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StartseiteKultur heute"Wir wollen Politik beraten"20.11.2013

Rat für Kulturelle Bildung"Wir wollen Politik beraten"

Kulturelle Bildung soll in Deutschland für jedermann selbstverständlich sein, fordert Holger Noltze, Sprecher des Rats für Kulturelle Bildung. Als unabhängiges Beratergremium könne man anders denken und intervenieren, weshalb der Rat auch ganz klar die Politik in kulturellen Bildungsfragen beraten möchte.

Holger Noltze im Gespräch mit Patrick Wellinski

Ein Mädchen spielt Trompete (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)
Der Rat für Kulturelle Bildung will auch den Sinn von Kurzzeitprojekten wie "Jedem Kind ein Instrument" hinterfragen (Stock.XCHNG / Norbert Machinek)

Patrick Wellinski: Vielleicht hätte Hildebrandt ja irgendwann noch die kulturelle Bildung ins Programm geholt, diesen neuen Kampfbegriff der deutschen Bildungspolitik. Was sich genau darunter fassen lässt, ist nirgends wirklich festgeschrieben. Das Feld scheint breit. Es umspannt die Leistung einer Feuerwehrkapelle genauso wie den Chor und natürlich auch die Musik- und Kunstunterrichte an Schulen. Im Besten Fall – so die neue Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, Shermin Langhoff – fördere kulturelle Bildung freies Denken. Langhoff selbst ist eine von 14 Experten, die im nationalen Rat für Kulturelle Bildung sitzen.

Der Rat hat zukünftig das ganze Feld der kulturellen Bildung unter die Lupe zu nehmen, soll schauen, wie langfristig kulturelle Bildung in Schulen und darüber hinaus verankert werden kann, und damit könnten auch der Sinn von Kurzzeitprojekten wie „Jedem Kind ein Instrument“ verstärkt hinterfragt werden.

Zum Beginn seiner Arbeit hat der Rat jetzt ein Papier veröffentlicht, in dem er die Mythen der kulturellen Bildung zusammenfasst. Das Fazit: Es herrscht eine "Alles ist immer gut"-Stimmung im Lande. – Ich habe den Sprecher des Rates, Holger Noltze, gefragt, woher dieses "Alles ist immer gut"-Denken überhaupt kommt.

Holger Noltze: Das kommt, glaube ich, daher, dass viele, die da etwas tun, es unter Bedingungen tun, die man möglicherweise als prekär bezeichnen muss, und wenn Sie gegen Widerstände am Ort eine Musikschule betreiben und ein Programm machen und in die Schulen gehen und so, dann kriegen Sie in der Regel nicht viel Geld dafür. Und das ist auch beklagenswert, weil da wird eine gute Arbeit nicht richtig entlohnt. Aber was Sie dann wollen, ist Anerkennung, also die Bezahlung in Anerkennung, wenn das schon nicht Geld wert ist.

Das führt dazu, dass man so eine Stimmung hat, in der man sich gut fühlen möchte, in der man auch dem anderen nichts Böses will, und dann entsteht so ein ein bisschen kritikfreier Raum, und den wollten wir einfach mal etwas genauer unter die Lupe nehmen. Es geht letztendlich nicht darum, irgendjemandem wehzutun, sondern es geht darum, die Frage zu schärfen, was kulturelle Bildung kann, warum das für diese Gesellschaft wichtig ist, wer davon ausgeschlossen ist, und die wird uns in den nächsten Jahren beschäftigen im Rat.

Kulturelle Bildung als selbstverständliche Erfahrung für jung und alt

Wellinski: Und wie müsste man kulturelle Bildung in Deutschland jetzt neu begreifen beziehungsweise anders denken?

Noltze: Wir kommen nicht mit dem Anspruch, dass wir auf einem Berg von Weisheit sitzen. Wir sind 14 Experten mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen, aus der Bildungsforschung, Pädagogik, aus der Musik, aus dem Tanz, aus dem Theater, aus der Literatur, und wir versuchen, diese verschiedenen Expertisen zusammenzubringen – nicht im Sinne von Besserwisserei, sondern solche Fragen, die ein bisschen über dem alltäglichen Geschäft von Evaluation stehen, die genauer zu stellen.

Wir wollen gerne, dass kulturelle Bildung in diesem Land ein selbstverständlicher Teil ist, eine Erfahrung, die junge, mittlere und ältere Menschen machen können. Es gibt zum Beispiel ja eine eigentlich unverständliche Konzentration auf Kinder und Jugendliche. Dann gibt es ein bisschen was für ältere Leute und die Mittleren, die mitten im leben stehen, werden in der Regel doch kaum erreicht. Die haben dann keine Zeit, und da gibt es dann auch keine leuchtenden Kinderaugen. Das ist möglicherweise dann ein Nachteil.

Wellinski: Wird auch so künftig das Arbeitsfeld des Rates aussehen, regelmäßige Veröffentlichungen vorlegen und öffentlichkeitswirksame Empfehlungen aussprechen?

Noltze: Ja. Das was jetzt rausgekommen ist, "Alles immer gut", ist die Erstschrift, ein Ansatz. Dem sollen im jährlichen Abstand Gutachten folgen, die alle mehr oder weniger unter der Frage Qualität stehen werden. Hier wird ein Gutachten erstellt, Räte erstellen Gutachten, das ist so, die werden dann übergeben, Ministern oder Bundespräsidenten, das würden wir auch sehr gerne tun. Aber das ist ja nur die eine Seite. Wir hoffen, dass wir an diesem Diskurs über aktuelle Bildung aktiv teilnehmen können. Wir sind offen für Fragen, was um Rat fragen betrifft, aber wir wollen auch Politik beraten, ganz klar.

Das ist der Anspruch, der dahinter ist, und es wird ja getragen von einem Konsortium von sieben Stiftungen. Mercator ist federführend. Auch die Kraft dieser Stiftungen steckt natürlich dahinter bei gleichzeitiger – das ist mir wichtig zu sagen – garantierter, auch in der Geschäftsordnung garantierter Unabhängigkeit. Das heißt, das, was wir bedenken, das, was wir sagen, ist unabhängig von Stiftungsinteressen. Nur so kann man eine Wirksamkeit entfalten, und das ist toll, dass große Stiftungen diesen Denkraum, diesen Möglichkeitsraum für neue Ideen ermöglichen.

"Dieser Rat ist anders"

Wellinski: Braucht es denn überhaupt noch ein weiteres Gremium? Ich meine, für so viel Geld, wie die sieben Stiftungen, um genau zu sein: 1,5 Millionen, für den Rat ausgegeben haben, hätte man doch sicherlich gezielte Bildungs- und Kulturpolitik aufbauen können.

Noltze: Das wäre eine Maßnahme mehr gewesen. Jetzt können Sie sagen, jetzt haben wir einen Rat mehr, und dann sage ich, dieser Rat ist anders. Der ist auch anders als der Deutsche Musikrat oder der Kulturrat. Da haben Sie letztendlich ja sehr berechtigt und auch sehr wichtig Interessenvertreter der Musik oder des Tanzes oder des deutschen Chorwesens. Was wir sind, ist ein unabhängiger Rat, und der kann anders denken, und der kann auch anders intervenieren.

Da gibt es wirklich einen klaren Unterschied, und ich bin ja sehr davon überzeugt, dass bevor man Geld in die Hand nimmt, richtig viel Geld, um in der Breite in dieser Gesellschaft etwas zu verändern, so dass jeder/jede in die Lage kommt, eine ästhetische Erfahrung zu machen und für sein Leben davon zu profitieren, dass da es wichtig ist, dass man vorher nachdenkt, warum und wozu.

Wellinski: …, sagt Holger Noltze, Sprecher des Deutschen Rates für Kulturelle Bildung, über die Mythen und eine mögliche Zukunft der kulturellen Bildung in Deutschland.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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