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StartseiteKultur heuteHellwache Kritik an Österreich26.02.2016

Uraufführung von Thomas Bernhards "Auslöschung" Hellwache Kritik an Österreich

Wenig Handlung, aber dafür Kritik an und Beschimpfung von Haltungen: Der Regisseur Oliver Reese hat das letzte Prosawerk von Thomas Bernhard, seinen 650-seitigen Roman "Auslöschung", für die Bühne bearbeitet. Die Uraufführung der kritischen Erzählung vom katholischen Nazistaat Österreich am Theater in der Josefstadt in Wien begeisterte Kritiker und Publikum.

Von Hartmut Krug

Der österreichische Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard, aufgenommen im Juni 1976. (picture alliance / dpa / Votava)
Der österreichische Heimatkritiker, Roman- und Theaterautor Thomas Bernhard, aufgenommen im Juni 1976. (picture alliance / dpa / Votava)
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Theater Tiraden voller Liebe und Wut

Franz Josef Murau, der Erzähler in Bernhards Roman, ist vor seiner Familie aus dem oberösterreichischen Wolfsegg nach Rom geflohen. Dort lebt er als Privatlehrer für Deutsch und Philosophie. Nun ruft ihn ein Telegramm mit der Nachricht, seine Eltern und sein Bruder seien bei einem Autounfall umgekommen, in den gehassten Familienort zurück:

"Zwei Tage nach der Rückkehr von der Hochzeit meiner Schwester Caecilia mit dem Weinflaschenstöpselfabrikanten aus Freiburg, ihrem Mann, meinem jetzigen Schwager, muss ich in das mir in den letzten Jahren tatsächlich alles in allem widerwärtig gewordene Wolfsegg zurück, dachte ich, und der Anlass ist jetzt kein lächerlicher und grotesker, sondern der furchtbare."

Thomas Bernhards Roman "Auslöschung. Ein Zerfall" umfasst 650 Seiten. Er ist eine monomane Suada, in deren erstem Teil sich Murau in Rom an die Schrecken seiner Kindheit und eines Ortes erinnert, der von Katholizismus und Nazismus geprägt war, während er im zweiten Teil die Beerdigung und Testamentsabwicklung in Wolfsegg beschreibt. Viel Handlung gibt es nicht, dafür Kritik an und Beschimpfung von Haltungen. 

Die Aufführung lebt durch ihre souveränen Darsteller

Regisseur Oliver Reese hat eine nur 50 Seiten umfassende Bühnenfassung erstellt, in der er sich auf Muraus Familiengeschichte konzentriert. Klugerweise hat er dabei den Monolog nicht groß szenisch illustriert, sondern ihn auf vier Murau-Darsteller aufgeteilt. Die stehen meist an der Rampe und teilen sich dem Publikum mit. Zunächst auf engem Raum vor einem roten Vorhang, im zweiten Teil dann in einer sich nach hinten v-förmig verjüngenden leeren Bühne, einer Art Holzverschlag.

Vier Murau-Darsteller, das bedeutet: vier unterschiedliche Charaktere. Vor allem aber: vier vorzügliche Schauspieler. Die Aufführung lebt, Bernhard würde sagen, "naturgemäß", durch ihre souveränen Darsteller.

Christian Nickel ist der junge, nicht allzu sehr kaputt gemachte Murau, der sich noch an Beschreibungen als Erklärungen versucht. Martin Zauner wirkt dagegen kleinbürgerlich verbiestert, er gerät mit angespannter Körperhaltung schnell ins Geifern. Udo Samel dagegen ist so beweglich wie ein schwerer Gummiball und gibt seinen Murau als reine Kunstfigur. Er wirkt zuweilen fast kindlich, zugleich aber spielt er souverän mit seiner Rolle und deren rhetorischen Mitteln. Während Wolfgang Michael wie ein schräges Leidenszeichen über die Bühne geht, in dessen Sprechen der genussvolle Bernhardsche Ekel an der Sprache zittert. Er zeigt einen Murnau, der zugleich die Welt und sich selber hasst. Und der Wolfsegg mit seinem Bericht auslöschen will:

"Das einzige, das ich schon endgültig im Kopf habe, ist der Titel "Auslöschung", denn mein Bericht ist nur dazu da, alles auszulöschen, das ich unter Wolfsegg verstehe, und alles, das Wolfsegg ist, wirklich und tatsächlich alles."

Fast wie eine Einführung in die Bernhardsche Rhetorik

Seine Abstammung und "Die Meinigen" könne er nicht abschaffen, meint Murnau, aber wohl überschreiben: So schenkt er als Erbe von Schloss Wolfsegg das gesamte Anwesen der Israelitischen Kultusgemeinde Wiens.

Während man bei der Lektüre oft in der Langwierigkeit und Redundanz des Romans versinkt, mit dem sich Bernhard seine Kritik an Österreich von der Seele schreibt, wird man bei der Aufführung hellwach. Weil sie mit spielerischer Zurückhaltung konzentriert und pointiert. Dabei kippt die zweieinhalbstündige Aufführung ganz selten aus ihrem Spannungszustand, obwohl sie insgesamt fast wie eine Einführung in die Bernhardsche Rhetorik funktioniert.

Wie zwei Kopfgeburten wirken die Schwestern, die von den Murnaus in Trachtenkleid selbst gespielt werden. Während der päpstliche Nuntius Spadolini von einem der Murnaus mit einer verlogenen Beerdigungsrede gezeigt wird. Er hatte mit der ebenfalls kurz auf der Bühne erscheinenden Mutter Murnaus eine sowohl seelische wie körperliche Beziehung gepflegt. Die vier Murnaus zeigen, wie man, anders als sie es bei ihrer Erziehung erfahren haben, miteinander freundlich umgehen kann.

Bernhards große, kritische Erzählung vom katholischen Nazistaat Österreich provozierte das Publikum im Theater in der Josefstadt  zu heftigem Beifall.

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