• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteEine WeltVerlierer des Freihandels in Mittelamerika12.12.2015

US-WirtschaftsabkommenVerlierer des Freihandels in Mittelamerika

Freihandel ist seit Anfang der 90er-Jahre das Credo vieler Wirtschaftsvertreter in aller Welt. Das geplante TTIP-Abkommen zwischen Europa und den USA ist aber heftig umstritten. Ein Blick auf die Auswirkungen bereits bestehender Verträge lohnt sich - zum Beispiel in Nordamerika.

Von Markus Plate

Mexikanischer Kleinbauer bei der Feldarbeit (Imago)
Mexikanischer Kleinbauer bei der Feldarbeit (Imago)
Mehr zum Thema

Transatlantisches Freihandelsabkommen SPD-Basis stützt Gabriel bei umstrittenen TTIP-Verhandlungen

Neuer argentinischer Präsident Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik

CETA, TTIP und die Hochschulen "Vorteile gibt es nicht"

Globalisierungskritik Fortschritt durch Lernen und Bildung

Einsicht in TTIP-Dokumente Ramsauer: "Lesemöglichkeiten unter Gefängnisbedingungen"

Freihandel Verschärft die EU-Handelspolitik die Armut in Afrika?

Die mexikanische Automobilindustrie boomt. Über drei Millionen Autos pro Jahr verlassen die Werkshallen von VW, Nissan, General Motors und Co., das macht Mexiko nach Angaben des mexikanischen Automobilverbandes zum fünftgrößten Automobilstandort der Welt. Der Boom hat einen Namen: NAFTA, das nordamerikanische Freihandelsabkommen zwischen Mexiko, den USA und Kanada, vereinbart vor über 20 Jahren. Von den Autos, die in Mexiko produziert werden, gehen 40 Prozent in die Vereinigten Staaten. Ein Großteil der insgesamt 700.000 Jobs in der mexikanischen Automobilindustrie hängt also vom Freihandel ab. Aber nicht nur Fahrzeuge kommen aus Mexiko, auch Flugzeughersteller wie Bombardier und Airbus haben sich in Mexiko angesiedelt. Alle begründen ihre Entscheidung mit dem durch NAFTA erleichterten Zugang zum nordamerikanischen Markt.

In Süden von Mexiko-Stadt, forscht und lehrt die  Ökonomin Alicia Puyana am lateinamerikanischen, sozial-wissenschaftlichen Institut FLACSO. Das Fachgebiet der 65-Jährigen ist die Liberalisierungspolitik, zu der sich vor allem Mexiko seit den Währungs-, Wirtschafts- und Finanzkrisen der 80er und 90er Jahre verpflichtet hat.

500.000 Kleinbauern nicht konkurrenzfähig

"Aus der Sicht Mexikos gibt es durch NAFTA Gewinner und Verlierer, wie es nach jeder wirtschaftlichen Neujustierung der Fall ist. Nach Studien der Weltbank hat zum Beispiel die Landwirtschaft 20 Prozent ihres Umsatzes verloren. Gewonnen haben die Montagewerke, die vor allem Halbfertigware für den Export produzieren. Aber diese "Maquilas" schaffen nur wenige Arbeitsplätze."

In Mexiko lebt fast die Hälfte der Einwohner nach wie vor in Armut, gerade das ländliche Mexiko verelendet. 500.000 Kleinbauern sollen ihre Existenz verloren haben, weil sie mit der industriellen Landwirtschaft des nördlichen Nachbarn USA nicht konkurrieren können. Der Agrarexperte Osvaldo Velazco arbeitet seit Jahren mit Kleinbauern, erläutert ökologische Alternativen zu teuren Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln und Produkte, die auf dem Markt ein wenig mehr Geld bringen. Große Hoffnung kann er den Bauern aber auch nicht machen.

"Regierung hat das Land abgeschrieben"

"Die Regierung hat das Land abgeschrieben. Wir wissen ja, wie der Neoliberalismus funktioniert. Die kleinbäuerliche Landwirtschaft taugt nichts, also wird sie aufgegeben. Wir bräuchten aber staatliche Unterstützung, damit die Gemeinde als Ganzes weiterkommt. So wandern vor allem die Jungen ab und gehen in die Stadt oder in die USA, weil sie hoffen, dort voran kommen zu können."

Auch Mexikos südliche Nachbarn haben im Rahmen des zentralamerikamerikanischen CAFTA-Abkommens mit den USA freien Handel vereinbart. Seither schießen in Costa Ricas Hauptstadt San José Call-Center aus dem Boden, aber auch Hightec-Unternehmen wie der Chiphersteller Intel profitieren vom Freihandel. José Julian ist ein junger Elektroingenieur, der fast seit den Gründertagen von Intel Costa Rica mit dabei ist.

Zwischen Erfolgsgeschichten und steigender Armut

"Du arbeitest sofort in einem internationalen Ambiente. Ich konnte ein Jahr mit meiner Familie in Malaysia leben. Das ist etwas, das nationale Unternehmen Dir nicht bieten können. Hier haben früher die Ingenieure bestenfalls im staatlichen Energieunternehmen arbeiten können. Ich wollte mehr, einen weiteren Horizont haben, ich wollte reisen, Neues kennenlernen und Anderes machen."

Es sind Erfolgsgeschichten wie diese, die Oscar Arias, Präsident Costa Ricas von 2006 bis 20100 in seiner zweiter Regierungszeit all seinen Landsleuten versprochen hatte:

"Das Freihandelsabkommen nützt allen Costa-Ricanern, aber vor allem den 20 Prozent der Bevölkerung, die wir aus der Armut holen müssen. Mit dem Freihandelsabkommen werden wir Wohlstand schaffen. Und es wird dann die Aufgabe des Staates sein, diesen Wohlstand zu verteilen."

Politiker werden ungerne an solche Versprechen erinnert. Laut nationalem Statistikbericht ist die Armut in den letzten Jahren absolut wie prozentual angestiegen. Heute ist klar: CAFTA hat definitiv nicht den versprochenen breiten Wohlstand gebracht.

"Das sollte kein demokratisches Land akzeptieren"

Stattdessen, so die Kritiker, haben nun auch solche Unternehmen freie Bahn, die in Zentralamerika oder Mexiko viel Geld verdienen, aber kaum Positives dort lassen. Goldbergbaukonzerne zum Beispiel oder Agrarmultis mit ihren Monokulturen von Ananas bis Ölpalmen. Wegen der internationalen Schiedsgerichte, die auch in den Europa auf Kritik stoßen, sei es heute viel schwieriger, sich gegen die Konzerne zu wehren und ein eigenes Entwicklungsmodell zu entwerfen, konstatiert für Costa Rica der linke ehemalige Präsidentschaftskandidat José María Villalta, der sich im Übrigen nicht als Handelsgegner verstanden sehen will:

"Kein vernünftiger Mensch wird heute sagen, dass sich ein Land komplett abschotten sollte. Das wäre absurd! Aber es sollten Verträge sein, die das Wohl aller und die Souveränität der Staaten im Auge haben und nicht nur die Interessen der transnationalen Unternehmen. Freihandelsverträge erheben den Neoliberalismus über die Verfassung. Diese Aufgabe von Souveränität und diese Privatisierung der Justiz sollte kein demokratisches Land akzeptieren."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk