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StartseiteHintergrundWie aus Freunden Feinde wurden26.12.2015

Russland und die UkraineWie aus Freunden Feinde wurden

Brudervölker wurden sie genannt zu Zeiten der untergegangenen Sowjetunion. Heute aber führen Russen und Ukrainer in der Ost-Ukraine Krieg. Mehr als 8.000 Menschen sollen in dem Konflikt um die Krim und die Separatistengebiete bereits getötet worden sein. Eine Versöhnung scheint Lichtjahre entfernt.

Von Gesine Dornblüth und Florian Kellermann

Russlands Präsident Wladimir Putin und der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bei den Feiern zum 70. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie.  (picture alliance / dpa / Aleksey Nikolskyi)
Versöhnungsversuch oder reine Propaganda: Russlands Präsident Wladimir Putin spricht von der Ukraine als dem Brudervolk. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko nennt Russland offen den "Aggressor". (picture alliance / dpa / Aleksey Nikolskyi)
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Ein Einkaufszentrum in Moskau. Aleksandr, Mitte 30, sitzt in einem Café und bestellt schwarzen Tee. Er wohnt ein paar Metrostationen entfernt, seine Frau und die gemeinsame einjährige Tochter sind zuhause. Aleksandr kommt aus der Ukraine, aus Kiew. Dort leben seine Eltern, die Geschwister, alle Verwandten. Vor vier Jahren ist er nach Moskau gezogen, der Arbeit wegen. In Moskau hat er seine Frau kennengelernt, eine Russin:

"Wenn ich meine Frau und das Kind nicht hier hätte, würde ich Russland natürlich verlassen. Es ist sehr schwierig. Ich fühle mich eigentlich als Persona non grata. Mir hat niemand direkt ins Gesicht gesagt, ich sei hier nicht erwünscht. Aber im Zusammenhang mit dem russischen Migrationsrecht hat es im vergangenen Jahr sehr viele Unannehmlichkeiten für die Ukrainer gegeben. Man hat sie nicht ins Land gelassen. Das Gesetz ist da jetzt hart. Wenn du etwa zwei Mal in Russland gegen die Straßenverkehrsordnung verstoßen hast, können sie dir die Einreise verweigern. Sogar Falschparken kann solche Folgen haben."

Aleksandr ist Einzelunternehmer, er hat in Moskau eine kleine Werbeagentur. Im Kontakt mit seinen Kunden spiele es keine Rolle, dass er aus der Ukraine ist. Er versuche, nicht als Ukrainer aufzufallen. Aleksandr spricht Russisch ohne den typischen ukrainischen Akzent. Auch sein Familienname ist nicht typisch ukrainisch. Vorsichtshalber solle der aber trotzdem lieber nicht genannt werden:

"Auf meiner Stirn steht nicht, dass ich Ukrainer bin. Ich lasse das nicht heraushängen, ich gehe nicht mit einer ukrainischen Fahne durch die Straßen. Die Stimmung in der Gesellschaft ist jetzt so elektrisiert, da reicht irgendein kleiner Anlass: auf beiden Seiten, in Russland und in der Ukraine. Wenn ein russischer Staatsbürger nach Kiew fährt und Aufkleber auf dem Auto hat mit Wörtern, die einen Ukrainer beleidigen, dann kann es passieren, dass sie ihm dort die Scheiben einschlagen oder die Reifen aufschlitzen. Genauso, wenn ein Ukrainer hier herkommt und sich nicht korrekt verhält - vielleicht würde es da sogar noch schlimmer."

"Die Front verläuft praktisch durch unsere Familie"

Innerhalb der Familie vermeidet Aleksandr das Thema Politik:

"Meine Frau und deren Verwandte leben alle hier, in Russland, in Moskau. Das sind schon alte Leute. Meine Verwandten leben alle in der Ukraine. Die Front verläuft praktisch durch unsere Familie. Emotional, psychologisch ist das sehr schwer. Ich habe einfach Glück, weil meine Frau sehr klug ist."

Im Sommer fuhren die Moskauer und die Kiewer Familien sogar gemeinsam in den Urlaub, nach Spanien: Aleksandr und seine Frau, Mutter, Schwiegermutter, Schwester und Schwägerin:

"Meine Mutter und meine Schwester sind konfliktscheu, sie versuchen, allen kitzligen Punkten auszuweichen. Und meine Moskauer Familie ist absolut unpolitisch. Alle begreifen, dass der Konflikt zwischen Russen und Ukrainern künstlich geschaffen worden ist. Wir versuchen, das Thema Politik zu vermeiden: Das, was in der Ukraine passiert, ebenso wie das, was in Russland passiert. Denn, wenn ich zum Beispiel die russische Politik kritisiere, ist das für meine Frau unangenehm. Niemand hört doch gern Kritik von einem Fremden. Nicht mal konstruktive."

In den Augen vieler Ukrainer gibt es derzeit nicht nur eine Grenze zur Russischen Föderation. Es gibt auch eine Front. Die verläuft im Osten zu den Gebieten der Separatisten, die von Russland unterstützt werden. Im Süden ist es die Linie, die das ukrainische Festland von der Halbinsel Krim trennt.

Der 42-jährige Leonid Schypko ist Elektriker. Er verbringt als Freiwilliger immer wieder mehrere Tage und Nächte an der Demarkationslinie - er kontrolliert Lastwagen, die Lebensmittel auf die Krim bringen wollen und durchsucht PKWs. Das sei sein Beitrag, den Okkupanten, wie er Russland nennt, in die Knie zu zwingen:

"Als erstes muss Russland die ukrainischen Kriegsgefangenen freilassen, das ist meine persönliche Ansicht. Damit meine ich auch diejenigen, die Russland auf der Krim sogar noch vor der Annexion festgenommen hat. Erst, wenn die frei sind, können wir uns überhaupt an einen Tisch setzen und verhandeln."

"Wir haben etwas gegen Russland als Okkupanten"

Essen im Versorgungszelt: Zu Mittag gibt es gekochte Kartoffeln mit Fleisch, dazu Sauerkraut und die scharfe abchasische Soße Adschika (Deutschlandradio.de/F. Kellermann)Leonid und die anderen Freiwilligen kontrollieren den Verkehr auf die Halbinsel. (Deutschlandradio.de/F. Kellermann)Leonid und andere Freiwillige haben den Verkehr in Richtung Krim anfangs eigentlich illegal kontrolliert. Kurz vor Jahresende hat die Ukraine den Handel mit der Halbinsel nun auch offiziell eingestellt. Richtig, findet Leonid: Die Krim gehöre wieder unter ukrainische Kontrolle. Dann aber, am Ende eines windigen Wintertags, überrascht er seine Kameraden. Er holt eine Fotokopie hervor, sauber eingelegt in eine Klarsichthülle: ein Portrait des russischen Filmregisseurs Eldar Rjasanow, bekannt durch seine satirischen Darstellungen des Sowjet-Alltags, der Ende November verstarb. Leonid hängt das Foto am Checkpoint auf:

"Hier fahren ja auch viele pro-russisch eingestellte Leute vorbei. Wir wollen ihnen zeigen, dass wir Ukrainer nichts gegen sie als Russen haben. Wir haben etwas gegen Russland als Okkupanten und gegen Menschen, die nicht nachdenken und sich Putins Propaganda unterwerfen. Wir sollten das auseinanderhalten - hier: ein Russe und dort, wie wir sagen: ein "Watnik" - einer, der also statt Gehirn Watte im Kopf hat."

Leonid stammt aus Dnipropetrowsk, im Osten der Ukraine. Seine Muttersprache ist russisch, er hat Verwandte und Bekannte auf der anderen Seite der Grenze - sie sind ihm nah, auch wenn er mit manchen von ihnen seit dem Konflikt kein Wort mehr spricht.

Manche Checkpoint-Kontrolleure blicken ganz anders auf den Nachbarn im Osten. Im Versorgungszelt steht Oleh Bondaruk, der aus Luzk im Westen der Ukraine stammt. Russland habe keine Zukunft, ist der Unternehmer überzeugt:

"Dafür müsste sich deren Mentalität radikal ändern. Die Russen brauchten immer einen äußeren Feind, sie können gar nicht leben ohne Feind. Ohne Krieg kann sich dort keine Regierung halten. Eine Idee, ihren Staat fortzuentwickeln, haben die Russen nicht, deshalb brauchen sie auch das Führerprinzip, den Personenkult. Aber die Bildung eines echten Staates kann ich dort nicht erkennen."

