Freitag, 15.12.2017
StartseiteTag für TagDie Stunde der Rassentrennung08.11.2016

USADie Stunde der Rassentrennung

Schon Martin Luther King hatte kritisiert, dass sonntags um 11 Uhr, wenn der Gottesdienst beginnt, das christliche Amerika nach Hautfarben getrennt bete. Neue Studien zeigen: Die Kluft ist noch größer geworden. Eine Pfarrerin aus Rockwill versucht, zwischen schwarzen, weißen und hispanischen Kirchen zu vermitteln. Die Reaktion der Gemeinden: Um Himmels Willen!

Von Susanne Güsten

Mitglieder der AMC Zion Church, während einer Rede von Hillary Clinton (AFP / Brendan Smialowski)
Mitglieder der AMC Zion Church in Littlerock (AFP / Brendan Smialowski)
Mehr zum Thema

US-Bundesstaat Maine Die Kirchen-Basis und die Wahlen

US-Juden und US-Muslime Zwischen Angst und Pragmatismus

Atheisten und der US-Wahlkampf Genervt vom "God bless America"

Katholische Kirche in den USA Spiegel der Gesellschaft

Christliche Fundamentalisten in den USA Alles soll so bleiben, wie es war

Religion im US-amerikanischen Wahlkampf Nicht ohne meinen Jesus

Sonntagsgottesdienst in der Clinton AME Zion Kirche in einer baumbeschatteten Seitenstraße der amerikanischen Kleinstadt Rockville. In bodenlangen weißen Roben mit violetten Kragen zieht der Chor ein; der Organist trägt sein Haar in Rastazöpfen. Von der Kanzel aus ruft Pfarrerin Alyce Walker Johnson die Gemeinde auf, bei den US-Wahlen an die Urnen zu gehen:

"Wenn wir Gott jemals gebraucht haben, dann jetzt. Aber Gott hilft denen, die sich selbst helfen. Wir haben unsere Rechte in diesem Land hart erkämpft, wir denken an unsere Glaubensschwester Harriet Tubman und an alle, die für unser Stimmrecht gekämpft haben und dafür gestorben sind. Amen! Dieses Recht zu nutzen, ist für uns Ehrensache: Wir muss alle wählen gehen."

Amen, ruft die Gemeinde. Unter den sonntäglich gekleideten Gottesdienstbesuchern ist kein einziges weißes Gesicht, ebensowenig im Chor oder auf der Kanzel. Der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King legte schon 1960 den Finger in diese Wunde:

"Ich halte es für eine Schande und eine Tragödie, dass elf Uhr am Sonntag morgen die Stunde der größten Rassentrennung im christlichen Amerika ist."

Daran hat sich ist auch mehr als ein halbes Jahrhundert später nichts geändert in Amerika, sagt Daniel Cox, Forschungsdirektor am Öffentlichen Institut für Religionsforschung in Washington:

"In der Tat sind Gotteshäuser in den USA immer noch weitgehend nach Rassen getrennt. Das ist auch nur logisch, weil die Rassentrennung nach wie vor im gesamten Alltag der Amerikaner vorherrscht. Unserer jüngsten Studie zufolge haben 75 Prozent aller weißen Amerikaner keinen 'näheren Umgang' mit nicht-weißen Amerikanern. Näheren Umgang in dem Sinne, dass man im zurückliegenden Jahr ein persönliches Gespräch mit jemandem geführt hat. In ihren Wohngegenden und im Privatleben ist die amerikanische Gesellschaft noch immer sehr stark segregiert, und mit den Kirchen ist es da nicht anders."

"Was haben die schockiert geguckt!"

Tatsächlich ist die Rassentrennung in den Kirchen noch stärker als im Alltag. Ganze 86 Prozent aller Glaubensgemeinden in Amerika sind ausschließlich oder fast ausschließlich weiß, schwarz oder hispanisch, stellte die renommierte Duke Universität kürzlich fest. Das sind noch einmal elf Prozentpunkte mehr Rassentrennung als im Alltagsleben. Das liege daran, dass gemeinsames Gebet so intim sei, sagt Ellwood Gray, Vorsitzender der Bezirksvereinigung Schwarzer Pfarrer:

"Es gibt in Amerika einen tiefen Abgrund zwischen Schwarz und Weiß beim Gottesdienst. Dabei geht es nicht um Religion, denn unser Glauben ist derselbe. Es ist der Gottesdienst, das Gebet, das Zusammenkommen: Wenn man zusammen betet, dann begegnet man sich. Wenn man zusammen ein Kind tauft, dann ist das ein Bund, dann bekennt man sich damit zu diesem Menschen. Es ist eine Frage des Vertrauens."

Genau einen weißen Pfarrer habe er in seiner zweijährigen Amtszeit zur Begegnung mit den schwarzen Kollegen gewinnen können, sagt Gray.

"In Zeitungen, Büchern und Filmen wird es so dargestellt, dass wir die Rassenintegration geschafft haben, aber das stimmt nicht. Wir haben keine Integration. Werden wir bei Kirchentagen zugelassen? Ja. Haben wir dort etwas zu sagen? Nein. Und deshalb ziehen wir uns als schwarze Pfarrer in unsere Vereinigung zurück, um uns zu stärken und zu stützen und gemeinsam zu überlegen, wie wir dem begegnen können."

In der Clinton AME Zion Kirche in Rockville geht Pfarrerin Alyce Walker Johnson andere Wege zu diesem Ziel. Erst seit sechs Wochen steht die energische 52-Jährige der traditionsreichen Gemeinde vor. Einer ihrer ersten Wege führte die neue Pfarrerin zehn Meter weit über die Straße:

"Gegenüber von unserer Kirche steht eine hispanische Kirche. Ich bin hinüber gegangen und habe an die Türe geklopft. Mein Gott, was haben die schockiert geguckt! Dabei beten die dort auf der anderen Straßenseite zum selben Gott wie wir."

Ihre eigene Gemeinde sei da freilich nicht anders, erzählt Walker Johnson.

"Ich habe einige Pastoren hier in Rockville gefragt, ob wir nicht unsere Bibelstunden zusammenlegen sollen: weiße Kirchen, schwarze Kirchen, hispanische Kirchen. Und sei es auch nur für ein paar Wochen. Um Gottes Willen, hieß es da von allen. 'Meine Gemeinde würde ausrasten!' Und das würde meine eigene Gemeinde übrigens auch tun."

Das hat auch historische Gründe. Die AME Zion Kirche, oder Afrikanische Methodistische Episkopalische Kirche, wie sie vollständig heißt, stammt von einer weißen Kirche in New York ab, von der sich die schwarzen Gemeindemitglieder im Jahr 1822 aus Protest gegen die Rassentrennung lossagten, erzählt die Pfarrerin:

"In unserer Mutterkirche in New York mussten Afroamerikaner oben auf der Empore sitzen und die Kommunion getrennt einnehmen. Da war die Rassentrennung mitten im Gotteshaus. Unsere Gemeinde ist geboren aus dem Streben nach Rassengleichheit, nach Gerechtigkeit, nach dem Recht, zu sitzen, wo wir wollen."

Harriet Tubman, stehend, grimmig schauend, in einem hochgeschlossenen Kleid und auf einen Stuhl gestützt. (imago stock&people / H.B. Lindsley)Aktivistin und Fluchthelferin Harriet Tubman war Mitglied der AMEZ. Demnächst wird ihr Konterfei auf der 20-Dollarnote zu sehen sein. (imago stock&people / H.B. Lindsley)

Zu den prominentesten Mitgliedern der AME Zion Kirche gehörte Harriet Tubman, die schwarze Fluchthelferin, die im 19. Jahrhundert viele geflüchtete Sklaven vor der Verfolgung rettete und deren Haus noch heute von der Kirche gepflegt wird. Diese Geschichte prägt bis heute das Selbstverständnis der schwarzen Kirchen, sagt Walker Johnson. Das trägt dazu bei, dass auch schwarze Gemeinden lieber unter sich bleiben:

"Es gibt eine Geborgenheit in Identität und Geschichte und kulturellem Erbe, und das ist auch gut so. Aber wir müssen uns auch die Frage stellen, wie es weiter gehen soll. Unsere Kirche wird nächstes Jahr 150 Jahre alt. Werden wir in weiteren 150 Jahren noch hier sein, wenn wir darauf bestehen, unter uns zu bleiben und uns als vor allem Afroamerikaner zu identifizieren und nicht einfach als Gläubige?"

Das schmutzige Geheimnis Amerikas

Für die kämpferische Pfarrerin ist die Antwort klar:

"Die Gemeinde muss aus ihrer Geborgenheit aufgescheucht werden. Vor 200 Jahren hatte es seinen Sinn, dass Schwarze im Kampf gegen Sklaverei und für Freiheit und Gleichheit einen Ort hatten, an dem sie das Sagen hatten und voll teilhaben konnten – die Kirche war dieser Ort. Die Kirche muss nun entscheiden: Entweder A) wir sind noch nicht so weit in der Gesellschaft und brauchen diesen Rückzugsort noch, oder B) die Kirche muss sich weiter entwickeln. Ich glaube, weiße Gemeinden müssen sich ebenso mit dieser Frage auseinandersetzen wie schwarze."

Vor allem die älteren Mitglieder der Clinton AME Zion Kirche sind noch etwas befremdet von dem Wirbelwind, der durch ihre Gemeinde fegt und den gemütlichen Stallgeruch verweht. Pfarrerin Walker Johnson geht es mit ihrem Engagement aber um mehr als nur diese kleine Gemeinde:

"Unser Land steht an einem Kreuzweg, wo es sich mit diesen sehr schwierigen Fragen auseinandersetzen muss. Donald Trump hat sich das schmutzige Geheimnis von Amerika zunutze gemacht, dass wir es einfach noch nicht geschafft haben, unsere Gemeinsamkeit als Kinder Gottes zu entdecken. Wenn wir es nur schaffen könnten, eine geeinte Kirche zu werden, dann würde das Land schon nachkommen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk