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StartseiteInformationen am MorgenLeben in der Diktatur25.06.2015

TschetschenienLeben in der Diktatur

Zwei Kriege legten Grosny in den 90er- und 2000er-Jahren in Schutt und Asche. Republikchef Ramsan Kadyrow hat die Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tschetschenien mit Subventionen aus Moskau wieder aufgebaut - und auch den Terror einigermaßen in den Griff bekommen. Allerdings mit diktatorischen Methoden. Für Andersdenkende oder gar Menschenrechtler ist in Grosny kein Platz.

Von Gesine Dornblüth

Ramsan Kadyrow, Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien. (picture alliance / Ria Novosti / Said Tcarnaev)
Ramsan Kadyrow regiert Tschetschenien seit knapp zehn Jahren. Die politische Opposition hat er komplett ausgeschaltet. (picture alliance / Ria Novosti / Said Tcarnaev)
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Ein Besuch im Nationalmuseum in Grosny. Es ist einer von vielen neuen Prestigebauten in der einst zerstörten Hauptstadt Tschetscheniens. Malika Gortikowa führt durch die Gemäldegalerie.

"Wir haben uns anfangs verlaufen. Zumal Frauen doch einen schlechten Orientierungssinn haben. Unser Republikchef hat das Museum persönlich eröffnet: Ramsan Kadyrow. Er hat uns dieses Museum geschenkt: Unser energischer, junger Führer."

Die beiden Kriege werden von offizieller Seite nicht erwähnt

Ramsan Kadyrow regiert Tschetschenien seit knapp zehn Jahren. Sein Vater, Achmad Kadyrow, hatte Anfang der 1990er-Jahre als Mufti von Tschetschenien zum Heiligen Krieg gegen Russland aufgerufen. Später wechselte er die Seite und wurde mit Zustimmung Wladimir Putins Präsident Tschetscheniens. Achmad Kadyrow kam 2004 bei einem Attentat ums Leben. Sein Sohn Ramsan betont bei jeder Gelegenheit seine Loyalität zu Putin und zu Russland. An den Straßenlaternen von Grosny wehen russische und tschetschenische Fahnen. Eine der Hauptstraßen ist nach Wladimir Putin benannt.

Die beiden Kriege, die Zigtausende Menschen das Leben gekostet haben, werden von offizieller Seite totgeschwiegen. Die äußerlichen Spuren, die Ruinen, sind weggeräumt. Auch im Nationalmuseum kommen die Kriege nicht vor. Die Museumsführerin zeigt den Saal für moderne Malerei. An der Stirnseite ein Ölgemälde, darauf Ramsan Kadyrow auf einem Pferd:

"Wenn weiterhin so ein junger, energischer Mann wie Ramsan Kadyrow am Ruder sitzt, so ein standhafter und progressiver Mann, dann hat unsere Stadt eine hervorragende Zukunft. Unser Chef verdient den Namen Republikchef."

Andere sagen, er verdiene den Namen Diktator. Kadyrow hat die politische Opposition komplett ausgeschaltet, sie ist tot oder im Exil. Er unterhält eine Art Privatarmee. Diese "Kadyrowzy" sollen etwa 80.000 Mann zählen, unterstehen Kadyrows Kommando und sind für ihre Brutalität bekannt. Und Kadyrow gibt sogar der Regierung in Moskau kontra, trotz aller Loyalitätsbekundungen. Im Frühjahr zum Beispiel befahl er seinen Leuten, künftig ohne Vorwarnung auf russische Polizisten zu schießen, die Tschetschenien ohne Voranmeldung betreten. Der Kreml lässt Kadyrow weitgehend gewähren. Tschetschenien gilt als rechtsfreier Raum. Eine Journalistin der "Nowaja Gaseta", die in Grosny lebt, erhielt gerade wieder Morddrohungen. Die Menschenrechtler, die noch tätig sind, leben nicht mehr in Tschetschenien. Zu gefährlich.

"Die Leute werden eingeschüchtert"

Der Jurist Albert Kusnezow kommt alle paar Monate für einige Tage nach Grosny. Er arbeitet für das Komitee gegen Folter, eine südrussische Organisation. Immer weniger Tschetschenen wagten es, sich mit ihm in Grosny in Verbindung zu setzen, sagt Kusnezow.

"Die Leute werden eingeschüchtert. Wenn die Kadyrowzy jemanden schlagen, dann drohen sie ihm danach auch noch: Wenn du dich beschwerst, kommen wir wieder, und dann schlagen wir richtig zu. Die Leute kommen deshalb erst zu uns, wenn sie total verzweifelt sind. Wenn jemand in unmittelbarer Todesgefahr schwebt. Sie wissen dabei, dass sowieso niemand zur Verantwortung gezogen wird, aber sie wollen das Unrecht wenigstens öffentlich machen."

Das Büro der Menschenrechtler liegt in einem Wohnblock in Grosny. Kein Türschild, kein Name an der Klingel. Im Winter wurde das Büro verwüstet und in Brand gesetzt. Danach haben sie die Türen verstärkt, Überwachungskameras installiert, Rollläden vor den Fenstern angebracht. Es hat nichts genützt. Anfang dieses Monats drangen erneut Schläger ein. Wieder wurde das Büro zerstört. Das spricht sich rum, schreckt noch mehr Menschen ab. Albert Kusnezow:

"Die Mächtigen hier haben viele Möglichkeiten, einem Menschen das Leben zu zerstören. Das radikalste sind natürlich Entführungen. Aber sie schieben den Menschen auch Drogen unter. Und dann ist es auch sehr verbreitet, Leute zu Gesprächen vorzuladen. Und ihren Ruf unter ihren Bekannten zu beschädigen und für Probleme am Arbeitsplatz oder an der Uni zu sorgen."

Deshalb kritisieren die Menschen in Tschetschenien die Verhältnisse nur hinter vorgehaltener Hand. Sie seien Geiseln Kadyrows und Putins, sagt ein Hochschuldozent. Er nehme jeden Tag Tabletten, um seine Nerven zu beruhigen, erzählt ein Taxifahrer, dessen Vater im Gefängnis sitzt. Sie würden das Unrecht, dass die Russen und später das Kadyrow-Regime ihnen angetan haben, nicht vergessen, sagt ein Dolmetscher. Alle wollen anonym bleiben. Die Nordkaukasusexpertin Warwara Pachomenko von der International Crisis Group hat viele Gespräche in Tschetschenien geführt:

"Viele Menschen dort sind unzufrieden: Die, deren Verwandte getötet wurden, die selbst gefoltert wurden, oder die geschäftlich erpresst wurden. Und viele warten nur auf eine Möglichkeit, Rache zu üben."

Doch noch sind die Menschen bereit, vieles zu ertragen und zu schweigen. Rada ist 28 Jahre alt und Verkäuferin in einer Boutique in Grozny.

"Wir haben jetzt Frieden und Ruhe. Wir wissen, dass keine Flugzeuge mehr kommen, um uns zu bombardieren. Während der Kriege hatte ich immer Angst. Jetzt ist alles anders. Ich denke, die Leute, die an der Spitze der Republik stehen, versuchen, alles zu tun, damit wir hier in Ruhe und gut leben. Dafür danke ich ihnen wirklich."

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