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StartseiteInterview"Sprachrohr der israelischen Regierung"01.09.2006

"Sprachrohr der israelischen Regierung"

Hecht-Galinski wirft Zentralrat Unterdrückung von Kritik vor

Evelyn Hecht-Galinski hat scharfe Kritik am Zentralrat der Juden in Deutschland geäußert. Es sei für sie unerträglich, dass sich der Zentralrat als "Sprachrohr der israelischen Regierung in Deutschland" verstehe, sagte die Tochter des ehemaligen Zentralratspräsidenten Heinz Galinski. Jegliche Kritik an der israelischen Politik werde als Antisemitismus verurteilt, "und dadurch ist ja schon fast jeder mundtot gemacht worden".

Moderation: Friedbert Meurer

Die israelische Fahne. (AP)
Die israelische Fahne. (AP)

Friedbert Meurer: Die Kritik von Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul daran, dass Israel in den letzten Kriegstagen Streubomben eingesetzt hat, erzürnt den Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Ministerin hat eine Untersuchung der UNO gefordert. Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch wirft ihr jetzt vor, Zitat: "Diese Leute unterstützen die Antistimmung gegen Juden in Deutschland."

Am Telefon begrüße ich jetzt Evelyn Hecht-Galinski. Sie ist die Tochter des früheren Präsidenten des Zentralrats der Juden und Mitglied der Organisation Europäische Juden für einen gerechten Frieden. Guten Morgen, Frau Hecht-Galinski!

Evelyn Hecht-Galinski: Guten Morgen, Herr Meurer!

Meurer: Der Zentralrat der Juden hat ja die Kritik von Ministerin Wieczorek-Zeul an dem Einsatz von Streubomben scharf zurückgewiesen, weil sie einseitig sei. Sie wiederum kritisieren deswegen den Zentralrat. Warum?

Hecht-Galinski: Weil es für mich besonders unerträglich ist und auch für viele meiner jüdischen Mitstreiter, dass sich der Zentralrat zum wiederholten Male als Sprachrohr der israelischen Regierung in Deutschland versteht, anstatt sich um die sozialen Belange der Gemeindemitglieder in den jüdischen Gemeinden in Deutschland zu kümmern. Das ist die eigentliche Aufgabe. Ich möchte nicht von einem Zentralrat vertreten werden, der nur die israelische Politik vertritt. Jetzt kommen heute wieder in den Zeitungen die Antisemitismusvorwürfe von Frau Knobloch und Herrn Korn. Nicht diejenigen, die Israels Politik kritisieren, fördern den Antisemitismus, sondern diejenigen, die schweigen und damit zulassen, dass das Bild von hässlichen Israeli und inzwischen auch von hässlichen Juden, was ja nicht gleich ist, weil Jude gleich Israeli, das muss einmal ganz scharf getrennt werden, das wird leider vom Zentralrat alles kaputt gemacht.

Meurer: Nun wirft ja der Zentralrat der Ministerin Wieczorek-Zeul nicht vor, sagt er jedenfalls, antisemitisch zu sein. Verstehen Sie den Zentralrat, auch dass er besonders empfindlich ist, wenn Israel kritisiert wird?

Hecht-Galinski: Empfindlich schon, aber nicht abbügeln oder abbürsten jeglicher Kritik. Zum Beispiel wurde Dr. Verleger, der Mitglied im Direktorium des Zentralrats war, nach seiner Kritik - der hat ja auch nur gesagt die Vergehen im Libanon, in Gaza, gezielte Tötung, unverhältnismäßige Bombardierung und dergleichen - gleich von seiner Gemeinde als Delegierter im Zentralrat abgesetzt. Dann die Buchvorstellung von Rupert Neudeck, den man ja auch sehr oft im Deutschlandfunk hört. Die wurde verhindert von der Frankfurter jüdischen Gemeinde. Die evangelische Kirche hatte einen Raum zur Verfügung gestellt. Die mussten das absagen, weil die Frankfurter Gemeinde unter Arno Lustiger und Herrn Graumann das verhindert hat, dass er dort sein neues Buch vorstellen konnte, das sich ja mit diesem Thema beschäftigt. Und so geht es ja immer schon. Jegliche Kritik wird als Antisemitismus verurteilt, und dadurch ist ja schon fast jeder mundtot gemacht worden. Frau Wieczorek-Zeul wird ja von Frau Merkel auch schon als alleinige SPD-Stimme quasi hingestellt.

Meurer: Die Bundeskanzlerin hat gesagt, das sei ihre Privatmeinung gewesen.

Hecht-Galinski: Wo sind wir denn? Was heißt denn Privatmeinung? Frau Bundesministerin Wieczorek-Zeul, die uns jetzt im Moment in Stockholm auf dieser so genannten Geberkonferenz vertritt, was auch schon ein Hohn ist. Israel zerstört 80 Prozent der Infrastruktur im Libanon, und wir dürfen wieder aufbauen großzügigerweise oder vielleicht jetzt Soldaten hinschicken. Wir sollten Soldaten hinschicken für den Wiederaufbau, aber nicht um die Arbeit für Israel dort zu verrichten und die Grenzen zu schützen, damit die nicht wieder einen Krieg anfangen. Das sind alles Sachen, die für mich den Antisemitismus wirklich fördern. Ich kriege so viele Zuschriften von sehr, sehr engagierten Deutschen, die absolut nicht in der rechten Ecke sind, die sich aber schon gar nicht trauen, den Mund aufzumachen. Die sagen immer, sie können das mit ihrem Namen, aber wenn wir das sagen, sind wir sofort Antisemiten. So weit ist es in Deutschland leider schon gekommen.

Meurer: Der Zentralrat der Juden, Frau Hecht-Galinski, verteidigt sich damit, dass er sagt, schaut euch die Stimmung an, die es im Moment in Deutschland gibt, die ist heftig antiisraelisch, da müssen wir gegensteuern. Ist das so falsch?

Hecht-Galinski: Die Stimmung ist antiisraelisch, weil Israel Sachen, eine Politik betreibt, die durch nichts mehr zu rechtfertigen ist. Jeden Tag ist in Gaza eine Tötung. Acht demokratisch gewählte Hamas-Minister, egal ob mir das jetzt passt oder nicht passt, sind verhaftet worden, sitzen ohne Gerichtsbeschluss. Im Westjordanland wird jede Nacht getötet. Diese aggressive Siedlungspolitik, diese ganze Verunglimpfung der Palästinenser, diese ganze Politik, die schafft Antisemitismus, aber sicherlich nicht eine berechtigte Kritik.

Meurer: Was würden Sie vom Zentralrat der Juden in dieser Situation jetzt erwarten?

Hecht-Galinski: Ich würde verlangen und für gut befinden, wenn einmal die Sachen angeprangert werden, die Israel falsch macht. Das heißt, wie ich gerade sagte, den Mauerbau, die Siedlungen. Was heißt denn hier diese verschleppten Soldaten? Erst mal weiß man bis heute nicht, wo diese Soldaten sich wirklich befanden, auf welchem Boden. Zweitens Mal war das nur eine vorgeschobene Sache. Sie haben ja heute über die Demonstration in Tel Aviv berichtet. Da verlangen jetzt die Bürger auf einmal, dass man sich um die Soldaten kümmert. Auf einmal soll angeblich verhandelt werden über einen Gefangenenaustausch. Das wurde ja vorher immer abgelehnt. Der Zentralrat hat sich hier nicht als Sprachrohr wie gesagt der israelischen Regierung und Propagandamaschinerie zu verstehen. Das sehe ich nicht so, weil wir sind deutsche Juden und wir sind hier keine Israelis. Ich möchte das noch einmal betonen. Ich möchte nicht in diesen Topf geworfen werden. Israel ist für mich ein Ausland, auch wenn ich der jüdischen Religion angehöre, ist Israel nicht mein Bürgerland, und ich möchte nicht vom Zentralrat vertreten werden, indem ich die israelische Politik immer erklärt bekomme.

Meurer: Frau Hecht-Galinski, viele haben ja noch Ihren Vater Heinz Galinski in guter Erinnerung, ein streitbarer Kämpfer. Was würde Ihr Vater heute sagen, wenn er Ihre Kritik mitbekäme?

Hecht-Galinski: Wir würden sicherlich auch einen kritischen Dialog führen, aber ich bin so offen erzogen worden und habe eben nicht diese Erziehung genossen, dass ich solche Kritik immer als Antisemitismus abtun würde. Das würde mein Vater sicherlich auch nicht tun, auch wenn er vielleicht eine andere Meinung mit Israel hätte als ich.

Meurer: Das war Evelyn Hecht-Galinski, Tochter des früheren Präsidenten und Mitglied der Organisation Europäische Juden für einen gerechten Frieden. Frau Hecht-Galinski, besten Dank und auf Wiederhören.

Hecht-Galinski: Auf Wiederhören. Vielen Dank.

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