• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteTag für TagBildungsministerin DeVos und die "Christian Right"13.02.2017

USABildungsministerin DeVos und die "Christian Right"

Die neue amerikanische Bildungsministerin Betsy DeVos ist Calvinistin. Ihre Familie unterstützt Schulen und Universitäten der "Christian Right". Die Industriellentochter plant ein Gutscheinsystem, das den Zugang zu privaten, meist religiös geprägten Bildungseinrichtungen erleichtert. Kritiker sehen darin die Vorboten einer "Theokratie".

Von Jürgen Kalwa

(picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Betsy DeVos, die neue Bildungsministerin der USA, absolvierte das private Calvin College. (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Mehr zum Thema

Das Evangelium nach Mike: Der neue Vize-Präsident Michael Pence

Beten für den Schutzpatron: Trump und die Evangelikalen im Wahlkampf

Schon der Name der kleinen Stadt in Michigan verrät die Wurzeln einer ziemlich homogenen Welt. Sie heißt Holland. Fast alle Menschen, die hier leben, haben niederländische Vorfahren und sind in zahllosen Reformierten Kirchen aktiv. Mit einem ausgeprägtem Traditionsbewusstsein, das auf die Vorfahren zurückgeht, die im 19. Jahrhundert hierher kamen, weil ihnen die Modernisierungsbemühungen ihrer Kirchenführer in der alten Heimat nicht gefielen.

Holland ist ein Ort, in dem diese Gotteshäuser gleich noch als Wahllokale mitfungieren und wo Kinder von gut betuchten Familien in Privatschulen wie "Holland Christian" geschickt werden. Dort lernen sie viel über das "heilige Zeitalter der Auferstehung”.

In Holland weht der Geist von Johannes Calvin. Und "Holland Christian" hat Gläubige wie Betsy DeVos, die neue Bildungsministerin der Vereinigten Staaten, hervorgebracht. Tochter eines steinreichen Industriellen und Schwiegertochter eines noch wohlhabenderen Unternehmers. Und Teil eines Clans, der beständig hunderte von Millionen Dollar privaten Bildungseinrichtungen und – noch markanter – einflussreichen christlichen Organisationen wie "Focus on the Family” spendet. Alles im Namen eines rastlosen Kulturkampfs.

"School Prayer" als Widerstand

R. Marie Griffith, Professorin an der Washington University in St. Louis und Expertin in Fragen von Religion und Gesellschaft sagt dazu:

"'Focus on the Family' ist massiv gegen die Homosexuellen-Ehe, massiv gegen Feminismus, massiv gegen das Recht auf Abtreibung und vieles andere, wenn es um Gleichheit der Geschlechter, Sexualität und Politik geht."

Zu diesem Anderen gehört eine Säule der amerikanischen Gesellschaft – das staatlich betriebene Schulsystem. Die Attacken begannen Anfang der 60er-Jahre, als der Oberste Gerichtshof in Washington entschied, dass in öffentlichen Bildungseinrichtungen jedwede religiöse Betätigung untersagt ist. "School Prayer” wurde anschließend zum Code-Wort für politischen Widerstand. Und zum Auslöser einer neuen Bewegung: Homeschooling, sogenannter Hausunterricht, der mittlerweile für mehr als eine Million Kinder Alltag ist.

Auch Betsy DeVos, die ihren Hochschul-Abschluss an einer christlichen Privatuniversität – dem "Calvin College" – machte – hat schon viel getan, dieses Schulsystem in Michigan zu untergraben. Ihr Ziel: Steuergelder umdirigieren und an Eltern per Gutschein auszahlen, die ihre Kinder selbst unterrichten oder in Privatschulen schicken. Angeblich würde dies den Bildungsstand des Landes verbessern. Kritiker sagen: Es führt nur dazu, die Trennung von Schwarzen und Weißen, Armen und Reichen  durch die Hintertür zu legitimieren. 

Das Reich Gottes befördern

Was Betsy DeVos im tiefsten Innern motiviert, wurde sie in ihrer Senatsanhörung nicht gefragt. Kritisch gesehen wurde ihr Mangel an Erfahrung. Griffith vermutet:

"Sie hatte 2001 gesagt, dass sie das Reich Gottes befördern wolle. Aber es gilt als unhöflich, jemanden nach so etwas zu fragen. Unglücklicherweise wissen wir deshalb noch immer nicht, was sie damit meint. Will sie wirklich dazu beitragen, in den Vereinigten Staaten eine Theokratie aufzubauen? Wenn das so ist, wäre das sehr beunruhigend.”

Donald Trump nominierte insgesamt neun streng religiöse Christen für wichtige Posten im Kabinett – auch als Dank für die Millionen von Stimmen aus dem Lager der Christian Right.   

Als Bildungsminister war ursprünglich der prominente Evangelikale Jerry Fallwell jr. vorgesehen, Rektor der fundamentalistischen Liberty University, an der man im Fach Biologie Kreationismus unterrichtet und die Evolutionstheorie in Frage stellt. Fallwell lehnte ab, aber akzeptierte eine Position als Chef einer Task Force. Sie soll alte Verwaltungsvorschriften aus dem Bildungsministerium überprüfen. Einer der Schwerpunkte: Bestimmungen, die unter dem Namen "Title IX" laufen und für die Gleichbehandlung von Mädchen und Frauen in den an Schulen und Hochschulen betriebenen Sportangeboten gesorgt haben.

Griffith erklärt: "Die evangelikalen Trump-Wähler wollen Amerika zurückerobern. 'Macht Amerika wieder groß'. Das ist gegen die Veränderungen der letzten 40 Jahre gerichtet. Und sieht sehr nach einer theokratischen Vision aus. Einreiseverbot für Moslems. Was anderes soll das sein, als den christlichen Charakter des Landes, wie sie ihn sehen, zu bewahren?"

DeVos wurde nur knapp vom Senat bestätigt. Als sie am Freitag in Washington eine Schule besuchen wollte, blockierte eine Handvoll Demonstranten den Eingang.

"Go back. Shame. Shame. Shame”

Die nächste Phase im Kulturkampf hat begonnen.
 

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk