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StartseiteCampus & KarriereVerlag de Gruyter: "Wir sind für Open Access"12.04.2018

Reihe: 20 Themen - 20 KöpfeVerlag de Gruyter: "Wir sind für Open Access"

Viele Verlage stehen Open Access, dem kostenlosen Zugang zu wissenschaftlicher Literatur, skeptisch gegenüber. Der Verlag Walter de Gruyter habe damit kein Problem, sagte Verlagsverteter Eric Merkel-Sobotta im Dlf. Er glaube aber nicht, dass es in den nächsten 20 Jahren eine "Total-Open-Access-Landschaft" geben werde.

Gastmoderator Günter Ziegler im Gespräch mit Eric Merkel-Sobotta

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Günter Ziegler: Wir reden heute über das Publizieren in der Wissenschaft. Die Publikationen sind die Währung, das ist das, was am Ende eben zählt und was bleibt. Und die Perspektive des Wissenschaftlers ist eben "Ich hab es gemacht, der Steuerzahler hat es bezahlt, ich hab es letztlich vielleicht dem Verlag geschenkt. Der Verlag macht relativ wenig, da fragen wir dann gleich noch mal nach. Und am Ende muss es die Bibliothek eben von den Verlagen teuer zurückkaufen. 100 Millionen Euro pro Jahr nur von den drei großen Verlagen für den den Zugang zu den elektronischen Zeitschriften.

Das Deal-Projekt ist seit zwei Jahren am Start. Ich muss erklären, was das ist: Die Union der Wissenschaftsorganisationen hat die Hochschulrektorenkonferenz, den Präsidenten Horst Hippler gebeten, Nationallizenzen zu verhandeln für die elektronischen Zeitschriften der drei großen Wissenschaftsverlage, das sind Elsevier, Springer Nature und Wiley. Die Verhandlungen laufen, man hört das eine oder andere eben auch in Presseerklärungen öffentlich. Es sind schwierige Verhandlungen, das kann ich als Mitglied des Verhandlungsteams auch sagen.

Drei Prinzipien sollen am Ende durchgesetzt werden mit diesen neuen Nationallizenzverträgen. Das Erste ist Open Access, dass alles, was Aufsätze sind mit einem deutschen Erstautor, eben ab sofort Gold Open Access geschaltet werden, also aus der ganzen Welt gelesen werden können. Das zweite Prinzip ist, dass für die Aufsätze fürs Publizieren bezahlt wird zu dem Zeitpunkt, wo publiziert wird, und eben nicht mehr bezahlt wird fürs Lesen. Und das dritte Prinzip wird sein, dass es transparente Verträge gibt, wo wir eben sagen können, auch öffentlich sagen können, was da gezahlt wird, und dann eben auch der Steuerzahler beurteilen kann, ob der Vertrag eigentlich das wert ist und die Ware das wert ist, was da bezahlt werden soll. Das sind die Ideen. Die Idee ist, dass über diese Nationallizenzen eben Open Access den großen Schritt nach vorn macht. Wir hören noch mal nach, Stimmen aus der Universitätsbibliothek in Konstanz.

"Hallo, ich bin Jonathan Kapp, ich studiere Rechtswissenschaften an der Universität Konstanz. Wir haben teilweise das Problem, dass wir auf bestimmte Aufsätze keinen Zugriff haben, weil sie nicht in dem universitätseigenen Abonnement umfasst werden. Gerade bei den Rechtswissenschaften haben wir einen gewissen Umfang an Abonnements, auf die wir zugreifen können über eine Onlineplattform. Gerade die spezielleren Zeitschriften sind da nicht mit umfasst. Ja, das fehlt einfach manchmal."

"Dem Würgegriff der Verlage entkommen"

"Mein Name ist Anja Oberländer. Ich bin hier in der Universität Konstanz im KIM Referentin für Open Access und elektronisches Publizieren. Wir sind hier an der Uni Konstanz schon relativ lange sehr intensiv mit dem Thema beschäftigt. Wir haben diverse Projekte zum Thema Open Access. Wir haben seit einiger Zeit eine Regelung, und das steht nun in der Hochschulsatzung, dass jeder, der etwas publiziert, das auch nach Ablauf einer gewissen Frist auf unserem Repositorium für jeden weltweit frei zur Verfügung ablegen soll, wenn das denn möglich ist. Die Fachzeitschriften reagieren so, dass da, wo sie denken, dass sie damit viel Geld verdienen können, versuchen sie, ihr Geschäftsmodell in die Richtung auszubauen. Und nach vielen anderen Arten und Weisen versuchen sie, das zu verhindern, zu boykottieren, aufzuhalten, weil natürlich wir in einer Situation sind, wo wir grundsätzlich Open Access auch als Weg sehen, diesem Würgegriff der Verlage zu entkommen. Und die Verlage wollen natürlich weiterhin gern ihre großen Gewinnmargen behalten und tun alles, um das ein bisschen aufzuhalten."

"Ich habe Jura studiert. Mein Name ist Benjamin Seibold, aus Stuttgart ursprünglich. Ich bin in einem Rechtsreferendariat. Ich habe so ein Onlineportal, da habe ich Zugriff im Rahmen meiner Ausbildung. Und da musste ich mich dann anmelden, und dann habe ich erst Zugriff auf die verschiedenen Zeitschriften, Rechtszeitschriften und so weiter. Wenn man in die Bibliothek geht, findet man eigentlich alles."

Ziegler: Mein Gast ist jetzt Eric Merkel-Sobotta. Der war früher tätig bei Elsevier, einem der sehr großen Verlage, dann bei Springer, was dann Springer Nature wurde, das ist der zweite von den drei großen Wissenschaftsverlagen, die genannt wurden, und ist jetzt bei De Gruyter in Berlin, einem kleineren Wissenschaftsverlag. Herr Merkel-Sobotta, vielleicht sollten wir erst mal reden über die Leistungen der Verlage. Was ist das, was in den modernen Zeiten, wo eben der Wissenschaftler eben auch schon selbst seinen Aufsatz tippt, was ist das, was der Verlag beiträgt, was ist die Leistung, die wir eben eigentlich dann auch finanzieren müssen, wenn wir sagen, wir wollen und wir brauchen einen Verlag, um unsere Aufsätze in die Welt zu bringen?

Eric Merkel-Sobotta: Da gibt es mehrere Punkte. Es wird ja oft gesagt, ich kann meinen Aufsatz in das Internet einstellen und damit hat jeder Zugriff. Es hindert ja auch kein Verlag Wissenschaftler, das zu tun. Tun sie aber nicht, weil wir tatsächlich eine Mehrleistung erbringen für Wissenschaftler. Nicht nur Satz, Herstellung, sogar Druck noch bei Büchern und bei Fachzeitschriften, sondern auch das Marketing und auch natürlich die Plattform, die elektronischen digitalen Plattformen, die wir bereitstellen und finanzieren müssen und in die wir investieren müssen, um diese Aufsätze und diesen Content für die Ewigkeit zur Verfügung zu stellen.

Ziegler: Sehe ich das richtig, dass also sozusagen es immer einfacher wird? Es ist ja auch die Frage aufgetaucht, brauchen wir die Verlage eigentlich noch zum Veröffentlichen.

Merkel-Sobotta: Das ist eine interessante Frage, eine philosophische Frage –

Ziegler: Es ist ja auch eine sehr praktische Frage.

Merkel-Sobotta: Na ja, es hindert ja kein Verlag einen Wissenschaftler, in der Tat seine Arbeit in das Internet einfach so zu stellen. Problem ist dann nur, muss er sich auch drum kümmern, wie es findbar wird und dass Netzwerke dann auch wissen, dass es publiziert worden ist. Und das macht ein Wissenschaftler natürlich nicht selbst. Der will forschen und nicht sich um solche Details kümmern.

Ziegler: Wenn wir aber sozusagen den naturwissenschaftlichen Teil anschauen, und auch bei Ihrem Verlag ist ja eine der ganz großen und ältesten Mathematikzeitschriften, das "Crelles Journal", dann ist eben doch die Frage, wie sieht's aus mit Open Access? Kommt das? Kriegen wir das hin? Geht es Richtung Open Access? Und wenn, eben auch in Zukunft Open Access publiziert werden soll, an welcher Stelle ist dann das Geld zu verdienen? Gibt es da die Modelle, die dann auch funktionieren, am Ende natürlich auch für den Verlag funktionieren müssen?

"Wir sind für Open Access"

Merkel-Sobotta: Ja, natürlich, also wir sind jetzt im Moment schon der größte Open-Access-Verlag für Bücher mit Original-Forschungsergebnissen, und das will was heißen für, wie gesagt, einen deutschen Mittelständler. Wir sind für Open Access. Wir haben nichts dagegen. Wir sind auch eher für Gold Open Access, das ist die sauberste Lösung und auch die transparenteste.

Ziegler: Gold heißt, es ist ab sofort, bei Publikation für die gesamte Welt frei und ohne Barriere zugänglich.

Merkel-Sobotta: Richtig. Und natürlich muss ein Verlag, zumindest ein Verlag wie unserer, wirtschaftlich arbeiten. Den Würgegriff haben wir natürlich nicht, auch nicht dementsprechend, wie Herr Scholz es sagte, 30 bis 40 Prozent Gewinn. Das ist utopisch für uns. Und wie gesagt, nicht alle Wissenschaftsverlage arbeiten in der gleichen Weise wie vielleicht die drei großen.

Ziegler: In den Zeiten dieser Deal-Verhandlungen, wo wir in Deal ja verhandeln jetzt eben mit den drei Großen, da ist natürlich eine von den Fragen dann auch, ob es da eigentlich einen Verdrängungswettbewerb gibt zwischen den großen und den kleineren, wobei meine Diagnose wäre, dass es den bisher eben auch schon gegeben hat und diese Mechanismen, mit denen eben Elsevier, Springer Nature und Wiley sich ihre Anteile von den Bibliotheksbudgets sichern, eben das Geld abgraben bei den kleineren Verlagen, die dann weniger Chancen haben.

Merkel-Sobotta: Das sehen wir auch so. Wir haben die große Sorge eben, dass, wie Sie schon sagten, wenn ich jetzt mal vereinfache, der Kuchen der Mittel für die Beschaffung von Content bleibt gleich ungefähr, der wird nicht größer.

Ziegler: Richtig.

Merkel-Sobotta: Die Scheiben, die sich die drei Großen abschneiden, die werden in der Tat größer. Da soll Deal ja ein Ende bereiten dazu. Wir machen uns aber trotzdem Gedanken, dass hinterher trotzdem nicht genug für uns, für unabhängige Verlage gerade in den Geisteswissenschaften übrig sind. Da machen wir uns schon große Gedanken.

Ziegler: Prognose in die Zukunft, kriegen wir das hin, Wissenschaft Richtung Open Access zu kriegen? Wird es in fünf Jahren ganz anders aussehen, oder ist das zu optimistisch?

Merkel-Sobotta: Nein. Das wird ganz anders aussehen, und wir werden vorne stehen mit unserer Fahne, wo "Open Access" drauf geschrieben ist. Was aber auch klar ist, ist, dass in bestimmten, gerade in den Naturwissenschaften hat Open Access nicht nur eine größere, sage ich mal, Akzeptanz, sondern auch größere finanzielle Möglichkeiten, mit den Forschungsbeträgen, die dort zur Verfügung stehen. In anderen Disziplinen geht es langsamer voran. Wir sehen nicht, dass in fünf, zehn oder 20 Jahren es eine Total-Open-Access-Landschaft geben wird. Das glauben wir nicht. Aber es wird auf jeden Fall sehr viel weiter sein in fünf bis zehn Jahren.

Ziegler: Mit diesen doch relativ optimistischen Aussichten bedanke ich mich ganz herzlich bei Eric Merkel-Sobotta von de Gruyter in Berlin für ein interessantes und aufschlussreiches Gespräch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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