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TerrorismusEin Kampf an vielen Fronten

"Wie wir den Terror besiegen können": So heißt das Buch des Grünen-Politikers Omid Nouripour im Untertitel. Das ist ein großes Versprechen – schließlich suchen Politiker und Experten schon seit Jahren nach einem probaten Mittel gegen Radikalisierung und Terrorismus. Der Autor trägt innen- und außenpolitische Lösungsideen zusammen.

Von Benjamin Dierks

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Omid Nouripour (Stefan Kaminski)
Omid Nouripour (Stefan Kaminski)
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Das Dilemma seines Vorhabens beschreibt Omid Nouripour mit einem Satz in seinem Buch besonders treffend: Es gilt einen Plan aufzustellen, wo es keinen Plan geben kann. Diese Relativierung wirkt zunächst kühn. Denn der Autor, außenpolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag, stellt im Titel seines Buchs eine der wohl drängendsten Fragen unserer Zeit: "Was tun gegen Dschihadisten?", und im Untertitel verspricht er sogar eine Antwort: "Wie wir den Terror besiegen können".

Aber es wird nicht eine Antwort daraus, es werden ernüchternd viele Antworten. Denn die Vorstellung, dass man mit einem scheinbar klar umrissenen Schlachtplan, wie dem sogenannten "Krieg gegen den Terror", dem Problem habhaft werden könne, hält Nouripour für einen der größten Fehler im bisherigen Vorgehen gegen den islamistischen Terrorismus.

"Deshalb müssen wir verstehen, dass sehr vieles, was wir tun, unsere Reaktion am Ende tatsächlich entscheidet, ob wir das Problem mit dem Dschihadismus in den Griff bekommen oder nicht. Und ich habe ein Buch geschrieben, in dem ich versuche, vor den falschen Reaktionen, und von denen gab es in den letzten Jahren sehr viele, zu warnen, aber auch ein Stückchen aufzuzeigen, was denn eigentlich der richtige Ansatz ist, wobei ich auch betonen muss, es gibt keinen Masterplan, den man in diesem Buch nachlesen kann, ich versuche an jeder Stelle darauf hinzuweisen, dass wir es mit einem hochkomplexen Problem zu tun haben."

Mörderische Form des Islamismus

Um sich dem Problem zu nähern, unternimmt Nouripour in seinem Buch zwei Schritte. Er fragt zunächst, was Dschihadisten wollen, und stellt im zweiten Teil klar, was gegen sie unternommen werden kann. Er plädiert dafür, die Terroristen nicht nur als Organisation zu bekämpfen.

Der sogenannte "Islamische Staat" sei nur die Spitze eines Eisbergs. Die mörderische Form des Islamismus müsse als Idee verstanden und bekämpft werden; als Idee, einzelne Gesellschaften oder die gesamte Welt unter eine Ordnung zu zwingen, die ihrer Vorstellung von Islam entspricht - und die Gegner dabei dazu zu bringen, gegen ihre eigenen Interessen zu verstoßen.

"Diese Absicht des Dschihadismus dürfen wir nie vergessen, wenn wir darüber nachdenken, was die richtigen Antworten sind auf die todbringende Idee des Dschihadismus. Sie wollen, dass wir aus Angst überreagieren und in den Kampf der Kulturen ziehen. Sie wollen uns zu Schlachten und Scharmützeln zwingen, um uns dort aufzureiben und schließlich in der Schlacht zu besiegen."

Nouripour spricht sich keinesfalls gegen repressives oder militärisches Vorgehen aus. Er lobt ausdrücklich Schläge der USA gegen die Struktur des "Islamischen Staats" im Irak. Aber er will dem von ihm beobachteten Kulturkampf entsagen, weil der nur den Dschihadisten in die Hände spiele.

Werben für Demokratie

Stattdessen sollten wir für das demokratische Gesellschaftsmodell werben. Und das ist seiner Ansicht nach schwierig genug, weil mit dem Irak-Krieg das Gegenteil geschehen sei, weil auch in Europa immer mehr Demokratien in die Autokratie abdrifteten, weil Konflikte im Nahen Osten unzulässig etwa als Kampf zwischen Sunniten und Schiiten vereinfacht würden und weil die Menschen dort, wo es demokratischen Aufbruch gegeben habe, wie zur Zeit des sogenannten Arabischen Frühlings, sträflich im Stich gelassen worden seien.

"Wir haben gar keine Alternative, als um die Köpfe zu kämpfen, die wir am Ende verlieren an die Dschihadisten. Wir müssen dahin kommen, dass wir ihnen klar machen, unser Lebensmodell, unsere demokratische Vielfalt, unsere offene Gesellschaft sind einfach eine großartige Errungenschaft, die wir nicht einfach so bereit sind, wegzugeben."

Den bisherigen Krieg gegen den Terror nach dem 11. September 2001 für falsch und den Arabischen Frühling für eine verpasste Chance zu halten, nicht nur Krieg, sondern auch einen Kampf um die Köpfe führen zu wollen, das kommt aus der Feder eines versierten Grünen-Politikers wenig überraschend und stellt auch das bisherige Vorgehen gegen Dschihadisten nicht auf den Kopf.

Lage in 35 Staaten

Was Omid Nouripours Buch besonders ausmacht, ist, dass er sich die Mühe macht, die Puzzleteile auszubreiten, die nötig sind, um auf der einen Seite Radikalisierung vorzubeugen, wo es noch geht, und auf der anderen Seite Dschadisten hart zu bekämpfen, wo es nötig ist.

Außenpolitik und Innenpolitik, die Kriege im Nahen Osten, die Rekrutierungsstrategien der Islamisten und die Radikalisierungsanfälligkeit gesellschaftlich Ausgeschlossener in Deutschland müssen Nouripour zufolge konsequent als ein Zusammenhang gesehen werden, der den Dschihadismus nährt.

"Ich kann nicht mehr einfach nur dasitzen und darüber reden, wie ich Syrien befriede oder einfach nur dasitzen und sagen, oh Gott, es gibt in Duisburg Marxloh ein Problem, sondern wir müssen das tatsächlich zusammendenken, weil die zusammengehören, weil die dschihadistische Seite ja auch bestens vernetzt ist miteinander."

Wie kompliziert die Lage allein außenpolitisch ist, macht Nouripour klar, indem er gemessen am Umfang seines Buchs ausführlich auf die Lage in 35 Staaten des Nahen Ostens, Afrikas, Asiens und Europas eingeht, lokale Konflikte und die Rolle von Islamisten darin beschreibt. Dass jede Region und jeder Konflikt eine eigene Lösung und kein Schablonendenken brauchen, legt er überzeugend dar.

Ein Kampf an vielen Fronten

Was Deutschland angeht, das nicht nur Opfer, sondern auch schon Exporteur islamistischen Terrors geworden ist, entwirft Nouripour eine Strategie, die Radikalisierung vorbeugen und Islamisten entmystifizieren, gesellschaftlichen Zusammenhang stärken und den Kampf gegen Dschihadisten ermöglichen soll.

"Dem Salafismus nur durch Sozialarbeit begegnen zu können, ist eine falsche Vorstellung. Das bisher noch herrschende Missverständnis zwischen der Rolle der einerseits sicherheitsbehördlichen und der andererseits zivilgesellschaftlichen Akteure ist ebenfalls problematisch. Um eine probate Antwort auf die weitere Verbreitung eines Dschihadismus Made in Germany zu haben, muss auf Synergieeffekte gegen den Salafismus gesetzt werden."

Nach der Lektüre von Omid Nouripours Buch fällt es sicher nicht leichter, einen baldigen Sieg gegen die Dschihadisten auszumachen. Zumal unklar ist, wie ein solcher Sieg aussehen könnte. Nouripour schreibt selbst, dass etwa der militärische Erfolg gegen den sogenannten "Islamischen Staat" eine andere Phase des Terrors nach sich ziehen dürfte.

Auch wenn ein paar junge Menschen aus Europa vor den Häschern der Islamisten bewahrt werden können, ist das Problem nicht gebannt. Und Nouripours vorsichtiger Versuch, am Ende doch so etwas wie einen Plan aufzustellen, wo es keinen Plan geben kann, ist mehr eine Sammlung wichtiger Stichworte denn eine kohärente Strategie. Aber womöglich ist das schon Errungenschaft genug: aufzuzeigen, an wie vielen Fronten gleichzeitig dieser Kampf ausgefochten werden muss.

Omid Nouripour: Was tun gegen Dschihadisten? Wie wir den Terror besiegen können.
dtv, 304 Seiten, 16,90 Euro.

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