Sonntag, 17.12.2017
StartseiteCorsoNewcomertreffen rund um den Kiez23.09.2017

Reeperbahn Festival 2017 Newcomertreffen rund um den Kiez

Das Reeperbahn Festival gilt als eine der größten und wichtigsten Plattformen für junge Künstler, Newcomer und die Musikindustrie. Es findet mitten in den Clubs von St. Pauli statt. Auch in diesem Jahr gab es zudem wieder viele Diskussionsveranstaltungen und Panels.

Juliane Reil im Gespräch mit Sascha Ziehn

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Ein Passant schiebt am 20.09.2017 in Hamburg vor dem Theater "Schmidtchen" sein Fahrrad vor dem Logo des Reeperbahn Festivals entlang. Das Festival findet vom 20. bis 23. September 2017 in der Hansestadt statt. (Axel Heimken/dpa)
Wie eine Minitour in einer Stadt: Beim Reeperbahn Festival im Hamburg treten viele Künstler mehrmals auf (Axel Heimken/dpa)
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Sascha Ziehn: Die Idee ist schon ziemlich grandios - statt, wie bei einem "normalen" Festival, wo jede Band nur einmal auftritt, ist das Reeperbahnfestival seit diesem Jahr für die Bands und Musiker quasi so etwas wie eine Minitour in einer Stadt. Viele Künstler treten mehrmals auf, in verschiedenen Clubs, zu verschiedenen Zeiten. Und das Reeperbahn Festival ist eben auch noch mehr als ein reines Konzertfestival: Es gibt Podiumsdiskussionen, Panels, Kunst und, und, und. Heute geht die 12. Ausgabe zu Ende - und für das Corso Musikmagazin ist Juliane Reil die Reeperbahn rauf und runter gelaufen, schönen guten Tag nach Hamburg!

Juliane Reil: Guten Tag nach Köln.

Ziehn: Diese Idee mit den Club-Konzerten -statt eben irgendwo auf einem Feld eine riesige Bühne aufzubauen - das ist ja schon super. Gibt es eigentlich irgendetwas Vergleichbares in Europa?

Reil: In Europa, würde ich sagen, nein. Also das Reeperbahn Festival ist ja ein internationales Newcomer-Festival, das sich wirklich in den Dienst neuer Talente stellt.

Wie Sie gerade gesagt haben, bekommen junge neue Band zum ersten Mal wirklich die Chance, sich mehr als einmal im Konzert zu präsentieren. Das Festival ist so ein richtiger Konzert-Marathon im positiven Sinne. Und damit ist es eigentlich am ehesten mit seinem Vorbild, mit dem South By South West Festival im Amerikanischen Austin, Texas, zu vergleichen. Auch weil eben Fachbesucher aus der Musikbranche mit ganz "normalen" Konzertgängern da zusammenkommen. Im Prinzip ist das die Frankfurter Buchmesse für die Musik. Neben dem Pop-Kultur Festival in Berlin und der c/o pop in Köln das wichtigste deutsche Musikfestival.

"Das bedeutet, dass Kulturförderung eigentlich aber erst mal Wirtschaftsförderung ist"

Ziehn: Auch der Bund findet dieses Reeperbahn Festival ziemlich gut und hat es deshalb mit 1,8 Millionen Euro aus dem Kultur-Topf gefördert. Wie wurde das Geld denn angelegt?

Reil: Also ein Großteil ist in den Anchor Award geflossen. Letztes Jahr wurde der Preis - für den besten Newcomer des Festivals - aus der Taufe gehoben. Und die Idee hinter diesem Award hat mir der Geschäftsführer und Mitgründer des Festivals, Alexander Schulz, folgendermaßen erklärt.

Alexander Schulz: Jeder Künstler kann sich eben bewerben für den Wettbewerb "Anchor". Das waren in diesem Jahr 52 Künstlerinnen und Künstler. Dann muss unser Job sein, nicht einen einzelnen Künstler zu fördern. Künstlerförderung machen wir eben nicht. Sondern: Ihn mit diesem Prädikat zu versehen, vielleicht auch nur mit diesem Nominierten-Prädikat, und das muss ihm oder ihr helfen am Markt ähnlich wie - keine Ahnung: Du stehst vor zwei Kino-Plakaten, beide Plakate sind für dich unbekannt, kommen aus Ländern, die nicht dein Land sind. Der eine hat da unten eine Palme drankleben, der andere nicht. Und du entscheidest dich für den entscheiden, der diese Palme führt. Und da müssen wir hin.

Besucher des Reeperbahn Festivals sitzen am 20.09.2017 in Hamburg vor dem Theater "Schmidtchen" auf dem Spielbudenplatz. Das Festival findet vom 20. bis 23. September 2017 in der Hansestadt statt. (picture alliance/Axel Heimken/dpa)Besucher beim Reeperbahn Festival 2017 (picture alliance/Axel Heimken/dpa)

Reil: Der Anchor Award als Äquivalent also zur Goldenen Palme in Cannes. Das Reeperbahn Festival arbeitet also ziemlich zielgerichtet an sich selbst als internationaler Marke, die wirtschaftlich stark sein soll. Und das bedeutet, dass Kulturförderung eigentlich aber erst mal Wirtschaftsförderung ist. Welche Kultur dann von der Wirtschaft profitiert, das ist ein schwieriges Thema. Im schlechtesten Fall sind es die Künstler, die sich gut vermarkten lassen und die brauchen dann eigentlich keine Kulturförderung mehr. Insofern frage ich mich so ein bisschen, ob dieser Ansatz tatsächlich so gut gewählt ist, in einen Anchor Award zu investieren. Zumal das ganz konkret bedeutet, dass eine internationale Jury bezahlt wird. Also: David-Bowie-Produzent Tony Visconti ist in diesem Jahr dabei und auch Shirley Manson, Sängerin von Garbage. Und ja: Das sind keine Newcomer, sondern eben bereits etablierte Künstler.  

Diskussionsrunden zur Stärkung von Frauen in der Musikindustrie

Ziehn: Es gibt jetzt eben nicht nur sehr viel Musik beim Reeperbahn Festival, sondern auch Diskussionsrunden und sogenannte Panels. Wo liegen da in diesem Jahr die Schwerpunkte? Worüber wurde besonders viel gesprochen?

Reil: Ja, das ist ganz interessant. Ein Schwerpunkt war in diesem Jahr die Stärkung von Frauen in der Musikindustrie - auf der Bühne, aber auch hinter der Bühne. Und das ist eine starke Botschaft, die mehr als ein Symbol ist. Das Projekt "Keychange" wurde prominent vorgestellt. Das ist ein internationales Netzwerk, das Frauen unterstützen will - auch finanziell übrigens -, um die Männerdominanz in der Musik abzubauen.

Jade Bird live auf dem Reeperbahnfestival 2017 (imago stock&people/Future Image)Musikerin Jade Bird live auf dem Reeperbahnfestival 2017 (imago stock&people/Future Image)

Es gibt da auch ein erstes, schönes Ergebnis: Sieben Festivals - in Island, Spanien, Großbritannien, Schweden, Estland, Kanada und eben hier in Deutschland - die haben sich nämlich darauf geeinigt. Sie wollen darauf hinarbeiten, dass sie innerhalb der nächsten fünf Jahre 50 Prozent Frauen in ihrem Line-up vertreten haben. Und eine Unterstützerin von "Keychange", die bereits erwähnte Shirley Manson - gerade weil sie viel in ihrer Karriere erreicht hat, will sie junge Frauen durch ihr Vorbild ermutigen, wie sie sagt.

Shirley Manson: I mean I don’t have nothing to gain or loose at this point. I have my career. I have a really great career. And I now see that I have an opportunity to enable women who are behind me to have an easier run than I did. You know I am aggressive,  and I am articulate and well-educated and that has served me well in the music industry. I just think of myself as a woman in the world and I have a lot of young women in my life and I feel I can be their Jeanne d'Arc. And that's what I intend to do.

Reil: Ja. Kämpferisch wie Jeanne d'Arc, so gab sich Shirley Manson auch in vielen Diskussionen.

"Ein unglaublich weites Spektrum, was da präsentiert wurde"

Ziehn: Sie haben sich jetzt so ganz viel Livemusik angehört, waren in ganz vielen Clubs unterwegs. Irgendetwas gefunden, was Sie so richtig überrascht und begeistert hat?

Reil: Ja, das war natürlich wieder ein unglaublich weites Spektrum, was da präsentiert wurde. Aber mich hat eine Band aus Australien kalt erwischt: Gold Class heißen sie. Die haben gerade ihr zweites Album veröffentlicht. Das ist dystopischer Postpunk à la Joy Division. Live haben die unglaublichen Druck gemacht, ohne jemals abzufallen. Der Sänger blass und athletisch mit kurz geschorenen Haaren - ein bisschen wie "gefangen in eigenen schönen Körper". Zuckende Armebewegungen, manchmal hat er sich fast mit dem Mikrofonkabel erwürgt. Also wirklich deutlich gelitten. Sicherlich war das viel Show, aber der Sound entspricht eben dem Zeitgeist - da kam Unbehagen auf und Isolation. Und das hat mich beeindruckt.

Ziehn: Schade, dass man das im Radio nicht sehen kann, wenn wir den song gleich hören. Juliane Reil aus Hamburg, ganz herzlichen Dank! Die 12. Ausgabe des Reeperbahn Festivals geht heute zu Ende.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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