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StartseiteBüchermarktVom schwierigen Vater-Sohn-Verhältnis19.03.2014

Theodor StormVom schwierigen Vater-Sohn-Verhältnis

In ihrem Roman "Theodor Storm fährt nach Würzburg und erreicht seinen Sohn nicht, obwohl er mit ihm spricht" leuchtet Ingrid Bachér das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn einfühlsam und kraftvoll aus. Die Erwartungshaltung Storms gegenüber seinem Sohn führt zum Bruch. Die Urenkelin des Lyrikers kennt den Konflikt aus Familienerzählungen.

Von Cornelia Staudacher

Historische Fotografie von Theodor Storm. (Storm-Museum)
Theodor Storm - diesmal Protagonist im Roman "Theodor Storm fährt nach Würzburg und erreicht seinen Sohn nicht, obwohl er mit ihm spricht". (Storm-Museum)

"Nun, da ich selbst alt bin, war ich fasziniert davon, zu überlegen, warum war Storm so und was war seine Motivation, und vor allem, wie reagiert man als Alter, ist man sehr gebunden an die Ahnen und all das, was man meinte, überwunden zu haben. Oder ist man frei davon geworden im Laufe des Lebens."

Ingrid Bachér, eine Urenkelin von Theodor Storm, kannte die Geschichte von Storm und seinem ältesten, begabtesten und früh verstorbenen Sohn aus familiären Gesprächen. Storms jüngste Tochter war ihre Großmutter. Als sie den Roman in den 1980er Jahren schrieb, interessierte sie neben dem schwierigen Vater-Sohn-Verhältnis jedoch auch die historische Verankerung der Geschichte. In der Restaurationszeit, auch Gründerzeit genannt, sah sie eine fatale Parallele zum in den Achtzigerjahren aufkommenden Neo-Liberalismus. Und diese Parallele sieht sie auch zum Zeitgeist unserer Tage.

Zeitgeschichte anhand von Einzelschicksalen zu erzählen, ist eine Spezialität von Ingrid Bachér. In ihrem vor zwei Jahren erschienenen Roman "Die Grube" hat sie ein gesellschaftspolitisches Problem - die Zerstörung von Dörfern und fruchtbaren Ländereien zugunsten des Braunkohletagebaus - am Schicksal zweier Brüder geschildert. Sie beschäftige sich gern mit dem „was kratzt“, wie sie sagt. Hier nun ist es die Gründerzeit:

"Mich hat damals das Thema der Restauration beschäftigt, Anfang der 1980er Jahre, das war ja die Zeit, als die FDP eine neoliberale Politik ankündigte, und Helmut Kohl kam dann mit der geistig-moralischen Wende, und dann gab es die lange väterliche Ära, das beharrende Übergewicht der Väter. Deswegen haben wir’s jetzt auch noch mal gebracht, weil wir jetzt in einer sehr ähnlichen Situation sind. Das ist ja eine extreme Politik auf Kosten der Jungen. Auch wieder eine Restauration, das Neoliberale. Damals wanderten die Jungen massenhaft aus, zur Storm-Zeit und jetzt bekommen sie einen Ein-Euro-Job oder Hartz 4."

Das letzte Zusammentreffen

Am 6. Februar des Jahres 1877 fährt Theodor Storm von Schleswig nach Würzburg, um seinem ältesten Sohn Hans Woldsen bei der Abschlussprüfung seines Medizinstudiums zur Seite zu stehen. In Wirklichkeit - das deutet sich schon im Titel an - sind diese zwei Wochen, die der Vater in Würzburg bleibt, für beide, Vater wie Sohn, eine quälende, von Misstrauen und Missverständnissen überschattete Zeit. Schon bei der Ankunft auf dem verschneiten Bahnhof kann der alte Storm seine Enttäuschung nicht verhehlen, dass der Sohn ihn nicht abholt.

"Mach keine Vorwürfe", hatte Do, seine zweite Frau, ihm mit auf den Weg gegeben. Obwohl er sich vorgenommen hat, ihre Worte zu beherzigen, belästigt der Vater den Sohn ständig mit unnötigen Fragen, Vorhaltungen und Ratschlägen und führt ihm so seine Schwäche und bis ins Finanzielle reichende Abhängigkeit vor Augen. Er kontrolliert ihn, wo er nur kann und schürt, obwohl er vorgibt, ihn stützen, ihm die Angst nehmen zu wollen, die Angst des Sohnes vor dem Leben. Er wird von seiner Unzufriedenheit mit dem Lebensstil des Sohnes und seiner Sorge, dass der Sohn es nicht schaffen könnte, in ein "ordentliches Leben hinein zu wachsen", regelrecht beherrscht.

"Der Hans hatte keinen Hang zum Bürgerlichen, er hatte ein Verlangen nach Erkenntnis, er wünschte keine Privilegien, sondern soziale Gerechtigkeit. Es war ein Umbruch innerhalb der Generation, man wollte wieder soziale Gerechtigkeit haben. Er sah, was passierte, dass es so nicht ging, wie die Leute lebten, da ist ein Oben und ganz viele unten. So wie heute auch.

Und dagegen revoltiert er. Er hat ja auch eine Doktorarbeit geschrieben, er war sehr gebildet, es drängte wirklich ihn nach Erkenntnis."

In der Jugend war auch Theodor Storm, der sich früh zum Dichter berufen fühlte, aufsässig gewesen. Dann hatte er Jura studiert und sich allmählich gesellschaftlich nach oben gearbeitet, nicht zuletzt durch die Heirat mit seiner Cousine, mit der er sieben Kinder hatte. 1868 war er als Amtsrichter in den preußischen Staatsdienst aufgenommen worden. In der von ihm entwickelten sozialkritischen Novellenform gelang es ihm, auf verfremdende Weise Kritik an den bestehenden feudalen und klerikalen Verhältnissen zu üben, ohne seine eigene Person oder seine Familie zu gefährden. Etwas Ähnliches erwartete er nun von seinem Sohn.

"Die Alten wollen bleiben, die wollen sich durchsetzen, es soll richtig gewesen sein, was sie getan haben, und die Jungen wollen was andres, die brechen auf. Kluge Väter lassen das zu. Väter aber, die wie Storm so mühsam sich das erarbeitet haben, dieses Hochkommen in der Gesellschaft, das war ja für ihn eine große Anstrengung, dass er in die besseren Kreise kam, der wollte natürlich, dass der Sohn das bestätigt und auch macht. Vor allem der Lieblingssohn, der älteste, mit dem er ja meistens im Kampf lag."

Einfühlsam und kraftvoll leuchtet Ingrid Bachér das schwierige Verhältnis zwischen Vater und Sohn in verschiedenen Konstellationen aus - in Gesprächen zwischen beiden, bei Einladungen im Salon der befreundeten Lina Strecker oder bei der morgendlichen Zusammenkunft des Vaters mit Erich Schmidt, einem Freund aus frühen Tagen. Trotz der häufigen Perspektivwechsel - es wird abwechselnd aus der Perspektive des Vaters und des Sohnes erzählt - entwickelt diese subtile psychologische Studie eines von Anbeginn zum Scheitern verurteilten Vater-Sohn-Verhältnisses dank ihres ruhigen, unaufdringlichen Sprachflusses eine hohe Suggestionskraft. Besonders gelungen ist Ingrid Bachér, die vor Pathos nicht zurückschreckt, wenn es der Gefühlslage der Protagonisten entspricht, der Schluss des Romans.

Der Vater sucht den Sohn am Tag der letzten Prüfung in seinem Quartier auf, trifft ihn nicht an, hinterlässt aber einen kurzen Brief, in dem er nicht etwa um Entschuldigung für die am Abend zuvor in einem Wortwechsel unbeherrscht verabreichte Ohrfeige bittet, sondern ihm seine Schulden vorrechnet. Den ganzen Tag wartet er nun vergeblich auf das Erscheinen seines Sohnes, der sich nach dem Abschluss der Prüfungen mit seiner Geliebten getroffen hat.

"Storm hatte eine Gier nach Schicksal"

Stil, Struktur und Schnitttechnik dieser letzten Seiten des Romans sind auf kongeniale Weise ein Spiegel der wachsenden, schließlich von Todesahnungen beschwerten Unruhe des Vaters: Sein kurzes Gespräch mit dem Freund, in dem Kleists Tod am Wannsee erwähnt wird, die Beschreibung eines in Hans’ Zimmer hängenden Bildes von Piranesi, das eine magisch unwirkliche Landschaft darstellt, vor allem aber auch der Hinweis auf Storms Novelle "Carsten Curator", die von einem schicksalhaften Vater-Sohn-Verhältnis mit tödlichem Ausgang handelt und die nach seiner eigenen Aussage das Ergebnis eines zehnjährigen Ringens um die dichterische Bewältigung der Lebenstragödie seines ältesten Kindes, seines "Schmerzenssohnes" sei - all das macht diese Schlussszene zum dramaturgischen und stilistischen Höhepunkt des Romans.

"Storm hatte eine Gier nach Schicksal, eine Dramatik, das war wirklich sein schriftstellerischer Motor. Alle Geschichten, die er geschrieben hat, haben eine unglaubliche Dramatik, Tragik auch. Er hat ja auch diese Geschichte mit Hans geschrieben, wo der Sohn dann stirbt, wie er auch über den anderen Sohn, der Musiker wurde, aber nichts wurde als Musiker, eine Geschichte geschrieben. Also dieser Kampf ist auch dauernd in seinen Erzählungen drin. Für mich ist der Höhepunkt eigentlich der Schluss, wenn der Sohn zu seiner Geliebten geht und der Vater im Salon der Gastgeberin stundenlang wartet. Und dann steigert er sich ja hinein, der Sohn könnte sich das Leben genommen haben, das ist aber auch fast eine Sucht, er muss es, er soll es, nein um Gottes willen, und diese Tragik, der Vater, dessen Sohn sich das Leben genommen hat, dabei stimmte es gar nicht."

Die unbeherrschte Ohrfeige des Vaters nimmt gewissermaßen die Funktion eines Wendepunktes ein: Von da an distanziert sich der Sohn vom Vater und umgekehrt. Ohne seinen Sohn noch einmal gesehen zu haben, reist der alte Storm am nächsten Morgen ab. Hier endet die Erzählung.

Die späteren Versuche Hans Woldsens, den Kontakt zum Vater in den folgenden Jahren wieder aufzunehmen, blieben unbeantwortet. Vater und Sohn sind sich nie wieder begegnet. Im Abspann informiert Ingrid Bachér darüber, dass Hans Woldsen, der zunächst Arzt in Heiligenhafen war, dann als Schiffsarzt bei der Hamburg-Südamerika-Linie anheuerte, schließlich eine Praxis in Wörth am Main eröffnete. Er starb 1886 mit 39 Jahren an Schwindsucht. Nur sein Bruder Ernst, der Amtsrichter geworden war, fuhr zum Begräbnis. Als er nach Husum zurückkehrte, meldete er nach Storms Bericht "Vater, deinen genialen Sohn haben wir begraben". Die Briefe und Gedichte aus dem Nachlass Hans Woldsen Storms sind nicht erhalten geblieben. Die Freunde aber errichteten ihm einen Grabstein mit der Inschrift "Dem Freund der Armen".

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