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StartseiteInterview"Nein, die Islamophobie in den USA nimmt nicht zu"10.12.2015

Professor Christian Lammert"Nein, die Islamophobie in den USA nimmt nicht zu"

Die Debatte um Donald Trump und seine Wahlkampfaussagen über Muslime ist seit Tagen ein Top-Thema in den USA. Wir haben uns darüber per E-Mail mit Professor Christian Lammert unterhalten, der am John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien an der Freien Universität Berlin lehrt.

Christian Lammert im Gespräch mit Thorsten Funke

Ein betender Muslim in Jersey City (JEWEL SAMAD / AFP)
Ein betender Muslim in Jersey City (JEWEL SAMAD / AFP)

Thorsten Funke: Muslime in den USA gelten seit langem als recht gut integriert, sie haben oft hohe Bildungsabschlüsse und gehören zum Mittelstand. Der Anwärter für die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner, Donald Trump, fordert nun die Registrierung aller Muslime und ein Einreiseverbot und begründet das mit den Anschlägen von Paris und San Bernardino. Was bezweckt er mit diesen Forderungen?

Christian Lammert: Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hat sich die politische Elite und insbesondere auch die republikanische Bush-Administration noch demonstrativ vor die muslimische Bevölkerung in den USA gestellt und dazu gemahnt, deutlich zwischen Islam und Terrorismus zu differenzieren. Dies sehen wir in der momentanen Diskussion auf Seiten der Republikaner zu wenig. Trump betreibt am extrem konservativen Rand der Republikanischen Partei Wahlkampf, sehr zum Schaden des Ansehens der Demokratie in den USA. Die Muslime müssen momentan als Sündenböcke herhalten, die von anderen Problemen ablenken sollen, wie der nur zögerlichen Erholung auf dem Arbeitsmarkt, den konstant hohen Armutsraten und einer weiter steigenden Ungleichheit in der Verteilung der Einkommen und des Reichtums.

Funke: Nimmt die Islamophobie in den USA also zu?

Lammert: Nein, die Islamophobie in den USA nimmt nicht zu. Noch vor wenigen Wochen wetterte Trump gegen die Mexikaner als das größte Problem in den USA, jetzt sind es die Muslime. Er spielt momentan eine politische Karte, indem er sich als Außenseiter präsentiert, der ohne Rücksicht auf politische Korrektheit die angeblich wahren Probleme in den USA anspricht.

Funke: Sehen wir uns einer gesellschaftlichen Spaltung gegenüber?

Professor Christian Lammert (privat)Professor Christian Lammert (privat)Lammert: Diese Diagnose ist natürlich nicht neu, denken Sie nur an den Bürgerkrieg, die McCarthy-Zeit in den 50-er Jahren oder die "culture wars" zwischen Konservativen und Progressiven seit den 80-er Jahren. Schaut man sich allerdings wissenschaftlich solide Umfragen an, dann zeigt sich die US-Gesellschaft in zentralen kulturellen, ökonomischen und sozialen Fragen weit weniger gespalten. Hier muss auf die Rolle der Medien als Verstärker solcher Aussagen wie der von Trump und auf den spezifischen politischen Kontext verwiesen werden, also auf die Anschläge und den Vorwahlkampf. Wir sehen also eine Momentaufnahme, die sich in einigen Ausprägungen dann auch gar nicht so sehr unterscheidet von den Diskussion, die wir momentan auch in Frankreich sehen. Die guten Umfragewerte der AfD in Deutschland können sicherlich auch genannt werden. Solche Momente werden von Rechtspopulisten gerne für die politische Mobilisierung genutzt.

Funke: Wie sollte Obama reagieren?

Lammert: Obama reagiert momentan bestimmt und mäßigend zugleich. Er stellt sich vor die Muslime, und das ist auch absolut notwendig, denn sie sind ein zentraler Bestandteil der US-amerikanischen Gesellschaft.

Funke: Was könnte oder sollte die muslimische Community tun?

Lammert: Eigentlich muss die muslimische Community nichts tun, denn die Muslime in den USA haben ja nichts verbrochen. In Irland hat ja in Zeiten der IRA auch niemand von den Katholiken in Europa erwartet, sich automatisch vom Terrorismus der IRA zu distanzieren. Die USA und der Westen insgesamt brauchen jetzt eine breite gesellschaftliche Debatte, die die Hintergründe des Terrorismus analysiert und zugleich die Frage stellt, warum sich in westlichen Gesellschaften mehr und mehr Menschen abgekoppelt fühlen, sich radikalisieren und im islamistischen Terror eine Alternative und Lösung ihrer Probleme und Frustrationen sehen. Hier geht es um Integration, um Dialog und um die Lösung ökonomischer und sozialer Probleme. Hier können und sollen sich die Muslime in den westlichen Gesellschaften an der Debatte beteiligen, allerdings als Teil der Gesamtgesellschaften.

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