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StartseiteKalenderblattWeltbürgerin mit moralischem Auftrag28.12.2014

Susan SontagWeltbürgerin mit moralischem Auftrag

Bereits zu Lebzeiten war Susan Sontag eine Legende, eine Intellektuelle, die Pornographie ebenso verteidigte wie das Nebeneinander von Hoch- und Popkultur. "Gute Schriftsteller sind hemmungslose Egoisten" schrieb Susan Sontag mit 26 Jahren in ihr Tagebuch. Am 28. Dezember 2004 stirbt die streitbare amerikanische Journalistin und Schriftstellerin in New York.

Von Marli Feldvoß

Die amerikanische Essayistin Susan Sontag (1933 - 2004) (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
Die amerikanische Essayistin Susan Sontag (1933 - 2004) (dpa / picture alliance / Erwin Elsner)
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Susan Sontag: "Wir leben in einer Welt, in der die Menschen ermuntert werden, zynisch, vulgär und trivial zu sein und die Ernsthaftigkeit zu hassen. Ich verachte die Zyniker. Ich bin überhaupt nicht zynisch, ich finde es billig und vulgär, zynisch zu sein."

Susan Sontag, wie sie leibt und lebt. Die provokante, stets auf Wirkung bedachte Art der Kulturkritikerin, Schriftstellerin und Filmemacherin, sich auszusprechen und sich einzumischen, war ihr Markenzeichen. "Ernsthaftigkeit" ist ein Schlüsselwort in ihren Reden und Aufsätzen. Es verrät ihre stets hochgehaltene Wertschätzung der europäischen Kultur wie ihre zunehmende Abkehr von George W. Bushs Amerika. Und es zeigt nicht zuletzt auf sie selbst: auf "Amerikas öffentliches Gewissen", wie das "Time-Magazine" befand. Das trieb sie 1968 nach Hanoi, 1974 nach Israel, 1993 nach Sarajewo, um in der belagerten Stadt Becketts "Warten auf Godot" zu inszenieren. Kunst und Politik waren für die unorthodoxe Denkerin kein Widerspruch. Sontag protestierte gleichermaßen gegen das Kriegsrecht in Polen wie gegen die Verfolgung Salman Rushdies. Eine "Passionara der Linken". Intellektuelles "Begehren" sei wie sexuelles Begehren, schrieb sie bereits 1964 in ihr Tagebuch.

Susan Sontag: "Ich habe vielleicht ein überentwickeltes Gewissen oder Über-Ich, dass ich es für meine Pflicht halte, mich an öffentlichen Debatten über Politik und Kultur zu beteiligen. Das ist die Bürgerin in mir. Ich bin nicht nur Bürgerin meines eigenen Landes, sondern eine Weltbürgerin mit einem persönlichen, moralischen Auftrag."

Antriebsfeder war das "Projekt Susan Sontag", die selbst gestellte Aufgabe "sich selbst zu erfinden" und die Tristesse ihrer Kindheit abzuschütteln. Am 16. Januar 1933 wurde Susan Lee Rosenblatt in New York geboren und wuchs, von der Mutter zurückgelassen, dort in der Obhut ihrer Nanny auf. Mit zwölf nahm sie den Namen ihres neuen Stiefvaters an. Mit zehn verschlang sie die Weltliteratur, mit 16 studierte sie Englische Literatur und Religionsphilosophie in Chicago und Harvard.

Ein Wunderkind, das sich einmischt

Auf Ausflüge nach Oxford und Paris – das sie zeitlebens als zweiten Wohnsitz schätzte - folgten die Dozentur an der Columbia University, New York, ein Roman und erste Essays. Durchschlagenden Erfolg erzielte "Notes on Camp", 1964 und die erste Essaysammlung "Against Interpretation" (Kunst und Antikunst) 1966. Aus Susan Sontag, die ästhetische und hedonistische Kriterien gegen die humanistische Tradition der Interpretation ins Feld führte, wurde bald ein Star.

Susan Sontag: "Ja, ich war ein Wunderkind. Ich war glücklich darüber. Ich habe diese beschleunigte Lebensweise sehr genossen. Mit 14 oder 16 ist man schon wer, mit 17 habe ich geheiratet, bald hatte ich ein Kind. Jetzt mit 60 gefällt es mir, dass ich in Wirklichkeit doch sehr langsam bin. Ich habe dreißig Jahre geschrieben und veröffentlicht, aber erst jetzt tue ich die Arbeit, die ich wirklich tun will. Ich bin froh, dass ich mich als ein falsches Wunderkind entpuppt habe."

Die Erfüllung ihres Lebenstraums war die "Schriftstellerin" Susan Sontag. Sie überraschte 1992 mit dem US-Bestseller "The Volcano Lover" und wurde für ihren nächsten, den historischen Roman "In America" mit dem National Book Award geehrt. Obwohl sich die Kritiker darüber einig sind, dass ihre große Stärke der Essay ist, verfocht Sontag ihr "Projekt Literatur" mit allen Mitteln, zuletzt 2003 in ihrer Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels:

Susan Sontag: "Die Schriftstellerin in mir misstraut der guten Staatsbürgerin, der 'intellektuellen Botschafterin', der Menschenrechtsaktivistin – also den in der Verleihungsurkunde genannten Rollen, so sehr ich mich ihnen verpflichtet fühle. Die Schriftstellerin in mir ist skeptischer, mehr von Selbstzweifeln erfüllt als jene Person, die versucht, das Richtige zu tun und zu unterstützen."

Susan Sontag starb am 28.12.2004 in New York an ihrer dritten Krebserkrankung, nachdem sie sich alle nur denkbaren Therapien zugemutet hatte. Die Ikone Susan Sontag lebt. Die glamouröse Streiterin mit dem dicken pechschwarzen Haar und der weißen Strähne und - die unübertroffene Essayistin.

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