. Wenn das Motiv ergründbar ist, ist der kulturelle Hintergrund wichtig zu erwähnen.

Heinemann: Erleben Sie denn auch junge Männer, die nicht aus Migrantenfamilien stammen, die sich in dieser Weise aufführen?

Kambouri: Ja selbstverständlich erleben wir das. Wir haben genug deutsche Straftäter. Wir haben auch Migranten, die aus osteuropäischen Ländern stammen. Das ist ganz normal. Aber wirklich die Masse macht es, und die Masse sind mittlerweile in den letzten Jahren die Männer aus muslimisch geprägten Ländern.

Heinemann: Wird in Deutschland zu wenig über gescheiterte Integration gesprochen?

Kambouri: Wird es. Das Problem wird einfach nicht angepackt. Die meisten Migranten sind hier vorbildlich integriert. Ganz wenige sind es nicht, und diese Probleme müssen angesprochen werden. Es kann nicht sein, dass wir diese Probleme verheimlichen.

Heinemann: Frau Kambouri, was müsste sich ändern, was müsste geregelt werden, damit die Menschen, die gegenwärtig nach Deutschland kommen, von vornherein den richtigen Weg wählen, so wie sehr viele gut integrierte ehemalige Migranten in Deutschland?

Kambouri: Die, die unser Land nicht kennen, die müssen wirklich unsere Gesetze, unsere Werte, unsere Normen, die wir haben, kennen lernen und auch nach diesen leben und sie akzeptieren. Tun sie das nicht, werden wir weitere Parallelgesellschaften haben.

Heinemann: Mit welchen Folgen?

Kambouri: Mit den Folgen, dass sie sich weiter von der deutschen Gesellschaft abgrenzen, dass weitere Straftaten begangen werden. Als ich das Buch fertig geschrieben hatte, hatten wir damals noch nicht das Problem mit den Flüchtlingen großartig. Mittlerweile haben wir auch mehr Flüchtlingsunterkünfte bei uns, und wenige von denen begehen Straftaten, das heißt Taschendiebstähle, auch Widerstände gegen Polizeibeamte. Nur da müssen wir auch einen Riegel vorschieben, weil sonst werden alle Flüchtlinge auch über einen Kamm geschert, und genau das ist das, was wir ja nicht möchten.

Heinemann: Ihre eigene Familie stammt aus Griechenland. Was können Einwanderer, was können Migranten von Ihnen lernen?

Kambouri: Dass ich mich auch hier bestens integriert habe, meine Familie sich hier an alles gehalten hat und einfach teilgenommen hat an der deutschen Gesellschaft, die Sprache gelernt hat und mit Deutschen auch Freundschaften geschlossen hat.

Heinemann: Was war dazu die wichtigste Voraussetzung?

Kambouri: Die Sprache zu lernen ist ganz, ganz wichtig, und die hiesigen Werte zu beachten. Man soll trotzdem Grieche bleiben oder die Kultur, die einen prägt, aber trotzdem muss man nach den Regeln in diesem Land leben.

"Man versucht, mich in eine Schublade zu stecken"

Heinemann: Frau Kambouri, Sie haben ganz klar gekennzeichnet, dass Sie mit rechtem oder mit rechtspopulistischem Gedankengut nichts zu tun haben wollen. Wie wehren Sie sich gegen Applaus aus der falschen Richtung?

Kambouri: Ja. Man versucht, mich natürlich in diese Schublade zu stecken, in die ich absolut nicht hingehöre. Ich bin selber ja Migrantin, beide Elternteile kommen aus Griechenland. Ich bin von Kind auf mit verschiedenen Kindern, Schülern aus verschiedenen Herkunftsländern aufgewachsen. Ich habe ausländische Freunde in meinem Freundeskreis, meine beste Freundin ist Türkin, ich habe bulgarische Verwandtschaft, die in Bulgarien und in Deutschland lebt. Von daher habe ich nichts mit rechtsradikalem Hintergrund zu tun. Mir ist es einfach wichtig, wie ein Mensch mir gegenübertritt, wie er sich verhält, und alles andere, was er für eine Herkunft, für eine Nationalität oder Religion hat, ist mir vollkommen egal.

Heinemann: Warum ist es so schwierig, in Deutschland über diese Probleme zu reden?

Kambouri: Ich denke, der Zweite Weltkrieg wird schon eine große Rolle spielen. Viele Migranten werfen uns ja auch immer wieder das vor, dass wir Nazis sind, nur weil wir sie anhalten, und normale Bürger, die auch tätig werden und auch mal den Mund aufmachen, werden sofort als Nazis diffamiert. Ich denke, das ist die Vorgeschichte, die Deutschland eben hat.

Heinemann: Erwarten und rechnen Sie damit, dass sich nach der Veröffentlichung Ihres Buches etwas ändern wird?

Kambouri: Ich würde es mir wünschen. Ich denke nicht, dass ich die Welt ändern kann, aber ich hoffe, dass weitere Menschen dann auch zu dem Thema sich äußern, dass ich einfach einen Anstoß geben kann, und vielleicht tut sich ja doch noch was.

Heinemann: Frau Kambouri, vielen Dank für das Gespräch.

Kambouri: Ja! Danke auch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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