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StartseiteKultur heuteUnbekannte Notenhandschrift Bachs entdeckt06.06.2013

Unbekannte Notenhandschrift Bachs entdeckt

Forscher Peter Wollny zum Fund eines Autografen von Johann Sebastian Bach

Es ist weniger Zufall, sondern das Ergebnis einer intensiven Suche: das Auffinden bisher unbekannter Handschriften namenhafter Komponisten: Der neueste Fund: ein Bach-Autograf, entstanden um 1740. Entdeckt hat sie Peter Wollny in Weißenfels bei Leipzig. Das sei eine "sehr glückliche Fügung", so der Bach-Forscher.

Peter Wollny im Gespräch mit Karin Fischer

Johann Sebastian Bach (picture alliance / dpa / 91050/United_Archives/ TopFoto)
Johann Sebastian Bach (picture alliance / dpa / 91050/United_Archives/ TopFoto)
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Auferstanden aus Archiven
Johann Sebastian Bach

Karin Fischer: Es kommt doch immer mal wieder vor, dass in Archiven etwas gefunden wird; dazu sind sie schließlich da. In den vergangenen Jahren tauchten eine ganze Reihe von Musik-Autografen auf: eine Händel-Kantate, die per se bekannt war, deren Original-Handschrift aber doch vom überlieferten Druck abwich. Oder eine Bach-Arie "Alles mit Gott und nichts ohn' ihn", die 292 Jahre im Dornröschenschlaf lag, ausgerechnet in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar. Die Arie überlebte den schrecklichen Brand unerkannt in einer Restaurierungswerkstatt.

Solche Funde sind selten "purer Zufall", häufig dagegen die Folge einer systematischen Suche. Die Erschließung von Bach-Dokumenten wird durch Stiftungen und Forschungsprojekte ermöglicht. Heute präsentierte ein Forscher des Bach-Archivs Leipzig den Fund einer Notenhandschrift von Johann Sebastian Bach in Weißenfels. Peter Wollny, was genau haben Sie gefunden?

Peter Wollny: Es handelt sich um einen vollständigen Stimmensatz zu einer dort in Weißenfels anonym überlieferten Messe: Insgesamt vier Vokalstimmen und acht Instrumentalstimmen und dazu noch eine Basso-Contino-Stimme sind dort vorhanden. Und ich bin darauf gestoßen im Zuge einer systematischen Durchsicht des Musikalienbestands der ehemaligen Ephoralbibliothek in Weißenfels. Der Bestand ist seit Langem gut bekannt, aber bisher hat nie jemand entdeckt, dass es sich hier bei dieser Abschrift der Messe um ein Bach-Autograf handelt.

Fischer: Und wie haben Sie das jetzt gewusst? Haben Sie das handschriftlich untersuchen müssen, oder wurde das irgendwie klar?

Wollny: Nun ja, ich will es mal so sagen: Zu den wenigen Sachen, die ich wirklich kann, gehört das Erkennen von Handschriften, und eine Bach-Handschrift erkenne ich auf den Moment hin direkt. Und als ich die Mappe aufschlug und mir die Noten gegenüberstanden, war sofort klar, um was es sich handelt.

Fischer: Und wie kommen Sie in die Ephoralbibliothek Weißenfels? War das irgendwie zu erwarten, dass da Dinge schlummern? Was ist der historische Kontext, sind die historischen Zusammenhänge zwischen Weißenfels und Bach?

Wollny: Es gibt eine ganze Menge von Zusammenhängen. Bach war ja Titularkapellmeister des Weißenfelser Hofes. Er selbst hat die Stadt wohl mehrfach auch besucht. Aber das hat nichts mit der Überlieferung der Messe zu tun. Ich bin auf den Bestand der Notenhandschriften gestoßen im Zuge eines Forschungsprojekts, das bei uns am Bach-Archiv derzeit läuft. Wir beschäftigen uns, unterstützt von der Gerda-Henkel-Stiftung in Düsseldorf, mit der Lebensgeschichte von Bachs Thomanern. Die ganzen Sänger, die er ausgebildet hat, die sind ja später dann selbst oft Musiker geworden. Wir versuchen, denen nachzuspüren, und ich wusste, dass zwei Thomaner nach Weißenfels gegangen sind, dort später als Kirchenmusiker tätig waren, und in dem Zusammenhang dachte ich, es könnte hilfreich sein, mal den ganzen Bestand von 350 Notenhandschriften durchzuschauen. Ich hatte jetzt nicht damit gerechnet, dass eine so wertvolle Handschrift, ein echtes Bach-Autograf darunter ist, aber ich hatte mir einfach Erkenntnisse erhofft über das Musikleben in Leipzig bestenfalls und den Kontext von Bachs Tätigkeit. Dass sich darunter ein richtiges Bach-Autograf befand, war natürlich eine sehr glückliche Fügung und hat mich dann noch mal beflügelt, auch tatsächlich den gesamten Bestand gründlich zu studieren. Es ist aber bei dieser einen Handschrift geblieben.

Fischer: Was wissen wir denn über die Musik, über die Messe? Gibt es die schon und aufgeführt nur einem anderen Komponisten zugeschrieben, oder lernen wir sie jetzt ganz neu kennen?

Wollny: Die Messe gibt es im Prinzip, sage ich mal, schon, obwohl ich glaube, dass kein Mensch das Stück jemals gehört hat. Es handelt sich hier um eine ganz besonders kunstvoll gearbeitete Messe, die durchweg aus Kanons besteht. Es war nicht schwer, den Komponisten rauszufinden, es gibt nur wenige Stücke im 18. Jahrhundert, die so konstruiert sind, und ich konnte nach wenigen Stunden ermitteln, dass es sich um das Werk von Francesco Gasparini handelt, einem in Venedig tätigen Komponisten, der um 1700 gewirkt hat. Das Stück ist seinerzeit in Italien, aber auch in Deutschland sehr bekannt gewesen. Man kennt heute noch viele Abschriften davon und die Bachsche Abschrift fügt sich halt so in diesen Zusammenhang sehr gut ein.

Bei Bach kommt noch als Besonderes hinzu, dass er die Besetzung deutlich erweitert hat. Er hat die Singstimmen mit Streichern, Oboen und Posaunen verdoppeln lassen. Von daher ist hier ein ganz wichtiges Zeugnis auch für Bachs Leipziger Aufführungspraxis ans Licht gekommen.

Fischer: Nun wissen wir, Herr Wollny, dass nach der Auffindung von Autografen die Musikgeschichte meistens nicht umgeschrieben werden muss. Was ist in Ihren Augen bedeutsam an diesem Bach-Fund? Wir haben es, haben Sie gerade erläutert, mit einer Umschrift oder einer Überschreibung sozusagen zu tun. Wie genau fügt sich das Werk ein in das Werk von Bach?

Wollny: Um 1740, als diese Abschrift entstanden ist, hat Bach sich stilistisch noch mal neu orientiert. Sein Spätwerk, zu dem unter anderem die h-Moll-Messe gehört, zeichnet sich durch eine noch malige Steigerung von kontrapunktischer Kunstfähigkeit aus, und Bach hat, um diesen Wandel in seinem eigenen Kompositionsstil hinzubekommen, ganz viele Vorbilder bei anderen Komponisten studiert. In diesem Zusammenhang ist auch die Abschrift und Aufführung der Gasparini-Messe zu sehen. Die Techniken des Kanons, die dort vorkommen, haben für Bachs eigenes spätes Werk – ich nenne hier nur "Das Musikalische Opfer", "Die Kunst der Fuge" und auch die "h-Moll-Messe" – eine ganz besondere Bedeutung: als Vorbilder, als Anregung und so weiter.

Fischer: Das war Peter Wollny über den Fund einer Bach-Handschrift in Weißenfels.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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