Dienstag, 23.01.2018
StartseiteTag für TagEinmal Glück, bitte!01.01.2018

SinnsucheEinmal Glück, bitte!

Sie haben im Beruf viel erreicht, Geldsorgen kennen sie nicht - aber da brennt dieses Gefühl: Es müsste noch etwas anderes geben im Leben. Coaches und Klöster haben diese Kundschaft entdeckt. Eine Reise durch die Welt der käuflichen Lebensfreude.

Von Lena Gilhaus

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Schmetterlinge im Bauch - ein Glücksgefühl, aber verhält es sich mit dem Glück auch wie mit dem Schmetterling? (imago stock&people)
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München, Lindwurmstraße. Ich treffe Kerstin Humberg und einen ihrer Klienten, den Österreicher Stephan Dertnig in einem kleinen Appartement. Das habe er sich für Übernachtungen in München gekauft, erzählt der Ex-Direktor der Boston Consulting Group Russland - kariertes Hemd, schwarzer Anzug -, während er versucht, einen Bilderrahmen aus meterweise Noppenfolie zu befreien.

"Das Bild war das Ergebnis eines mehrtägigen Interviewprozesses, wo ich reflektiert habe über meine Vergangenheit und dann im Sinne der positiven Psychologie, was eigentlich meine Zukunft sein könnte", sagt er.  

Interviewt hat ihn Kerstin Humberg. Die ehemalige Journalistin und Unternehmensberaterin - 40 Jahre alt, Ringelshirt, brünetter Pferdeschwanz - hat nach einer zweijährigen[*] Ausbildung zur positiven Psychologin das Start-up "Yunel - Make Happiness Work" gegründet und plant mit ihren Klienten eine zweite Lebenshälfte voller Glücksmomente. Credo ihrer Seminare: "Happiness is the joy you feel striving after your potentials".

"Die Positive Psychologie fragt, wo sind deine Stärken, was inspiriert dich, und wie kannst du dein Potenzial optimal ausschöpfen", erklärt Kerstin Humberg.

Das exklusive Endprodukt: Eine Bilderbuchzeichnung

Sie biete keine Therapie, sondern ein strategisches Coaching mit exklusivem Endprodukt.

Stephan Dertnigs Endprodukt kommt jetzt zum Vorschein. Eine Zeichnung, wie aus einem Kinderbilderbuch. Darauf steht:

"Stephans World Map of Happiness".

Auf Business-Englisch, weil sich die beiden Unternehmensberater in dieser Sprache zuhause fühlten, ergänzt Kerstin Humberg. Rechts im Bild Dertnigs Profil, umstellt von Skistöcken, darunter der Satz:

"Explorer with vision, fun and impact. Forscher mit Vision, Spaß und Wirkung."

Daneben erstrecken sich Kontinente. Im Norden Lateinamerikas reiten zwei Männchen an gefällten Baumstämmen vorbei, im angrenzenden "Ocean of Inspiration" die Worte:

Glück: eine Suche, die nie endet? (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)Glück: eine Suche, die nie endet? (picture-alliance / dpa / Patrick Pleul)

"Just like paradise": Wie im Paradies

Denn hier in Costa Rica habe er einen seiner glücklichsten Jobs gehabt. Als Geschäftsführer eines Unternehmens mit mehreren Teakholzplantagen.

"Da musste ich vor Ort die Plantagen besuchen und da konnte ich so gewisse Elemente meiner Kindheit wieder sehr gut einbringen", erzählt Dertnig. "Ich bin mit Pferden aufgewachsen und in Costa Rica in der Regenzeit muss man Pferde nehmen, denn da bleibt man mit dem Auto sonst stecken".

Humberg nennt solche Karten Glückswerk. Stephan Dertnig hat für seins viel investiert.

"Die Frage ist ja, ob ich einen Flug nach Griechenland  - kostet auch so viel, wie wenn er da eine Woche bleibt und das verändert ein Leben, eine Woche in Griechenland verändert die Hautfarbe."

Die Suche nach dem Sinn

Nach langjährigem Geldverdienen in der Wirtschaft, sagt Humberg, suchten viele ihrer Klienten neuen Sinn. Und der stecke in Dingen, die über einen selbst hinausgehen.

"Less income more meaning, recognition and impact."

Zu Deutsch: Weniger Einkommen, mehr Anerkennung und Wirkung. In dieses Stadium kämen viele seiner Altersgenossen, sagt Dertnig:

"Wo man sich fragt jetzt, marginal, nochmal mehr Geld zu verdienen, was bringt das wirklich an additional value, an additional Glück."

Er drückt den Finger rechts unten auf seine Landkarte. Hier liegt eine Insel mit Finca, Pool, Pinien. Zwei Männchen in Anzug liegen sich freudestrahlend in den Armen: "Fun in Business" steht darauf. Hier wolle er zukünftig Start-up-Gründern helfen:

"Als Business Angel und das symbolisiert hier dieses Nice-to-be-Land, das auch zufällig in Nizza ist, auf englisch ja auch 'nice' ein bisschen wie ein Retreat, wo dann eben Manager ankommen, die ihre Geschäftsidee, ihr Problem diskutieren wollen und hier spontan Lösungen gefunden werden. Wenn man zu mehr Glück bei dem beiträgt, dann macht mich das ja glücklich."

So hofft Dertnig. Die Positive Psychologie verknüpft Lebensfreude eng mit beruflicher Zufriedenheit.

Ich treffe in Berlin Charlottenburg zwei weitere Privatkunden. In einer prunkvollen Altbaustraße leben Carsten, Mitte 40, Gründer eines Investment- und Beratungsservice und Carlotta, 50, in der Luxusbranche tätig. Ihre Nachnamen sollen ungenannt bleiben. Das Paar empfängt mich im säulengehaltenen Esszimmer. Carsten - zurückgekämmte blonde Locken -, Carlotta - Dutt und Regenbogenpullover - schenken am massiven Holztisch Wein ein. Nach einer Weltreise 2015 hätten sie nicht mehr in ihr altes Leben zurückgefunden, erzählt Carlotta:

"Wir haben keine Kinder, leben aber, als hätten wir Kinder, ich denke, der Nestbau ist es, man schließt so seine Wohnung auf, es ist alles wunderbar, aber wir könnten flexibel sein."

Ihr Traum: Mit einer Geschäftsidee auswandern. Ein dreitägiger Workshop bei Kerstin Humberg sollte Gewissheit bringen. Nach dem Sammeln von Glücksmomenten, gemeinsamen Werten und Stärken, habe festgestanden:

"Dass wir wirklich bei allem, was wir in der Zukunft machen wollen, auch einen großen sozialen Gedanken auch haben wollen."

Hatten sie durch diese Reise auch den Gedanken: wir leben hier in Saus und Braus und jetzt sehen wir hier Ausbeutung, Armut, war das dieses Thema?

Carlotta: "Nein, nein."

Carsten: "Ich mag das gar nicht, so sozialkritisch, das geht immer so ein bisschen auch in Neiddebatten rein, das ist mir zu antikapitalistisch. Man kann eigentlich als Deutscher, wenn man durch die Welt geht, viel mehr noch nach draußen transportieren. Das ist ja auch etwas, das man daraus lernt, die Dinge positiv zu sehen. Wie man Demokratie empfinden kann, was es heißt, Meinungsfreiheit zu haben, wie man die äußert, wie respektvoll man miteinander umgehen kann. Wir sind hier das sozialste Land der Erde."

"Gut genug ist auch nicht schlecht"

Kommt drauf an von welcher Seite man schaut. Ihr Glückswerk hat Carsten jetzt vor sich liegen - ein Poster: Darauf das Paar, in den Abendhimmel fliegend, mit einem Hund in der Mitte, über ihnen der Mond, darunter Sterne:

Carsten: "Das sind unsere Werte: Ehrlichkeit, Harmonie, Abenteuer, Unabhängigkeit und erfüllte Beziehung. Der Claim, der da drauf steht. 'Shoot for the moon, even if you miss, you land among the stars', hat uns am meisten begeistert und umgehauen. Und oben drüber steht 'Aufbrechen' Und 'Die Reise unseres Lebens'."

Der Aufbruchsplan stand doch schon vorher fest, wundere ich mich. Mit welchem Geschäfts-und Lebensmodell wollen sie denn nun gemeinsam starten?

Carlotta: "Was bei beiden rauskommt, kam, ist: Ein B'n'B, ein Bed and Breakfast am Meer mit einem Hund."

Die Ergebnisse beider Workshops, ein Bed and Breakfast und das Nice-to-be-Land von Stephan Dertnig klingen für mich eher nach einer ruhigen Kugel als nach Potenzialentfaltung. Das sei auch genau richtig in der zweiten Lebenshälfte, findet Psychotherapeut Arnold Retzer:

"Weil es nicht mehr so ungebremst und erfolgreich in die Zukunft gehen kann. Und die Metapher des Potenzials stellt ja so etwas dar, wie die Vorstellung, es ist immer noch mehr drin. Dabei könnte möglichweise die Vorstellung: Gut genug ist auch nicht schlecht, ohne Potenzialentfaltung mit weniger Gequäle, um diese angeblichen Potenziale, einhergehen."

Ganz anders Kerstin Humberg: Die froh sei in ihrem Start-up Yunel ihre Potenziale Journalismus, Beratung und Psychologie voll zu entfalten:

"Also ich bin in Südafrika mit 20 bewaffnet überfallen worden, habe da angefangen, mir die Frage zu stellen, wie kann es sein, dass obwohl ich in der Kindheit gelernt habe, dass Menschen eigentlich gut sind, dass Menschen auch dazu in der Lage sind, Gewalt anderen Menschen anzutun und seitdem beschäftigt mich die Frage, wie kann menschliches Potenzial positiv ausgeschöpft werden."

"Waren das Leute, bei denen sie dachten, warum überfallen die mich?"

Humberg: "Nee, es waren Menschen, die davor Jahrzehnte lang während der Apartheit unterdrückt worden sind."

Denen von den Kolonialmächten Gewalt angetan wurde, die in extremer Armut leben. Ihr Beispiel sei sicherlich Folge eines Systems gibt Humberg zu. Aber auch das hätten ja Menschen entwickelt.

"Yunel steht für Muhammad Yunus und Nelson Mandela, zwei Friedensnobelpreisträger, die gezeigt haben, das auch jenseits von extremer Armut, Gewalt, Kriminalität, Menschen in der Lage sind, ganze Systeme zu verändern", sagt Kerstin Humberg.

Ihr Klient Stephan Dertnig hat Geschäfte mit Rohstoffen aus Entwicklungsländern gemacht. Mit ihren Coachings wolle sie Menschen inspirieren ihr Potenzial auch für die Gesellschaft einzusetzen.

Die Jagd nach Glück ist eine recht junge Erscheinung. Früher geplagt von Hunger und Elend, erwartete man das Glück erst nach dem Tod. Doch mit der Moderne und der Befreiung von Religion sei diese Vorstellung weggebrochen, sagt Philosoph Wilhelm Schmid:

"Und brachte den Nachteil mit sich, nun selber sagen zu sollen, was denn der Sinn des menschlichen Lebens sei. Das ist aber sehr schwer zu sagen."

Das Glück ist ein Schmetterling

Auch heute gehen deshalb noch viele Menschen auf Sinnsuche im Jenseits. Etwa in hinduistischen Yogapraktiken. Ein probates Mittel gegen Depressionen, steht sogar bei Wikipedia.

Köln Ehrenfeld. Das Yogastudio Vishnus Couch füllt sich. Ich sitze zusammen mit rund 20 Yogaschülern auf Matten, starre auf Ganesha - der Elefantenkopfgott prangt auf der türkisfarbenen Wand, mit schwarzer Nerdbrille auf dem Rüssel. Es duftet nach ätherischen Ölen. Julia Nusskern - zierlich, blond, Pony - setzt sich vor uns und es geht direkt los mit dem Weg ins Glück:

"Das Glück ist wie ein Schmetterling, sagte der Meister, jag ihm nach und er entwischt dir, setz dich still hin und er setzt sich auf deine Schulter."

Ich mache also alles richtig. Die Trainerin setzt sich jetzt an ein hölzernes Harmonium.

Business und Yoga: Sehe ich das Glück, wenn ich mich auf den Kopf stelle?  (imago stock&people)Business und Yoga: Sehe ich das Glück, wenn ich mich auf den Kopf stelle? (imago stock&people)

Wir starten mit den Körperübungen. Bauchmuskeltraining, dann eine Abfolge sogenannter Sonnengrüße. Schweißperlen tropfen, der Atem geht schneller. Kriegerpositionen, Handstand an der Wand. Und dann, nach anderthalb Stunden:

Shavasana, die Entspannungsrunde. Ich könnte ewig liegen bleiben und einschlafen.

"Achte auf deine Gedanken, denn sie werden zu Worten. Achte auf deinen Charakter, denn er wird dein Schicksal."

Es ist alles möglich, wenn wir nur daran glauben, hat die Trainerin gesagt. Psychotherapeut Arnold Retzer glaubt nicht daran, dass solche Mantras Menschen in Lebenskrisen Halt geben:

"Ich sehe keinen Vorteil: Im Mittelpunkt der Depression steht die Schuld und wenn man jetzt angeleitet wird, doch etwas zu tun gegen die Depression und man schafft es wieder nicht, was mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit eintritt, dann hat man noch eine zusätzliche Schüppe auf die Selbstbeschuldigung drauf gelegt."

Die Diamantwegbuddhisten versprechen weniger Stress mit dem Glück. Ohne langes Schriftenstudium können die Anhänger der größten buddhistischen Vereinigung Deutschlands direkt in die Praxis einsteigen. Bei westlichen Menschen so beliebt, weil sie schnelle Auswege aus dem Leiden aufzeige, erklärt Religionswissenschaftler Werner Vogd:

"Viele Menschen leiden an sich selbst, haben Schuldgefühle und da können die buddhistischen Lehren anbieten: Komm von deinem Ich weg. Tu irgendwas nützliches, was anderen Menschen dient, wandle deinen Egoismus in Mitgefühl um, und das ist einfach für viele sehr heilsam."

Meditation im Gebetsraum auf Gut Hochreute bei Immenstadt im Allgäu, wo sich Anhänger des Diamantwegbuddhismus jährlich zum Sommercamp treffen. Glück liegt für sie im Loslassen.  (imago stock&people)Meditation im Gebetsraum auf Gut Hochreute bei Immenstadt im Allgäu, wo sich Anhänger des Diamantwegbuddhismus jährlich zum Sommercamp treffen. Glück liegt für sie im Loslassen. (imago stock&people)

Jeden Sommer treffen sich mehrere Tausend Diamantwegbuddhisten in Immenstadt im Allgäu über dem Alpsee rund um die Villa Gut Hochreute zum Sommercamp. Vor der Kulisse von Berggipfeln umkreisen Menschen eine Buddha-Statue, andere rieseln glitzernden Reis in ihre Gewänder. Für Massenmeditationen und buddhistische Vorträge investieren die Teilnehmer 50 Euro pro Nacht im Zelt, müssen selbst kochen und das Gelände sauber halten, so wie Nicole, die unter einem Baum leise Mantras murmelt. Seitdem sie einer bedingungslos fröhlichen Buddhistin begegnet sei, versuche sie es ihr gleich zu tun.

"Naja, in dem man halt ständig das Gute sieht an jeder Situation, an der man wachsen kann und die Dinge nicht so ernst nimmt", sagt sie. "Das Leben ist eigentlich tägliche Veränderung. Das man halt sieht, dass sich alles ständig auflöst und verändert und man an nichts festhalten kann."

Das wird hier gelehrt? Im gelben Salon des Gutshofs, ausstaffiert mit Drachenfresken, treffe ich die Lehrmeisterin Karola Schneider, ebenfalls die Fröhlichkeit in Person. Laut der Heilpraktikerin aus Kempten im Allgäu streben alle Wesen nach Glück und wollen Leid vermeiden:

"Man kann sich noch das dritte Auto kaufen und das nimmt man nicht mit ins Grab. Man kann zeitloses Glück nur finden in etwas, das anfangslos ist und das ist nur der Geist und das bringt Freiheit, weil man frei wird von allen möglichen Ängsten, im Sinne von: Wenn ich das hab, verliere ich es auch wieder und wenn man das gleich versteht, dann haftet man nicht an Dingen an, die einem diese Freiheit und Sicherheit gar nicht geben können."

Arnold Retzer entgegnet: "Mit dem Begriff der Anhaftung weiß ich nichts anzufangen, ich weiß nicht, was das bedeuten soll, sich von allem möglichen zu trennen. In der Psychotherapie der Depression versuche ich mit meinen Klienten zwei Wege zu gehen, die ich verkürzt als Wut einerseits und Tränen andererseits bezeichnen würde."

Depressive lähmten oft Schuldgefühle, Wut nach außen setze wieder Energie frei. Mit Tränen meint Retzer die Trauer, die den Abschied von unerfüllbaren Vorstellungen begleite. Anders die Diamantwegbuddhisten. Die würden einfach nicht so viel Energie in negative Emotionen stecken, sagt ein 17-jähriger Teilnehmer:

"Wenn mir was schlechtes passiert. Ich hab jetzt hier die Stromrechnung auf dem Tisch und kein Geld, dann denkst du dir, okay, das ist schon scheiße. Aber: Mein Gott, hab ich eine schöne Freundin. Und dann ist das Leben einfach auch wieder im Gleichgewicht."

Elektriker unter Spannung

Auch christliche Häuser möchten den Glückshunger stillen. Das Angebot des Benediktshof im Münsterland richtet sich an Menschen in Sinnkrisen. Mehr als eine Million Euro Spenden kamen 2016 für den Umbau einer Scheune zusammen. Ich mache mich auf den Weg nach Handorf:

Umgeben von den wilden Weiden des Auengebiets der Ems, steht der Hof, im Schutz von Bäumen. Vor der frisch sanierten Scheune treffe ich Gründer Christoph Gerling, der mich ins Foyer führt, von dem Meditationsräume abgehen. Er glaube, "dass der Benediktshof ein Ort ist, in dem es möglich ist, Sinn von innen her zu erschließen."

"Welchen Background haben Sie, dass Sie quasi Beauftragter für Sinn sein können?"

"Also ich bin Elektriker von Beruf, hatte mein Leben lang mit Spannungen zu tun, danach bin ich auch anerkannt worden als Heilpraktiker für Psychotherapie und hab eine zusätzliche Ausbildung in initiatischer Therapie."

Die initiatische Therapie will verzweifelten Menschen wieder Lebenssinn geben. Auch durch kreatives Arbeiten. Der Hof bietet Malen, Tonerdearbeiten, Bogenschießen oder Mediationen. Etwa im Raum der Stille:

"Hier ist es möglich, von der Aufmerksamkeit sich selbst zuzuwenden."

Und ich stelle dann fest, wenn ich bei mir angekommen bin, dass ich total unglücklich bin, inwiefern finde ich denn hier zum Glück, obwohl ich eigentlich gar nicht zufrieden bin?

"Entscheidend ist nicht, dass ich über etwas im Außen versuche, die Situation zu lösen, sondern das Gefühl, das dann da ist, zuzulassen."

Wenn das Glück nicht im Zwischenmenschlichen liegt, ist es vielleicht in der Natur? (imago stock&people)Wenn das Glück nicht im Zwischenmenschlichen liegt, ist es vielleicht in der Natur? (imago stock&people)

Christoph Gerling führt mich weiter über das Gelände zum Seelengarten. Sei das Bezugsfeld zu Menschen gestört, könne man hier in der Natur zur Ruhe finden, sagt er:

"Da fange ich an, mich auch wieder glücklich zu fühlen. Das geht aber nur in dem Bewusstsein, dass ich auch eingebettet bin in die Schöpfung Gottes. Gott ist da, auch für den Atheisten ist er da. Aber das Glück ist letztlich nur erfahrbar, wenn ich bereit bin, auch einzuwilligen in das Unerlöste, auch in das Leiden."

Eingebettet in die göttliche Schöpfung

An diesem regnerischen Novemberabend sitzen sechs Gäste des Beneditkshofes im holzverkleideten Plenum auf Yogakissen für eine Meditations- und Gebärdeübung. Zuerst liest Gerling aus der Antrittsrede Nelson Mandelas:

"Du bist ein Kind Gottes, dein Kleinmachen dient nicht der Welt. Indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Leuten unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun. Ich kann mich immer wieder einlassen, und mich zulassen, ob es mir gut oder nicht so gut geht."

Die Teilnehmer beschreiben Kreise mit den Armen, führen die Hände vors Herz. Die Übung ist Teil der sogenannten "Woche für mich". Gerling nimmt für vier Tage Medienarbeit 420 Euro, exklusive Material- und Verpflegung. Von diesem Geld muss er einen kleinen Betrag an den Benediktshof abgeben.

Sigrid, blond, 52 Jahre alt, ist zum zweiten Mal länger hier, fühle sich bereits glücklicher:

"Ein wesentlicher Satz, der mich natürlich auch immer sehr tröstet und beruhigt, ist dieses "eingebettet in die Schöpfung Gottes", dass eben auch wenn es einem nicht so gut geht, dass man sich hinsetzt und denkt aha, da ist aber irgendwas."

Dicke Tränen laufen Sigrids Wangen herab.

Um das Erspüren geht es an diesem Abend auch im Kurs "Sich neu finden im biblischen Wort" bei Ludolf Hüsing, spiritueller Leiter des Hofes. Meine Teilnahme daran hat der Benediktinermönch zur Bedingung meines Besuchs gemacht. Ich sitze jetzt auch auf einer Art Teppich in der Kapelle. Pater Ludolf, wie ihn alle nennen, weist an, sich hinzulegen:

"Und ich spüre mich jetzt vor allem in den Oberschenkelknochen, im Mark der Oberschenkelknochen."

Nach 45 Minuten der sogenannten Leibspürübung sollen wir stehend einer Bibelstelle lauschen:

"Einige Zeit später war ein Fest der Juden, und Jesus ging hinauf nach Jerusalem, dort lag auch ein Mann, der schon 38 Jahre krank war."

"Auf das Glück pfeifen"

Wir sollen uns in den Kranken hineinspüren: Manche Teilnehmer gehen im Kreis, ein junger Mann lächelt unentwegt, eine Frau steht vorn über gebeugt. Jetzt seien wir Jesus, sagt der Pater:

"Und jetzt siehst du den Gelähmten und jetzt sagst du mit starker Stimme, Du traust ihm das zu: Steh auf, nimm die Bare und Geh! Mit alten Gewohnheiten hörst du auf, die dich runter gezogen haben, und du gehst."

Leiden wird hier zugelassen, wertgeschätzt. Doch auch das ringt Arnold Retzer kein positives Wort ab.

"Ich würde gern was Positives sagen, aber mir fällt dazu nichts ein, da ist ein Elektriker, der sich auf Spannungen versteht und ein Pater, der ein paar unüberprüfbare Geschichten zum Besten gibt, und dann gibt's so Töpferkurse wie an der Volkshochschule. Das ist toll, aber das ist keine Therapie. Und: Mein Gott, die erlauben einem sogar das Leiden. Aber das Leiden muss einem nicht erlaubt werden, das Leiden gehört zum Leben dazu."

Meine Reise zu den Propheten der Lebensfreude ist zu Ende. Bei Arnold Retzer sind sie alle durchgefallen. Die Übung aus Spaß betreiben - nur zu - aber nicht als Arbeit am Glück betreiben. Für ein gutes Leben empfiehlt er:

"Auf das Glück zu pfeifen. Man sollte es nicht versuchen herzustellen, sondern es nehmen, ohne sich zu fragen, ob man es verdient, man sollte akzeptieren, dass es an ganz gewöhnlichen Tagen plötzlich und überraschend auftaucht und manchmal man mehr davon bekommt, als man sich selbst hat träumen lassen oder dass es sich auch wieder aus völlig unerklärlichen Gründen davon stiehlt und verschwindet."


[*] Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes sowie in der Sendefassung war die Ausbildungsdauer falsch angegeben: Die Ausbildung zur zertifizierten Trainerin der Positiven Psychologie hat zwei Jahre gedauert. Wir haben den Fehler in der Textfassung korrigiert.

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