• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteInterviewStaeck: "Man darf nicht klein beigeben"20.12.2014

Stopp von "The Interview"Staeck: "Man darf nicht klein beigeben"

Der Präsident der Akademie der Künste, Klaus Staeck, hat die Entscheidung von Sony kritisiert, den Kinostart der Nordkorea-Satire "The Interview" wegen Terrordrohungen zu stoppen. Die Meinungsfreiheit müsse um jeden Preis verteidigt werden, sagte Staeck im Deutschlandfunk.

Klaus Staeck im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Klaus Staeck sitzt vor einem Mikrofon und hebt die Hand (picture alliance / dpa/ Wolfgang Krumm)
Klaus Staeck ist Satiriker, Grafiker und Präsident der Akademie der Künste in Berlin. (picture alliance / dpa/ Wolfgang Krumm)
Weiterführende Information

Hackerangriff - Obama droht Nordkorea
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 20.12.2014)

Cyberangriff auf Sony - Die USA beschuldigen Nordkorea
(Deutschlandfunk, Aktuell, 19.12.2014)

Stopp von Nordkorea-Satire - Startet Pjöngjang Krieg im Internet?
(Deutschlandfunk, Corso, 18.12.2014)

Sony-Hack - Bittere Niederlage für die Freiheit der Kunst
(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 18.12.2014)

Filmkritiker Matthias Dell - "Absage von 'The Interview' ist verständlich"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 18.12.2014)

Sony sollte dabei unterstützt werden, den Film unter die Leute zu bringen. Er selbst habe die Erfahrung gemacht, dass Drohungen oftmals billig ausgestreut würden, betonte Staeck.

Sony erklärte, nach der Absage durch zahlreiche Kinoketten habe man keine andere Wahl gehabt, als den Film zurückzuziehen. US-Präsident Obama hatte dies als Fehler bezeichnet. Er machte Nordkorea für den Hackerangriff verantwortlich, bei dem vertrauliche Firmenunterlagen, persönliche Daten und E-Mails der US-Filmtochter Sony Pictures erbeutet wurden. Zudem wurden Terrordrohungen ins Netz gestellt, sollte der Film doch gezeigt werden. Das nordkoreanische Außenministerium wies die Vorwürfe zurück und forderte die USA zu gemeinsamen Ermittlungen auf.


 

 Lesen Sie hier das Interview in voller Länge.


Dirk-Oliver Heckmann: Die Drohungen haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Hacker drangen in die Computerzentrale von Sony Pictures ein, stahlen E-Mails und unveröffentlichte Drehbücher. Aber nicht nur das. Sie hinterließen eine eindeutige Drohung: Sollte der Film "The Interview" nicht zurückgezogen werden, müssen sich die Besucher darauf einstellen, ihren Kinoausflug nicht unbeschadet zu überstehen. Konsequenz: Sony zog den Film jetzt zurück, Präsident Obama äußerte heftige Kritik an dieser Entscheidung. Nicole Markwald berichtet.

Und am Telefon begrüße ich jetzt Klaus Staeck, er ist Satiriker und Präsident der Akademie der Künste. Schönen guten Tag, Herr Staeck!

Klaus Staeck: Ich grüße Sie, Herr Heckmann!

Heckmann: Freiheit von Kunst und Satire, das ist ein Lebensthema von Ihnen. War das Zurückziehen des Films durch Sony trotzdem richtig?

Staeck: Es ist schwer, sich bei dieser Gemengelange in andere Leute zu versetzen. Natürlich stehe ich auf der Seite von Obama, der das gerügt hat. Aber es ist eine relativ billige Rüge, denn die eigentlich Betroffenen, die müssen reagieren. Und – ja, es ist immer eine Abwägung: Wollen wir jetzt zwischen dem Leben, dem gefährdeten Leben möglicherweise, abwägen, und der Meinungsfreiheit. Ich bin immer für die Meinungsfreiheit, weil natürlich das das oberste Gut des Rechtsstaates und der Demokratie natürlich ist. Und da klein beizugeben, setzt man sich allen Erpressungen in Wahrheit aus. Und das wollen diese Leute ja. Egal, ob der Film jetzt eine Klamotte ist, wie teilweise behauptet oder ein kulturell hochstehender Film. Nein. Man darf nicht klein beigeben. Das ist meine Position, aber eben, es ist auch wohlfeil.

Heckmann: Aber Sony hat anders entschieden?

Hacker können ganze Staaten in Gefahr bringen

Staeck: Ja, Sony hat anders entschieden und wird ja auch entsprechend gerügt von vielen, vielen Leuten, die die Meinungsfreiheit auch für wichtiger halten als die Gefährdung, die da natürlich nun mal im Raume ist. Ich würde es drauf ankommen lassen. Ich bin oft auch bedroht worden, auf vielfältigste Weise, und habe immer gesagt, wenn ich mal einmal klein beigebe, dann kann ich meinen Beruf wechseln. Und das hat sich auf Dauer bewährt. Nun sind das ganz andere Verhältnisse. Wir haben heute andere Verhältnisse. Hacker sind die eigentliche wirkliche Macht inzwischen. Die können auch ganze Staaten in Gefahr bringen. Aber das Korea jetzt, Nordkorea da, eine der übelsten Diktaturen sich in dieser Weise einmischt, das ist schon eine intensive Beschäftigung wert.

Wettkampf zwischen Terror und Meinungsfreiheit

Heckmann: Was ist von der These zu halten, Herr Staeck, dass das Ganze in der Tat durchaus ein Dammbruch ist? Denn jetzt können ja Nachahmer jedes Mal eine solche Drohung ausstoßen, weil sie wissen auch, der Filmverleih reagiert oder auch der Buchverlag oder der Journalismus am Ende sogar?

Staeck: Ja, das steht nun mal im Raum jetzt. Aber das ist nicht das erste Mal. Zwar in dieser Dimension ist es das erste Mal. Trotzdem, wir sollten da jetzt nicht den Stab sofort, schnell, so sehr ich manchmal auch dabei bin, den Stab zu brechen über andere, die mächtig sind und mächtiger sind als man selber. Sony sollte unterstützt werden auf die vielfältigste Weise dahin gebracht werden, dass sie den Film, wie auch immer, unter die Leute bringen. Das ist das Ziel jetzt. Natürlich juckt es mich, sofort zu sagen, wie kommt man an den Film ran, und wie – gibt es Möglichkeiten, diesen Film jetzt hier zu zeigen oder wo auch immer. Also, das ist schon ein Wettkampf jetzt zwischen Terror, der es ja auf eine bestimmte Weise ist, und der Meinungsfreiheit, die wir um jeden Preis verteidigen müssen. Ich sage bewusst, um jeden Preis.

Heckmann: Um jeden Preis – auch um den Preis willen, dass Menschenleben möglicherweise dadurch aufs Spiel gesetzt werden?

Staeck: Das ganze Leben ist das Risiko. Entschuldigen Sie, dass ich diesen Kalauer jetzt bringe, aber es ist ja noch nicht irgendwo tatsächlich in die Tat umgesetzt worden. Drohungen sind oft wohlfeil auch. Die werden billig ausgestreut. Ob sie dann wirklich eintreten, das weiß ich gar nicht. Und zumindest muss man ein gewisses Risiko – die ganze Kunst, vor allen Dingen Satire ist immer ein Risiko. Und wenn man vor diesem Risiko zurückscheut, dann – guter Versprecher, zurückschreit –, ja, dann kann man bestimmte Dinge nicht mehr sagen, auf die Gefahr hin immer, dass jemand – es sind nicht bloß die Nordkoreaner, die dann auf diese Weise sich angestiftet fühlen, weiter zu machen auf diesem Wege, sondern da können ja noch ganz andere Leute kommen. Und dann schneiden wir uns selber einen Lebensnerv ab, der für unsere Lebensweise, für unsere Auffassung von Meinungsfreiheit, für unsere Demokratie ungeheuer wichtig ist.

Das Problem der Zensur ist die Selbstzensur

Heckmann: Da können noch ganz andere Leute kommen, sagen Sie zu Recht, Herr Staeck. Ich möchte noch mal auf die möglichen Folgen dieser Entscheidung zu sprechen kommen. Was könnte das bedeuten für andere Projekte, andere kritische Projekte jenseits von Satire auch, was Buchveröffentlichungen angeht oder was den Journalismus beispielsweise angeht. Präsident Obama selbst, der hat diese Konsequenzen ja, die möglichen Konsequenzen ja auch angesprochen.

Staeck: Ich meine, ich habe im Laufe des Lebens gelernt, als Satiriker, das eigentliche Problem der Zensur ist die Selbstzensur. Also das Sich-vorher-Gedanken-Machen, was könnte passieren, wenn? Dann ist man aber sofort in einer Schieflage, aus der man kaum entkommen kann. Alles zu bedenken, wer könnte verletzt sein, wer könnte sich also in irgendeiner Weise, auch wenn er es falsch versteht, angesprochen fühlen. Dann schränken wir uns selber auf eine Weise ein, wo ich sage, Nein, das Risiko muss eingegangen werden, immer wieder neu. Nochmals, nicht das erste Mal, dass solche Drohungen ausgesprochen werden, wenn auch die Vehemenz eine andere ist. Aber, also, noch mal, wir müssen da, ich sag mal ganz altmodisch, zusammenstehen in der Verteidigung der Meinungsfreiheit und auch die schützen, so gut es eben geht, und da gibt es neue Dimensionen der Gefährdung, das will ich gar nicht leugnen.
Die Drohungen sind ja erst mal Drohungen. Und Drohungen gibt es im Augenblick, so sehr in einem so merkwürdigen Zustand die Welt ist, sehr, sehr viele. Und immer gleich nachgeben geht nicht. Und trotzdem – Sony sagt ja, wir sind kein Kinobetreiber, wir liefern nur den Film. Wenn die Kinobetreiber aber sagen, das riskieren wir nicht, dann ist das eine Entscheidung zunächst mal jedes einzelnen Kinobetreibers, was er künftig zeigen will. Und das ist eine ganze Strecke, die da in Frage kommt, der Gefährdung und der Bedrohung. Deshalb also: nicht kleinbeigeben, noch einmal das schön Wort, sondern durchstehen, riskieren. Tja, das Leben ist, als Satiriker sowieso, lebensgefährlich, und Sony hat nun mal diesen Film produziert. Natürlich hätte man im Vorfeld auch sagen können, wir haben es hier mit einer Diktatur zu tun, die vor nichts zurückschrecken würde, wird, wie man jetzt sieht.

Und deshalb, ja, noch mal: Ich unterstütze Herrn Obama, obwohl ich weiß, dass seine Ansprache zunächst einmal auch ohne Risiko gemacht worden ist. Und wir müssen alle miteinander dafür sorgen, dass die Erpresser nicht zum Schluss das letzte Wort haben. Das ist eine furchtbare Vorstellung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk