• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteEssay und DiskursDer Niedergang des Kapitalismus 04.12.2016

RE: Das Kapital (4/6)Der Niedergang des Kapitalismus

Marx hielt den Sieg des Proletariats für unvermeidlich. Doch wie lange wird es dem Kapitalismus noch gelingen, seinen Niedergang zu verhindern? Mit dieser Frage befasst sich der Wirtschaftsjournalist Paul Mason im vierten Teil der Sendereihe "Das Kapital".

Von Paul Mason

Die Warenterminbörse New York Mercantile Exchange (Nymex) in New York City von oben.  (imago/UPI Photo)
Wie lange wird es dem Kapitalismus noch gelingen, seinen Niedergang zu verhindern? (imago/UPI Photo)
Mehr zum Thema

RE: Das Kapital (1/6) Aktuelle Brisanz der Marxschen Kategorie

RE: Das Kapital (2/6) Das Verhältnis von Kapitalismus und Gewalt

RE: Das Kapital (3/6) Entfremdung im Kapitalismus

RE: Das Kapital (4/6) Der Niedergang des Kapitalismus

RE: Das Kapital (5/6) Sahra Wagenknecht über das Ende des Kapitalimus

RE: Das Kapital (6/6) Kooperation als Quelle des Reichtums

Warnungen über die explosiv wachsende Ungleichheit und Mutmaßungen über das Ende des Kapitalismus werden schon längst nicht mehr nur von stehengebliebenen Sozialisten, sondern unter den Eliten der Weltwirtschaftsgipfel diskutiert. Grund genug, "Das Kapital" noch einmal gründlich zu lesen.

Sechs Autoren – Soziologen, Publizisten, Politiker, Philosophen – haben das für den Deutschlandfunk getan. Ausgehend von jeweils einem Kapitel des Werkes ziehen sie in "Essay und Diskurs" Linien in die Gegenwart und denken über Aktualität und Grenzen der Marxschen Theorie nach – nicht marxologisch, nicht akademisch, sondern um ihre Brauchbarkeit zu untersuchen, und das durchaus subjektiv, essayistisch und mit Gegenwartsbeobachtungen durchsetzt. Ihren Blick richten sie auf die politischen Möglichkeiten der Gegenwart, denn darauf, so Marx, kommt es an: die Welt nicht nur zu interpretieren, sondern sie zu verändern.

Der Autor Paul Mason fragt, wie lange es dem Kapitalismus noch gelingt, seinen Niedergang zu verhindern. Er ist ein vielfach ausgezeichneter englischer Fernsehjournalist, arbeitete lange für die BBC und leitet heute die Wirtschaftsredaktion von Channel 4 News. 

Teil 5 der Sendereihe folgt am 11. Dezember 2016.


Das komplette Manuskript zum Nachlesen:

Marx' Darstellung im Kapital ist, was ein Ende des Kapitalismus angeht, ergebnisoffen. Zwar betont er an vielen Stellen die grundsätzliche Krisenhaftigkeit des Kapitalismus; zwar benennt und untersucht er in allen drei Bänden mögliche Krisenmomente - aber eben auch die Mechanismen ihrer Überwindung und des fortgesetzten Wachstums.

Allerdings gerät der Kapitalismus in Marx‘ Analyse immer stärker an Schranken: Weil er die Naturausbeutung überzieht, weil die Ersetzung von menschlicher Arbeit durch Maschinen und Automaten, unter Bedingungen der Profitmaximierung, Arbeitslosigkeit und Verelendung produziert, weil im Kapitalismus Zweck und Mittel verkehrt sind, weil "die Produktion nur Produktion zur Selbstverwertung des Kapitals ist", wie er schreibt, und nicht  "Mittel für einen sich stets erweiternden" Wohlstand der Gesellschaft. Kurz: weil die Produktionsverhältnisse - die Profitproduktion - die Produktivkräfte fesseln.

Wachstumskräfte erlahmen

Seit den 60er-Jahren erlahmen nun in den Ländern des entwickelten Kapitalismus zunehmend die Wachstumskräfte, spekulative Blasen und daraus folgende Krisen waren die Folge. Gleichzeitig stehen wir vor einer neuen Phase der industriellen Entwicklung. Produktion 4.0, Internet der Dinge, smarte Häuser - das sind die Schlagwörter, mit denen wir auf die kommende Welle der Automation vorbereitet werden. Befürchtungen kommender Arbeitslosigkeit, andauernde Krise der Profitabilität, ein Überschuss an spekulativem Kapital - angesichts dieser Konstellation kommt nicht nur unter eingefärbten Linken, sondern auch aus dem Kreise der Wirtschaftseliten die Frage nach dem Ende des Kapitalismus auf. Und in den Nischen der stagnierenden Produktionsweise entstehen alternative Formen des Wirtschaftens, teils als Reaktion auf die Krise, teils aus Unbehagen an einer ökologisch und sozial zerstörerischen Wachstumswirtschaft.

Wie spielen Ökonomie und Technologie heute ineinander - welche Krisenelemente, vor allem aber auch welche neuen Möglichkeiten zur Überwindung des Kapitalismus stecken in der Informationstechnologie? Das ist das Thema in Paul Masons Buch Postkapitalismus. Der englische Publizist, Ökonom und Berater des Labour-Party-Vorsitzenden Corbyn hat es in diesem Jahr veröffentlicht. Kritiker verspürten bei der Lektüre einen "Zündfunken für die Vorstellungskraft".

Aufstieg der Informationstechnologie

Im nun folgenden vierten Teil unserer Reihe interpretiert Paul Mason den Aufstieg der Informationstechnologie im Lichte des "Gesetzes des tendenziellen Falls der Profitrate" im dritten Abschnitt im dritten Band des Kapitals: Marx und die Maschinen.

1602 schrieb Galileo Galilei eine Abhandlung über die Funktionsweise von Maschinen. Angeregt dazu hatte ihn die Beobachtung, dass die Ingenieure seiner Zeit oft Maschinen bauten, die nicht funktionierten, Galileo wollte herausfinden, warum das so war.

Sein Ergebnis lautete: "Diese Werkmeister waren fest davon überzeugt, dass Maschinen mit einem kleinen Krafteinsatz große Gewichte bewegen und heben können."

Auf 30 Seiten konzentrierter Mathematik bewies Galileo dann ein grundlegendes Prinzip der Physik: Maschinen verstärken nicht die Kraft, sondern transformieren sie. Es gibt keine geheimnisvollen physikalischen Kräfte im Inneren von Maschinen.

175 Jahre nach Galileo, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, begann der Aufstieg des Industriesystems. Damals glaubten viele Ökonomen, dass Maschinen Wert schöpfen. Adam Smith entmystifizierte diesen Glauben. Nach seiner Arbeitswerttheorie fügen Maschinen dem Produkt keinen Wert zu: Sie geben lediglich den Wert der Arbeit, die zu ihrer Herstellung nötig war, in kleinen Portionen an die Produkte weiter.

Nicht nur physikalisch, auch ökonomisch wirken also keine geheimnisvollen Kräfte im Inneren von Maschinen.

100 Jahre nach Smith fiel es dann Karl Marx zu, die Frage zu beantworten, die aus Smiths Erkenntnis folgte: Was lässt den Reichtum von Industriegesellschaften wachsen, wenn es nicht die Maschinen sind? Marx' Antwort hieß, wie bekannt: Arbeit. Genauer gesagt: Die Mehrarbeit, die durch eine militärische Form der Organisation und den Rhythmus der Maschine aus den Arbeitern herausgepresst wird.

Die Informationsmaschine entmystifizieren

Und heute, 150 Jahre nach Marx, halten neuartige Maschinen Einzug in viele Produktions- und Lebensbereiche: Computer, Software, Netzwerke, Automaten. Die Preise dieser Informationstechnologien fielen in den letzten 30 Jahren exponentiell. Das hat den Glauben an mysteriöse, Wert setzende Kräfte im Inneren von Maschinen wieder einmal neu belebt.

150 Jahre nach der Veröffentlichung des Kapitals müssen wir uns also - jedenfalls wenn wir den Spuren von Galileo, Smith und Marx folgen wollen - an die Aufgabe machen, die Informationsmaschine zu entmystifizieren. Müssen uns fragen: Worin besteht der Wert von Information und wie beeinflusst der technologische Schub die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft?

Ich möchte diese Fragen aus der Perspektive des dritten Bandes des Kapitals beantworten. In ihm entwickelt Karl Marx "das Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate". Dessen Kernaussage lautet: Wenn nicht Maschinen den Produkten Wert zufügen, sondern nur die Arbeit, dann untergräbt der technische Fortschritt ab einem bestimmten Punkt den Kapitalismus.

Und meine Vermutung lautet, dass wir uns mit der Informationstechnologie diesem Punkt rasant nähern.

Warum - das hat etwas mit diesem Gesetz zu tun. Und das wiederum beruht auf der Marxschen Theorie des Mehrwerts. In ihr machte Marx eine grundlegende Unterscheidung, die für die Fabriken des 18. Jahrhunderts ebenso gilt wie für die Online-Shops des 21. Jahrhunderts: Ein Teil des eingesetzten Kapitals ist die Geldsumme, mit der ein Unternehmer Maschinen, Rohstoffe und Energie kauft. Diese setzen den Produkten keinen Wert zu, sondern geben lediglich ein Quantum ihres Werts an sie weiter - Marx nennt diesen Teil "konstantes Kapital". Der andere Teil ist die Summe, die in den Lohn von Arbeitern fließt. Deren Arbeit schafft neuen Wert - Marx nennt diesen Kapitalanteil "Variables Kapital".

Und diese Unterscheidung in konstantes und variables Kapital dient Marx zur Begründung der Behauptung, dass unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen die Profitabilität des Kapitals sinken muss - jedenfalls auf lange Sicht.

Warum ist das so?

Von der Konkurrenz getrieben, müssen Unternehmer die Lohnstückkosten senken. Das probateste Mittel dazu ist es, Maschinen einzusetzen, mit denen die menschliche Arbeit produktiver wird.

Wenn nun aber, so die Marxsche Theorie, ein immer größerer Teil des investierten Kapitals für Maschinen ausgegeben wird - die keinen Wert schaffen - und ein immer kleinerer Teil für Arbeitskräfte, dann sinkt, weil allein die Arbeit die eigentliche Quelle des Profits ist, logischerweise die Mehrwert- und damit die Profitrate. Jedenfalls der Tendenz nach. Und dieser "tendenzielle Fall der Profitrate" ist für Marx ein "Grundgesetz des Kapitalismus".

Kein schlichtes "Zusammenbruchsgesetz" in Marx' Kapital

In den vergangenen 150 Jahren waren viele Marxisten geradezu besessen von diesem Gesetz - für viele ließ es den Zusammenbruch des Kapitalismus als unabwendbar erscheinen. Aber im Kapital findet sich kein derartiges schlichtes "Zusammenbruchsgesetz". Denn das Sinken der Profitraten, so führt Marx aus, löst Gegenmaßnahmen aus, die in ihrer Wirkung die grundlegende Tendenz, wie Marx schreibt, "durchkreuzen und aufheben".

Ich nenne nur einige dieser "Gegenmaßnahmen":

Wenn die Profite sinken, wenden sich die Kapitalisten neuen Märkten zu, auf denen höhere Gewinne winken. Sie senken die Kosten der Arbeit durch Lohnkürzungen und die Rekrutierung billiger Arbeitskräfte im Ausland. Die industrielle Nahrungsproduktion unterstützt diese Tendenz, denn sie senkt die Lebenshaltungskosten. Unternehmer weiten ihre Märkte aus, durch Export und Imperialismus. Sie unterlaufen die Konkurrenz mit Monopolbildung. Und schließlich und am wirksamsten: Sie machen die Maschinen, die die Produktivität erhöhen, billiger und senken so den Anteil des konstanten Kapitals am Gesamtkapital - was wiederum die Mehrwertrate steigen lässt.

Die Tendenz sinkender Profite und die Gegenmaßnahmen zu ihrer Stabilisierung spielen permanent ineinander.

Auch in der neoliberalen Ära unserer Tage lässt sich das Wechselspiel vom Sinken der Profite, vom Einsetzen und vom allmählichen Versagen der Gegentendenzen studieren:

Seit den 60er-Jahren, nach dem Ende des Nachkriegsaufschwungs, sanken allmählich die Profite in den entwickelten kapitalistischen Wirtschaften.

Mit Beginn der 80er-Jahre wurden dann die Gegentendenzen ins Werk gesetzt: In England begann die Thatcher-Ära, in Deutschland wurde die SPD-Regierung durch Helmut Kohl abgelöst. Und es setzten die von Marx beschriebenen Mechanismen ein: Der Anteil der Löhne an der Gesamtwirtschaft sank, ergo wurde die Ausbeutungsrate erhöht. Um die sinkenden Löhne zu kompensieren, stieg in den Folgejahren die private und öffentliche Verschuldung massiv an, Produktionsverlagerungen ins Ausland ermöglichten eine systematische globale Unterbezahlung der Lohnarbeiter. Globalisierung führte zu ungleichen Lohnniveaus, das senkte die Kosten für Lebensmittel, Spielzeug und Kleidung für die Arbeiter in den entwickelten kapitalistischen Nationen. Arbeitsintensive und deregulierte Formen der Produktion erlebten eine Renaissance - das ging einher mit einer Schwächung der Gewerkschaften. Das Kapital erschloss sich durch die Privatisierung gesellschaftlicher Infrastrukturen neue Profitquellen. Der Finanzsektor durchsetzte die Wirtschaft, wodurch normale Kleinanleger sich mit einem geringeren Anteil des Profits abfinden müssen und die Banken den Löwenanteil behalten.

Mit diesem Programm ist es seit 1982 gelungen, für eine Weile die Profitabilität des Kapitals wieder herzustellen - aber am Ende stand dann, nach einer Blüte von Spekulation und Betrug, 2008 die Mutter aller Finanzkrisen; und nun wird Kapital abgeschrieben durch Bankrotte, negative Zinsraten und Deflation.

Damit ist ein Punkt erreicht, an dem die profitstabilisierenden Mechanismen nicht mehr greifen. Frühere US-Finanzminister sagen langandauernde Stagnation voraus und Zentralbanker den Untergang des Systems.

Und in unseren Tagen - mit Brexit und Donald Trump - haben die Wähler in einigen westlichen Demokratien dafür gestimmt, das Modell zu verschrotten.

Information ist eine spezielle Ware

Es sieht also so aus, als erlebten wir das Ende einer Epoche. Und wieder einmal sind wir Zeugen einer Umwälzung der technischen Grundlagen des Kapitalismus. Aber diesmal scheint die Metamorphose nicht so gut zu funktionieren, wie die Leute aus dem Silicon Valley es uns weismachen wollen. Der letzte Grund dafür aber liegt nicht in den Sphären von Finanzwirtschaft, Inflation, Konsum und des internationalen Handels. Sondern in der Sphäre der Technologie selbst.

Denn die Informationstechnologie - die digitale Maschine - unterscheidet sich von allen Maschinen vor ihr.

Anders als die Maschinen aus den Zeiten von Galileo oder Marx bewirkt eine Informationsmaschine etwas anderes als eine einfache Transformation von Energie oder Material. Sie produziert Information. Und Information ist eine spezielle Ware.

Der Gebrauchswert einer Informationsmaschine besteht darin, dass sie - einmal in Form eines Siliziumchips in Betrieb genommen - andere Informationsgüter, also andere Gebrauchswerte herstellen kann, mit winzigsten Mengen von Energie und Material und ohne, dass zusätzliche Arbeit anfällt.

Wie wird sich also, so müssen sich nicht nur Marxisten fragen, die Informationstechnologie auf die Profite, ihren tendenziellen Fall und auf die entgegen wirkenden Mechanismen auswirken?

Erstens zersetzen Informationen das Preissystem. Wenn die Produktionskosten einer Ware gegen null gehen, sollte der Preis ebenfalls gegen Null tendieren - jedenfalls, wenn Markt und Wettbewerb funktionieren. Wenn die Arbeit, die man investieren muss, um etwas zu produzieren, gegen Null geht, entsteht auch kein neuer Wert.

Dinge, die unendlich kopiert oder gleichzeitig von einer unendlichen Menge von Menschen verwendet werden können, ohne sich abzunutzen, werden schließlich am Ende sehr wenig kosten - vorausgesetzt, es gibt einen freien Markt.

Nicht nur die Kosten der Software oder der IT-gestützten Dienstleistungen sind abgestürzt; auch die Kosten von Breitbandnetzen, Speichermedien und Computern sind in 15 Jahren kollabiert. Expertensysteme und 3D-Drucker erleichtern die Herstellung von Prototypen, beschleunigen so die Ingenieursarbeit und verringern deren Fehlerquote. Das senkt die Entwicklungskosten. Informationstechnik ermöglicht eine höhere Kapazitätsauslastung von Maschinen und eine nachhaltigere Verwendung von Material und Energie. Dies wiederum führt zu sinkenden Kosten von Produkten, Maschinen und Bauten.

Neue Monopolunternehmen

So ist - um nur ein Beispiel zu nennen - in 15 Jahren der Preis für die Analyse des gesamten DNA-Genoms eines Menschen von 100 Millionen Dollar auf 1.000 Dollar gefallen. Und das ist nur eine von vielen realen physischen Waren, deren Preis wegen des in ihnen enthaltenen hohen Informationsanteils zusammengebrochen ist.

Die Antwort des Kapitalismus auf diese Diskrepanz zwischen Arbeitswert und Geldpreis - anders gesagt: Auf diesen Überfluss - ist es natürlich, große Monopole zu schaffen, mit denen sich Marktpreise weit über den Produktionskosten stabilisieren lassen.

So ist - wenn man die Arbeitswerttheorie zugrunde legt - in einem Musiktitel, den ich herunterlade, auf spektakuläre Weise weniger gesellschaftliche notwendige Arbeitszeit vergegenständlicht, als es die 99 Cent ausdrücken (können), die iTunes uns dafür abnimmt: Ja, sogar spektakulär weniger, als der Betrag, auf den man käme, wenn man die 9,99 Euro zugrunde legt, die Spotify für unbegrenzte Zugriffe berechnet.

Monopole einer Größenordnung, die selbst in den Vereinigten Staaten vor 1914 nicht vorstellbar waren, schützen das geistige Eigentum der Firmen, halten die Preise hoch, unterdrücken die Marktkräfte im IT-Sektor.

Im Zeitraum von bloß 15 Jahren entstanden so Apple, Google, Samsung, Amazon, Microsoft, Facebook, What'sApp - Monopolunternehmen, deren Bewertung jede mögliche Vorhersage zukünftiger Erträge übersteigt.

Informationstechnologie untergräbt Verhältnis von Arbeitszeit und Lohn

Nicht nur das: Diese neuen IT-gestützten Monopole privatisieren unaufhaltsam nicht-marktgängige Lebensbereiche und verwandeln unsere Freizeit in ihren Profit - wie wir es mit Uber, Airbnb, Facebook und so weiter erleben. In ihren Netzwerken entstehen völlig neuartige Informationsgüter: Enorme Datenmengen, die Kunden, Nutzer öffentlicher und privater Dienste und Bürger liefern, die nun von großen Informationsmonopolisten und staatlichen Instanzen angeeignet und ausgebeutet werden.

Informationstechnologie, das ist die zweite große Auswirkung, ermöglicht dezentrales Produzieren bei zentralisierter Kontrolle. Damit löst sie die hierarchischen und zwanghaften Organisationsmodelle ab, auf denen die kapitalistische Industrie seit 240 Jahren beruhte. Zugleich aber schleift sie damit die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit und untergräbt so das Verhältnis von Arbeitszeit und Lohn. Nun stehen wir dem Betrieb auch in der Zeit zur Verfügung, die eigentlich unserer Erholung dienen sollte. Bei Marx heißt das: Erhöhung der Ausbeutungsrate.

Aber stärker als all diese Methoden, die Ausbeutungsrate zu erhöhen und die Kosten für Arbeitskräfte zu senken, wird in letzter Instanz eine andere Wirkung von IT sein: Sie wird in vielen Produktionsprozessen Arbeiter weitgehend durch Maschinen ersetzen - auch in der Informationstechnologie selbst.

Eine superarme, politisch ohnmächtige Arbeiterschicht

Die technologische Arbeitslosigkeit hat schon jetzt zu arbeitsintensiven Dienstleistungssektoren geführt, in denen Menschen mit Mindestlöhnen oder noch schlechter bezahlt werden: Das neue Prekariat der Lieferdienste, des Pizza-Service oder der Kaffee-Shops; die Frauen, die unsere Nägel lackieren; die Migranten ohne Pass, die Autos billiger reinigen als die automatische Waschanlage.

Kurzum all das, was nicht nur der Anthropologe David Graeber "Scheißjobs" nennt - Millionen von Jobs, die es beim Stand der Technik eigentlich nicht mehr geben müsste. Mit dieser superausgebeuteten neuen Dienstbotenklasse, mit Schwarzarbeitern, Migranten und Arbeitslosen, wächst so eine superarme, politisch ohnmächtige Arbeiterschicht.

Wohin wird diese Entwicklung führen?

In den Vorarbeiten zum Kapital stellt Marx ein Gedankenexperiment an. Er stellt sich eine Maschine vor, die nichts kostet. Was, so fragt er, wäre die Konsequenz?

Es wäre dasselbe, so sagt er, als wenn eine Maschine ewig halten würde. Sie würde dann Güter herstellen, aber den konstanten Kapitalanteil sinken lassen und so den Mehrwert steigern - "ohne, dass es das Kapital auch nur das Geringste kostete".

Aber es gibt, so denkt Marx weiter, noch zwei andere "Maschinerien", sprich produktive Kräfte, die das Kapital nichts kosten. Das eine ist die Arbeitsteilung - zehn kooperierende Arbeiter schaffen mehr als zehn vereinzelte. Das andere ist die Wissenschaft: als wissenschaftliche Betriebsorganisation und als technologischer Fortschritt.

Marx stellt sich dann eine Volkswirtschaft vor, in der Wissen zur wichtigsten Produktivkraft geworden ist. Eine Gesellschaft, in der die Wertschöpfung in hohem Maße sowohl von den Ergebnissen der Wissenschaft wie vom gesellschaftlich geteilten Wissen, sprich vom Bildungsniveau der gesamten Gesellschaft, bestimmt wird. In einer solchen Gesellschaft würde, so Marx, "die Schöpfung des Reichtums unabhängig von der auf sie angewandten Arbeitszeit".

Eine Maschine, die nichts kostet, aber ewig hält

Und dann kommt die radikale Schlussfolgerung: Wissen und Kommunikationsdichte einer Gesellschaft sind, wie Marx schreibt "für das Kapital nur Mittel [...] In fact aber sind sie die materiellen Bedingungen, um den Kapitalismus in die Luft zu sprengen".

Eine Maschine, die nicht verschleißt, die Kooperation steigert, kaum Kosten verursacht und die kapitalistische Verwertungslogik sprengt - für Marx im Jahre 1857 war das ein Gedankenexperiment, eine Metapher für eine vollständig verwissenschaftlichte Produktion. In unseren Tagen wird das in vielen Bereichen zunehmend zur Realität.

Von der Notwendigkeit der Konkurrenz und einer fallenden Profitrate getrieben, können die Kapitalisten nicht anders, als eine technische Entwicklung zu befördern, die entwicklungsnotwendig in Richtung der "Maschine, die nichts kostet, aber ewig hält" führt. Auch wenn diese Maschine nur der Fluchtpunkt der Entwicklung ist, so lässt Informationstechnik schon heute den Tauschwert einiger Produkte exponentiell fallen und macht einige ganz umsonst.

Damit steigt die Differenz zwischen den Produktionskosten und dem Verkaufspreis - ob es nun um Musiktitel oder wissenschaftliche Aufsätze geht, um Güter mit einem hohen Anteil an wissenschaftlichem Wissen, wie es patentgeschützte Medikamente sind, oder um solche, in denen viel Marketing-Wissen steckt, wie Turnschuhe. 

Das ist für Monopolkapitalisten eine feine Sache. Aber gleichzeitig verschärft diese Tendenz den Widerspruch zwischen technischen Produktivkräften und gesellschaftlichen Produktionsverhältnissen, genauso, wie Marx es voraussah.

Marx hat seine Gedanken über die revolutionären Folgen einer "Maschine, die nichts kostet", nicht in sein Kapital aufgenommen. Schien sie ihm zu kühn, zu weit vorgreifend? Nur in einem Satz im ersten Band, am Ende des Kapitels über die immer größere und leistungsstärkere "Maschinerie" der kapitalistischen Wirtschaft, scheint dieser Gedanke kurz auf, Zitat:

"Mit der Konzentration des Kapitals und der Alleinherrschaft des Fabrikregimes [...] reifen die Widersprüche und Antagonismen des Produktionsprozesses in seiner kapitalistischen Form, daher gleichzeitig die Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft."

Die "Bildungselemente einer neuen und die Umwälzungsmomente der alten Gesellschaft" - zu denen gehörte für Marx nicht nur Technik und Wissenschaft, sondern auch die Bildung einer klassischen, sozialistischen Arbeiterklasse, die unter dem Druck des Fabriksystems Kooperation und Solidarität gelernt hat. Diese gewerkschaftlich organisierte, hoch qualifizierte klassenbewusste Arbeiterklasse gehört - jedenfalls bei uns - der Vergangenheit an. Aber mit dem Aufkommen einer auf Informationstechnologie ruhenden Ökonomie erhält der Widerspruch zwischen den Produktivkräften und ihrer kapitalistischen Form eine neue Gestalt:

Einerseits sind die großen Kapitale bestrebt, sich alle unsere freie Zeit und unser Wissen zu unterwerfen, sie ökonomisch zu kolonisieren. Sie bedienen sich dabei der Informationstechnologie zur Intensivierung, Kontrolle und Verbilligung der Arbeit, zur Monopolisierung ihrer "geistigen Eigentumsrechte" und zur Ausbeutung der Konsumentendaten. So gibt es jetzt massenhaft billige Maschinen nur zu dem Zweck, Menschen zu zwingen, bis an die Grenzen ihrer körperlichen und geistigen Belastbarkeit zu arbeiten - aber keinen Anreiz, die Arbeitsaufgaben zu automatisieren, sodass technisch überflüssige Arbeitsplätze verschwinden können.

Räume, in denen wir uns der ökonomischen Rationalität verweigern können

Gleichzeitig aber stärkt die Informationstechnologie die "Bildungselemente einer neuen Gesellschaft": den Aufstieg von Sektoren einer "Nicht‑Marktwirtschaft". Zunächst im Reich der Information. In Netzwerken, in denen kostenlose Güter kommerziell erzeugte verdrängen.

Wikipedia ist ein Raum, der nicht kommerziell genutzt werden kann. Informationsnetzwerke, Wörterbücher, Betriebssysteme, Wissensbanken aller Art ermöglichen den Aufstieg von nicht-marktwirtschaftlichen Produktionsformen: Genossenschaftsbanken, Kooperativen von Produzenten und Konsumenten, Tauschökonomien, Dienstleistungsringe, Energieversorgungsunternehmen in Bürgerhand, die mit Hilfe von Netzwerktechnologien aufgebaut werden. In solchen Pionierunternehmen entstehen Räume, in denen wir uns der ökonomischen Rationalität widersetzen und verweigern können.

Auch wenn wir noch nicht  "morgens jagen, nachmittags fischen, abends Vieh züchten und nach dem Essen kritisieren", wie der junge Marx seine Utopie formulierte, so haben viele von uns inzwischen so viel von dieser freien Zeit - auch als Folge der Automatisierung -, dass es nicht nur eine ganze Menge nicht-kommerzieller kooperativer Güter gibt, sondern auch Aktivisten ihrer Durchsetzung.