"Jeder müsste erst einmal den eigenen Putin in sich selber umbringen"

Ähnlich eindeutig sehen das auch Intellektuelle in Kiew - selbst solche, die russische Wurzeln haben. Andrej Kurkow ist in der Nähe von Petersburg geboren und schreibt seine Bestseller auf Russisch. Doch heute verbindet ihn nicht mehr viel mit dem Nachbarland. Seine Bücher erscheinen dort längst nicht mehr. Die Hälfte seiner russischen Freunde habe Russland inzwischen verlassen, sagt er. Mit vielen, die weiter dort leben, findet er kaum noch eine gemeinsame Sprache. Ob das Verhältnis jemals wieder besser werden kann?

"Erst einmal müsste Putin aus der russischen Politik verschwinden. Die Russen müssten erst einmal begreifen, was eigentlich vor sich geht und warum die ganze Welt sich von ihnen abwendet. Jeder müsste erst einmal den eigenen Putin in sich selber umbringen, damit wieder eine zivilisierte Nation entstehen kann."

Menschen in der Ukraine, die das anders sehen, haben sich zurückgezogen und melden sich nicht mehr zu Wort. Viele Vereine, die sich um russische Kultur in der Ukraine kümmerten, haben ihre Arbeit praktisch eingestellt. Das betrifft vor allem jene, die früher von russischen Fördergeldern profitiert haben. Auch Russen, die schon seit vielen Jahren in der Ukraine leben, fühlen sich nicht mehr so wohl wie früher. Zum Beispiel die Verlegerin Polina Lawrowa, die aus Petersburg stammt:

"Eine ganze Menge Leute hier möchte, dass wir Russen uns die ganze Zeit entschuldigen und Abbitte leisten. Ich tue das nicht. Aber ich überlege mir jetzt immer zweimal, was ich sage, um niemanden zu reizen."

Exil-Russen in der Ukraine: "Russische Kultur als gemeinsames Erbe"

Polina Lawrowa zog vor zehn Jahren wegen ihres Mannes hierher, der ein glühender Patriot sei. Beide sprächen Russisch miteinander, doch einfacher geworden ist ihre Beziehung deshalb nicht. Denn sie sieht die Schuld für den Konflikt zwischen beiden Ländern nicht nur bei Russland, auch wenn sie zunächst einräumt:

"Klar, Russland hat die sehr schwierige Lage ausgenutzt, in der sich die Ukraine befunden hat. In der Krimfrage zum Beispiel. Aber ich rate immer, auch die vergangenen 20 Jahre zu betrachten, die dahin geführt haben. Der Kampf der ukrainischen Oligarchen untereinander, die Korruption, all das hat die Ukraine geschwächt. Das will mein Mann nicht immer hören, dann suchen wir uns eben ein neutrales Gesprächsthema."

Ganz anders blicken die neuen Exil-Russen auf die Beziehung zwischen den beiden Ländern. Wohl über 100 Menschen dürften es sein, die in den vergangenen beiden Jahren als politisch Verfolgte in die Ukraine geflüchtet sind. Viele von ihnen glauben, für beide Nationen könne es einmal viel engere, nämlich echte partnerschaftliche Beziehungen geben - dann, wenn sich beide Staaten zu Demokratien entwickelt haben würden. - An diese Zukunft glaubt Olga Kurnosowa, die seit etwas über einem Jahr in Kiew lebt:

"Die russische Kultur ist doch ein gemeinsames Erbe. Wenn die Ukraine jetzt nichts mehr mit Russland zu tun haben will, dann verhält sie sich wie eine betrogene Ehefrau, die sich scheiden lässt, und dabei alles dem Mann überlässt - die Datscha, die Wohnung, die Jacht, um selbst auf dem Bahnhof zu wohnen."

Olga Kurnosowa hatte in Moskau gegen das militärische Engagement Russlands in der Ostukraine demonstriert. Viele ihrer Mitstreiter sitzen in Haft, sie konnte sich retten. Nun koordiniert sie von Kiew aus Informationskampagnen in ihrer Heimat Russland. Doch auch in der Ukraine will sie Überzeugungsarbeit leisten:

"Manche sagen: Lebt doch, wie ihr wollt in eurem Russland, wir wollen von euch nichts mehr wissen. Am besten soll Russland in Einzelteile zerfallen. Dann antworte ich: Das ist eine Position, die Putin stärkt. Er will seinen Bürgern ja sagen, dass die ganze Welt gegen sie ist. Andererseits ist Russland aber zu groß und die russisch-ukrainische Grenze ist zu lang. Wenn Russland zerfällt, dann wird das sehr gefährlich auch für die Ukraine."

Russen und Ukrainer entfremden sich immer mehr

Russlands Präsident Wladimir Putin bei seiner traditionellen Jahrespressekonferenz im Kreml. (Imago)Russlands Präsident Wladimir Putin bei seiner traditionellen Jahrespressekonferenz im Kreml. (Imago)
Die Aussicht auf eine Versöhnung, wie Olga Kurnosowa sie anstrebt, scheint im Moment allerdings Lichtjahre weit entfernt. Denn einstweilen vertieft sich die Entfremdung zwischen Russen und Ukrainern immer mehr. Der aus Kiew stammende Unternehmer Aleksandr:

"Eigentlich waren die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine immer gespannt. In Russland herrscht die beinahe traditionelle Ansicht, es gäbe Russland als großen und einen kleinen ukrainischen Bruder, und der Kleine nähme sich dauernd etwas, das ihm nicht zustehe. Seit Anfang der 2000er Jahre, seit Putin an der Macht ist, rückte diese Denkweise stärker in den Vordergrund. Und als ich 2011 nach Moskau kam, bekam ich ganz oft von Leuten, die ich gerade erst kennenlernte, sofort zu hören: Ach, Ihr - Ihr klaut doch unser Gas."

Russlands Präsident Wladimir Putin indes betont bei jeder Gelegenheit, wie nahe sich Russen und Ukrainer doch angeblich seien – und verschärft damit sogar noch die Situation. März 2015. Ein Open-Air-Konzert auf dem Roten Platz. Es ist der Jahrestag der Annexion der Krim durch Russland. Auftritt Präsident Putin vor seinen Anhängern:

"Wir waren in Russland immer der Meinung, das Russen und Ukrainer ein Volk sind. Ich meine das auch jetzt."

Vor wenigen Tagen schließlich: Putins Jahrespressekonferenz. Sein Sprecher ruft einen Moskauer Journalisten auf, da unterbricht ihn der Präsident und erteilt einem Korrespondenten aus der Ukraine das Wort.

"Entschuldige, da ist die Ukraine. Unsere Bruderrepublik, ich werde nicht müde, das zu betonen. Bitte!"

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hält von dieser Rhetorik - milde gesagt - nichts. Anstelle des Wortes "Russland" benutzt er häufig einfach nur den Begriff "Aggressor". Im September erklärte er schließlich:

"Die neue Militärdoktrin der Ukraine stellt offiziell fest, dass Russland unser militärischer Gegner ist. Bis 2020 soll die ukrainische Armee mit den Armeen der Nato-Staaten vollständig kompatibel sein."

Ukrainer als "vermeintlich nicht ganz vollwertige Russen"

Und so erscheint auf den ersten Blick Poroschenko als Spalter, während Putin doch angeblich auf Versöhnung aus ist. Nach Meinung des Publizisten und Sprachforschers Gasan Gusejnow ist das Gerede vom "Brudervolk" jedoch reine Propaganda, die noch aus Sowjetzeiten stamme. In der UdSSR war die vielbeschworene Völkerfreundschaft vor allem eine deklamatorische Worthülse, denn:

"Das Grundmotiv der russischen Beziehung zur Ukraine und des russischen Staates zur Ukraine lautete: 'Ihr seid schlicht und einfach nicht ganz vollkommene Russen. Wir haben euch bloß erlaubt, eure gestickten Blusen zu tragen. Und eure komische Dorfsprache zu sprechen. Aber ihr habt keine eigene Kultur, oder nur eine schwache, ihr habt keine Staatlichkeit.' Diese Verachtung existiert. Bei sehr vielen Menschen in Russland, selbst bei solchen, die auf den ersten Blick kultiviert erscheinen. Die Verachtung für Ukrainer als vermeintlich nicht ganz vollwertige Russen."

