Samstag, 16.12.2017
StartseiteForschung aktuellWie die Pest nach Europa kam24.11.2017

SteinzeitWie die Pest nach Europa kam

Die Pest ist schon vor knapp 5.000 Jahren, also in der Jungsteinzeit, nach Europa gelangt. Das haben Forscher anhand von an alten Skeletten herausgefunden. Auf den Kontinent kam das Bakterium bei Völkerwanderungen, die der Erreger sogar selbst ausgelöst haben könnte.

Johannes Krause im Gespräch mit Lennart Pyritz

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Produced by the National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID) in 2011, this digitally-colorized scanning electron micrograph (SEM) depicts a number of purple-colored Yersinia pestis bacteria that had gathered on the proventricular spines of a Xenopsylla cheopis flea. These spines line the interior of the proventriculus, a part of the flea_s digestive system. The Y. pestis bacterium is the pathogen that causes bubonic plague. (picture alliance / dpa / NIAID)
Dieses Bakterium begleitet Menschen schon seit Jahrtausenden: Yersinia pestis, Erreger der Beulen- und Lungenpest (picture alliance / dpa / NIAID)
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Mutter aller modernen Pesterreger

Lennart Pyritz: Durch Flöhe kann es auf uns überspringen: das Bakterium Yersinia pestis – Erreger der Pest. Auch heute gibt es sie noch: Gerade erst starben in Madagaskar mehr als 170 Menschen an der Krankheit. Im Mittelalter erlagen auch in Europa Millionen Menschen dem Schwarzen Tod. Jetzt haben Forscher rekonstruiert, wann und wie die Pestbakterien nach Europa gelangten – und zwar bereits in der Steinzeit. Dazu habe ich vor der Sendung mit einem der Forscher telefoniert: Johannes Krause, Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Ich habe ihn zuerst gefragt, wo und wie seine Kolleginnen und er die jahrtausendealten Pesterreger gefunden haben.

Johannes Krause: Ja, wir haben aus alten Skeletten aus dieser Zeit – hauptsächlich aus Zähnen aus diesen alten Skeletten – die DNA-Bruchstücke, die in diesen Zähnen noch drin sind, von den Krankheitserregern aus diesen Skeletten, die wahrscheinlich diese Person einst getötet haben, isoliert und dann die Genome, darüber hinaus den gesamten Bauplan dieser alten Bakterien aus dieser Zeit rekonstruiert, haben dann Stammbäume gebaut und konnten dabei zeigen, dass es sich bei den Bakterien, die wir dort erhalten haben aus diesen alten Skeletten, tatsächlich um Pesterreger handelt, die unserem heutigen Pesterreger, den es heute beispielsweise in Afrika, Madagaskar, Ostasien oder auch in Nordamerika noch gibt, sehr ähnlich sind. Wir können nicht genau sagen, ob es eine Beulenpest war oder ob es eine Lungenpest war, aber es sind auf alle Fälle Pesterreger, die sich aus diesen alten Skeletten haben rekonstruieren lassen.

Erreger reiste mit Völkerwanderung

Lennart Pyritz: Diese Pestbakterien, die Sie gefunden haben, sind etwa zwischen 3.700 bis knapp 5.000 Jahre alt, also aus der Jungsteinzeit bis in die Bronzezeit. Und sie stammen aus unterschiedlichen Regionen Europas, also die Proben, die Sie da zugrunde gelegt haben. Trotzdem ist das Erbgut dieser Bakterien sehr ähnlich. Welche Schlüsse lässt das zu?

Johannes Krause: Wir finden tatsächlich die Verbreitung dieses speziellen Typs der Pest vom Altaigebirge – das ist im südlichen Sibirien – bis nach Süddeutschland zu dieser Zeit, das heißt in der frühen Bronzezeit. Das heißt, es ist eine sehr, sehr große Region von vielen Tausend Kilometern, wo wir einen sehr ähnlichen, eng verwandten Peststamm finden. Das lässt darauf hindeuten, dass es zu dieser Zeit zu einer größeren Pandemie oder Epidemie gekommen ist auf zumindest kontinentalweiter Flur, und das macht auch Sinn, weil es zu dieser Zeit auch zu massiver Migration gekommen ist. Das heißt, wir haben vor zwei Jahren in einer Publikation feststellen können, dass es zu dieser Zeit zu einer erhöhten Mobilität kommt, das heißt, die Menschen sind sehr mobil, die wandern aus der Region nördlich des Schwarzen Meeres nach Zentraleuropa ein, bis ins Altaigebirge, und als Teil dieser Wanderung nehmen sie eventuell diese Pesterreger aus dieser Ursprungsregion nördlich des Schwarzen Meeres mit nach Europa und bis ins Altaigebirge. Wir sehen auf alle Fälle, dass es eine einzige wahrscheinlich Einwanderung gab von diesem Peststamm nach Europa und dass er sich im Laufe der späten Jungsteinzeit und frühen Bronzezeit hier in Europa weiterentwickelt hat.

Einige Gene des heutigen Pestbakteriums fehlen noch

Lennart Pyritz: Sie haben das eben schon angedeutet: Waren denn die Pestbakterien damals auch schon für Epidemien verantwortlich? Inwieweit kann man da Rückschlüsse ziehen? Oder wurden die erst später durch Mutationen so lebensgefährlich, wie sie dann später im Mittelalter beispielsweise waren?

Johannes Krause: Wir können davon ausgehen, dass alle Individuen, bei denen wir die Pesterreger nachgewiesen haben, auch daran gestorben sind. Wenn man diese Pesterreger in größerem Maß im Blut findet – und das haben wir –, wenn wir sie aus den alten Skeletten rekonstruieren, aus den Zähnen, wo im Prinzip sich noch eingetrocknetes Blut drin befindet, kann man davon ausgehen, dass diese Menschen daran gestorben sind. Wir finden es bei relativ vielen Menschen aus dieser Zeit, insofern können wir davon ausgehen, es war ein größerer Ausbruch, eine Epidemie. Allerdings konnten wir auch zeigen, dass diesem Erreger zu dieser Zeit noch die Gene fehlen, die wichtig sind für die Übertragung, durch den Floh und das Nagetier, so wird die Pest heute übertragen. Das heißt, es könnte eine Form von Lungenpest gewesen sein, die über Tröpfcheninfektion – ähnlich wie heute Grippe – von Mensch zu Mensch übertragen wurde, wo man vielleicht gar nicht das Nagetier als Zwischenwirt braucht.

Haben die Pestbakterien die Wanderung gar ausgelöst?

Lennart Pyritz: Sie äußern in der Studie sogar die Vermutung, dass die Pestbakterien selbst auch einer der Gründe oder der Grund gewesen sein könnten, warum es zu dieser Wanderungsbewegung aus der eurasischen Steppe nach Europa überhaupt kam. Was steckt hinter dieser Idee?

Johannes Krause: Das ist im Prinzip unsere These, dass es eventuell zu einer Pandemie kam in Westeurasien. Und dadurch, dass die Population stark eingebrochen ist, war dann im Prinzip die Möglichkeit für andere Populationen, sich in diese Region auszubreiten. Eine Alternativhypothese wäre es, die Menschen fliehen vor der Pest. Das heißt, die Pest bricht aus im südlichen Russland und diese Menschen versuchen, dieser Pest zu entkommen, und breiten sich deshalb nach Westen und auch nach Osten aus. Wir können zwischen diesen zwei Hypothesen im Moment nicht unterscheiden, aber es deutet auf alle Fälle darauf hin, dass es kein Zufall ist, wenn wir in all diesen frühen Individuen, die Teil dieser Mobilitätswelle, Teil dieser Migrationswelle sind, diese Krankheitserreger finden, egal jetzt ob in Nordeuropa, Westeuropa, Südeuropa oder sogar Osteuropa.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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