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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDer Fall Methadon08.04.2018

Über Krebs und HoffnungDer Fall Methadon

Seit einem Jahr elektrisiert eine Zufallsentdeckung die Krebsmedizin: Methadon, eine Substanz, die aus der Drogenersatztherapie bekannt ist, soll wahre Wunder wirken. Krebspatienten, die mit Methadon behandelt wurden, leben. Doch heißt das auch: Methadon heilt Krebs?

Von Martina Keller

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Das MRT-Bild des Gehirntumors (heller Fleck)  (picture-alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Viele Patienten mit einem Hirntumor, im Bild der helle Fleck, hoffen auf eine Bedandlung durch Methadon. Bisher gibt es jedoch keine Datengrundlage für die Wirkung aus klinischen Studien, sagt die deutsche Gesellschaft für Neurologie (picture-alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
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"Ich bin wieder da, und ich kann weiterleben, ich muss nicht sterben. "

"Ich konnte es nicht glauben, wie ich die Aufnahmen gesehen hab, dass da fast nichts mehr zu sehen war von den Metastasen."

"Ungefähr zwei Drittel aller Patienten erfahren eine Minderung oder gar Verschwinden ihrer Tumorerkrankung.

"Und so fangen die diesen Beitrag an - da fällt mir nichts mehr ein."

Mediale Aufmerksamkeit erzeugt großen Druck

"Der ganz entscheidende Punkt war wirklich, dass ein sonst für sehr seriös eingestufter Sender das so gebracht hat. Es ist ja das erste Mal, dass wir, zumindest in der Onkologie, eine solche mediale Aufmerksamkeit für ein Thema haben und einen so hohen Druck bei den Patienten",  sagt Jutta Hübner
 
"Ich hatte 40.000 Anfragen von Patienten im letzten Jahr. Und die meisten Patienten, die bei mir ankamen, waren austherapierte Patienten, wo der Arzt gesagt hat: Tut uns leid, wir haben keine Option mehr für sie. Es waren Patienten, die dann andere Opioide, Opiate hatten, und die wurden von Schmerztherapeuten auf Methadon umgestellt - einerseits weil es ein gutes Schmerzmittel ist, und andererseits natürlich auch die Hoffnung, vielleicht ein bisschen länger zu leben. "

"Das sind ja nicht ein, zwei oder drei Patientenfälle, wo man immer nur sagen könnte: Zufall, Zufall, Zufall", sagt die Chemikerin Claudia Friesen. Sie arbeitet am Institut für Rechtsmedizin der Universitätsklinik Ulm. Es ist ihre Beobachtung, die Krebspatienten seit vergangenem Jahr elektrisiert. Krebspatienten, die mit Methadon behandelt wurden, leben.

Heißt das auch: Methadon heilt Krebs? Ein YouTube-Video der Veranstalter zeigt Claudia Friesen am Rande eines Kongresses für Biologische Krebsabwehr: "Das sind Pankreaspatienten, die eigentlich, zum - ja zum Sterben entlassen wurden und die jetzt Methadon genommen haben. Die wurden nur in der Schmerztherapie umgestellt. Und, ja, der eine ist im Moment gerade in Skiurlaub", so Claudia Friesen.

Zufallsfund wird zur Sensation

Nahezu jedes Medium hat im letzten Jahr berichtet über das Schmerzmittel aus der Gruppe der Opioide, das vielen auch aus der Drogenersatztherapie bekannt ist. Unter Patienten wird Methadon seither als potenzielle Wunderwaffe gegen den Krebs gehandelt.

Schwerstkranke bestürmen ihre Onkologen. Viele beschaffen sich das Mittel ohne Wissen des behandelnden Arztes. Der Druck ist so groß, dass Methadon mittlerweile wohl bei mehreren hundert Krebspatienten eingesetzt wird, ohne für diesen Zweck zugelassen zu sein.

Der Medizinjournalist Marcus Anhäuser: "Das Problem ist, dass an dem Punkt darüber berichtet wird, an die Öffentlichkeit gegangen wird, obwohl wir zugeben müssen: Wir wissen fast nichts. Und es wird aber so dargestellt, als wüssten wir eine ganze Menge, dabei haben wir nur einen Verdacht."

Die Geschichte beginnt mit einem Zufallsfund in Ulm. Ursprünglich wollte Claudia Friesen nur die molekularen Mechanismen von Opioiden erforschen. Dafür brauchte sie Zellen, die dafür empfänglich sind. 

Claudia Friesen: "Bei mir im Labor waren das damals die Leukämiezellen. Die haben wir mit verschiedenen Opioiden behandelt, ja, und Methadon hat die Leukämiezellen zerstört. Und für mich war das damals ein ungewöhnlicher Befund, ich habe eher gedacht, es wäre ein Fehler, hab die aber mehrmals reproduziert und kam zum gleichen Ergebnis."

Folgeexperimente ergaben, dass nicht alle Leukämiezellen im Reagenzglas durch Methadon starben. Friesen erprobte Methadon daraufhin als Wirkverstärker in Kombination mit dem Chemotherapeutikum Doxorubicin. 

Claudia Friesen: "Wir haben aber nicht nur Leukämiezellen untersucht, mittlerweile haben wir viele viele Tumorzellen untersucht, und wir kommen immer zum gleichen Schluss: dass Methadon in diesen Tumorzellen, die die Opioidrezeptoren besitzen, einen Zelltod auslösen kann."

Die Arbeiten von Claudia Friesen sind noch experimentell, zählen zur Grundlagenforschung. Von diesem Stadium der wissenschaftlichen Erkundung erfährt die Öffentlichkeit normalerweise nichts. Das erklärt sich schon allein durch die Menge vielversprechender Wirkstoffkandidaten. 

Eine von neun Substanzen bewährt sich beim Menschen

Gegen Krebs werden derzeit 2.440 Substanzen in Zellkultur oder im Tierversuch getestet. Rund ein Drittel der Wirkstoffe wird in diesem frühen Forschungsstadium nach systematischen Sicherheitsprüfungen aussortiert – bei bereits bekannten Medikamenten wie Methadon dürfte die Quote besser sein. 

Nur eine von neun Substanzen, die erfolgreich im Labor getestet wurden, bewährt sich beim Menschen. Doch Methadon hat als potentielle Allzweckwaffe gegen den Krebs eine Ausnahme-Karriere gemacht.

"So klingen gute Nachrichten, und so klingt Hoffnung, Hoffnung, den Kampf gegen den Krebs zu gewinnen, und damit willkommen bei Plusminus heute aus Erfurt. "

Die bundesweit ausgestrahlte Sendung Plusminus vom 12. April 2017 bildet den Auftakt vieler Berichte, vor allem im öffentlich-rechtlichen und privaten Fernsehen. Nach dem Trailer mit den Zitaten zweier Krebspatientinnen und des Palliativmediziners Hans-Jörg Hilscher führt der Moderator in das Thema ein: Milliarden investiere die Pharmaindustrie jährlich in die Erforschung neuer Wirkstoffe gegen den Krebs, ständig bringe sie neue Medikamente auf den Markt – und verdiene gut daran.

Plusminus  Moderator: "Aber was passiert, wenn ein Wirkstoff Hoffnung verspricht, nur eben kaum Profit - genau das zeigen wir Ihnen jetzt."

Fernsehsendung setzt neuen Deutungsrahmen über Wirkung

"Und damit ist der Rahmen gesetzt: Die Pharmafirmen sind diejenigen, die arbeiten aus Profitgründen. Und wenn es keinen Profit gibt, werden sie sich nicht drum kümmern." Marcus Anhäuser ist Medizinjournalist, war mehrere Jahre leitender Redakteur beim Medien-Doktor, einem Monitoringprojekt für Medizinjournalismus der TU Dortmund.

"Und wenn man sich auch in Foren umguckt oder auf Webseiten, dann sieht man eben: Viele greifen das auf, und sagen: Hier, die Pharmafirma, ist ja mal wieder typisch, und so ist der ganze Rahmen gesetzt für jegliche Berichte, die nachher noch kommen."

Der Diplombiologe hat den Plusminusbeitrag vom April 2017 für die Medienkonferenz Wissenswerte analysiert. Weil er den Beginn des beispiellosen Interesses an Methadon als Krebsmedikament markiert. 

Anhäuser: "Ein Tool von Google habe ich benutzt, das nennt sich Google Trends, mit dem man Suchanfragen über einen bestimmten Zeitraum sich angucken kann. Und man sieht sehr schön, wie die Berichterstattung die Suchanfragen triggert. "

Jahrelang bewegte sich die Zahl der Anfragen zu Methadon auf einem gleichmäßigen, eher niedrigen Niveau. Anhäuser: "Kurz nach der Berichterstattung von Plusminus stieg dieser Wert und ist dann im Laufe dann der Monate bis auf das Zwanzigfache gestiegen, als dann vor allem RTL innerhalb von zwei, drei Wochen mehrfach berichtet hat, Stern TV hat berichtet, Stern.de hat berichtet. Und das war die absolute Spitze dann im Sommer 2017." 

Patienten und Angehörige schöpfen durch Berichte Hoffnung

Es sind verzweifelte Krebspatienten oder deren Angehörige, die die Botschaft der Berichte aufsaugen, sie in den sozialen Medien verbreiten. Und es sind Fälle wie der von Sabine Kloske, die selbst austherapierte Krebspatienten wieder hoffen lassen. Im Dezember 2014 wurde bei der damals 36-jährigen ein Glioblastom diagnostiziert, ein schnell wachsender Hirntumor, der als nicht heilbar gilt.

In Plusminus schildert Kloske, ein Arzt habe ihr nach der Operation noch zwölf bis 15 Monate Lebenszeit gegeben. Zum Zeitpunkt der Sendung hat sie diese Prognose bereits um ein Jahr überlebt. Und auch heute, mehr als drei Jahre nach der Diagnose, geht es ihr gut. Was der Zuschauer nicht erfährt: Rund acht Prozent der Glioblastompatienten leben noch fünf Jahre nach Entdeckung des Tumors. Dieses Wunder, heißt es hingegen bei Plusminus, führe Sabine Kloske auf Methadon zurück. Zusätzlich zur Chemotherapie nehme sie 2 mal 35 Tropfen täglich.

Kloske: "Es ist so, dass ich das Gefühl habe, ich bin wieder da, und ich kann weiterleben, ich muss nicht sterben. "

Sprecherin Plusminus: "Sabine Kloske gehört zu den Patienten, die von der Entdeckung dieser Forscherin aus Ulm profitieren. "

Anhäuser: "Der Satz war: Sie gehört zu den Patienten, die von dieser Entdeckung profitieren - wissen wir aber gar nicht, wir wissen ja gar nicht, wie gut dieses Mittel hilft, ob es überhaupt hilft. Aber hier werden schon Tatsachen geschaffen, nachdem so ein Fall geschildert wurde, der so eindringlich ist. Ich stell mir immer vor, da sitzt jemand mit Krebs vor dem Fernseher und sieht diesen Bericht. Der braucht eigentlich gar nicht mehr weiterzugucken, weil alle Infos danach sind fast überflüssig. Ich find die suggestive Kraft von solchen Personen ist so stark, da gibt es wenig, was man da noch gegensetzen kann."

Die Autorin des Beitrags ist Christiane Cichy. Sie hat Jura und Publizistik studiert, ist in der Wirtschaftsredaktion Plusminus für Medizinthemen zuständig. Ein Jahr vor Ausstrahlung des Beitrags habe sie mit der Recherche begonnen. 

Christiane Cichy: "Was für mich auch sehr wichtig war und was, ich denke, auch in der Zukunft an Bedeutung gewinnen sollte, habe ich natürlich das Gespräch mit zahlreichen Patienten und Patientinnen geführt, nicht nur deutschlandweit sondern auch in der Schweiz und in Österreich.

Patienten, vor allem solche mit sehr schlechter Prognose, haben oft eine andere Sicht auf medizinische Forschung als Wissenschaftler. Der Weg bis zur Zulassung eines neuen Medikaments ist weit, folgt strengen Regeln, dauert viele Jahre. Doch die Lebenszeit von schwerstkranken Patienten bemisst sich oft in Tagen, Wochen oder Monaten. 

Sprecherin Plusminus: "Das Drogenersatzmittel Methadon ein Krebskiller? Die Forscherin zeigt uns Patientenbeispiele: Selbst große Tumore wie hier im Hirn, die auf keine Therapie mehr ansprachen, verschwanden. 

Anhäuser: "Und das ist jetzt eine extrem gefährliche Stelle. Auch hier wird dann suggeriert: Man nimmt Methadon, und die Tumore verschwinden. Und dann sieht man diese beiden Röntgenaufnahme vom Gehirn von Patienten: einmal mit Tumor, mit so einer weißen Kugel im Kopf, und dann das zweite Bild, wo an der Stelle einfach nichts mehr ist - der Tumor ist weg. Und als ich das zum ersten Mal gesehen habe, dachte ich: wow.

Ahnungslos wie ich bin manchmal, habe ich natürlich gar nicht dran gedacht: Das liegt nicht an dem Methadon, diese Tumoren werden rausoperiert, die werden standardmäßig rausoperiert. Und natürlich sieht bei jedem Patienten, der so ein Glioblastom hat, das Röntgenbild nachher so aus: Der Tumor ist erst mal weg."

Cichy: "Ich denke, es ist keine Suggestion, wenn man im Prinzip Patientenfälle vorstellt, und wenn man sagt: Okay, das war das Glioblastom vorher, und seitdem kam es nicht zu einer Progression. Das hat doch nichts mit Suggestion zu tun, ich weiß nicht, was Sie da unterstellen."

Keller: "Man denkt der Tumor ist weg wegen Methadon, aber der ist ja wegen der Operation weg."

Cichy: "Sie vielleicht, weil Sie vielleicht genau nicht hinhören. Es wird noch mal ganz klar gestellt: Niemand kann sagen, ob DL-Methadon dafür verantwortlich ist, aber die Laboruntersuchungen von Frau Friesen sprechen eine deutliche Sprache. Auch wenn im Prinzip erst mal für niemanden ein finanzielles Interesse besteht, klinische Studien, die ja sehr teuer sind, durchzuführen, könnte man genau diese Daten zum Anlass nehmen, das in die Wege zu leiten."

Welle von Nachfragen überschwemmte Onkologie-Praxen

"Ganz grundsätzlich gilt: Immer wenn man so eine Substanz entdeckt, dass man sich überlegen muss, ist das anwendbar. Dann kommen halt Mehrzellexperimente, Tierexperimente", sagt Jutta Hübner, Professorin für Integrative Onkologie an der Universität Jena. 

"Und dann muss ich mir überlegen: Okay, könnte das auch beim Menschen funktionieren, bei welcher Tumor-Art. Und dann würde man in die ersten Studien einsteigen. Ja, das ist ein ganz sinnvolles Vorgehen, aber genau dieses stufenweise Vorgehen muss es auch sein, bevor man damit an die Öffentlichkeit geht und sagt: Wir haben hier was tolles Neues."

Totkranke Patienten glauben, sie hätten viel zu gewinnen und nichts zu verlieren. Doch Ärzte wissen aus Erfahrung, dass auch in der Endphase noch katastrophal viel schief gehen kann. Und nicht nur austherapierte Patienten verlangen nach Methadon. Eine Welle von Nachfragen überschwemmte onkologische Praxen und Kliniken. 

Jutta Hübner: "Die hat uns direkt nach den ersten Sendungen über die Patienten erreicht, fast schon am Tag danach ging das los. Und dann nahm das einen irrsinnigen Schwung an, dass praktisch jeder Patient danach fragte, egal ob stationär, in der Ambulanz, in meiner Sprechstunde - also alle Patienten fragten. Da brauchen Sie fast schon in der Klinik oder in der Praxis eine Task Force, die nichts anderes mehr macht."

Jutta Hübner leitet eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Krebsgesellschaft, die sich für eine bessere Patientenversorgung einsetzt. Zudem ist sie Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Methadon in der Krebstherapie einzusetzen, lehnt sie derzeit ab. Nicht nur weil der Nutzen nicht belegt ist, wie sie im Deutschen Ärzteblatt erläutert.

Jutta Hübner: "Es gibt sehr viele Patienten, die sich Methadon besorgt haben. Es gibt in unserem Beitrag im Ärzteblatt Patienten, die ein zumindest lebensgefährliches Ereignis erlebt haben, es gibt einen Patienten, der verstorben ist." 

"Mir gibt das zu denken, was das für Ärzte sind", sagt die Chemikerin Claudia Friesen. "Methadon ist ein Medikament, das man seit den 40er-Jahren kennt. Man weiß die Dosierung, man weiß, wo die Toxikologie, und da dürfen diese Fehler, die da passiert sind, erst gar nicht passieren. Da gibt es klinische Studien, das ist ja nicht ein niegelnagelneues Medikament, wo man die Toxikologie nicht kennt."

Methadon kein harmloses Medikament

Methadon wird seit dem Zweiten Weltkrieg weltweit als Schmerzmittel vertrieben. In der Palliativmedizin wird es in Deutschland als Reserve-Medikament bei mittleren oder schweren Tumorschmerzen empfohlen. Da Methadon in zwei Schritten abgebaut wird und die Wirkung verzögert eintritt, kann es leicht überdosiert werden.

"Man weiß eben, dass es nicht gut verträglich ist. Methadon in der Suchttherapie ist besser als die Suchtsubstanz selber, aber kein Mensch würde sagen, Methadon an sich ist eine gute Idee. Das ist nur die bessere Idee von zwei schlechten Ideen", sagt die Onkologin Jutta Hübner.

"Zweitens: Die Patienten in der Suchttherapie haben in der Regel keine anderen Medikamente. Unsere Patienten mit einer onkologischen Therapie haben aber eine ganze Reihe weitere Medikamente, nämlich die Tumormedikamente und häufig viele Begleitmedikamente.

Meistens sind sie auch älter und haben auch noch ein paar andere Krankheiten mit Medikamenten. Das heißt, hier kommt eine ganze Gemengelage von Medikamenten zusammen. Und Methadon hat durchaus eine hohe Wahrscheinlichkeit, eine hohe Gefahr von Wechselwirkungen. Also: Harmlos ist das Zeug auf keinen Fall."

Claudia Friesen hat mit Charité-Medizinern eine Studie zu 27 Glioblastompatienten vorgelegt, um rückblickend die Verträglichkeit von Methadon zu prüfen. Die Aussagekraft dieser kleinen Studie ist aber begrenzt. Zu unterschiedlich sind die Patienten in Bezug auf Krankheitsstadien, Prognose und Medikation.

In Deutschland nahmen bis heute fünf Medizinische Fachgesellschaften oder deren Arbeitsgruppen Stellung, in Österreich sind es drei Fachgesellschaften. Sie warnen vor dem Einsatz von Methadon in der Krebstherapie. Weil ein Nutzen noch nicht belegt, Neben- oder Wechselwirkungen aber zu befürchten seien. Frage an Claudia Friesen, an Christiane Cichy: Gibt das zu denken?

Claudia Friesen: "Nö, also potentielle Nebenwirkungen hat eigentlich jedes Medikament, da dürfte man überhaupt keine Chemotherapeutika einsetzen, die weiß Gott mehr Nebenwirkungen haben als Methadon. Wenn die von gefährlichen Nebenwirkungen reden, dann müsste man eigentlich vor jedem Medikament warnen."
 
Christiane Cichy: "Da muss man wirklich fragen, wie weit diese Warnungen tatsächlich unabhängig sind, weil gerade in der zweiten Berichterstattung ist ja deutlich geworden, dass DL-Methadon als Schmerzmedikament wissenschaftlich erforscht ist, und auch da wurde wieder vor den Nebenwirkungen und den Risiken, die bis zum tödlichen Ausgang führen könnten, gewarnt."

TV-Bericht säht Verdacht gegen Pharmakonzerne

Da ist er wieder, der Verdacht: Anderweitige Interessen blockieren den Hoffnungsträger Methadon, die Pharmaindustrie ist an einem extrem günstigen Wirkstoff nicht interessiert. In der Plusminus-Sendung heißt es, anders als Methadon werde etwa das Medikament Avastin seit Jahren mit Hochdruck erforscht. Liege das womöglich an den Behandlungskosten von 25.000 Euro pro Quartal?

Christiane Cichy interviewt den Methadonkritiker Wolfgang Wick, ärztlicher Direktor der Abteilung Neuroonkologie an der Universitätsklinik Heidelberg, Spezialist für Hirntumore, in leitender Funktion für europäische Expertengremien tätig. Er verfasste 2015 die Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie zu Methadon, aus der Cichy vorab zitiert.

Plusminus Sprecherin: "Die Wirkung beim Menschen sei völlig unklar. Methadon sei potenziell reich an unerwünschten Wirkungen, die die Lebensqualität der Patienten unnötig einschränken. Die Therapie mit Methadon sei bisher nur experimentell."

Wir fragen Prof. Wick, den Verfasser der Stellungnahmen, wie er darauf kommt. "Dass etwas experimentell ist, bedeutet, dass es für die Anwendung keine erforderliche Datenbasis gibt, auf Grund derer unsere Zulassungsbehörden, das ist ja national und international ganz gut geregelt und organisiert, eine Zulassung von Patienten mit Hirntumoren besteht."

Später in der Sendung erfahren die Zuschauer: Wick habe Honorare des Avastin-Herstellers Roche bekommen und somit einen Interessenkonflikt.

Plusminus- Sprecherin: "An der klinischen Forschung von Avastin maßgeblich beteiligt war Professor Doktor Wick, also der Mann mit den Vorbehalten gegenüber dem Einsatz von Methadon bei Tumorpatienten. Mittlerweile hat eine weltweite Studie ergeben: Hirntumorpatienten, die Avastin bekommen, leben insgesamt nicht länger. "

Marcus Anhäuser: "Und an der Studie war der Herr Wick beteiligt, und die hat dazu geführt, dass das Mittel nicht zugelassen wird: Avastin wird nicht zugelassen für Glioblastome. Die Information bekommt man aber nicht, weil das nicht ins Bild passt. Da ist nämlich plötzlich der Kritiker, der aus Interessenkonflikten Methadon nicht erforschen will, plötzlich derjenige, der auch dafür sorgt, dass dieses Mittel von der Firma, von der er sein Geld bekommt, nicht zugelassen wird. Und das ist eine extrem wichtige Information, die hier aber weggelassen wird."

Warum wurde sie weggelassen? Auf Nachfrage erklärt die Redaktionsleitung, Professor Wick habe sich trotz der Studienergebnisse bei einem vom Hersteller unterstützten Symposium positiv über Avastin geäußert. Wick hingegen erklärt, er habe die Daten der Studie bei akademischen Krebskongressen präsentiert, und sei dort auch auf positive Teilergebnisse eingegangen. Das im Wesentlichen negative Hauptergebnis habe in Deutschland den breiten Einsatz von Avastin außerhalb der Zulassung beendet.

Interessenkonflikte sind ein komplexes Feld. Sie können das unabhängige Urteil eines Experten verzerren, müssen es aber nicht. Und die Fronten verlaufen oft anders, als man denkt. 

Was treibt die Mahner, was die Befürworter von Methadon?

Claudia Friesen selbst betont, es gehe ihr um das Wohl der Patienten und um Klarheit: "Es geht mir um Methadon zur Lebensqualitätsverbesserung, und ich freue mich bei den Patienten, wenn sie eine gute Lebensqualität haben. Und natürlich auch als Wirkverstärker in der Tumortherapie, aber bevor ich da eine generelle Aussage treffe – und das sage ich immer dazu - brauchen wir den evidenzbasierten Beweis. Und ich hab noch nie was anderes gesagt."

Im Juni 2017 gab es auf "Stern.de" einen Chat mit Zuschauern. Als Experten im Studio: Claudia Friesen und der Palliativmediziner Hans-Jörg Hilscher, ihr Mitstreiter aus der Plusminus-Sendung. Für Marcus Anhäuser hört es sich nicht so an, als sei für die Experten – gerade im Interesse der Patienten – noch ein Beweis erforderlich: "Und da gibt‘s eben genauso ganz konkrete Sachen, wo jemand fragt: Meinem Mann wurde im April ein Sigma-Karzinom entfernt - also beim Darmkrebs - da ein Lymphknoten betroffen war, bekommt er jetzt eine adjuvante Chemotherapie. Kann Methadon ihm zusätzlich helfen?" 

Antwort von Dr. Hilscher: Gerade bei adjuvanten Chemotherapien hat sich Methadon besonders bewährt.  Und wir fragen uns: Woher weiß der Mann das?

Eine Sylvia Calw fragt: Hallo, 79jährige Patientin mit Cervixkarzinom, mit Metastasen in Lunge und Bauchraum, soll nun Monochemotherapie mit Carboplatin alle vier Wochen bekommen. Welche Dosierung Methadon würden sie empfehlen. Ist die Kombination bereits zu empfehlen, bereits getestet worden?

Und Frau Friesen antwortet: Carboplatin kann sehr gut mit Methadon in seiner Wirkung verstärkt werden. Die Dosierung sollte mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. 

Dann fragt eine Eika 1987: Hallo, wirkt das Methadon auch bei Plasmozytom? Claudia Friesen: Ja, es kann auch hier wirken. - Ich frag mich bei welcher Krankheit sie nein gesagt hätte."

Jutta Hübner: "Ich denke, wir können an jeden Wissenschaftler den Anspruch stellen, dass er die Grenzen seines Faches und seines Wissens erkennt, und umso mehr, wenn man sich in ein fremdes Gebiet hineinwagt. Ich habe nicht umsonst Frau Friesen gefragt, ob sie eine Zulassung als Heilpraktikerin hat, denn sie empfiehlt Patienten, Sachen zu tun.

Sie sagt, sie empfiehlt nicht, das ist klar widerlegt, man findet es überall: Und da sie nicht Ärztin ist und offensichtlich nicht Heilpraktikerin ist, muss man sich fragen, auf welchem Boden arbeitet sie hier."

Methadon-Unterstützer organisieren sich auf Facebook

Die Unterstützer von Claudia Friesen haben sich mittlerweile organisiert. Fast 90.000 Menschen unterzeichneten zwei Online-Petitionen auf change.org und openpetition.de. Mehr als 17.000 schlossen sich in sechs Facebook-Gruppen pro Methadon gegen Krebs zusammen. Ebenfalls auf Facebook finden sich Spendenaufrufe für die Krebsforschung der Rechtsmedizin Ulm, auf ein Konto der Universitätsklinik.

Die Plattform W wie Wahrheit postete die Plusminus-Sendung, angereichert mit eigenen Kommentaren, unter dem Titel Verschwörung – Aufgedeckt. Das Video wurde bis heute 4,7 Millionen Mal geklickt. 
 
"Methadon ist bei vielen Patienten in verschiedenen Tumorindaktionen aber insbesondere bei Hirntumoren im breiten Einsatz, und aus dem Grund brauchen wir für eine vernünftige Datenbasis eine klinische Erprobung", sagt Wolfgang Wick, der Neurologe aus Heidelberg. Er hat im Laufe von zwanzig Jahren Tausende von Hirntumorpatienten behandelt und etliche Studien geleitet.

Wick sagt, er könne damit leben, dass er in der Debatte um Methadon persönlich angegriffen wurde und viele böse Briefe bekam. Sorge bereite ihm etwas Anderes: " Aus unserer Sicht hat die Diskussion um Methadon dazu geführt, dass viele Einrichtungen, Gruppen, Ärzte, Teams die sich um Hirntumorpatienten kümmern, in erheblichem Maße diskreditiert worden sind. Demgegenüber sind Menschen, einige wenige, die sich auf Basis von sehr schwachen Daten mit der Debatte profiliert haben, zu einer Aufmerksamkeit gekommen, die den Patienten schlussendlich nicht nutzt."

Wick hat jetzt bei der Deutschen Krebshilfe eine Studie beantragt, die er schon seit längerem plant. Teilnehmen sollen 250 Glioblastom-Patienten, denen die Standardtherapie bereits gut geholfen hat und die man möglichst lange vor einer Rückkehr des Tumors bewahren will. Wick hat eine Reihe von Substanzen ausgewählt, bei denen Labordaten und Beobachtungen an Patienten vielversprechend sind.

"Jeder seriöse Wissenschaftler würde seine Archive öffnen"

Wolfgang Wick. "Das sind alles Substanzen, die gut ins Gehirn gehen, die relativ nebenwirkungsarm sind, die verfübar sind, regelmäßig genommen werden können, Medikamente aus der Gruppe der Blutdruckmedikamente, der Zuckermedikamente, es sind Nahrungsergänzungsmittel, es sind infektvorbeugende Medikamente und nicht zuletzt auch das Methadon"

Das Methadon bezieht Wick in die Studie ein, obwohl er selbst sich keine großen Hoffnungen macht. Seine eigenen Untersuchungen hätten die Ergebnisse aus Friesens Labor nicht bestätigt, sagt Wick.

Ein sorgfältiges Register mit Patientendaten könnte unabhängig von Studien Hinweise liefern, ob Methadon etwas bewirkt, bei welchen Tumorarten und zusammen mit welchen Therapien. 

Der Allgemeinmediziner Rainer Ullmann hat mit dem Aufbau eines solchen Registers begonnen. Er gehört zu einem Ärzte-Netzwerk, das Claudia Friesen initiiert hat. Allerdings haben erst zehn Ärzte Ullmann Daten geschickt. Die Jenaer Onkologin Jutta Hübner:

"Was wir gerne anbieten, das haben wir Frau Friesen und den anderen Ärzten angeboten, dass wir wissenschaftlich unabhängig uns jeden einzelnen Fall anschauen, erst mal auf Plausibilität, also gibt es hier denn wirklich einen echten Hinweis, hat Methadon hier was bewirkt.

Aber, wir haben noch nicht mal die Möglichkeit, uns diese Fälle wirklich genau anzuschauen, weil man uns nicht an die Daten ranlässt. Jeder seriöse Wissenschaftler würde seine Archive öffnen."

Ein Jahr, nachdem Methadon in der öffentlichen Wahrnehmung vom Hoffnungsschimmer zum Leuchtfeuer mutierte, fällt die Bewertung des Vorgangs höchst unterschiedlich aus.

Medienecho hat Patienten und Ärzte verunsichert

Medizinjournalist Marcus Anhäuser: "Den Impact hat‘s ja gehabt. Also, wenn es mir als Journalist darum ginge, nur Impact zu haben, dann ist die Geschichte ein voller Erfolg. Weil alle Medien haben das übernommen, alle haben dieselbe Geschichte erzählt. Von daher betrachtet ist es ein Erfolg. Aus Sicht von Patienten, und wenn ich das selber als Journalist betrachte, würde ich sagen: Es ist komplett in die Hose gegangen. "

Das Medienecho habe Patienten, Angehörige und Ärzte stark verunsichert, sagt die Universitätsklinik Ulm. Gleich mehrfach hat man dort im letzten Jahr Stellung bezogen und davor gewarnt, Methadon außerhalb klinischer Studien einzusetzen. Es gebe Berichte, dass Patienten im Glauben an die Wirksamkeit von Methadon erprobte Therapien abgelehnt hätten. 

Man habe eine Diskussion angestoßen, teilt dagegen die Redaktionsleitung von Plusminus mit. Den Vorwurf einer emotionalen oder unangemessen sensationellen Darstellung weist sie zurück. Ihr sei es darum gegangen aufzuzeigen, wie schwierig es sein könne, für einen Wirkstoff, der keinen Gewinn verspricht, Mittel für klinische Studien aufzubringen.

Von Heilung sei vor einem Jahr an keiner Stelle des Beitrags die Rede gewesen, nur von Einzelfällen, die keinen Beweis lieferten. Dafür brauche es klinische Studien. 

Besorgniseregende Dynamik

Die Studien soll es jetzt geben. In Heidelberg, am Zentrum von Wolfgang Wick, und in Ulm mit 66 Dickdarmkrebspatienten.

Am Ende doch ein Erfolg für Patienten und Patientinnen? 

So mag es die Onkologin Jutta Hübner nicht sehen. Sie beobachtet die Dynamik eher mit Sorge. "Wir müssen damit rechnen, dass das in Zukunft häufiger passiert, weil sich unsere Gesellschaft in diese mediale Entwicklung herein begibt. Und wir können nicht jedes Mal, wenn irgend so ein Thema wuppt in den sozialen Medien, gleich mit einer Riesen-Studie hinterherschießen.

Denn so eine Studie erfordert Ressourcen - Ressourcen finanziell, Ressourcen bei den Forschern und Ressourcen bei den Patienten, die an der Studie teilnehmen. Und die sind weg für irgendeine andere Studie, die vielleicht viel besser wäre. Wir haben ja eine hohe Verantwortung, uns wirklich zu überlegen, mit unseren begrenzten Möglichkeiten, was ist denn ganz oben auf der Liste, weil es wirklich Patienten weiterbringt. Und deshalb finde ich ist das auch ethisch gerade eine ganz schwierige Frage."

Es sprachen: Marion Mainka und Martina Keller
Ton: Sebastian Ohm
Redaktion: Christiane Knoll

Eine Produktion des Deutschlandfunks 2018

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