Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
 
  • Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 23:57 Uhr National- und Europahymne
StartseiteAus Kultur- und Sozialwissenschaften600 Jahre Konzil in Konstanz24.04.2014

Schwerpunktthema600 Jahre Konzil in Konstanz

Es ging um nicht weniger als die Überwindung der Spaltung der Kirche, das Große Abendländische Schisma, auf dem vierjährigen Konzil zu Konstanz. Und sie kamen zu Tausenden aus allen Teilen der westlichen Welt: Kardinäle, Patriarchen, Bischöfe, Äbte, Hunderte Universitätsdoktoren, Herrscher und Fürsten Europas.

Von Barbara Weber

Der tschechische Reformator Jan Hus vor dem Konstanzer Konzil (dpa / picture alliance)
Der tschechische Reformator Jan Hus vor dem Konstanzer Konzil (dpa / picture alliance)
Literatur

Hrsg. Badischen Landesmuseum, Das Konstanzer Konzil 1414 - 1418

Der Katalog und Essayband zur Landesausstellung, Theiss Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2014

Augenzeuge des Konstanzer Konzils, Die Chronik des Ulrich Richental, Die Konstanzer Handschrift ins Neudeutsche übersetzt von Monika Küble und Henry Gerlach, Theiss Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2014

Ulrich Richental, Chronik des Konzils zu Konstanz 1414 - 1418, Faksimile der Konstanzer Handschrift, mit einem kommentierten Beiheft von Jürgen Klöckler, Theiss Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2014

"Schisma ist ein griechisches Wort und heißt: die Spaltung. Schisma in der Geschichte der Kirche heißt: die Aufspaltung, die Zertrennung der Kirche, die Aufhebung ihrer Einheit."

Die Große Abendländische Spaltung beruht auf der doppelten Wahl zweier Päpste 1378. Starb einer von ihnen, wurde er von seinen Gefolgsleuten ersetzt. So teilte sich die lateinische Christenheit immer deutlicher in zwei Kirchen, die man "Obödienzen", Gehorsamsbezirke, nannte.

Nach mehreren vergeblichen Bemühungen sollte das Konzil von Pisa die Einigkeit bringen. Zwei Päpste standen sich unversöhnlich gegenüber Benedikt XIII und Gregor XII. Beide wurden zum Rücktritt gedrängt.

„Danach wurde der ehrsame Balthasar de Cossis zum Papst gewählt. [...] Als er nun gewählt war, nahm er [...] den Namen  Johannes XXIII. an. [...] Dieser Papst schwor, nachdem er gewählt war, dem ganzen Kollegium, [...] dass er alles tun werde, was in seinem Vermögen stehe, um Frieden und Einigkeit in der Christenheit wieder-herzustellen. Dieser Papst Johannes XXIII. ließ die Sache aber auf sich beruhen", schreibt 1420 der Konstanzer Bürger Ulrich Richental über das vorangegangene Konzil in Pisa. Die beiden Päpste Benedict XIII. und Gregor XII. ließen sich aber nicht absetzen, wussten sie ihre Gefolgschaft doch hinter sich, sodass am Ende, nach der Wahl von Johannes XXIII. aus der "schlimmen Zweiheit eine verfluchte Dreiheit" geworden ist, wie eine zeitgenössische Stimme es ausdrückt.

So stritten sich drei Päpste um das Primat in der katholischen Kirche als König Sigismund sein Amt antrat. Jeder Papst wurde von jeweils verschiedenen Herrschern in Europa unterstützt. Da diese Wirren das Reich von innen und außen bedrohten, beschloss der König, dem Missstand ein Ende zu setzen und drängte auf ein Konzil. Dieses Konzil von 1414  -  so Jürgen Miethke, emeritierter Professor für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg  - hatte drei Aufgaben:

Die causa unionis, also das Problem der Kircheneinheit, die Aufhebung des Schismas, und die Neuwahl eines Papstes, der von allen anerkannt wird.

Die causa fidei: Dabei geht es um die Glaubensreinheit und um den Streitfall Jan Hus, ein böhmischer Prediger, der sich gegen den vorherrschenden Prunk in der Kirche wandte und für Gewissensfreiheit kämpfte. Seine Anhänger nannten sich Hussiten.

Die causa reformationis: Das betraf die von vielen als notwendig erachteten innerkirchlichen Reformen.

Was es für die Wissenschaftler heute schwierig macht - so der Historiker Professor Joachim Schneider von der Universität Mainz:

"Die Quellenlage ist relativ brüchig, weil es keine regelmäßige Protokollführung gibt. Aber es gibt natürlich diese wunderschöne Chronik des Ulrich Richental, des Konstanzer Bürgers, der einige Jahre nach dem Konzil aus der Erinnerung eine Dokumentation angelegt hat", die aktuell der Theiss Verlag in einer Neuübersetzung ins Hochdeutsche herausbringt, die "verschiedene Gesichtspunkte des täglichen Lebens während der Konzilszeit dokumentiert, Märkte kommen vor, wie sich die Konzilsteilnehmer auch versorgt haben, der Alltag, die Rituale, die in der Öffentlichkeit stattfanden wie Belehnungen, Prozessionen. Das alles kommt dort vor. Aber was nicht vorkommt sind natürlich die internen Besprechungen, all das, worum die Konzilsteilnehmer dort gerungen haben, worüber sie diskutiert haben, davon weiß Richental so gut wie nichts."

Brüchige Quellenlage macht es den Historikern schwer

Insofern sind Historiker heute gut über die äußeren Faktoren des Konzils informiert, beklagen aber Informationsdefizite über den internen Verlauf.

Ulrich Richental überliefert, dass es im Vorfeld des Konzils einige Diskussionen zwischen König Sigismund und Papst Johannes XXIII. über den Ort des Konzils gab. Letztendlich - so der Chronist - überzeugte der König den Papst von der Reichsstadt Konstanz.

"Konstanz ist eine Mittelstadt, so im Vergleich mit den anderen Städten des Heiligen Römischen Reiches mit etwa 6.000 bis 8.000 Einwohnern", sagt Joachim Schneider.

"Konstanz ist aber eine sehr lebendige Stadt damals. Es liegt an wichtigen Handelsrouten. Es liegt nicht weit von Italien entfernt. Konstanz selbst ist an sich eine Bischofsstadt. Es gibt eine ganze Menge Kleriker, die in der Stadt wohnen, Domherren, die da ihre Höfe haben. Es ist eine Bürgerstadt, eine Reichsstadt auch inzwischen. Der König ist der Stadtherr, das hat sich im Spätmittelalter so entwickelt. Der Bischof hat auch in dieser Richtung ein bisschen an Stellung verloren."

In diese lebendige Bürgerstadt strömen vor und während des Konzils tausende Teilnehmer mit ihrem Gefolge.

"Unglaublich viele Leute, kann man sagen!", sagt Dorothea Weltecke, Professorin für Geschichte der Religion an der Universität Konstanz.

Die Kardinäle natürlich, besonders hervorzuheben auch die großen Kardinäle, die gleichzeitig Universitätskanzler gewesen waren wie Piere d'Ailly oder andere, die auch schon solche Großkongresse vorher organisiert hatten, und dann kamen lateinische Patriarchen, Bischöfe in großer Zahl, dreihundert, Äbte, Universitätsdoktoren der Theologie und der Rechte und Gesandtschaften von allen möglichen Fürstenhäusern von Spanien und von anderen Regionen und Delegationen von Städten und so weiter, die brachten natürlich immer noch Gefolge und Dienerschaft mit sich, sodass das also diese große Zahl von Leuten gab, die in der Stadt dann untergebracht werden mussten.

Die Unterbringung wurde vom Rat der Stadt gemeinsam mit den Gesandten des Königs genau geregelt, wie der Konstanzer Bürger Ulrich Richental schreibt. Damit kein Gast der Stadt betrogen wurde, legten die Herren fest,

"dass man für ein Bett mit Zubehör, in dem zwei Schläfer in Ehren liegen konnten, jeden Monat zwei Rheinische Gulden 40 bezahlen sollte und für ein Pferd, auch wenn es nur in einem Stand untergebracht war, drei Pfennig pro Nacht. Der Hauswirt sollte seinen Gästen außerdem Tische, Tischdecken, Leintücher, Bettdecken, Kissen, Töpfe, Kannen, Kessel, Pfannen und was man sonst noch braucht, zur Verfügung stellen und alle Leinensachen wie Betttücher, Tischdecken, Handtücher und was sonst der Wäsche bedarf, alle 14 Tage frisch gewaschen aushändigen. Diese Ordnung wurde aber nicht länger als zwei Monate eingehalten, dann wurde es wieder schlimmer."

Konzil wurde 1414 eröffnet

Da parallel zu dem Konzil auch König Sigismund für lange Zeit in der Stadt blieb, fanden hier die Regierungsgeschäfte statt, 1415 ein Reichstag zum Beispiel, auf dem Organisatorisches wie die Prägung von Goldmünzen geregelt wurde.

Papst Johannes XXIII. eröffnete das Konzil 1414. Dabei standen ihm zunächst nur seine Anhänger zur Seite. Als König Sigismund Ende 1414 das Konzil erreichte, änderte er sofort die Geschäftsordnung und legte fest, dass nach Nationen und nicht nach Köpfen abgestimmt wurde, um eine Abstimmungsmehrheit der italienischen Bischöfe zu verhindern. Um das Schisma zu überwinden, erklärte sich Papst Johannes im darauffolgenden Jahr damit einverstanden, zurückzutreten, falls es ihm Gregor XII. und Benedict XIII. gleichtaten. Doch dann floh er, wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, dass das Konzil ohne ihn nicht beschlussfähig sein würde.

Doch er hatte sich verkalkuliert:

Als der Papst geflohen war, hat das Konzil sich entschlossen, auf die eigene Tradition zurückgreifend, zu erklären, dass es nicht in seiner Arbeitsfähigkeit und in seiner Berufung vom Papst abhängig sei, dass also die Abwesenheit des Papstes, die Arbeit des Konzils "nicht stören könne, sondern dass das Konzil unmittelbar von Christus seine Legitimität und Arbeitsmöglichkeit erhält, sodass bei Abwesenheit des Papstes das Konzil allein entscheidungsfähig bleibt. Jeder Christ, so hat das Konzil beschlossen in dem berühmten Dekret Hae sancta synodus 1415, jeder Christ, auch wenn er päpstlichen Standes sei, muss dem Konzil in bestimmten Fragen, nämlich in Fragen des Glaubens, in Fragen der Reform, des christlichen Lebens, Gehorsam leisten, und diese Entscheidung Haec sancta führt dann dazu, dass das Konzil noch weitere drei Jahre arbeiten konnte und in dieser Zeit dann auch Johannes XXIII. absetzte."

Ebenso den Papst Benedikt XIII. und Gregor XII. letztendlich zum Amtsverzicht bewegte. Der neue Papst hieß Martin V. Somit war die Einheit der Kirche wieder hergestellt.

Was die beiden anderen Ziele des Konzils anbelangt, debattieren Historiker und Theologen bis heute über die Resultate.

Die causa fidei, die zum Beispiel die Gewissensfreiheit thematisiert, endete mit einem Wortbruch. Dem Prager Prediger und Kirchenreformer Jan Hus war freies Geleit zugesichert worden, stattdessen endete er als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Das führt noch aktuell zu theologischen Diskursen,

"Wieweit sein neuer Blick auf den Glauben der Christen auf die Vorreformatoren, wie die protestantische Geschichtsschreibung, Kirchengeschichtsschreibung es nennt, wieweit sie von diesen Vorreformatoren abhängig ist und zu den Vorreformatoren gehört ja auch Jan Hus. Dass die Ideen der Vorreformatoren auch für die Reformatoren wichtig waren, das haben sie selber gewusst, und das ist auch in der heutigen Forschung unumstritten."

Unumstritten ist auch die Folge der Verbrennung, denn sie mobilisiert seine böhmischen Anhänger. Joachim Schneider:

"Das führt zu einem Aufstand und letztlich zu der Etablierung eines nur in Einschränkung katholischen Königreichs oder eines Königtums in Böhmen mit Sonderrechten, bis man schließlich dann zwanzig Jahre später zu einem Friedensschluss kommt mit den Hussiten, mit den Böhmen dann. Insofern hat das Konzil hier zur Entstehung eines Krieges Anlass gegeben."

Was die causa reformationis betraf, also die Kirchenreformen, überwiegt in der wissenschaftlichen Diskussion wohl die Skepsis:

"Das große Thema spätestens seit dem 14. Jahrhundert war ja der römische, kuriale, der päpstliche Zentralismus, wo auch immer sich der Papst gerade aufhielt oder die Päpste; dann, seit längerer Zeit ...  die Pfründenverwaltung, die von Rom aus mehr und mehr gesteuert wurde. Und das war das Hauptthema, das sich hinter dem Thema Kirchenreform verbirgt, da ist man zu keinen Fortschritten gekommen. Es wurde ja auch im Verlauf des Konzils dann entschieden, zunächst das Schisma zu beseitigen und die Reformforderungen und Diskussionen dann zurückzustellen. Und dann ist man auch nicht mehr drauf zurückgekommen."

Etwas anders beurteilt das Ergebnis Dorothea Weltecke:

"Das Ziel der Reformen wird in Deutschland einhellig als nicht erreicht betrachtet, international sieht man das nicht ganz so negativ. Zumal eben auch klar ist, die römische Kirche war ein großer Tanker. Da kann man nicht mit einem Machtwort alle Probleme lösen, und es wird zum Teil durchaus dem Papst Martin V. zugestanden, dass er versucht hat, Reformen umzusetzen, die Finanzen zu klären und da Wildwuchs auszujäten."

Das Dekret Haec Sancta, das ursprünglich ein kollegiales Verhältnis zwischen Papst und Kirche vorsah, änderten die Teilnehmer des Konzils in Basel. Auf Drängen von Papst Martin V. wurde das durch das Dekret geschwächte Papsttum dort wieder gestärkt. Noch heute wird unter Theologen diskutiert, ob das Dekret nur für das Konstanzer Konzil gelten sollte oder darüber hinaus.

"Am heiligen Pfingsttag hielt der Papst das Hochamt. Nach dem Amt gab er dem Volk den Segen auf dem Oberen Münsterhof und es waren so viele Leute in den Hof gekommen wie nie zuvor. Im Münster, auf dem Unteren Hof und vor dem Münster beim Hofbrunnen befanden sich über 6000 Menschen, die vor lauter Gedränge nicht mehr auf den Oberen Hof gekommen waren, sodass alle sich wunderten, dass niemand erdrückt wurde. Am anderen Tag, einem Montag im Mai, zog Papst Martin aus Konstanz fort und ritt nach Gottlieben."

Römische Kirche hatte einen universalen Anspruch

Nie wieder in seiner Geschichte stand die Stadt Konstanz so im Zentrum des Geschehens. Das Konzil gilt als eines der wichtigsten Ereignisse des Mittelalters. Aber kann man es deshalb schon als Weltereignis bezeichnen?

Die Konstanzer Historikerin Dorothea Weltecke ist skeptisch:

"Ich finde, ehrlich gesagt, dass diese Bezeichnung quatsch ist, ehrlich gesagt, und zwar aus zwei Gründen: Die römische Kirche hatte einen universalen Anspruch. Das wird man nicht bestreiten. Aber genauso unbestritten ist, dass dieser universale Anspruch von orientalischen, östlichen Kirchen gar nicht anerkannt wurde, zum Beispiel den Kirchen der syrischen Tradition oder den Kopten, sodass das, was in Konstanz verhandelt wurde, für diese Christen gar keine Rolle gespielt hat. Und dann gibt es eben diese riesigen Welten unter muslimischer Herrschaft oder die Mingdynastie in China, und das sind Menschen dort, die haben sich für die Ereignisse in einer kleinen Stadt am westlichen Rand von Eurasien stattgefunden haben, wirklich nicht interessiert. Man kann doch auch weiterhin sagen, also wenn man auf so eine Bezeichnung kommt, dann hat das viel damit zu tun, wie sich die deutsche Mediävistik versteht und deren Blick auf die Welt, der sehr eurozentrisch ist, und da ist dann gleich Europa die ganze Welt."

Die Forschung rund um das Konzil wird je nach Fach und Fakultät unterschiedlich gewichtet: Während säkulare Historiker sich eher mit kulturellen und politischen Fragen beschäftigen, sind für Theologen und Kirchenrechtler die Dekrete des Konzils wichtig, meint Dorothea Weltecke. Unterschiede beobachtet sie auch zwischen katholischen und evangelischen Theologen.

"Die gibt es ganz sicher, und die entzünden sich natürlich sehr stark an der Frage der Verurteilung und der Verbrennung von Jan Hus, weil es da einfach eine unterschiedliche konfessionelle Position gibt. Da habe ich aber in den letzten Jahren gesehen, dass man versucht hat, vorsichtiger und differenzierter aufeinander zuzugehen. Man wird sehen, wie das im Lauf der Konzilsfeierlichkeiten gelingen wird. Und dann gibt es aber auch sehr starke Fraktionen innerhalb der katholischen Theologie und der katholischen Kirchenrechtler, weil auch hier es Fraktionen gibt, die sich eine Öffnung der Kirche, eine stärkere Betonung der Konzilen gewünscht haben, sehr stark Rom-kritisch und auch Papst-kritisch sich geäußert haben und auf der anderen Seite Gruppen, die die Autorität des Papstes sehr stark betont haben und verteidigt haben. Auch diese beiden Gruppen streiten sich immer mit Argumenten aus dem Konstanzer Konzil und sind sich da nicht weniger unähnlich und nicht weniger kontrovers als evangelische und katholische Theologen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk