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StartseiteEuropa heuteDie Arbeit eines russischen Trolls03.03.2016

Russlands DesinformationspolitikDie Arbeit eines russischen Trolls

In sogenannten Trollfabriken in St. Petersburg werden gezielt erfundene Geschichten und Falschmeldung über die Opposition und den Westen in sozialen Netzwerken gestreut. Das zeigt deutliche Wirkung in der russischen Gesellschaft. Die Journalistin Ljudmila Savchuk hat in einer dieser Trollfabriken undercover recherchiert - und ist nun selbst Ziel der Trolle geworden.

Von Alois Berger

Eine Hand mit Computermaus wird durch eine Lücke in der Büroeinrichtung hindurch beobachtet. (picture-alliance / dpa / Hans Wiedl)
In sogenannten Trollfabriken verbreiten Angestellte gezielt Desinformationen in den Medien. (picture-alliance / dpa / Hans Wiedl)
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Ljudmila Savchuk ist eine zierliche junge Frau mit dunklen langen Haaren, dunklen Augen und einem Mut, den man ihr nicht unbedingt ansieht. Die 28-jährige Russin schreibt für russische Zeitungen, Schwerpunkt Politik und Gesellschaft, gelegentlich auch mit verdeckter Recherche.

Mehr als zwei Monate hat sie undercover in der sogenannten Troll-Fabrik von Sankt Petersburg gearbeitet. Ein riesiges Haus mit vier Stockwerken, vollgepackt mit Elektronik, erzählt sie, aber keinem Firmenschild an der Tür. 400 bis 500 Leute arbeiteten dort, die wenigsten wüssten oder wollten auch nur wissen, für wen sie da arbeiten.

"Die meisten sind um die 20 und die einzige Motivation ist das Geld. 40.000 bis 50.000 Rubel zu verdienen, das ist für die diese Leute in St. Petersburg sonst kaum möglich."

Für 500 bis 600 Euro für den Kreml schreiben

Für umgerechnet 500 bis 600 Euro schreiben sie jeden Tag Hunderte von Kommentaren auf Websites, mischen sich in Foren und Chatrooms ein, erzählen erfundene Geschichten und verbreiten Fälschungen als Wahrheiten. Es gehe einzig und allein darum, den Kreml gut und die russische Opposition sowie den gesamten Westen schlecht aussehen zu lassen.

"Die Schreiber haben absolut keinen eigenen Standpunkt, meist auch keine Ahnung. Als der Oppositionelle Boris Nemzow in Moskau ermordet wurde, da haben diese Schreiber überall verbreitet, was für ein schlechter Mensch dieser Nemzow war. Aber wenn man sie gefragt hat, dann wussten sie nicht einmal, wer dieser Nemzow überhaupt war. Sie haben sich nicht dafür interessiert. Sie schreiben, was verlangt wird."

Wer Fremdsprachen beherrsche, könne das Doppelte verdienen, sagt Savchuk. Die Aufgabe sei dann, die Kommentarspalten der westlichen Medien zu bearbeiten, Journalisten und westliche Politiker zu beschuldigen, sie würden Russland hassen oder einen Krieg gegen Russland anzetteln wollen.

Ljudmila spricht keine Fremdsprachen. Sie schrieb an einem Blog und in verschiedene Foren, die sich an russische Leser richteten:

"Ich habe in einer sehr geheimen Abteilung gearbeitet. Ich habe den Lesern vorgegaukelt, ich sei eine Wahrsagerin, die sich viele Gedanken über die Zukunft macht. Das heißt, nicht nur ich, eine ganze Abteilung hat an dieser Figur gearbeitet und unter dem Namen dieser Wahrsagerin geschrieben."

Fiktive Blogger mit emotionaler Story

Die fiktiven Blogger sollen den Eindruck machen, politisch unabhängig zu sein. Sie schreiben viele Banalitäten, sagt Ljudmila Savchuk, um dann von Zeit zu Zeit politische Standpunkte einzubauen:

"Man hat uns gesagt, welche Themen wir ansprechen sollten, aber auch, dass sie so persönlich und emotional wie möglich rüberkommen sollten. Da schreibt man dann zum Beispiel lang und breit, wie man gerade einen Kuchen backt. Und dabei macht man sich ein paar Gedanken über Merkel. Oder man schreibt, dass man gerade geheiratet hat. Und dass einem Freunde bei der Hochzeitsfeier erzählt haben, was dieser Obama gerade wieder gemacht hat."

Peter Pomerantsev vom Legatum Institut in London hat beobachtet, dass die Trollfabrik mit solchen emotionalen Beimischungen offenbar ein tiefes russisches Bedürfnis bediene. Russen, meint er, seien es gewohnt, mit Propaganda überschüttet zu werden. Wahr sei, was der Regierung gerade nützt. Wenn man sowieso nicht wisse, welche Wahrheit stimmt, so Pomerantsev, dann nehme man sich die Wahrheit, mit der man sich am wohlsten fühle, die der Sehnsucht nach Gefühlen am meisten entgegen komme. Pomerantsev beschäftigt sich seit zehn Jahren mit russischen Trollen.

Trolle werden zur Desinformation genutzt

"Trolle wurden am Anfang von Geschäftsleuten benutzt, um mit Desinformation der Konkurrenz zu schaden. Vor allem in Russland und der Ukraine. Nach den Protesten in der Ukraine 2012 hat dann der Kreml gemerkt, dass er die Information im Internet nicht kontrollieren kann. Die Zensur funktioniert nicht mehr so recht. Die Lösung ist, soviel falsche Information zu streuen, dass die Menschen nicht mehr wissen, wer gut und wer böse ist. Die Türkei, China, Russland, die machen das alle."

Seit Ljudmila Savchuk die Trollfabrik verlassen hat, versucht sie, ein breites Publikum darüber zu informieren. Sie hat sogar wegen nicht gezahlter Löhne vor Gericht geklagt. Seitdem ist aktenkundig, dass die Troll-Fabrik existiert. Doch die Desinformation geht weiter, sie richtet sich jetzt auch gegen Ljudmila Savchuk selbst.

Ihre Facebook-Seite wird mit Anschuldigungen überschwemmt. Und von Zeit zu Zeit bekommt sie Warnungen von Freunden, denen man gesagt hat, dass der Kontakt mit Ljudmila Savchuk lebensgefährlich sein kann.

"Wenn Sie hören, dass ich einen Unfall hatte, dann glauben Sie bitte nicht, dass es ein Unfall war."

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