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StartseiteSport am WochenendeMedaillenhatz "zerstört ethische Grundlage des Sports"13.08.2017

Sport in GroßbritannienMedaillenhatz "zerstört ethische Grundlage des Sports"

Die Leistungssportreform in Deutschland ist stark umstritten, in Großbritannien gab es eine solche Reform bereits. Der britische Sportsoziologe Mike Hartill beobachtet die Entwicklungen kritisch. "Der Schutz der Athleten wird oft vergssen", sagte er im Deutschlandfunk.

Mike Hartill im Gespräch mit Marina Schweizer

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Läufer bei der Leichtathletik-WM 2017 passieren eine Kurve in der Qualifikation über 200 m der Männer (Rainer Jensen/dpa)
Läufer bei der Leichtathletik-WM 2017 passieren eine Kurve in der Qualifikation über 200 m der Männer (Rainer Jensen/dpa)
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Mike Hartill: Es gab schon während der vergangenen Jahre einige prominente Fälle von Belästigung und Mobbing vor allem im Hochleistungssport. Das hat der Kultur im Sport einige Aufmerksamkeit gebracht. Und eine Konsequenz daraus war, dass die Regierung einen Untersuchungsbericht anforderte. Und zwar angefertigt von einer unserer berühmtesten Parathletinnen, Baroness Tanni Grey-Thompson - sie sollte die Fürsorgepflicht des Sports für die Athleten genauer unter die Lupe nehmen.

Marina Schweizer: Und zu welchen Ergebnis ist sie gekommen?

Hartill: Sie hat einige Empfehlungen herausgearbeitet - vor allem an Sportorganisationen und Dachorganisationen in Großbritannien. Diese sollten mehr Aufmerksamkeit auf die Wohlfahrt von Athleten legen. Also beispielsweise für Athleten, die sich in Richtung Hochleistungssport bewegen und auch für Sportler, die aus diesem elitären Kreis wieder herausfallen. Weil viele Athleten eben keine lange Sportlerkarriere haben, sondern vielleicht nur für sehr kurze Zeit auf einem Topniveau sind - wegen Verletzungen oder auch, weil sie aus einer Auswahl fallen. Und das kann eine große Herausforderung für Sportler sein. Es hat aber auch prominente Mobbingfälle in einigen Sportarten gegeben. Das hat der Kultur, die im Sport vorherrscht, viel Aufmerksamkeit gebracht. Es ist aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass Missbrauch, Belästigung und Mobbing und in manchen Fällen auch sexueller Kindesmissbrauch nicht neu im Sport sind. Es gibt sie, seit es den Sport gibt. Neu ist, dass wir es sehen, erkennen. Deshalb fühlen sich einige Athleten heute eher dazu in der Lage, über solche Vorfälle zu sprechen.

Schweizer: Würden Sie sagen, dass die Politik, die mehr Medaillen verlangt, solche Dinge verstärkt hat?

Hartill: Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass diese Dinge Missbrauch verursacht haben, aber: Die Sportpolitik in Großbritannien knüpft seit einiger Zeit staatliche Förderung an Medaillen bei großen Wettbewerben. Dies ist ein Teil der Kultur im Sport, die besagt: Gewinnen ist, was zählt.  Sport ist ein Nullsummenspiel. Du gewinnst oder verlierst. Und die Zielrichtung sowohl im Spitzen- als auch im Breitensport war immer: Gewinnen. Was ich jedoch sagen würde ist: Die Politik, die Förderung an Medaillen knüpft, bedeutet auch: Die Sportorganisationen fokussieren ihre Ressourcen auf die sportliche Leistung und nicht auf andere Dinge, wie den Schutz und die Absicherung von Athleten, Kinderschutz und so weiter. Ich glaube, dass das die ethische Grundlage zerfrisst, auf die der Sport eigentlich erbaut sein sollte: Sport ist dazu da, Gutes zu tun. Er sollte einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft haben.

Schweizer: Entscheider im deutschen Sport haben oftmals das britische System der Spitzensportförderung als Vorbild hochgehalten. Für die aktuelle Spitzensportreform in Deutschland, die auch mehr Medaillen zum Ziel hat. Großbritannien hat sich diese Reform schon vor den Olympischen Spielen 2012 in London auferlegt.  Jetzt zieht Deutschland nach. Wenn ich mir anhöre, was Sie gerade gesagt haben: Haben Sie den Eindruck, Deutschland müsste diesen Teil auch von Großbritannien lernen?

Hartill: Ganz aktuell ging es in Großbritannien in den vergangenen Tagen bei der Leichtathletik-WM viel darum, dass es lange nur Mo Farrahs Goldmedaille gab, nur eine Medaille. Ich würde da jetzt zögern zu sagen, die Deutschen sollen Großbritannien als Vorbild nehmen, wenn sie wirklich Medaillen wollen. Wir wussten, es gibt keine einfache Formel für den Erfolg und mehr Medaillen. Ich arbeite mit einigen Kolleginnen und Kollegen in Deutschland eng zusammen. Ich glaube, wenn es darum geht, etwas von Großbritannien zu lernen… In Großbritannien haben wir seit über zehn Jahren Richtlinien, was Schutz von Athleten, Absicherung und Kinderschutz angeht. Die ganzen Fälle von Belästigung und Mobbing im Sport scheinen ja zu zeigen, dass Sicherung und Kinderschutz im Sport nur zu einem bestimmten Punkt wirken. Und wenn diese Dinge gegen Verlangen nach Erfolg und Medaillen aufgewogen werden, dann werden der Schutz von Athleten und die Absicherung oft vergessen oder sie werden in gewisser Weise verworfen. Deutschland könnte von Großbritannien etwas lernen, wenn es darum geht, überhaupt Strategien zu entwickeln. Aber das ist natürlich nur der erste Schritt. Wenn die Kultur des Sports immer noch ums Gewinnen und die Leistung kreist, dann werden Misshandlungen und Ausbeutung von Athleten sicher weitergehen. Und solche Dinge werden weiter verschleiert und die Stimmen von Athleten ausgeblendet werden.

Schweizer: Lassen Sie uns über die Rolle der Politik sprechen. Wenn dort Förderung mit Medaillen verknüpft wird und wenn die Politik über das Geld verfügt, dann sollten sie ja auch die Regeln machen können. Also, könnte das aus Ihrer Sicht so gehen: Die Politik sagt: Kein Geld für Sportarten ohne klare Regeln für den Kinderschutz. Kein Geld ohne Ombudsleute?

Hartill: Ja, absolut. Diese strukturellen Veränderungen sind unverzichtbar. Wir haben in Großbritannien Kinderschutz und Schutz von Athleten als Voraussetzung für Förderung eingeführt. Es war wegweisend, als um das Jahr 2001 herum Kinderschutz im Sport implementiert wurde. Wenn nationale Sportorganisationen gewisse Standards nicht eingehalten haben, dann liefen sie Gefahr, ihre Förderung zu verlieren. Ich muss dazu sagen: Ich kenne keine Sportart, deren Förderung tatsächlich kassiert wurde. Die Standards müssen alle zehn Jahre überprüft werden. Also ich glaube, diese Dinge sind wichtig. Sportförderung wird zum Beispiel auch an Gleichberechtigung geknüpft.

Schweizer: Wie steht es um Anstrengungen um die mentale und physische Gesundheit von Athleten?

Hartill: Tanni Grey-Thompsons Untersuchungsbericht zur Fürsorgepflicht wurde im April veröffentlicht. In diesem Bericht gibt es Empfehlungen, die darauf abzielen, dass solche Anstrengungen für das Wohlbefinden von Athleten generell von Sportverbänden unternommen werden sollten - wenn sie gefördert werden wollen. Das schließt mentale und körperliche Gesundheit mit ein. Wir müssen erst noch abwarten, ob diese Empfehlungen auch aufgegriffen werden. Aber das wären sicher Dinge, die dabei helfen würden, die Kultur im Sport zu verändern. Um ganz ehrlich zu sein: Ich bin nicht übermäßig optimistisch, dass wir kurz davor sind, große Veränderungen in der Sportkultur zu sehen. Solche Dinge brauchen eine lange Zeit. Aber auf jeden Fall würde es helfen, wenn Programme zum Schutz von Athleten als Bedingung für Förderung gelten würden. 

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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