Interview / Archiv /

 

Pro Asyl: Unterbringunsproblem hängt mit Fehlplanung zusammen

Zahl der Asylbewerber steigt in Deutschland

Marei Pelzer im Gespräch mit Peter Kapern

Mit 50.000 Asylbewerbern in diesem Jahr "muss man rechnen", sagt Marei Pelzer von der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl. Dass es gegenwärtig bei der Unterbringung Engpässe gebe, liege daran, dass man sich bei der Flüchtlingsaufnahme an Tiefstständen von 2007 orientiert habe.

Peter Kapern: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich schlägt Alarm, und zwar, weil die Zahl der Menschen, die vom Balkan stammen und hier in Deutschland um Asyl bitten, sprunghaft angestiegen ist. Vor allem Mazedonien und Serbien sind die Herkunftsländer dieser Asylbewerber.
Bei uns am Telefon ist nun Marei Pelzer von der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl. Guten Tag, Frau Pelzer.

Marei Pelzer: Ja, guten Tag!

Kapern: Frau Pelzer, warum steigt die Zahl der Asylbewerber aus Serbien und Mazedonien so steil an?

Pelzer: Zunächst einmal würde ich bestreiten, dass es jetzt so hohe Zahlen sind, also auf jeden Fall nicht so hohe Zahlen, dass eine solche Reaktion seitens des Bundesinnenministers, solche Panikmache an der Tagesordnung sein sollte. Das ist aus unserer Sicht doch eine bewusste Stimmungsmache gegenüber einer Gruppe einer Minderheit, die in den Herkunftsländern in einer sehr, sehr prekären Lage ist. Das halten wir für unangemessen. Warum die Zahlen jetzt steigen, das lässt sich längerfristig natürlich, wenn man zurückschaut, mit der Visafreiheit erklären, dass diese Menschen jetzt die Möglichkeit haben, leichter nach Europa, nach Deutschland zu kommen. Andererseits jetzt in den aktuellen Monaten muss man sagen, dass der Winter bevorsteht und die Menschen in den Ländern Serbien und Mazedonien natürlich dort es noch härter treffen wird, als es sie eh schon trifft, wenn es kalt wird, wenn die Elendsquartiere keinen Schutz vor der Witterung bieten. Das ist ein Aspekt, der vielleicht auch eine Rolle spielt zurzeit.

Kapern: Frau Pelzer, lassen Sie mich noch mal nachfragen. Gehen Sie davon aus, dass das Bundesinnenministerium mit gefälschten Zahlen in dieser Argumentation arbeitet?

Pelzer: Nein, nein! Das sind keine gefälschten Zahlen. Aber die Zahlen sind nicht so, dass man jetzt so eine Stimmungsmache betreiben müsste. Man könnte damit schon gelassener umgehen, als das jetzt der deutsche Innenminister tut.

Kapern: Das sehen ja möglicherweise viele Bürgermeister in Deutschland, die verantwortlich sind für die Unterbringung und Aufnahme der Asylbewerber, ganz anders.

Pelzer: Ja, da kennen wir natürlich, dass es jetzt bei der Unterbringung aktuell Engpässe gibt. Aber da muss man auch sagen, dass in den letzten Jahren die Kapazitäten für die Flüchtlingsaufnahme extrem runtergefahren worden sind, weil man sich an historischen Tiefstständen im Jahr 2007 orientiert hat und seitdem die Kapazitäten abgebaut hat. Aber das war auch Teil einer politischen Fehlplanung, weil die Zahlen, die wir dieses Jahr zu erwarten haben, um die 50.000(*), ein bisschen mehr vielleicht, das sind jetzt nicht so hohe Zahlen. Mit solchen Zahlen muss man rechnen und auch planen. Von daher sagen wir, dass wir jetzt Engpässe haben, das liegt an einer politischen Fehlplanung.

Kapern: Der Innenpolitiker der SPD, Michael Hartmann, spricht von gewissenlosen Banden, die derzeit Menschen hierher schleusen, damit die zumindest vorübergehend hier in Deutschland leben können. Steckt hinter der ganzen Aufregung also so etwas wie Schleuserkriminalität?

Pelzer: Das mögen jetzt manche Politiker so hinstellen. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass hier die betroffenen Menschen mit falschen Erwartungen, Versprechungen, auch Falschinformationen versorgt werden. Aber das lenkt doch eigentlich von der eigentlichen Problematik ab. Der eigentliche Skandal ist doch, wie die Menschen dort leben müssen, unter den miserabelsten Bedingungen. Sie werden gesellschaftlich ausgegrenzt, angefeindet und massiv diskriminiert. Deswegen hat die EU da ja auch mal wieder mit Berichten darauf reagiert, mit Besorgnis. Aber unsere Kritik ist, dass zu wenig getan wird, zu wenig Hilfe tatsächlich seitens der EU auch bei den Roma in den Ländern ankommt, und dass sich die Lebenssituation in keiner Weise verbessert hat, und da müsste man doch ansetzen, anstatt jetzt gegen diese Menschen hier Stimmung zu machen, weil einige von ihnen nur bei uns dann auch letztendlich jetzt landen.

Kapern: Marei Pelzer von der Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl. Frau Pelzer, ich bedanke mich vielmals für das Gespräch.

Pelzer: Ja, gerne!

Kapern: Auf Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

(*) Anm. d. Red.: Aufgrund eines Transkriptionsfehlers war in einer früheren Fassung der Verschriftung an dieser Stelle irrtümlich von "40.000" die Rede.



Mehr bei deutschlandradio.de

Links bei dradio.de:

Albtraum Ausländerbehörde

 

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Ebola"Bundeswehr muss in Liberia helfen"

Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Grünhelme"

Die Weltgesundheitsorganisation und NGOs seien in Sachen Ebola mit ihrer Weisheit am Ende, sagte Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation "Grünhelme", im DLF. Deshalb steige die Bedeutung der Armeen. Die Bundeswehr müsse mit ihrem großen Ärztebestand jetzt Hilfe in Liberia leisten.

Referendum Schottland"Das hilft den Pro-Europäern in Großbritannien"

Roter Anstecker mit der Aufschrift "No thanks"

Großbritannien werde nun förderaler, sagte Simon McDonald, der britische Botschafter in Deutschland, im DLF. Heute habe eine neue Phase im Prozess der Dezentralisierung begonnen. Der Verbleib Schottlands nütze dabei den Pro-Europäern - auch mit Blick auf das geplante Referendum über einen Verbleib Großbritanniens in der EU.

Reaktion aus der EUEU-Parlamentspräsident Schulz: "Mich erleichtert das Ergebnis"

Martin Schulz gestikuliert, während er spricht.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz äußerte sich im Deutschlandfunk erfreut über die Ablehnung des Unabhängigkeitsreferendums in Schottland. Schulz sprach von einem anerkannten demokratischen Prozess innerhalb Großbritanniens. Allerdings müsse sich die EU Gedanken machen, wie sie künftig mit Regionen umgehe, die sich von EU-Ländern abspalten wollten.

 

Interview der Woche

McAllister über Schottland-Referendum"Das ist eine sehr emotionale Debatte"

David McAllister, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

Der CDU-Europaabgeordnete David McAllister ist Sohn eines schottischen Vaters. Das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum habe in der schottischen Gesellschaft zu tiefen Rissen geführt, sagte McAllister im DLF. Nach der Abstimmung sei es enorm wichtig, wieder Brücken zwischen den Lagern zu bauen.

EZB"Die niedrigen Zinsen sind gerechtfertigt"

Sabine Lautenschläger, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank.

Der Leitzins in der Eurozone ist auf einem neuen Rekordtief - und das zurecht, meint Sabine Lautenschläger im Interview der Woche im Deutschlandfunk. Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank verwies auf die langfristige Verantwortung der EZB. Die Bank wolle keine Sparer ärgern, sondern die Wirtschaft ankurbeln.

Verfassungsschutz"Größte Herausforderung ist der islamistische Terrorismus"

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen

400 Islamisten sind bisher nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien ausgereist. Umgekehrt drohe die Gefahr, dass Rückkehrer in Deutschland Anschläge begehen könnten, sagte der Präsident der Behörde, Hans-Georg Maaßen, im Interview der Woche im DLF.