Kultur heute / Archiv /

 

Thalheimers Beuteschema

Ein kaputter, obszöner und böser "Sommernachtstraum" in München

Von Rosemarie Bölts

Das beschädigte Bildnis William Shakespeares von Otto Lessing, aufgenommen  in Weimar
Das beschädigte Bildnis William Shakespeares von Otto Lessing, aufgenommen in Weimar (picture alliance / dpa - Martin Schutt)

Die angebliche Liebe ist Chaos und Hölle in Michael Thalheimers Inszenierung von Shakespeares Komödie "Ein Sommernachtstraum". Sie bleibt eindimensional immer bei derselben Konnotation: Krieg, Beute, Gewalt, Missbrauch.

Der "Sommernachtstraum" ist gemeinhin der Rausschmeißer der Theatersaison: leicht bekömmlich, lustig gar und märchenhaft. Ein komödiantisches Verwirrspiel um Wer-will-wen-und-kriegt-wen-dann-doch-nicht-und-so-weiter-Reigen, verankert in der griechischen Mythologie, angereichert mit der Feen- und Geisterwelt Shakespeares’scher Poesie auf dem handfesten, der tumben Menschlichkeit entlehnten Boden einer skurrilen Handwerker-Crew.

Shakespeare in Love? Weit gefehlt. Bei Regisseur Michael Thalheimer ist das Ganze nur noch ein Durchpeitschen von triebgesteuerter Hassliebe. Niederträchtig, machtbesessen, rachsüchtig, monströs in der radikalen Lieblosigkeit, die schon im düsteren Bühnenbild ihren Ausdruck findet: Schwarze Säulen, vom Boden bis zur Decke rampennah aneinandergedrängt. Nichts und niemand passt dazwischen außer ab und an ein schmaler Lichtstreifen, der aber eher Vergeblichkeit denn Hoffnung verheißt. Vor dieser klaustrophobischen Säulenkulisse agieren die Schauspieler frontal auf schmalem Bühnenrand, gehetzt, immer außer sich, männliche Selbstüberschätzung und weibliche Selbstdegradierung inklusive. Demetrius und Lysander stehen nackt vor Helena, die sich – oh schrecklicher Zauber, den der Hofnarr Puck dem falschen Begehr in die Augen geträufelt – nicht mehr auskennt. Nur soviel ist sicher: Die angebliche Liebe ist Chaos und Hölle.

O-Ton: "Helena! Schön und reich! Was kommt, Geliebte, deinen Augen gleich? Festhalten will ich, wie deine Lippen beben! Zwei pralle Brüstchen, die zum Manne streben. Ei guck nur, und ich werd selig sein! – Warum macht ihr das? Mich zu verhöhnen und zu solchem Spaß! Kein normaler Mann tut einer armen Seele so was an und hat seine Freude dran! – Hohoho!"

Die Paare sind zwar dauernd ineinander verkeilt, schlecken sich unablässig ab und stecken die Zunge in den Hals des anderen, aber körperlich kommen sie auch nicht wirklich zueinander. Selbstbefriedigung für das Selbst lautet die Verhinderungsstrategie, das allerdings dann doch mit Hose, obwohl das Münchner Publikum ansonsten schon lange nicht mehr soviel besudelte Nacktheit sichten durfte.

Gut, Thalheimers erste Inszenierung am Münchner Residenztheater ließ er in der Lokalpresse vorher schon ankündigen als "das Kaputte, Obszöne, Böse", das er in Shakespeares "Sommernachtstraum" "gesucht", gefunden und, das muss man ihm lassen, konsequent mit seiner Lesart durchgehalten hat. Es bleibt eindimensional immer bei der derselben Konnotation: Krieg, Beuteschema, Gewalt, Missbrauch. Das reißen auch nicht der parodistisch verbrämte "Elfen-"Mann und der mit seiner fetten, Bauch schwabbelnden Körperstatur als Anti-Typus besetzte "Puck" heraus. Die Handwerker-Szenen sind indes noch in all ihrer Tölpelhaftigkeit das Menschlichste, was einem in dem Stück tragisch begegnet – und was, so könnte man meinen, den Regisseur selbst als "Zettel" sprechen lässt.

O-Ton: "Eigentlich habe ich ja mehr das Zeug zu einem Tyrannen. Ich könnte den Herkules einmalig spielen. – Ah ja. – Oder 'ne andere Rolle, wo ich ein bisschen mal die Sau rauslassen könnte, dass es kracht, weißt du?!"

Dass der Abend nach fast drei Stunden mit dem Satyrspiel der Handwerker endet und nicht als Happyend der Paare, macht allerdings weder Sinn noch das Ende gut. Es sei denn, die Naivität von Texten wie "Eiapopeia Eiapopo" und die Eindimensionalität der haltlosen Begierde sollen neue Maßstäbe für die Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" setzen. Bei aller Liebe zu Radikalität und vielversprechenden Antithesen könnte diese Inszenierung frei nach Shakespeare genauso gut heißen: Viel Lärm um alles.

Informationen des Residenztheaters München zu "Ein Sommernachtstraum"



Mehr bei deutschlandradio.de

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

RuandaZartes Sprießen der Kultur nach dem Völkermord

Film"Madame Mallory und der Duft von Curry"

Kochlehrling Elke Nüstedt arbeitet am 03.03.2014 bei den 22. Regionalen Jugendmeisterschaften in den gastgewerblichen Ausbildungsberufen in der Küche der Yachthafenresidenz Hohe Düne in Rostock.

Auf die Zutaten kommt es beim Essen ebenso an wie beim Unterhaltungskino. Doch kann man aus einem anerkannten Bestseller, einem versierten Literaturverfilmer, einem Haufen bekannter Hauptdarsteller und einer Prise Hollywood-Bollywood einen Kinoerfolg backen? Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Auf den Spuren der DichterBrigitte Reimanns in Hoyerswerda

 

Kultur

175 Jahre Fotografie Die Macht der Bilder

Ein Flugzeug steuert auf den zweiten Turm des World Trade Centers zu. Der erste Turm brennt bereits.

Seit der Geburtsstunde der Fotografie am 19. August 1839 hat das Medium gleich mehrere weitreichende Veränderungen durchgemacht; von Schwarz-Weiß auf Farbfilm, von analog zu digital. Heute überschwemmt uns eine regelrechte Bilderflut. Trotzdem repräsentieren Fotos eine der wirkmächtigsten Formen der Kommunikation.

Cold Specks neues Album Abkehr vom Gemütlichkeits-Wohlfühl-Folk

Eine Gitarre in Nahaufnahme.

Der Kanadierin Al Spx wird oft nachgesagt, unter ihrem Künstlernamen "Cold Specks" ein neues Musikgenre erfunden zu haben: eine Mischung aus Soul und dunklem Doom Metal. Mit "Neuroplasticity" ist nun das zweite Album der 26-Jährigen erschienen - ein Werk voller Spannungen und Mystik.

Fotoprojekt "Dancing Shoes"Was Schuhe über Musiker verraten

Menschen hinterlassen feine Spuren im Sand des Strandbades Eldena bei Greifswald

Seit bald zehn Jahren fotografiert Gerrit Starczewski regelmäßig die Schuhe von Musikern. Die Bilder sind inzwischen sein Markenzeichen und auf der ganzen Welt zu sehen. Schuhe sagen viel über den Menschen aus. Mancher Künstler entwickelt im Laufe seiner Karriere auch einen ganz neuen Schuhgeschmack.