Diese ersten Gehversuche einer kooperativen Wirtschaftsweise und einer Allmendeproduktion - also der Bereitstellung allgemeiner, von allen nutzbarer Güter - werden aber auf Dauer nur Bestand haben, wenn der Staat das Umfeld für diese neuen Formen wirtschaftlichen Handelns schafft. Wenn er die Monopole wieder einfängt und intelligente Netzwerke in Energieversorgung, Verkehr, Gesundheitswesen in seiner Regie behält.

Technologisch sind wir auf dem Weg zu kostenlosen Gütern, nichtmessbarer Arbeit, exponentiellen Produktivitätszuwächsen und der umfassenden Automatisierung physikalischer Prozesse. Gesellschaftlich sind wir Gefangene einer Welt, die von Monopolen, Ineffizienz, den Ruinen eines vom Finanzsektor beherrschten freien Markts und der Ausbreitung von "Bullshit-Jobs" geprägt ist.

Herrschende Formen des Eigentums und der Organisation infrage stellen

Der wesentliche innere Widerspruch des modernen Kapitalismus ist der zwischen der Möglichkeit kostenloser, im Überfluss vorhandener Allmendeprodukte und einem System von Monopolen, Banken und Regierungen, die versuchen, ihre Kontrolle über die Macht und die Informationen aufrechtzuerhalten. Mit anderen Worten: der Krieg zwischen Netzwerk und Hierarchie.

Im 20. Jahrhundert begingen viele Marxisten den Fehler, den schlussendlichen Niedergang des Kapitalismus von seinen Krisen zu erwarten. Das führte zu einer Abfolge von Fehlprognosen, hinter denen die grundsätzliche Behauptung von Marx, die im dritten Band des Kapitals erhoben wird, vergessen wurde: Die Behauptung, dass es letztlich der technische Fortschritt ist, der die Selbstzerstörungstendenzen des Kapitalismus befördert. Mit Marx‘ Worten: Dass es die Produktivkräfte sind, die die alten Produktionsverhältnisse sprengen.

Ein Marxismus für das 21. Jahrhundert sollte deshalb untersuchen, wie der technologische Wandel den Preismechanismus auflöst, die Verbindung von Lohn und Leistung immer weiter lockert und damit herrschende Formen des Eigentums und der Organisation infrage stellt.

Im dritten Band des Kapitals finden sich die Begriffe und das Muster für eine solche Theorie eines offenen und komplexen Systems, mit der man die Tendenzen und Gegentendenzen der Informationstechnologie analysieren kann: auf der einen Seite den Aufstieg gigantischer Monopole, die Tauschwert aus dem Nichts generieren, technologische Arbeitslosigkeit befördern und damit die Ausweitung der Sektoren unterbezahlter Arbeit. Auf der anderen Seite die Entstehung freier, kooperativer Geschäftsmodelle außerhalb des Marktmechanismus.

Es sind immer noch die alten Tendenzen und Gegentendenzen, die Marx analysierte, aber heute wirken sie im Morgengrauen eines neuen Zeitalters. Einem Zeitalter der befreiten Maschinen, einem Zeitalter, in dem Gebrauchswerte nicht länger Träger von Tauschwert sein müssen, einem Zeitalter, in dem an vielen Fronten die Auseinandersetzung darüber geführt werden wird, wem der Gebrauchswert der Informationsmaschinen gehört.

Marxisten fürchten sich nicht vor einem Produktionsprozess, in dem Maschinen so gut wie nichts kosten und so gut wie ewig halten. Marxisten sehen in Informationsmaschinen keine geheimnisvollen Quellen der Produktivität, wie die Zeitgenossen von Galileo und Adam Smith sie in den Maschinen sahen. Sondern das Resultat gesellschaftlicher Arbeit. Aber diese perfekten Maschinen, deren Kommen Marx vorhersah, sind unvereinbar mit dem Kapitalismus.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk