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Seit 01:10 Uhr Hintergrund
StartseiteEuropa heuteMillionen Kameras und Zweifel am Nutzen23.12.2016

Videoüberwachung in GroßbritannienMillionen Kameras und Zweifel am Nutzen

Nach dem Anschlag in Berlin forderte die deutsche Polizeigewerkschaft eine Ausweitung der Videoüberwachungen. Mehr Kameras auf Plätzen, Bahnhöfen und in Stadien, mehr Bodycams für Polizisten. In Großbritannien ist die großflächige Videoüberwachung seit Langem gängige Praxis. Am Nutzen gibt es aber Zweifel.

Von Stephanie Pieper

Bundespolizisten am Münchener Hauptbahnhof testen Bodycams. (Deutschlandradio/Susanne Lettenbauer)
Mehr Bodycams für Polizisten, so die Forderung der deutschen Polizeigewerkschaft. (Deutschlandradio/Susanne Lettenbauer)
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London gilt als die "CCTV"-Hauptstadt Europas: Wer hier lebt, der weiß, dass er an fast jeder Ecke von einer Kamera gefilmt wird - gleich, ob im Kaufhaus oder im Supermarkt, in der U-Bahn oder auf öffentlichen Straßen und Plätzen. Auch in vielen Siedlungen mit Sozialwohnungen, etwa im Stadtteil Hackney, ist die Videoüberwachung großflächig angelegt, sagt einer der Bewohner:

"Die Kameras sind überall, sie zeigen in alle Richtungen. Das ist bestimmt nicht die sicherste Gegend hier, also sollen wir wohl geschützt werden. Aber manchmal ist es doch zu viel."

Viele Kameras werden privat betrieben

Es gibt lediglich Schätzungen, wie viele Überwachungskameras es in ganz Großbritannien gibt. Der Verband der britischen Sicherheitsindustrie nannte im Jahr 2013 die Zahl vier bis sechs Millionen, Tendenz steigend, die meisten davon privat betrieben, etwa von Firmen und Shop-Inhabern. Keiner kennt die genaue Zahl der Kameras, weil es keine Registrierungspflicht gibt:

"I don't know."

Das sagt Tony Porter, der staatliche "Surveillance Camera Commissioner" für England und Wales, der zurzeit einen Untersuchungsbericht zur Videoüberwachung verfasst. Anfangs habe sich in Großbritannien noch Protest gegen die großflächige Installation von Kameras geregt, abZweeischeer inzwischen seien die Kritiker weitgehend verstummt, so Porter:

"In den 90er-Jahren gab es spezielle Subventionen der Regierung für die Kommunen, damals ist die Zahl der Kameras explodiert. Die Bevölkerung schätzt das Mehr an Sicherheit. Sie erlebt einfach, dass Kriminelle ins Gefängnis kommen, weil es Videobeweise gibt. Anders als die Europäer auf dem Kontinent haben wir kein Problem damit."

Sinn der Kameras umstritten

Auch, weil in Großbritannien kein totalitärer Staat die eigene Bevölkerung ausspioniert habe, mutmaßt Porter. Nach seinen Worten müssen die Aufnahmen spätestens nach 31 Tagen gelöscht werden. Es sei denn, sie werden für polizeiliche Ermittlungen oder ein Gerichtsverfahren benötigt. Die Labour-Stadträtin Caroline Selman aus Hackney hält die Videoüberwachung für sinnvoll:

"Seit wir die Kameras 2003 installiert haben, haben diese bei zahlreichen Festnahmen geholfen und sowohl die Polizei als auch kommunale Sicherheitsbeamte in ihrem Job unterstützt."

Mithilfe von Kamerabildern konnte Scotland Yard 2005 auch jene islamistischen Selbstmord-Attentäter identifizieren, die in U-Bahnen und einem Bus Bomben gezündet hatten. Ein inzwischen acht Jahre alter Bericht britischer Polizeichefs kommt indes zu dem Ergebnis, dass nur drei Prozent aller Straftaten durch Videoaufnahmen aufgeklärt werden. In London kam der Metropolitan Police zufolge im Jahr 2008 ein gelöster Fall auf 1.000 Kameras. Die konservative Gemeinderätin Jackie Branson zweifelt auch den präventiven Nutzen an:

"Gibt es durch Videoüberwachung wirklich weniger kriminelles oder antisoziales Verhalten? Schwer zu sagen. Bei uns waren die Kameras jedenfalls nicht besonders hilfreich für Festnahmen."

Für die Gemeinden ist es teuer, die Kameras zu warten, zu ersetzen und die Aufnahmen zu studieren. Branson lässt deshalb in Havant im Süden Englands alle 46 Kameras, die der Stadt gehören, wieder abbauen.

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