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StartseiteBüchermarkt"Es gibt Licht am Ende des Tunnels"07.01.2015

Vikas Swarup"Es gibt Licht am Ende des Tunnels"

Nie hatte Vikas Swarup damit gerechnet, dass seine drei Romane allesamt Bestseller würden. Seinen Beruf als Diplomat hat der Inder aber nicht aufgegeben. Das bewahre ihn, so erzählt er im Deutschlandfunk, vor der Einsamkeit des Schriftstellers in seinem Arbeitszimmer.

Von Johannes Kaiser

Weiterführende Information

Glück im Unglück im Glück
(Deutschlandradio Kultur, Buchkritik, 08.09.2005)

Sehr bunt, sehr pikant und ziemlich laut
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 23.08.2005)

"Viele Schriftsteller antworten, wenn sie gefragt werden: 'Wann haben Sie begriffen, dass Sie Schriftsteller werden wollen?' 'Als ich fünf oder sech Jahre alt war.' Bei mir war das nicht so. Ich war ein Leser, habe mich nie als Schriftsteller gesehen. Erst als ich zwischen 2000 bis 2003 in London stationiert war, biss mich das Schreiben gewissermaßen. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen war das London selbst, also das Zentrum der Englisch sprechenden Welt, das jede Woche einen neuen Schriftsteller entdeckte, neue Bücher präsentierte. Und der zweite Grund war, dass einige meiner Kollegen im Auswärtigen Dienst begonnen hatten, Literarisches zu verfassen. Das inspirierte mich, weil ich mir nie hätte vorstellen können, dass einer von ihnen ein Schriftsteller war. Wenn er schreibt, kann ich nicht auch schreiben, habe ich einen Roman in mir? Das fing wirklich als Herausforderung an mich selbst an. Okay, du bist Diplomat, kannst du auch Schriftsteller sein?"

Heute stellt sich der indische Diplomat Vikas Swarup diese Frage nicht mehr, denn bereits sein erster Roman "Rupien, Rupien" wurde rasch zu einem weltweiten Bestseller, sogar zum Oscar-prämierten Hollywoodfilm. Mit 42 war ein neuer indischer Schriftsteller geboren. Inzwischen liegt sein dritter Roman vor, wie die beiden vorherigen neben der diplomatischen Arbeit in der Freizeit geschrieben. Wie diese beginnt auch "Die wunderbare Beförderung" mit einem Paukenschlag. Die Protagonistin, die uns ihre Geschichte erzählt, sitzt im Gefängnis und wartet darauf, zum Tode verurteilt zu werden. Die Lage scheint aussichtslos. Doch wie schon in den beiden vorhergegangenen Romanen gilt: Nichts ist so, wie es scheint.

"Ich will einen Einstieg, der so spannend ist, dass er die Neugier des Lesers gleich von der ersten Seite an weckt. Ich will den Leser so locken, weil er erfahren will, was tatsächlich geschehen ist."

Sieben Prüfungen musst du bestehen

Rückblenden enthüllen das ganze Drama. Es beginnt im Tempel des Affengottes im Zentrum Delhis. Jeden Freitag eilt Sapna, eine junge Verkäuferin aus einem Elektronikgeschäft, während ihrer Mittagspause dorthin, um Abbitte für eine familiäre Schuld zu leisten. Doch diesmal wird sie von einem wohlsituierten älteren Mann angesprochen, der sich als Eigentümer eines Milliarden schweren Geschäftsimperiums vorstellt. Sie traut ihren Ohren nicht, als er ihr vorschlägt, seine Geschäftsführerin zu werden. Sie lacht ihn aus: welch absurder Vorschlag.

Doch er beharrt darauf, es ernst zu meinen. Seine Intuition sage ihm, in ihr die beste Kandidatin für sein Unternehmen gefunden zu haben. Allerdings müsse sie sieben Prüfungen bestehen, um den Posten zu bekommen. Unterzeichne sie einen entsprechenden Vertrag, erhielte sie sofort eine enorme Summe Geld. Das dürfe sie selbst bei Nichtbestehen der Prüfungen behalten. Swarup:

"Wir leben in einer Welt, in der die Wirtschaft zu einem entscheidenden Faktor geworden ist. Big business makes the world go round. Und ich sagte mir, in der Vergangenheit waren es Könige, die über die Welt herrschten, heute beherrschen CEOs, Geschäftsführer die Welt. Ich sagte mir also: Geh in der Erzählung in die Welt des Business mit einem mächtigen Chef, der jemanden, den er auf der Straße trifft, eine unmögliches Angebot macht. In Indien haben wir diese Kultur, auf die ich nicht besonders stolz bin, dass der Vater sein Wirtschaftsimperium an seinen Sohn oder seine Tochter übergibt, eine Form der Dynastie. Ich dachte, es könnte interessant sein, einen Milliardär zu haben, der keine Familie besitzt, es fraglos nicht an einen Sohn oder eine Tochter übergeben kann, aber einen Nachfolger braucht. Und hier hat mich die alte Geschichte der Könige inspiriert. Ein König hat drei Söhne und weiß nicht, an welchen der drei er die Krone weitergeben soll. Er prüft sie. Wer diese Prüfungen richtig besteht, wird die Krone bekommen."

Sapna lehnt anfangs rundweg ab. Die Geschichte ist ihr zu windig. Doch dann zwingen sie zwei familiäre Schicksalsschläge, die den finanziellen Absturz für sie, ihre Mutter und ihre jüngere Schwester bedeuten, sich auf den mysteriösen Vertrag einzulassen. Worin die Prüfungen bestehen, erfährt sie allerdings nicht. Sie soll einfach so weiterleben wie bisher.

"Frauenfiguren haben mehr Dimensionen"

Vikas Swarup hat sich diesmal bewusst für eine junge Frau als Hauptfigur seines Romans entschieden:

"Je mehr ich darüber nach dachte, desto mehr da war ich davon überzeugt, dass es eine Frau sein sollte, denn ich suchte nach den besonderen Eigenschaften der Verletzlichkeit und Widerstandsfähigkeit und die bekommt man nur bei einer weiblichen Figur. Männer oder männliche Figuren sind eindimensional. Frauen, Frauenfiguren haben mehr Dimensionen, denn sie müssen viel mehr Dinge erledigen als Männer."

In der Tat ist Sapna eine energische junge Frau, die das Herz am rechten Fleck hat. Zudem ist sie klug, aufgeweckt und, obwohl sie ihren Beruf hasst, eine gute Verkäuferin, den sie weiß auf die Menschen einzugehen, weiß sie zu nehmen. So hat sie einem reichen Bauern vom Land eine ganze Wagenladung elektrischer Geräte verkauft. Allerdings wissen er und seine Angestellten diese nicht zu bedienen. So wird Sapna aufs Land geschickt, um ihnen den Gebrauch der Geräte zu erklären. Auf der Fahrt trifft sie eine junge Fernsehjournalistin, die für ihre investigativen Reportagen bekannt ist. Die beiden freunden sich rasch an.

Da wird sich bald auszahlen, denn als Sapna zum Anwesen des Bauern kommt, wird dort gerade die Zwangshochzeit seiner Tochter mit einem reichen alten Mann vorbereitet. Das Mädchen ist, wie sie Sapna gesteht, todunglücklich und will sich umbringen, denn sie liebt einen jungen Mann, den ihr Vater allerdings ablehnt. Sapna fühlt sich sofort an den Freitod ihrer jüngsten Schwester vor ein paar Jahren erinnert. Damals hatte sie die Liebesbeziehung ihrem Vater verraten. Nach der darauf folgenden Auseinandersetzung hatte sich ihre Schwester umgebracht.

Seitdem lastet eine schwere Schuld auf ihren Schultern. So hilft sie der jungen Braut zu entkommen, doch die Flucht endet im Zimmer des korrupten Polizeichefs, der vom Vorsteher des Dorfes, einem verbohrten alten Patriarchen unterstützt wird. Nur Sapnas Geistesgegenwart rettet die Situation, denn sie filmt die massiven Bedrohungen heimlich mit ihrem Smartphone. Die Aufnahmen gelangen als Livestream in das Fernsehprogramm ihrer neuen Freundin und werden landesweit ausgestrahlt. Ergebnis: ein großes Polizeikommando erscheint auf der Bildfläche, verhaftet den bestochenen Polizisten. Die Hochzeit wird abgesagt. Das junge Mädchen darf ihren Freund heiraten.

"Wann immer ich einen Roman schreibe, setze ich mir als eines meiner Ziele, die Komplexität Indiens leichter begreiflich zu machen, denn Indien ist das komplexeste und verschiedenartigste Land auf dem Planeten und ich glaube, keine Erzählung wird der Komplexität Indiens gerecht. Das ist unmöglich, liegt an der Natur des Landes. Ich versuche also jedes Mal einen Überbau zu errichten, der es mir erlaubt, verschiedene Erzählstoffe auszuprobieren. Die sieben Prüfungen geben mir die Möglichkeit, mir verschiedene Facetten von Indien anzuschauen, verschiedene Aspekte unserer Gesellschaft. Aber wichtig ist, dass diese sieben Prüfungen Bestandteil einer größeren Erzählung sind und die handelt davon, wie diese junge Frau ihre eigene Stimme, sich selbst findet und entdeckt, was sie vom Leben wirklich will."

Die schmutzige Seite Indiens

Vikas Swarup führt dem Leser nun keineswegs die Sonnenseiten Indiens vor, ganz im Gegenteil: er verweist auf Versäumnisse und Fehlentwicklungen der indischen Gesellschaft.

So rettet Sapna zum Beispiel eine Schar von Kinderarbeitern aus einer illegalen Fabrik oder entlarvt den angeblich blinden Juroren einer großen Talentshow im Fernsehen als Schwindler und Mädchenvergewaltiger. Durch einen cleveren Telefontrick verhilft sie einer Gandhi-Anhängerin, die einen Hungerstreik gegen die Korruption der Wirtschaftselite beginnt, zu landesweiter Aufmerksamkeit und politischer Unterstützung. Wirklich dramatisch wird es allerdings, als sie für ihre Mutter eine Nieren spenden soll. Sapna deckt ein ganzes Netzwerk schmutzigen Organhandels auf.

"Mich inspiriert das wirkliche Leben. Schauen Sie sich die Nachrichten an. Man muss nur eine einzige Tageszeitung lesen und schon hat man Ideen für sieben weitere Geschichten. Da Indien so viele Unterschiede ausweist und ein riesiges Land ist, eine Nation von einer Milliarde und mehr Menschen, bedeutet das, dass es eine Nation von einer Milliarde Geschichten ist. Ich wollte zudem einige Probleme aufgreifen, denen unsere Gesellschaft gegenübersteht. Wir sind zwar die größte Demokratie der Welt, haben aber noch ganze Menge Probleme. So müssen wir uns zum Beispiel mit Fragen der Armut, der Gesundheitsversorgung, der Erziehung und solche Sachen auseinandersetzen. Ich wollte sehen, was wir machen können, um die Situation zu verbessern."

Es bleibt lange unklar, ob die Prüfungen, die Sapna zu bewältigen hat, Zufall sind oder arrangiert. Ihnen allen aber gemeinsam ist, dass sie zeigen, wie die junge Verkäuferin mit ihren Herausforderungen umgeht, wie sie sie bewältigt, ob sie Mitleid mit anderen verspürt, denen es schlechter geht, hilfsbereit ist, sich nicht unterkriegen oder demütigen lässt, sich wehrt, in scheinbar ausweglosen Situationen einen Ausweg findet.

Spannend bis zum Ende

Dem Schriftsteller gelingt es, eine Dramatik zu erzeugen, die einen geradezu zwingt, mit fliegender Eile durch das Buch zu jagen. Es kann und darf nicht sein, dass ein so guter Mensch wie Sapna schließlich in eine böse Falle tappt und einen Mord angehängt bekommt, den sie nicht begangen hat. Wie sie schließlich der Mordanklage entkommt, das ist höchst spektakulär, hat durchaus Krimiqualität und könnte aus einem Bollywood Film stammen. Vikas Swarup zitiert sozusagen augenzwinkernd diese Schmachtfetzen, um die Geschichte allerdings in der Coda auf Normalmaß zurückzuführen. Natürlich kann und darf hier nicht verraten werden, wie das Märchen von der wundersamen Beförderung endet. Wer Vikas Swarups Romane kennt, weiß aber, es wird eine Lösung, ein, wenn auch ungewöhnliches Happy End geben. Das ist Vikas Swarup durchaus wichtig:

"Die meisten meiner Bücher handeln von aktuellen sozialen Fragen und eher dunklen Problemen. Ich glaube jedoch daran, dass es am Ende des Tunnels Licht gibt, so etwas wie Hoffnung. Mich motiviert, dass selbst ein armer Mann in Indien, der weniger als zwei Dollar am Tag verdient, hart arbeitet und versucht, seine Kinder auf die Schule zu schicken, glaubt, dass sie eine bessere Zukunft als er selbst haben werden. Das liegt daran, dass er die Hoffnung hat, dass sich das System nicht gänzlich gegen ihn stellt, dass er das Leben seiner Kinder verbessern kann. Das ist für mich ein sehr motivierende Faktor. Darum streben die meisten meiner Romane ein Happy End an."

So ist der neue Roman von Vikas Swarup ein pures Lesevergnügen - aufregend, herzergreifend, ohne in Kitsch abzugleiten, perfekte Unterhaltung mit Tiefgang.

Vikas Swarup: "Die wundersame Beförderung"
Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Kiepenheuer & Witsch Köln 2014, 398 Seiten, 17.50 Euro

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