Donnerstag, 23.11.2017
StartseiteForschung aktuellRisikofaktor ist niedriger als erwartet14.09.2016

Vegane ErnährungRisikofaktor ist niedriger als erwartet

Vegane Ernährung, also der Verzicht von tierischen Lebensmitteln, kann riskant sein. Denn bestimmte wichtige Nährstoffe sind nur in tierischen Produkten enthalten und müssen ergänzt werden. Eine Befragung vom Bundesinstitut für Risikobewertung hat nun aber ergeben, dass Veganer sich gar nicht so mangelhaft ernähren wie erwartet.

Von Volker Mrasek

Ein veganer Burger, u.a. mit Tofu und Guacamole (imago/Westend61)
Veganer ernähren sich prinzipiell gesünder als die meisten. Durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel sind sie seltener übergewichtig. (imago/Westend61)
Mehr zum Thema

Ernährungstrends Vegan und vegetarisch auf die Schnelle

Ernährung Kross gebraten, vegan und glutenfrei

Vegan wohnen Naturfaser statt Ledersofa und Daunendecke

Bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung stoßen Veganer auf Vorbehalte. Sie sieht den neuen Trend skeptisch. In bestimmten Fällen rät die Fachgesellschaft sogar davon ab, auf jegliche tierischen Lebensmittel zu verzichten. Ihr Präsident Helmut Heseker:

"Ein Problem sind Gruppen mit besonders hohem Nährstoff-Bedarf wie Säuglinge, Kleinkinder, Schwangere, Stillende. Dort raten wir davon ab, sich vegan zu ernähren. Weil das Risiko eines Mangels mit dauerhaften Folgen einfach zu groß erscheint."

Deswegen beschäftigt sich auch das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin mit dem veganen Lebens- und Ernährungsstil. Mark Lohmann leitet beim BfR den Fachbereich für Risiko-Früherkennung:

"Also, es kann riskant sein. Es gibt Hinweise vor allen Dingen auf eine Vitamin-B12-Unterversorgung, also ein Vitamin, das nahezu ausschließlich über tierische Produkte bezogen wird."

Ein Mangel an Vitamin B12 kann zu neurologischen Schäden führen. Deshalb die Sorge der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Doch ist sie begründet? Wissen Veganerinnen darüber Bescheid? Verhalten sie sich danach? Häufig wohl nicht, heißt es bisher.

Die Datenlage sei aber sehr dünn, wie Mark Lohmann einschränkt. Die Arbeitsgruppe des Biochemikers hat jetzt Veganerinnen und Veganer stichprobenmäßig befragt. In den beiden Großstädten Berlin und München sowie auf dem Land in Brandenburg. Das Resultat:

"Sie sind überdurchschnittlich gut gebildet. Und verfügen über ein sehr gutes Ernährungswissen. Sie befassen sich sehr intensiv mit Gesundheits- und Ernährungsthemen und wissen auch über das Risikopotenzial Bescheid. Sie gehen auch regelmäßig zum Arzt, machen überdurchschnittlich viele Blutuntersuchungen tatsächlich. Und supplementieren auch. Das wird also nicht abgelehnt."

Hilfe durch Nahrungsergänzungsmittel

Supplementieren, das heißt: Vitamin B12 wird über Brausetabletten oder andere Nahrungsergänzungsmittel zugeführt. Daran halten sich offenbar auch Schwangere und junge Mütter. Die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung stößt bei ihnen auf taube Ohren, wie Mark Lohmann bei den Befragungen feststellte:

"Es hilft in keinster Weise zu sagen: Die vegane Ernährung sollte in solchen Lebenssituationen unterlassen werden, sondern hier sagen die Veganer: Es gibt keine Lebenssituation, die für uns vorstellbar ist, diese Ernährungsweise aufzugeben. Aber wir brauchen da auch Unterstützung. Die Untersuchung bei uns hat auch gezeigt, dass dahingehend Wissenslücken sind: Wann man wie viel was supplementieren soll. Und das wünschen sich auch Veganer, diese Aufklärung."

Dabei geht es nicht nur um Vitamin B12, sondern auch um Eisen, Iod und Kalzium. Auch diese Nährstoffe kommen vor allem in tierischen Lebensmitteln vor und sollten von Veganern unter Umständen supplementiert werden.

Das Problem ist nur: Es gibt kaum jemanden, der Veganer fundiert aufklären kann. Der Ernährungswissenschaftler Markus Keller spricht sogar von einem "Beratungsnotstand". Er leitet das Institut für alternative und nachhaltige Ernährung in der Nähe von Gießen:

"Wir sagen: Veganer sollten sich beraten lassen! Aber die Fachkräfte sind eben nicht da, weil dieses Thema an den Universitäten und Hochschulen eigentlich kein Thema ist im Ernährungsbereich. Momentan ist das wirklich ein Defizit in der Hochschullandschaft, dass wir dazu in Deutschland eigentlich überhaupt nicht ausbilden."

Das Risiko von Mangelerscheinungen ist dabei nur das eine. Auf der anderen Seite ernähren sich Veganer prinzipiell gesünder als die meisten von uns. Durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel sind sie seltener übergewichtig. Sie haben ein geringeres Risiko für Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes vom Typ 2.

Neuer Verdacht vom Bundesinstitut für Risikobewertung

Dieser positive Gesundheitseffekt werde zu selten beachtet, sagt Markus Keller:

"Wir könnten langfristig sicher auch viel Geld sparen im Gesundheitssystem, wenn mehr Menschen in diese Richtung ihre Ernährung umstellen würden. Und ich sagte bewusst 'in diese Richtung'. Denn jeder, der seinen Fleischkonsum überdenkt, reduziert und eben die pflanzlichen Lebensmittel hochfährt, der tut schon einmal etwas in die richtige Richtung."

Veganer scheinen sich also doch nicht so riskant zu ernähren, wie immer befürchtet. Das ist der Eindruck im Moment.

Wobei das Bundesinstitut für Risikobewertung einen neuen Verdacht hegt, der nichts mit der Ernährung zu tun hat. Mark Lohmann kann sich vorstellen, dass unter Veganern besonders viele Impfgegner sind. Eine Frage, der man nachgehen müsse:

"Im Laufe des Entwicklungsprozesses kommt ja jeder Impfstoff mit tierischen Eiweißen in Kontakt. Das sieht man sehr kritisch. Das könnte man anregen, hier auf jeden Fall 'mal weitergehende Untersuchungen durchzuführen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk