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StartseiteHintergrundKeine Heimat mehr im Orient03.03.2014

Verfolgte ChristenKeine Heimat mehr im Orient

Nicht nur im Irak, in Syrien und in der Türkei sehen sich Christen zunehmend Ressentiments und Angriffen ausgesetzt. In vielen orientalischen Ländern lösen sich christliche Gemeinden auf. Die Gläubigen wollen flüchten, aber auch im Westen sind sie nicht willkommen.

Von Ulrich Pick

Eine gläubige Frau beim Gebet, im Vordergrund ein Kruzifix (picture alliance / dpa / Shahzaib Akber)
Eine Christin in Pakistan betet für die Opfer eines Anschlags. (picture alliance / dpa / Shahzaib Akber)
Weiterführende Information

Verfolgt, bedroht, ermordet (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 09.03.2012)

Glockengeläut wie hier im Istanbuler Stadtteil Arnavutköy ist in der Türkei eher die Ausnahme. Denn die Zahl der Christen am Bosporus wird immer kleiner. Lebten vor 90 Jahren, als der Staat gegründet wurde, noch allein in Istanbul rund 120.000 Christen, sind es heute landesweit nicht einmal mehr 100.000. Ausschreitungen gegen sie wie in den 50er und 60er Jahren, gibt es inzwischen nicht mehr, dennoch fühlen sich Christen auch heute oft noch als Personen zweiter Klasse, denn sie sehen sich immer wieder gewissen Diskriminierungen ausgesetzt, sagt Ulla August, die Pfarrerin der deutschen evangelischen Gemeinde in Istanbul:

"Zum Beispiel, wenn es immer noch ein Kriterium ist, dass im Personalausweis die Religionszugehörigkeit angegeben ist, ist das für mich eine Form der Benachteiligung. Wir sind eine Minderheit: 1923 waren es über 20 Prozent, zum Beispiel alleine hier in Istanbul - jetzt sind wir insgesamt als Gesamtchristenheit in der Türkei nur 0,15 Prozent."

Die christlichen Kirchen in der Türkei werden gleich mehrfach benachteiligt. So dürfen sie weder Grundstücke erwerben noch bei einer Bank ein Konto für die Gemeinde eröffnen. Sie verfügen über keinen Körperschaftsstatus. Und bis heute hat keine der drei einheimischen Kirchen – das sind die griechisch-orthodoxe, die armenisch-apostolische und die syrisch-orthodoxe - die Möglichkeit, im Land theologischen Nachwuchs auszubilden. Zudem sind während der vergangenen Jahre in Einzelfällen auch engagierte Christen umgebracht worden, sodass immer wieder das Wort von der "Christenverfolgung" zu hören war – eine Beschreibung, die nach Ansicht von Pfarrerin Ulla August ergänzt werden muss:

"Ich würde sagen, es gibt Verfolgung wenn man es an Leib und Leben sehen kann in Einzelfällen auf jeden Fall. Wir haben die Ermordung in Malatya. Wir haben die Ermordung des Bischofs Pavese. Wir haben Angriffe auch auf freie evangelische Gemeinden, von denen Pfarrer unter Personenschutz gestellt sind, ja, aber in der Mitte der Gesellschaft empfinde ich eher, dass die Christen anerkannt sind."

Ulla August geht davon aus, dass sich die Situation der Christen am Bosporus auf absehbare Zeit nicht grundlegend ändern wird. Dennoch hofft sie, dass Christen auch in Zukunft in Anatolien leben werden. Schließlich hätten sich doch hier wichtige Kapitel des frühen Christentums abgespielt. So stamme der Heilige Paulus aus Tarsus nahe der Millionenstadt Adana. Und die Orte der ersten vier großen christlichen Konzilen – Nizäa, Konstantinopel, Ephesus und Chalcedon – lägen allesamt auf dem Gebiet der heutigen Türkei.

"Ich glaube, dass wir eine kleine Zahl erst einmal bleiben werden. Ich wünsche mir, dass wir einen Rechtsstatus bekommen, dass das Christentum als fester Bestandteil dieser Gesellschaft ernst- und wahrgenommen wird - und als mitgestaltende gesellschaftliche Kraft."

Streit um den Begriff der Christenverfolgung

Einer, der die Situation der Christen in der Türkei bereits längere Zeit beobachtet, ist Volker Kauder. Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion macht regelmäßig darauf aufmerksam, dass viele Christen im islamischen Kulturkreis einen schweren Stand haben:

"Die Situation der Christen in der Türkei ist bei Weitem nicht zu vergleichen mit der Situation der Christen beispielsweise in Nigeria, und trotzdem ist in der Türkei die Religionsfreiheit nicht hergestellt."

Immer wieder sei zu beobachten, sagt Kauder, dass christliche Minderheiten im Orient nicht die gleichen Rechte hätten wie die islamische Mehrheitsgesellschaft. Die Folge seien soziale Benachteiligung, ein wachsender Exodus und damit eine weitere Schwächung derjenigen Christen, die im Land blieben.


"Die Verfolgung von Christen, die Unterdrückung von Christen, ist eine Situation, die es schon seit vielen Jahren gibt. Lange Zeit haben auch die Kirchen darüber geschwiegen. Jetzt wird Gott sei Dank darüber mehr berichtet, auch differenziert berichtet - ich halte den Begriff Christenverfolgung, den man dann differenzieren kann, für richtig und auch zutreffend."

Doch kann man wirklich bei den meisten orientalischen Ländern - wie Volker Kauder es macht - pauschal von einer Christenverfolgung sprechen? Müssen alle Christen im Nahen Osten um Leib und Leben fürchten? Hierüber gehen die Meinungen auseinander. Der Uno-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, Heiner Bielefeldt, mahnt beispielsweise, den Begriff "Christenverfolgung" nur mit großer Vorsicht zu verwenden. Besser sei es, sagt der Erlanger Universitätsprofessor, wenn erst genau hingeschaut und dann gewisse Fragen gestellt würden:

"Was sind das denn für Verfolgungen, für Bedrängnisse? Gehen die vom Staat aus, gehen die von der Gesellschaft aus? Ist es Mob-Gewalt oder ist es strukturelle Gewalt? Hat es gesetzliche Grundlage oder herrscht da schiere Anarchie? Geht's von konkurrierenden Gruppen aus? Also wenn man sich das Bild anschaut, wie bei allen wichtigen Themen, dann merkt man viele Schattierungen. Ich würde ab und zu durchaus von Christenverfolgung sprechen, genauso wie ich es auch für angemessen halte, in Myanmar wo gerade Muslime zu Zigtausenden vertrieben werden, dann auch von Verfolgung zu reden - also in diesem Fall von Verfolgung von Muslimen oder in Iran Bahai in einer Weise unter Druck geraten, dass auch der Verfolgungsbegriff angemessen ist."

Sündenbock in Ägypten

Dass eine pauschale Verwendung des Begriffs "Verfolgung" problematisch ist, sagt auch der Gründer des Forschungs- und Dokumentationszentrums für arabisches Christentum in Beirut, der Jesuitenpater Samir Khalil Samir. Er mahnt zu einem vorsichtigen Gebrauch des Wortes. Gleichwohl spricht er von einer latenten Benachteiligung der Christen im Orient:

"Ich glaube, es war sehr selten, dass sie waren verfolgt. Es gibt aber eine unbewusste Diskriminierung. Bei der Arbeit, sie werden nie sagen: 'wir diskriminieren' - sie fragen: 'ja, wie heißen Sie?' - durch meinen Namen erkennen sie, dass ich bin Christ - und sagen 'Ja, leider momentan haben wir keinen Platz, aber kommen Sie wieder nächsten Monat' oder 'wir werden sehen' - diese Diskriminierung existiert immer."

Dass sich diese latente Diskriminierung auch eruptiv entladen kann, zeigte sich vergangenen Sommer in Ägypten. Als nämlich das Militär den gewählten islamistischen Präsidenten Mohammad Mursi aus dem Amt putschte, sahen sich die christlichen Kopten einer Art Rachefeldzug radikaler Muslime ausgesetzt. Binnen weniger Tage wurden in ganz Ägypten über 60 Kirchen zerstört. Hunderte christlicher Geschäfte, Schulen und Wohnungen wurden geplündert oder gingen in Flammen auf, sagt Joachim Schroedel, der Pfarrer der deutschen katholischen Gemeinde in Kairo.

"Die Kirche in Ägypten nennt sich die Kirche des Kreuzes und definiert sich als Märtyrerkirche. Die Christen wissen, dass sie als Minderheit auch verfolgt oder unterdrückt werden - insofern ist es nichts Neues. Aber es hat eine in dieser modernen Zeit neue Qualität. In einer wirtschaftlich angespannten Situation sucht man immer eine Art Sündenbock."

Diese Rolle wurde und wird nach Schroedels Auffassung den Christen zugespielt. Denn in Ägypten entstünden leicht Verschwörungstheorien, in denen die Schwierigkeiten des Landes nicht beleuchtet und diskutiert, sondern lieber als Ränkespiel feindlicher Kräfte aus dem Ausland gedeutet würden.

"Und dann betrachtet man die Christen mit ihrer doch interessanten weltweiten Vernetzung als die entsprechenden Schuldigen, die es auszumachen und dann unter Umständen auch auszulöschen gilt."

Schwierige Situation für Christen im Irak

Mittlerweile scheint sich die Lage in Ägypten wieder beruhigt zu haben. Wie viele Christen infolge der jüngsten Repressionen das Land verlassen haben, ist nicht bekannt. Anders ist es im Irak. Hier gibt es einen seit Jahren anhaltenden Exodus der Christen, der sich nach dem Abzug der amerikanischen Besatzungstruppen noch einmal vergrößerte. Mittlerweile haben so viele Christen das Zweistromland verlassen, dass ein reibungsloses kirchliches Leben vielerorts kaum noch aufrechterhalten werden kann, sagt Pater Max Cappabianca, der im Vatikan für kirchliche Hilfswerke im Nahen Osten zuständig ist:

"Wenn man die Lage im Irak sieht, dann ist dies tatsächlich besorgniserregend, also in den letzten zehn Jahren sind, man weiß es nicht genau, wahrscheinlich zwei Drittel der Christen dort gegangen - und das bringt die Gemeinden da so langsam tatsächlich an den Rand des Zusammenbruchs, und das ist schon eine Sorge, die wir haben."

So lebten beim Einmarsch der US-amerikanischen Truppen im Jahr 2003 noch rund 1,5 Millionen Christen an Euphrat und Tigris. Heute gibt es nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen weniger als 500.000 Christen im Land - mit weiter abnehmender Tendenz. Die meisten von ihnen wohnen im mehrheitlich kurdischen Norden, der als einigermaßen sicher gilt. In der Mitte des Landes sowie im Süden sind Christen inzwischen kaum noch anzutreffen, sagt Heiner Bielefeldt, der Uno-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit.

"Was Irak angeht, haben wir eine Situation, natürlich extremer politischer Instabilität, Gewalt - da kämpfen Gruppen miteinander, ja, im übrigen nicht in erster Linie Muslime gegen Christen, sondern in erster Linie Muslime gegen Muslime - und Minderheiten geraten dann sozusagen zwischen die Mühlsteine der großen Blöcke. Das betrifft auch Jesiden, Mandäer, auch gemäßigte Muslime übrigens, die dieses Spiel nicht mitmachen wollen - und dahinter stehen manchmal auch ganz, ganz schlichte Motive von Geldgier, Erpressung, Machtpolitik, wo man eben das Erbe des Irakkriegs, George Bushs Kreuzzug, nun meint noch irgendwie an den Christen abreagieren zu müssen, die ja gar nichts dafür können."

Seit Jahren berichten irakische Christen von Übergriffen. Immer wieder werden Geistliche entführt und teilweise umgebracht, gehen Kirchen in Flammen auf und werden Gläubige attackiert und als "Ausländer" oder "Handlanger des Westens" beschimpft, obgleich sie bereits länger im Zweistromland leben als die Muslime. Wer von ihnen über genügend Geld und Kontakte ins Ausland verfügt, hat inzwischen die Koffer gepackt – so auch die 70-jährige Warina Nona aus Bagdad.

"Diejenigen Christen, die noch immer im Irak sind, die sind arm und haben kein Geld und keine Möglichkeiten in andere Länder zu gehen. Wer Verwandte in Europa oder in Amerika hat, der bekommt von denen meist Geld geschickt, damit wird dann die Ausreise finanziert. Wer keine Verwandten im Ausland hat, muss im Irak bleiben und wird dort immer wieder Schwierigkeiten bekommen.

Zwei Drittel der irakischen Christen verließen ihre Heimat

Warina Nona lebt inzwischen bei Verwandten in Bad Kreuznach. Zurück in den Irak, sagt sie, wolle sie unter keinen Umständen. Noch immer wird sie unruhig, wenn sie von den Ereignissen erzählt, die sie in ihrer Heimat erlebt hat. Selbst während der Gottesdienste gab es immer wieder Anschläge, sodass die Kirchen regelmäßig von Sicherheitskräften geschützt werden mussten – sagt ihr Sohn Raad Sana.

"Wenn wir zur Kirche gehen, steht die Polizei draußen. Wie kann ich beten, wenn ich weiß, dass die Polizei draußen steht und ich Angst habe, dass jede Sekunde, jede Minute vielleicht eine Bombe platzt? Deswegen gehen viele Leute nicht mehr in die Kirche."

Der Weggang von weit über Zwei Drittel der irakischen Christen aus ihrer Heimat hat schwerwiegende Folgen. Zum einen werden durch den Exodus der Einfluss und die gesellschaftliche Position derjenigen Christen, die bislang noch geblieben sind, immer weiter geschwächt. Zum anderen laufen Jahrhunderte alte Gebräuche und Sprachen der orientalischen Christen Gefahr, verloren zu gehen. Denn, selbst wenn die christlichen Flüchtlinge Sicherheit und eine neue Bleibe in Europa oder Nordamerika finden, ihre Traditionen werden sie dort nur noch bedingt aufrechterhalten können. Dies zeigt sich auch an Warina Nona und ihrem Sohn Raad Sana. Beide sind Mitglieder der chaldäischen-katholischen Kirche und sprechen untereinander das alte Aramäisch, die Sprache, die Jesus selbst gesprochen haben soll. Für Sanas Kinder, die in jetzt Deutschland aufwachsen, so sagt ihr Vater, wird das nicht mehr selbstverständlich sein:

"Meine Kinder, sie reden noch meine Muttersprache. Aber meine Kinder zusammen, sie reden Deutsch. Und nachher, nach zehn Jahren, zwanzig Jahren kriegen sie auch Kinder, aber sie reden nur Deutsch. Und unsere Sprache geht langsam, langsam weg."

Christen als Zielscheibe anti-westlicher Stimmung in Syrien

Dass in altem christlichem Siedlungsgebiet heute kaum noch Christen anzutreffen sind, ist im Irak mittlerweile eine bittere Tatsache geworden. Dies könnte bald für Syrien ebenfalls zutreffen. Auch hier ist das Christentum bereits seit seinen frühesten Tagen zu Hause, und es verfügt über eine Vielfalt wie in keinem anderen Land des Orients: Die syrisch-jakobitische Tradition ist ebenso anzutreffen wie die byzantinische, die armenische, die assyrisch-chaldäische und die lateinische. Bis vor drei Jahren, als der Bürgerkrieg begann, machten die Christen knapp zehn Prozent der 22 Millionen Einwohner zählenden Bevölkerung aus. Da Syrien ein weitgehend säkularer Staat war, verfügten die Christen über einen gewissen Spielraum, der es ihnen ermöglichte, ihre Religion freier auszuüben als in anderen orientalischen Ländern. Mittlerweile hat sich ihre Lage aber erheblich verschlechtert, sagt Heiner Bielefeldt, der Uno-Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit:

"Die Christen hatten ja im Assad-Regime keine Religionsfreiheit gefunden. Religionsfreiheit gibt es in einer Diktatur gar nicht. Aber das Assad-Regime hat sozusagen ein natürliches Interesse gehabt, Ruhe zu wahren in Religionsangelegenheit. Da haben sich Christen sozusagen einigermaßen arrangiert, wie Minderheiten sich irgendwo mit den Verhältnissen eben arrangieren müssen. Jetzt stehen sie in der Gefahr, doch auch Projektionsfläche zu werden für allerlei Abrechnungen. Das ist eine ganz, ganz gefährliche Situation."

Mit dem Bürgerkrieg haben die syrischen Christen ihren begrenzten Schutz und ihr Zuhause verloren. Für die Anhänger von Präsident Assad stehen sie immer öfter im Verdacht, der verlängerte Arm des Westens zu sein, speziell der USA, die dem Land wegen seiner Chemiewaffen noch vor wenigen Monaten mit einem Militärschlag drohten. Für die bewaffnete Opposition, die zunehmend von islamischen Fundamentalisten und Dschihadisten dominiert ist, gelten sie als Ungläubige und Parteigänger Assads, weil dieser ihnen über Jahre hinweg kleine Freiheiten gewährt hatte. Und so sind die Christen in Syrien weitgehend schutzlos – ähnlich wie ihre Glaubensgeschwister im Nachbarland, sagt Isaak Barakat, der Metropolit der griechisch-orthodoxen Kirche von Antiochien. Ende November kam er von Damaskus nach Köln:

"Wir können nach Irak sehen: Irak vor zehn Jahren und Irak heute. Es gab mehrere Kirchen dort im Irak. In Bagdad, in Basra. Und jetzt haben wir keine Kirchen dort. Die ganzen Leute sind weg. Wir haben sicher Angst. Das kann auch in Syrien sein. Zum Beispiel die Leute in Homs. In einer Woche acht Kirchen sind kaputt gemacht worden."

Welch großer Gefahr die syrischen Christen zurzeit ausgesetzt sind, belegen auch zwei bislang ungeklärte Geiselnahmen: Ende April vergangenen Jahres wurden im nordsyrischen Aleppo der griechisch-orthodoxe Metropolit Mar Gregorios Yohanna sowie der syrisch-orthodoxe Erzbischof Boulos Yazigi von Bewaffneten aus ihrem Auto heraus verschleppt. Ihr Fahrer wurde erschossen. Zudem wurden im September zwölf Nonnen und drei weitere christliche Frauen aus dem griechisch-orthodoxen Kloster der Heiligen Thekla in Maalula, 60 Kilometer nordöstlich von Damaskus, entführt. Während über das Schicksal der beiden Bischöfe bislang immer noch Unklarheit herrscht, sendete der Fernsehsender Al Jazeera ein Video von den Nonnen. Radikale Salafisten, so hieß es dort, hätten sie in ihrer Gewalt:

"Sie haben einige Personen im Irak und einige Personen in Syrien und einige Personen im Libanon im Gefängnis. Und sie wollen die Nonnen mit diesen Leuten tauschen."

Heimatlos und abgewiesen

In syrischen Maalula stehen zwei der ältesten Klöster der Christenheit, und die christlichen Bewohner sprechen noch immer Aramäisch. Seit dem Herbst vergangenen Jahres aber ist Maalula großenteils in den Händen von islamistischen Kämpfern der Jabhat an-Nusra, dem Arm von Al Kaida in Syrien und Libanon. Ob und wie viele Christen dort momentan noch leben, ist nicht bekannt. Unklar ist auch, wie viele Christen Syrien bereits insgesamt verlassen haben. Nach Angaben von Selvanos Boutros Alnemeh, dem syrisch-orthodoxen Erzbischof von Homs und Hama, ist es mindestens jeder Vierte.

"Insgesamt leben etwa zwei Millionen Christen in Syrien. Davon haben annähernd eine halbe Million bereits das Land verlassen. Wenn europäische Länder wie Deutschland die Einreisebedingungen erleichtern, könnten es auch noch mehr werden.

Angesichts der aktuellen Lage in Syrien scheint die Aufnahme weiterer christlicher Flüchtlinge in Deutschland und Mitteleuropa wohl dringend geboten. Gleichwohl hat diese Maßnahme auch eine problematische Seite. Denn mit jedem orientalischen Christen, der hierzulande Schutz findet, wird das Christentum im Nahen Osten weiter geschwächt. Gerade deshalb betont Metropolit Isaak:

"Unser Patriarch hat gesagt sehr klar: 'Wir wollen, dass die Christen dort bleiben'."

Glaubt man der katholischen Hilfsorganisation "Kirche in Not", so lag vor rund einhundert Jahren der Anteil der Christen im Orient bei rund zwanzig Prozent. Heute, so heißt es, seien es vielleicht fünf Prozent oder sogar noch weniger. Von den weltweit 35 Millionen Christen, deren Muttersprache Arabisch ist, leben nach Angaben von "Kirche in Not" 20 Millionen im Exil und nur noch 15 Millionen im Orient selbst – und ihre Zahl wird voraussichtlich weiter abnehmen. Die Schwierigkeiten der orientalischen Christen dürften somit anhalten – genauso wie ihr Gefühl der Heimatlosigkeit:

"Im Nahen Osten sagen sie: "Sie sind Ausländer, sie sind Christen!" Und wenn wir nach Europa kommen, sagen sie: "Sie kommen aus dem Nahen Osten. Sie sind Muslime!" So bezahlen wir doppelt. Hier und auch dort.

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