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StartseiteCorso"Natürlich macht man nicht den Mund auf"15.02.2018

Unfaire Arbeitsbedingungen beim Film"Natürlich macht man nicht den Mund auf"

Oliver Zenglein war Regieassistent bei Filmproduktionen und prangert heute die Arbeitsbedingungen an: Befristungen, kaum soziale Absicherung, drohende Altersarmut. "Und da ist die Politik natürlich gefragt", sagte er im Dlf. Auf der Berlinale hat Zenglein die Diskussionsrunde "Film but Fair" organisiert.

Oliver Zenglein im Corsogespräch mit Adalbert Siniawaski

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Oliver Zenglein, Geschäftsführer des Branchennetzwerkes "Crew United". (Steffi Henn)
Oliver Zenglein, Geschäftsführer des Branchennetzwerkes "Crew United". (Steffi Henn)
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Adalbert Siniawski: Tja, Diskussion um die Ausrichtung der Berlinale und ihren langjährigen Direktor, Dieter Kosslick, - aber zum Auftakt der Filmfestspiele wird auch über die Fairness in der Branche diskutiert. Oliver Zenglein ist Gründer des Netzwerks Crew United und trommelt heute mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg und der Pensionskasse Rundfunk eine Diskussionsrunde zusammen: "Film but Fair" heißt das Motto der Filmemacher, Verbände und Förderer auf dem Podium. Oliver Zenglein, guten Tag.

Oliver Zenglein: Guten Tag, Herr Siniawski.

Siniawski: Sie waren bei mehreren Kinofilmproduktionen Regieassistent, wie ich gelesen habe - etwa "Germanikus", "Ice Planet", "Nur über meine Leiche" und so weiter -  kennen die Bedingungen von innen. Wurden Sie auch schon mal unfair behandelt?

Zenglein: Mit Sicherheit wurde ich unfair behandelt. Aber ich war schon immer jemand, der sich auch am Set für Fairness eingesetzt hat und ich habe mich halt darum immer gekümmert, dass sich die Bedingungen dann so verbessert haben, dass ich nicht mehr unfair behandelt wurde. Aber das Problem ist natürlich, dass es gewisse Bedingungen gibt, die man gar nicht direkt bei der Arbeit verhandeln kann, sondern die grundsätzlicher Art sind.

Siniawski: Eben, man ist ja dann da vor vollendete Tatsachen gestellt. Was sind denn so die verschiedenen Aspekte, wenn wir über nicht vorhandene Fairness sprechen?

Zenglein: Also es sind zwei große Aspekte. Also der eine Aspekt ist ja, dass die Kreativwirtschaft eine große, auch wirtschaftliche Rolle spielt, aber die Politik bei der Förderung dieser Kreativwirtschaft nicht beachtet hat, wie denn die Bedingungen, die Arbeitsbedingungen tatsächlich sind und ob die Sozialsysteme, die eigentlich nur für den Normalarbeitsplatz geschaffen sind, also für die Festanstellung, wie die auf die Projektarbeit passen. Und da fehlen einfach, also da fallen dann die Leute, die in der Kreativbranche sind, Filmbranche oder auch andere der elf Kreativbranchen, die fallen da durch.

"Bei der Kreativbranche ist die Politik gefragt"

Siniawski: Wie macht sich das konkret bemerkbar?

Zenglein: Das macht sich konkret bemerkbar, dass sie ja eben keine Festanstellung haben, sondern nur projektbezogen angestellt sind, oft lange Pausen dazwischen haben. Es macht sich bemerkbar, dass sie eben nur befristete Verträge haben. Also, sie haben keinen Vertrag, der unbefristet ist, und damit hat man nicht die Vorteile eines unbefristeten Vertrages. Es gibt keine Regelungen, diese Projektarbeit wirklich da aufzufangen, das führt dann zu prekären Zuständen, das führt auch zur drohenden Altersarmut bei vielen Filmschaffenden, die machen sich natürlich jetzt keine Gedanken darüber, also das ist die eine Sache. Und da ist die Politik natürlich gefragt, also für die Kreativbranche, die ja wirklich so viel erwirtschaftet, wie die Automobilindustrie oder chemisch-pharmazeutische Industrie oder das Baugewerbe, dass es den Leuten auch besser geht, wenn sie schon so viel leisten.

Und der zweite Bereich, wenn ich das kurz sagen darf, ist natürlich dann beim Set selbst. Filme in Deutschland werden zu fast 100 Prozent mit öffentlichen Geldern umgesetzt, mit direkten, durch die Filmförderer oder indirekten, über die Sender. Aber es gibt niemand, der Verantwortung dafür übernimmt und prüft und nachschaut, ob denn auch sozial verträglich das Personal behandelt wird mit diesen öffentlichen Geldern.

"Wenn man Glück hat, hat man zwei, drei Filme im Jahr"

Siniawski: Sozial verträglich heißt?

Zenglein: Sozial verträglich heißt soziale Mindeststandards, dass die Leute von dem Geld, das sie haben, leben können, dass die Arbeitszeitgesetze wirklich eingehalten werden. Natürlich gibt es einen Tarifvertrag für die Filmbranche, aber da wird dann meistens so gehandelt, dass man sich die paar Teile rauspickt, damit man den Sonderstatus bezüglich des Arbeitszeitgesetzes hätte, denn Sie wissen ja, beim Film kann man nicht einen acht Stunden Tag machen. Also da gibt es mal ein Set, das muss abgedreht werden, dann dreht man zwölf, dreizehn Stunden, was nach dem Arbeitszeitgesetz ja nicht erlaubt ist, also braucht man den Bezug zum Tarifvertrag. Aber da machen sich es viele Produzenten natürlich ganz leicht: Sie nehmen nur die paar Stückchen und nicht das Ganze. Also die wirkliche Verbesserung wäre, wenn wenigstens mal der deutsche Film nach Tarifvertrag, und zwar dem gesamten, umgesetzt wird. Auch wenn der Tarifvertrag selbst nicht besonders gut ist, muss ich sagen.

Siniawski: Wie viel verdient denn ein Regieassistent, der Sie ja auch mal waren?

Zenglein: Also es gibt einen Gagentarifvertrag innerhalb des Tarifvertrages und da ist die Mindestgage eines Regieassistenten bei Film - also ich rede jetzt mal von Kino- und TV-Film - pro Woche, glaube ich - ich habe die Unterlagen jetzt nicht da - ich würde sagen irgendwas zwischen 1.200 und 1.300 Euro. Was nach viel klingt. Aber Sie dürfen nicht vergessen, der Regieassistent hat heute kaum noch Vorbereitungszeit, also er ist vielleicht zwei oder drei Wochen - ich hatte glaube ich manchmal vier Wochen damals - und dann sagen wir mal, beim Tatort 20 Drehtage statt früher 28. Wenn Sie jetzt auch noch sehen, die drehen jeden Tag zwölf Stunden, also sozialversicherungstechnisch wären es eigentlich viel mehr Tage - dann sind es sechs Wochen so, und man weiß gar nicht, wann der nächste Job kommt. Wenn man Glück hat, hat man zwei, drei Filme im Jahr, also so muss man das Geld auch nehmen. Wenn man natürlich 52 Wochen 1.200 Euro in der Woche verdient, dann wär das ordentlich, aber so ist es nicht.

"Die Filmschaffenden müssen den Hintern hochkriegen"

Siniawski: Die Filmbranche ist ja derzeit in aller Munde, nicht nur wegen Prekarisierung, sondern auch wegen #MeToo. Müssen Sie nicht selbstkritisch sagen: Wir haben jahrelang trotz aller Alarmrufe nichts verändern können, wenn sich wirklich nichts verändert?

Zenglein: Da kommen wir jetzt an, ich finde, an den Punkt, für den wir heute die Veranstaltung machen. Das ist auch typisch für die Kreativbranchen, dass die Menschen, die darin arbeiten, schlecht organisiert sind, die haben keinen hohen Organisationsgrad für ihre Rechte.

Siniawski: Und auch Angst, vielleicht den Mund aufzumachen, weil der nächste Auftrag vielleicht nicht kommt?

Zenglein: Definitiv. Also ich weiß zum Beispiel - also ich sage das ganz offen - ich weiß von vielen Filmschaffenden, die auch am Set Stundenzettel auf Anweisung der Produzenten fälschen, und das auch tun - was wirklich ein Delikt ist, ein Strafdelikt - damit die die dreizehnte Stunde drehen können und dem Tarifvertrag entsprechen. Also, natürlich macht man nicht den Mund auf und wir hören leider auch oft, dass, wenn jemand den Mund aufmacht, sogar im Team dann isoliert wird. Also da fehlt es, und genau deshalb wir auch heute die Veranstaltung. Also die Produzentenallianz hat es ja geschafft, eine wirklich tolle Vertretung der Produzenten hinzubekommen und sich gut organisiert, und das müssen die Filmschaffenden auch machen, die müssen den Hintern hochkriegen und zusammen, sich selbst darum kümmern, dass sich die Dinge verbessern.

Wir haben noch länger mit Oliver Zenglein gesprochen - hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Siniawski: Wenn Sie es auf Schlagzeilen bringen müssten, ganz kurz: Was muss sich verändern zu allererst?

Zenglein: Eine starke Organisation der Filmschaffenden und dann, wenn öffentliche Gelder gegeben werden, muss auch sichergestellt werden, dass das Personal zu sozial verträglichen Bedingungen eingestellt wird. Und dann darf es keinen Film mehr geben, der nicht zu 100 Prozent nach Tarifvertrag umgesetzt wird. Und wenn man dann den Tarifvertrag noch verbessert, höhere Gagen, Arbeitszeit runter und vieles andere, dann haben wir schon viel erreicht. Und bei all dem möchte ich noch, also wir sind ja jetzt, uns geht es um Fairness, uns geht es auch um gute Filme. Wir glauben einfach daran, eine blühende Branche, die tolle Filme macht, da muss es angstfrei und fair zugehen, und der Kreative darf sich nicht Sorgen machen, wie er seine Miete zahlt oder wie er im Alter überhaupt überleben kann.

Siniawski: Sagt Oliver Zenglein vom Branchennetzwerk Crew United. Er hat die Diskussionsrunde "Film but Fair" mitorganisiert, die heute am Rande der Berlinale stattfindet - ab 16:30 Uhr in der Kulturbrauerei - außerdem wird dort der "FairFilmAward 2018" für nachhaltige Produktionen verliehen. Ihnen danke für das Gespräch!

Zenglein: Vielen Dank.

Siniawski: Und das Interview haben wir aus Termingründen aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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