Mittlerweile schlägt sich die Abneigung auch sprachlich nieder, und zwar gegenseitig. Ukrainer bezeichnen die Russen abfällig als "Moskaly" - als "Stamm der Moskauer", die eigentlich unwürdig seien, sich mit dem Namen ihrer Nation "Russen" auf die mittelalterliche "Kiewer Rus" zu beziehen. Oder sie nennen Russen: "Watniki". Abgeleitet von den uniformen sowjetischen Wattejacken. Die Russen ihrerseits verballhornen die Ukrainer zu "Ukropy", zu Deutsch etwa "Dillköpfe", oder sie beschimpfen sie geringschätzig als "Chochly". "Chochol" – so heißt der traditionelle Haarzopf, ein unverwechselbares Kennzeichen der ukrainischen Kosaken in früheren Jahrhunderten. Solche Spitznamen seien in der Alltagssprache auch schon zu Sowjetzeiten benutzt worden, weiß Sprachforscher Gusejnow. Aber erst jetzt gelten sie gewissermaßen als "salonfähig" und vergifteten das Klima:

"Schlimmer als diese Worte ist aber der komplette Unwille, die Haltung der anderen Seite zu akzeptieren. Die Menschen leben in einem Diskurs von Misstrauen, Boshaftigkeit, Bösartigkeit gegenüber den 'Anderen', die, wie es heißt, 'immer' anders gewesen seien. Denen man auch früher nie hätte vertrauen dürfen. Die immer Verräter gewesen seien. Und von ukrainischer Seite ist zu hören, dass den Russen nichts heilig sei, sie würden nur Macht und Gewalt hoch halten und Hungersnot bringen. Das sitzt so tief, dass einem angst und bange wird."

Keine Direktflüge mehr zwischen Russland und der Ukraine

Ein Flugzeug fliegt am Tower vorbei. (dpa / Maksim Blinov)Flughafen Moskau-Scheremetjewo: Alle Direktverbindungen zwischen Russland und der Ukraine sind seit Herbst 2015 ausgesetzt. (dpa / Maksim Blinov)
Gusejnow fährt regelmäßig von Russland aus nach Kiew, trifft sich dort mit Wissenschaftler-Kollegen:

"Leute in Moskau, zivilisierte, gebildete Menschen, fragen mich: Hast du keine Angst? In Kiew können sie dich umbringen. Ich habe gesagt: Umbringen können sie dich überall. Das ist absurd. Ich fahre in genauso eine europäische Stadt wie nach Moskau oder nach Petersburg. Das war ein Mitarbeiter der Akademie der Wissenschaften. Das ist ein furchtbares Signal. Es bedeutet, dass der Mann unter dem Einfluss der Propaganda steht und zu viel ferngesehen hat."

Der in Moskau lebende Ukrainer Aleksandr hat längst die Konsequenzen gezogen. Bei ihm zuhause herrscht Fernsehverbot. Ignorieren kann er die Propaganda trotzdem nicht:

"Du gehst zum Friseur, dort läuft der Fernseher mit Nachrichten über den Donbass. Über "Bandera-Faschisten" und so weiter, total einseitig. Du gehst zu Freunden, dort läuft auch der Fernseher. Das russische Fernsehen ist einfach zu mächtig, es macht die Menschen zu Zombies."

Aleksandr kennt aber eine Lösung: Die Leute müssten einfach in das andere Land fahren und miteinander reden. Noch vor einem Jahr hat er Moskauer Freunde in die Westukraine, nach Lwiw und in die Karpaten, eingeladen. Sie waren begeistert. Doch Reisen und Begegnungen werden immer schwieriger. Seit diesem Herbst gibt es keine Direktflüge mehr zwischen Russland und der Ukraine.

"Wir wissen noch nicht, ob meine Verwandten aus Kiew nach Moskau kommen können. Einen Tag Hinfahrt, einen Tag Rückfahrt, damit wir ein oder zwei Tage zusammen sitzen können - das ist schwierig. Andersherum geht es nicht. Meine Schwiegermutter will jetzt nicht mehr nach Kiew fahren. Ich weiß nicht, wie diese zwei Staaten je wieder zueinander finden können."

Etwas zuversichtlicher blickt die Kiewer Exil-Russin Polina Lawrowa in die Zukunft:

"Ich habe das Gefühl, dass sich die Beziehungen ganz allmählich glätten werden. Manche sagen, das werde 25, 30 Jahre dauern. Ich denke, es wird schneller gehen. Denn die wirtschaftlichen Beziehungen bleiben ja, und mit ihnen werden auch die anderen Kontakte wieder wachsen. In den Medien und bei Künstlern spüre ich, dass zumindest die Tonlage schon wieder ein bisschen entspannter geworden ist, aber bisher eben auch nur die Tonlage."

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